Schwieriges Thema?

Man könnte meinen, die Ausschreibung sei eindeutig genug gewesen. Gesucht wurden Storys um Traumorte – keine Urlaubsorte, sondern Plätze, die man im Traum aufsucht. Aber in der Anfangszeit, so wurde mir berichtet, kamen vor allem auch Storys um Träume, nicht um Traumorte, sondern um Träume – und ich vermute mal ohne nachzufragen, dass es sich vornehmlich um Albtraumszenarien gehandelt haben dürfte. Marianne Labisch, das weibliche Element im eingespielten Herausgeberteam Labisch & Scherm, war anfangs nicht amüsiert über das, was sie da zugeschickt bekam. Aber offensichtlich blieb das nicht so, denn die nun veröffentlichten Geschichten haben die Themenanforderung einwandfrei und punktgenau umgesetzt.

Gerd Scherm hat einmal mehr als Illustrator seine Arbeit abgeliefert, und diesmal hat er etwas getan, das inzwischen in der Szene von vielen – aber nicht nur – Grafikern kritisiert wird und zu ersten Boykottaufrufen geführt hat: Er hat die Möglichkeiten sogenannter »künstlicher Intelligenz« genutzt, um in Bildwerken das umzusetzen, was Autoren in ihren Texten beschrieben haben. Die Angst der Grafiker, die mit traditionellen und modernen handwerklichen Methoden arbeiten, durch sogenannte KIs ihre Jobs zu verlieren, mag nicht unberechtigt scheinen – andererseits kann man die ersten Reaktionen auch als übertrieben bewerten. Ein Gerd Scherm hat immerhin schon reichlich Gelegenheit gehabt, seine Fähigkeiten zu beweisen – und in der Tat ist es keine einfache Knöpfchendrückerei, aus einer Software mit den zu suchenden und zu findenden richtigen Stichworten ein Ergebnis herauszukitzeln, das sich sehen lassen kann, das man gerne anschaut. Gerd Scherm wird sich nicht selbst arbeitslos machen – und er wird auch keinem anderen Grafiker seinen Job wegnehmen. Denn bei dieser Anthologie gab es zu ihm und seinen Bildern schlicht und ergreifend keine Alternative. Nicht, weil er durch seinen KI-Einsatz besser als andere gewesen wäre, sondern ganz einfach: Weil er der Grafiker sein sollte. Wir wollten ihn haben, Marianne und ich – keinen anderen.

Labisch, Marianne & Scherm, Gerd (Hrsg.), JENSEITS DER TRAUMGRENZE

Ehrenhalber

Es war mir einmal mehr eine Ehre, einen QUARBER MERKUR layouten und druckbereit machen zu dürfen. Es ist mein zehnter QUARBER MERKUR, der jetzt versandbereit ist, wie der Verleger Gerhard Lindenstruth mitgeteilt hat:

Franz Rottensteiner (Hrsg.)
QUARBER MERKUR 123
Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für Science Fiction und Phantastik
Verlag Lindenstruth, Giessen, Dezember 2022, 264 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 934273 13 9 – EUR 17,00 (Ausland: EUR 24,00)

Franz Rottensteiner: Herbert Werner Franke (Nachruf)
Boris Strugatzki: Faschismus ist sehr einfach. Epidemologisches Merkblatt
Boris Strugatzki: Von der Gestalt der Erde
Wladimir Borissow: Seltsame Blütenblätter aus den uferlosen Weiten des Unbekannten
Peter Schattschneider: Interview mit Albert A. Jackson, Februar 2022
Albert A. Jackson: Zum 70. Jahrestag von »Destination Moon«
Fritz Heidorn: Die Zukunft, die es niemals gab
Michael Noetzel: Unmögliches Denken. Die Utopie »The Dispossessed«
Robert M. Christ: »Uriel Birnbaum – Maler, Dichter, Visionär«
Hans Esselborn: Hans Freys politische Geschichte der deutschen Science Fiction für die ›Community‹
Detlef Thiel: Kosmopsychologie um 1900 – Paul Scheerbart
Michael K. Hageböck: E. M. Forster, »Die Maschine steht still«
Holger Wacker: Pure Moon Reflected in Black Water – Über zwei Fantasy-Bücher von Zen Cho
Christian Hoffmann, Franz Rottensteiner, Matthias Schmid, Ulrich Spiegel, Holger Wacker: Der Seziertisch

Das Titelbild stammt von Paul Scheerbart.

Meine Bücher bei Oxfam

Zum zweiten Mal hat Oxfam in Lübeck (Königstr. 123-125) Bücher der p.machinery erhalten, die ich aussortiert habe, weil sie nicht mehr »laufen« und im Lager der Druckerei nur Platz wegnehmen. So bringen sie zwar meiner p.machinery keinen Umsatz mehr, aber sie erfreuen einen Verein, der mit seinen Einnahmen auch Gutes tut. Neben Oxfam in Lübeck haben auch zwei Läden in Hamburg und weitere Einrichtungen (z. B. die Pfennigparade in München sowie zwei Büchertauschregale hier in Schwabstedt und Rantrum) Bücher bekommen. Wie gesagt: Kein Umsatz für die p.machinery, damit de facto ein Verlust, aber immer noch sinnvoller, als die Bücher bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu lagern, was am Ende auch noch Kosten erzeugt …

Foto: Thomas Harbach (danke!)

Kollegenwerbung ist Gold im Geschäft

So sehe ich das. Und so sieht das auch René Moreau mit seiner Mannschaft. Aus Düren kam heute ein aktueller Newsletter, den ich hier einfach mal abbilde. Wer gleich auf die Webversion mit allen anklickbaren Links gehen möchte, sollte hier klicken.

Autor ohne Langeweile

Udo Weinbörner kann sich über Langeweile ganz sicher nicht beklagen. Seine Termine – siehe hier – liegen dicht an dicht und erzeugen auch Resonanzen in Presse, Funk und Fernsehen – siehe z. B. die Sendung bei WDR 3 Kultur am Mittag vom 08.08.2022. Und bei seinen Lesungen geht es nicht nur, aber immer wieder auch über unser gemeinsames Buchprojekt »Bei Sonnenaufgang sind wir zurück«:

Weinbörner, Udo, Bei Sonnenaufgang sind wir zurück

 

Für ganz wache Austernfans

Aber nicht nur für die ist die neue Kollektion von Monika Niehaus geeignet, die ich in meiner p.machinery unter dem Titel »Austern im Halbschlaf« präsentieren darf. Die Nachfolgesammlung zu den »Geschichten aus Donnas Kaschemme« weist eine größere thematische Bandbreite auf, da die Handlungsorte weiter über das bekannte (und das unbekannte) Universum verteilt sind, und auch die Protagonisten sind andere. Wer also nicht nur mit den alten Bekannten in Donnas Kaschemme abhängen will, ist hier gut beraten.

Lustig übrigens auch die Einschätzung von Bookwire, meinem Partner, mit dem ich E-Books und Bücher für die PoD-Schiene (Internet und Barsortiment) abdecke. Bookwire hat neuerdings einen etwas merkwürdigen (vor allem auch, weil völlig intransparenten) Algorithmus, der E-Books beim Hochladen analysiert und einem dann mitteilt, dass man – im Falle der »Austern im Halbschlaf« – »97 % mehr Inhalte aus dem Bereich Erotik als der Durchschnitt« vorlegt und man deshalb Abhilfe dadurch schaffen sollte, dass man das Werk als »expliziten Inhalt« (eine recht dämliche Übersetzung des amerikanischen Begriffs aus der Nipplegate-Hysterikerszene) markieren und die Alterseinstufung heraufsetzen sollte. (Beide Schritte führen übrigens nicht dazu, dass die Meldungen verschwinden.) Bookwire hat sich auf Nachfrage dazu noch nicht geäußert (und dass sie es tun werden, ist auch nicht anzunehmen).

Sinnigerweise gab es schon immer E-Book-Shops, die bestimmte Bücher nicht ins Programm aufnahmen. Vorrangig wegen des Genres, wegen der Alterseinstufung – und nun wohl auch wegen solcher algorithmischen Erkenntnisse.

Bernd Schuhs heute Morgen vorgestelltes Buch »IRRE REAL« hat da noch viel mehr abbekommen. Weniger Erotik (nur 58 % mehr als der Durchschnitt), dafür aber zwei (!) Ausdrücke aus dem Bereich »Perversität und Abartigkeit«.

Wie auch immer. Monika Niehaus hat es mit Humor genommen, und auch ich habe letztlich eingesehen, dass es sinnvoller ist, mit dieser »Bewertung« Werbung zu machen, als sich darüber zu ärgern. Gegen die Shops, die das E-Book nicht haben wollen, kann man sowieso nichts unternehmen. Also: Ei drüber. Wer die »Austern im Halbschlaf« haben will, bekommt es so oder so – als E-Book und als Print, im Internet bei den üblichen Verdächtigen, im Buchhandel (sofern der Buchhändler nicht nur Libri kennt, die mit Kleinverlegern ja nichts mehr zu tun haben wollen) und natürlich bei der p.machinery und ihrem Buchladen.

Niehaus, Monika, Austern im Halbschlaf

Ein Märchen für alle

In der Tat eignet sich diese Geschichte — die ich aus der Sammlung »Wenn Drachen Sachen machen« ausgekoppelt habe, weil sie Novellenlänge hat und sich dafür anbot (*) — nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Vielleicht nicht für Kinder im Vorschulalter, obwohl … wirklich beurteilen kann ich das nicht, tendieren meine eigenen Erfahrungen mit Kindern unter 6 Jahren doch deutlich gegen null. Man müsste es einfach ausprobieren. Für Kinder ab 6 Jahren sollte sich die Geschichte aber durchaus eignen, wenn man sie richtig vorliest und an den richtigen Stellen passend betont. Und gegebenenfalls ausführend erklärt, worum es geht.
Mein Rat: ausprobieren. Ich als Verleger probiere es auch aus. Ein fantasylastiges Märchenstück hatte ich lange nicht im Programm und es soll auch ein Einzelfall bleiben. Nichtsdestoweniger hat sich eine weitere Regina Schleheck — die natürlich als solche einzigartig ist und bleibt — im Programm meiner p.machinery gleich nach »Wenn Drachen Sachen machen« einfach angeboten. Et voilà!

Schleheck, Regina, DIE WEISSAGUNG DES DRACHEN

Nicht nur Drachen machen Sachen

Nein, natürlich auch Verleger. Und Autoren. Autorinnen, um genau zu sein.
Regina Schleheck hat schon bei mir veröffentlicht, in verschiedenen Anthologien. Wir hatten also schon Berührungspunkte. Die nun veröffentlichte Collection enthält Storys, die nicht nur in meiner p.machinery schon veröffentlicht wurden; es handelt sich um sogenannte »verstreute Geschichten«. Und dazu gibt es einige Erstveröffentlichungen, damit dem Schleheck-Fan und -Sammler etwas geboten wird.

Bemerkenswert ist Reginas Arbeitsweise. Sie hat fünf Kinder – wobei ich nicht weiß, ob die alle noch bei ihr zu Hause leben –, sie ist Oberstudienrätin – was sich auch für einen in Details Nichteingeweihten wie mich nach viel Arbeit anhört – und sie schreibt, gibt heraus und referiert. Und trotzdem ist sie irre schnell. Unser gemeinsames Buch entstand innerhalb weniger Tage, wobei eine ursprüngliche Storyzusammenstellung noch einmal umgestellt und erweitert werden musste, weil ein Verlag meinte, für eine Neuausgabe Geld verlangen zu wollen – und nicht zu knapp –, was ich nicht akzeptieren wollte.
Wie gesagt: Irre schnell war ihre Arbeit. Die Fahnenkorrektur des Buchblocks war so schnell erledigt, wie bei keinem anderen Autor meiner p.machinery zuvor, und dabei hatten wir sogar noch zwei, drei winzige Korrekturpunkte zu klären.

Aber das Wichtigste für mich: Die Geschichten sind über alle Maßen gelungen. Klar, bei einer Autorin, die schon Preise eingeheimst hat, kann man so etwas eigentlich erwarten. Aber dennoch – das, was nach außen hin als Märchen verkauft wird, sind märchenhafte Geschichten, aber keine Märchen im klassischen Sinne. Kein »Es war einmal …«, kein »Und sie lebten glücklich …«. Aber das muss man ja auch nicht immer haben.