Schlimmer als Denglisch: Werblisch

Zahllosen Menschen ist das richtige Gefühl für die deutsche Sprache längst verloren gegangen. Man wird allerorten mit denglischem Kauderwelsch zugemüllt. Besonders Coole benutzen massenhaft Begriffe, deren wirkliche Bedeutung sie nicht kennen – Hauptsache, man kann sich cool geben. Nur noch die deutsche Sprache in ihrer reinen Form zu verwenden, das ist nicht mehr cool. Ähm … cool … genau.

Aber es geht noch schlimmer als Denglisch. In der Werbebranche ist inzwischen noch mehr geboten: Werblisch ist eine Sprachverderbnis, die inzwischen dazu führt, dass man mitunter überlegt, wo gleich das Wörterbuch untergebracht war. Oder benutzt man doch gleich den Google Translator … ach, nein, selbst Google nennt den ja auf seiner deutschen Seite »Übersetzer«! Wer hätte gedacht, dass Google eine Vorbildrolle für sich in Anspruch nehmen könnte …

Aber ich schweife ab.

Werblisch also. Inzwischen gibt es für manche Produkte nicht mal mehr deutsche Bezeichnungen. Die Kosmetikindustrie ist da ganz vorne, und das sogar bei einer traditionell deutschen Firma wie Beiersdorf mit ihrer Nivea-Produktpalette. Da wird aktuell ein Antipigmentfleckenprodukt namens »Cellular Luminous« angeboten – what? Ist das eine Wandfarbe – wohl auch für außen? Oder der »Nivea Skin Guide«, eine App – fck! – zur »Hautanalyse per Selfie«. Und für die, die es am liebsten ganz ohne Deutsch hätten, gibt es das »Nivea Invisible for Black & White Deo« – assholes! Das hört sich an wie ein genehmigungspflichtiger Kampfstoff aus dem Irakkrieg. Und der »Nivea Hyaluron Cellular Filler« ist vermutlich Fensterkitt oder ein Dichtmittel für Risse, worin auch immer.

Die Kosmetikbranche hat ja noch so viel Anstand, in den meisten Werbespots – die sich jetzt vor Weihnachten wieder massiv häufen – die Fresse zu halten, nur Musik zu machen und dem – natürlich nicht-deutschen – Produktnamen eine Stimme zu geben. Ausreißer aber auch hier: Boss wirbt mit Chris Hemsworth in seinem Filmchen für das Produkt »BOSS Bottled«. Der Spruch dazu: »Be the Man of Today«. Gut. Die Franzosen nennen es folgerichtig »soyez l’homme d’aujourd’hui« – denn Französisch ist den Franzosen heilige Sprache. Und die Deutschen? »Sei der Man of Today …« – da fällt mir nur noch ein fig cocksucker! ein.

Und selbst seinen Haushalt kann man nicht mehr mit deutsch benannten Produkten reinigen. Die Firma Love Nature, die sich aktuell mit veganen Reinigungsmitteln in der Werbung breitmacht, hat ja schon bei ihrer »Liebe zur Natur« sprachlich versagt. Moonflower (vulgo: Mondblume), Cherry Blossom (vulgo: Kirschblüte), Cactus Leaves (vulgo: Kaktusblätter), Verbena (vulgo: Eisenkraut) heißen die Duftrichtungen für Spül- und Waschmittel und allerlei anderes Gedöns. Was zum Henker ist an einer Duftrichtung »Kirschblüte« auszusetzen?

Werbung kann man praktisch nicht aus dem Weg gehen, möchte man sich nicht völlig von der Außenwelt abkoppeln, Radio und Fernsehen abgeschaltet lassen und sich ansonsten mit Scheuklappen, Sonnenbrille und Mickymäusen gegen jeden werblischen Affront wappnen. Aber am Ende frage ich mich mehr und mehr, wie übel man als Werbefuzzi drauf sein muss, um der Deutsch sprechenden Welt solchen überflüssigen und die Sprache verderbenden Unsinn zuzumuten. Die deutsche Sprache kann Fremdworte durchaus vertragen – das konnte sie schon immer. Aber das, was da in der Werbung geschieht – und auch an vielen anderen medial zugänglichen Orten –, das entbehrt jeglicher Notwendigkeit. Büro, Computer, Telefon, Radio … viele Begriffe, die wir heute für urdeutsch halten, haben einen anderen sprachlichen Ursprung, und es hat sich als vernünftig erwiesen, sie zu verwenden. Man kann ein Büro auch Kontor nennen (auch ein Fremdwort), einen Computer Rechner, ein Telefon Fernsprecher (und ein Fax Fernbild!), ein Radio Rundfunkempfänger … Es zu tun schadet nicht. Es nicht zu tun aber auch nicht.

Am Ende wird sich nichts ändern. Die Werbung wird weitermachen, immer weitermachen, und spätestens die Jugend wird’s übernehmen, nach und nach die deutschen Gegenstücke vergessen und irgendwann – was ich zum Glück wohl nicht mehr erleben werde – wird Esperanto mehr deutsche Worte enthalten als die deutsche Sprache selbst. Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage doch noch Französisch lernen; diese Sprache wehrt sich schon klanglich erfolgreich gegen Anglizismen, wie es scheint.

Versandgedanken

Heute habe ich praktisch den ganzen Tag Rechnungen und Lieferscheine geschrieben. Was sich schön liest – vor allem die Rechnungen –, ist durchaus mit Arbeit verbunden. Sind die Adressen aktuell? Sind die Bestände okay? Und wenn man gleichzeitig mehrere neu aus der Druckerei im Lager gelandete Bücher verschicken möchte, wird das kein Viertelstundenjob.

Nach der Arbeit fällt mir dann wieder ein, wie es wäre, würde ich auch noch den Versand selbst machen. Nicht nur, dass ich Platzprobleme hätte: All die Bücher, die auf Lager lägen, von den Verpackungsmaterialien ganz zu schweigen. Ich bräuchte eine Konfektionierungszone, einen Lagerplatz für die fertigen Sendungen. Und der Zeitaufwand für die Verpackung und Fertigstellung der Sendungen. Von den speziellen Anforderungen im Auslandsversand will ich gar nicht reden. Und mit ziemlicher Sicherheit müsste ich praktisch täglich oder jedenfalls mehrmals in der Woche zur Post fahren. Da würde sich fast schon die Einrichtung eines eigenen Postshops lohnen – mit mir selbst als bestem Kunden.

Aber das ist alles nicht nötig. Denn ich nutze die Dienstleistung des Versandes durch den Schaltungsdienst Lange in Berlin. Da lagern die Bücher nicht nur – wenn ich meine Belege (Rechnungen und Lieferscheine) gemailt habe, werden die Sendungen hergerichtet und dann verschickt. Die Portokosten werden 1:1 durchgereicht, und für die Handhabung der Sendungen zahle ich kleine Pauschalen von um die zwei Euro pro Sendung, ganz selten auch mal mehr. Klar, das kostet Geld, und bei so vielen Sendungen wie heute läppert sich das schon mal auf ein paar Hundert Euro im Monat.

Aber die Sparfüchse in unserem Geiz-ist-geil-Königreich übersehen gerne das, was die Eigenleistung kostet. Und die würde mich eine ganze Menge mehr als ein paar Hundert Euro kosten. Platz, Zeit, der Verschleiß des Autos … und vor allem die Zeit, die mir für meine eigentliche Passion verloren ginge: das Büchermachen.

(Und das ist letztlich auch ein wesentlicher Grund, warum ich beim Schaltungsdienst Lange bleibe. Abgesehen davon, dass die Kunststücke vollbringen, die andere Druckereien ablehnen, weil ihre Maschinen – oder die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter – es nicht hergeben, ist es eben auch die Logistik, die mir eine estnische, lettische, polnische oder tschechische Druckerei nicht bieten kann, was die – vermeintliche – Kostenersparnis im Druckpreis letztlich schnell wieder auffrisst oder gar verdampfen lässt.)

Wenn der Stricker wieder liest

Freude! »Diese Lesung findet wegen der von der Regierung verfügten Beschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Virus-Pandemie nicht statt und wird auf den 22.1.2021 verschoben.« Muff.

Tiny Stricker liest wieder. Am 27.11.2020 ab 19 Uhr in den Räumlichkeiten des MLb, des Münchner Literaturbüros (Milchstr. 4, 81667 München). »Tiny Stricker liest Auszüge aus der Erzählung ›Vom Gehen in griechischen Städten‹ von 2017 und dem gerade erschienenen München-Buch ›U-Bahn-Reiter‹ sowie aus dem noch unfertigen Manuskript ›Hotel Amir Kabir oder Die Wege der Hippies‹.

Das erste Buch handelt von fünf Jahren in Thessaloniki und dem gar nicht so leichten ›Gehen in griechischen Städten‹. ›U-Bahn-Reiter‹ ist eine Roadnovel durch München mit der U-Bahn als adäquatem Reisegefährt. ›Hotel Amir Kabir oder Die Wege der Hippies‹ schließlich beschreibt einen Roadtrip, der vom Hotel Amir Kabir in Teheran und einer Gruppe von Gästen dort ausgeht und am Ende wieder dorthin zurückkehren soll.«

Soweit die Info auf der MLb-Website (hier; man muss ein wenig blättern).

Lustig, wenn man es genau nimmt: Ich bin aus Bayern abgehauen, weil ich genug davon hatte. Alpen – zehn Jahre unverbaubarer Blick in die Berge. Bayern, die Gesellschaft, die Stimmung, die maulfaulen, oft ewig grantigen Menschen. Lauter so Dinge. Und kein Wind. Und ich veröffentliche Bücher von Bayern, Infos zu Veranstaltungen ausgerechnet in München. Und solche Dinge. Und musste letztens feststellen, dass ich mein Bayerisch mag. Siebenunddreißig Jahre haben meine Sprache geprägt. Und diesen Dialekt und die Sprachfärbung (Wortwahl, Satzstellung etc.) loszuwerden, dafür brauche ich sicher noch einmal so lange. Und das schaffe ich nicht mehr. – Aber egal. Das wird mal ein Thema für einen eigenen Blogbeitrag. Denke ich.

Ein Leserbrief

Heribert Kurth, Autor des Buches »Unter den Sternen von Tha« (siehe auch hier), vor nicht allzu langer Zeit in meinem Verlag erschienen, hat sich Gabriele Behrends »Salzgras & Lavendel« zu Gemüte geführt. Dazu schrieb er mir:

Hallo Michael,

soeben hab ich das leicht romantisch/wehmütige Ende des Buches gelesen und schreib dir wie versprochen einen etwas ausführlicheren Kommentar.

Ich finde, dass das Buch in gewisser Weise eine schöne Herausforderung ist, weil man einiges hineininterpretieren kann – aber nicht unbedingt muss. Viele Rahmenbedingungen werden ja gar nicht erwähnt, was allerdings für das Buch auch nicht von Bedeutung ist. Wo und wann spielt die Handlung? Sieht es überall auf der Welt so aus? Wer hat hier »das Sagen«? Es wird zwar von den »Gamern«, »der Forschung«, »Personality-Designern« »Psychologen und Technikern« berichtet und dass »die Regierung« reagieren musste, aber alles in allem landet man als Leser sehr schnell in einem Plot, in dem das, was wir heute als dissoziative Identitätsstörungen bezeichnen – in einer kontrollierten Form – der erstrebenswerte Geisteszustand ist. So, als ob grundsätzlich angezweifelt wird, dass Menschen mit ihrer ureigenen Persönlichkeit leben können/dürfen. Dieser Plot ist so spannend und interessant geschrieben, dass er mir gefällt, auch ohne jegliche Interpretation.

Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass die Geschichte auf unterschiedliche Weise gelesen und gesehen wird.

So, wie ich es gelesen habe, war es ein fiebriger Trip durch Kopfwelten und Auseinandersetzungen mit inneren Dämonen am Rande des Abgrunds. Durch ihre Neurosoftware werden die Menschen zu biologischen Systembestandteilen und sie taumeln durch kontrollierte Abläufe ihrer Gefühlswelten, nur um ihre angeborene menschliche Ineffizienz zu unterdrücken. Das macht sie nahezu zu lebenden Robotern. Es entwickelt sich im Verlauf der Handlung ein Geflecht bestehend aus Bewusstseinszuständen und Visionen, die in gewisser Weise latent unheimlich sind und darin münden, dass man als Leser erfährt, wie es ist, im Körper eines anderen Menschen »begraben« zu sein. Liebe spielt ebenfalls eine Rolle und es kommt durch sie zu einem offenen aber tröstlichen Ende.

Ich hatte dir ja schon geschrieben, dass das Buch mir ganz ausgezeichnet gefällt. Das unterstreiche ich nochmal und ich würde gerne hinzufügen, dass ich absolut nachvollziehen kann, dass du das Buch verteidigst und dich darin auch nicht beirren lässt.

Ganz sicher trifft es nicht jedermanns Geschmack – aber was bedeutet das schon? So geht es vielen außergewöhnlichen Büchern, die möglicherweise erst nach einer gewissen Zeit die ihnen zustehende Anerkennung erhalten.

Dass du als Verlagsinhaber solchen Büchern die Chance zur Veröffentlichung gibst, verdient großen Respekt. Vor allem, weil sie ja nicht unbedingt Kassenschlager werden und du gleichzeitig für die wirtschaftliche Existenz deines Verlages verantwortlich bist.

Viereckhimmelerde

Zum Buch selbst will ich gar nicht viel schreiben. Die Bilder von Tatjana Frey, Fotocollagen allesamt, mit einem schönen Touch von Surrealismus und halbdadaistischen Anmutungen, sprechen für sich. Und die Geschichten, die nicht nur die Motive, sondern auch die Bildtitel in den Dateinamen als Inspiration nahmen, ebenso – die Autorenriege ist allen Fans des HALLER bestens bekannt.

Nein, für mich persönlich verbinde ich mit dem Buch einen weiteren Beweis für die mangelhafte Qualität von Softwareprodukten, die von drogensüchtigen und ständig masturbierenden Programmierern hergestellt und von ebensolchen Marketingleuten angeboten und Vertrieblern vertrieben werden. Denn in dem Buch sind Bilder enthalten, die nicht nur das quadratische Format vollständig füllen, sondern auch mal hochkant, mal querformatig abgebildet sind – mit weißen Flächen links und rechts, oben und unten. Alles gut – und der Schaltungsdienst, diese Riege gewiefter, ausgebildeter, in jeder Hinsicht höchstbegabter Buchhersteller, der hatte auch überhaupt keine Probleme mit meinen Vorlagen.
Nicht so Bookwire, mein Partner, dem ich die Präsenz meiner Produkte bei Amazon, Thalia, Hugendubel und anderen Internetplattformen zu verdanken habe – und nicht nur das, inzwischen bin ich sogar im Barsortiment vertreten, obwohl ich mit der Bande margenhalsabschneidender Verbrecher nichts zu tun habe. Die waren der Ansicht, die Druckdatei nicht annehmen zu können, weil sie gedrehte Bilder enthielte.
Wow, dachte ich. Was für ein Blödsinn ist das? Auf meine Mails reagierte Bookwire mit Verzögerung – ärgerlich, natürlich –, aber sie reagierten. Irgendwann. Und siehe da – sie präsentierten den Beweis, dass der Acrobat-Preflight feststellte, die PDF-Seiten der Druckdatei seien gedreht. Um neunzig Grad. Nach links. Link, fand ich, das ist link. Weil meine Druckausgabe korrekt war, weil meine Anzeige korrekt war, weil der Schaltungsdienst …
Nach einiger Fummelei fand ich dann heraus, dass ich dem Acrobat Distiller verbieten musste, die Seiten automatisch zu drehen. Warum er das tun sollte, war eh nicht klar. Es war alles korrekt eingestellt, alles auf hochkant, alles auf 210 x 210 mm (naja, 216 x 216 mm – wegen Beschnitts), alles gut. Nur der Distiller war irgendwie anderer Ansicht, drehte die Seiten um neunzig Grad nach links und zeigte sie dann im Acrobat korrekt an.
Leider kenne ich den wirklichen Verursacher nicht. Publisher, also Microsoft? Acrobat, also Adobe? (Denen wären schlechte Drogendealer und zu wenig Kleenex zuzutrauen!) Oder doch Bookwire?

Aber egal. Am Ende habe ich wenigstens mal eine Story zu einem meiner Bücher zu erzählen, die nicht direkt mit dem Buch zu tun hat. Oder doch auch wieder. Aber eben anders. Wie Tatjanas Bilder. Die sind auch anders.

Griesbach, Corinna (Hrsg.), HIMMEL UND ERDE. Die Bilder Tatjana Freys

Freilassen!

Die Fotos von Sebastian Schwarz sind mir nun schon mehr als einmal unter die Augen gekommen, nicht nur im Vorgängerband des aktuellen Buches, »DIE ZUKUNFT und andere verlassene Orte«. Der zweite Band dieser kleinen Quasireihe präsentiert achtzehn weitere seiner fantastischen Fotos, im Zusammenspiel mit einem ordentlichen Packen Storys, die zwar nicht konkret von seinen Fotos inspiriert wurden, aber die Stimmungen einfangen, die seine Bilder auch in sich tragen.

Wenn ich die Fotos betrachte, werde ich neidisch. Nicht nur, dass ich ihm am liebsten nacheifern würde, solche Orte zu fotografieren. Ich fotografiere auch leidenschaftlich gern, wenn sich die Gelegenheit bietet, und mein »Spezialgebiet« sind Kirchen. Aber ich habe nicht Sebastians Auge, nicht sein Talent.

Und wenn ich die Geschichten lese, geht es mir bei manchen davon nicht anders. Ich würde auch gerne schreiben können. An Ideen mangelt es nicht, eher an der Zeit. Und daran, dass ich nicht wirklich gut darin bin, »runde« Geschichten zu erfinden. Irgendwo hakt es immer.

Immerhin bleibt mir der Job als Verleger. So komme ich in den Genuss solcher Fotos, obwohl ich sie selbst nicht schaffen kann; und in den Genuss solcher Geschichten, obwohl mir das eigene Schreiben wohl dauerhaft verwehrt bleiben wird.

Griesbach, Corinna (Hrsg.), KINDERGEFÄNGNIS und andere verlassene Orte

Problemstellung

Es geht ja nicht nur um die Frage nach dem richtigen Weg. Die Menschheit hat sich selbst schwer verletzt – und die Rasse steht vor dem Abgrund. Es gibt eine Lösung – aber ist sie die richtige? Und funktioniert sie auch? Und wenn ja, warum eigentlich? Warum soll sie funktionieren? Und warum nicht, wenn nicht?

Der Roman, der durchaus durch Spannung brilliert, hat einen hochphilosophischen Grundtenor, der sich nicht nur mit der Frage nach dem Falsch oder Richtig beschäftigt, sondern letztlich auch mit der Rolle Gottes. Wenn der eine Rolle spielt. Der Zweifler, der die Ansicht vertritt, der Plan zur Rettung der Menschheit würde nicht funktionieren können, steht den vermeintlichen Rettern nicht entgegen, nicht im Wege. Der, der das eigentliche Problem repräsentiert, ist Gott. Der ohne Worte die Frage stellt, ob das alles überhaupt funktionieren darf.

Verwirrt?

Gern geschehen. Ich wüsste nicht, warum ich hier zu Erkenntnissen verhelfen sollte, die das Buch zu liefern hat. Mich hat die Geschichte sehr beeindruckt. Einige der üblichen Kritiker werden sich an Details aufhängen, wie sie das immer tun. Und man wird Genrekriterien heranziehen, um zu urteilen, warum der Autor mit seinem Plot gescheitert ist. Aber all das geht an den eigentlichen Fragen vorbei. Und diese Fragen findet man hier trefflich formuliert. Manchmal werfen die Antworten auch neue Fragen auf. Und freilich sind die Antworten nicht für jedermann gültig. Aber das würde sowieso bedeuten, dass es sich bei dem Buch um einen Bestseller handelt. Und wann hätte es das in meinem Verlag schon mal gegeben …

Müller, Ron, DAS THEODIZEE-PROBLEM

Der Tag 19/11

Mein Blog entwickelt sich zum Tagebuch. Nicht nur, aber auch. Das ist okay so. Wenn ich es nicht wollte, würde ich es nicht tun. In früheren Jahren habe ich diverse Anläufe genommen, Tagebuch zu schreiben. Mal von Hand, mal mit Schreibmaschine, später auch auf dem Computer. Am Ende schlief das immer ein. Zeitmangel, aber irgendwann auch die Frage, wofür eigentlich das Ganze. Am Anfang dachte ich noch: für die Nachwelt, meine Memoiren, zur Erinnerung, einfach so. Und dann ist es halt versandet. – Mal sehen, wie lange das hier so geht.

Gestern, 18/11, war nichts Besonderes. Ich habe diverse Stunden damit zugebracht, fünf Neuerscheinungen meines Verlages im Internet kundzutun. Das kostet richtig Zeit, mindestens eine Stunde pro Buch, manchmal mehr. Da sind die eigenen Websites – vom Verlag und der Blog hier –, da sind diverse Foren, Instagram, pinterest. Am Ende noch das VLB. Für die nächsten Tage habe ich auf meinen Websites jedenfalls immer mindestens einen neuen Beitrag. Denn natürlich bringe ich die Infos nicht in einem Rutsch. Warum auch?

Heute, 19/11, ging etwas mehr:

  • Ein E-Book im Auftrag habe ich fertiggestellt. Kleinkram. Bringt knapp 60 Euro. Aber ich habe noch einmal einen neuen Weg ausprobiert, der schneller zum Ziel führt, als der, den ich bislang gegangen war. Ich verrate ihn nicht, interessiert vermutlich eh niemanden, aber wenn doch … So ein bisschen Betriebsgeheimnis darf ich mir auch gönnen.
  • Dann standen Nacharbeiten, letzte Korrekturen, Änderungen am dritten Ikebana-Buch an. Besonders aufwendig die Versuche, die Wünsche der Autorin bzgl. dreier Fotos umzusetzen – letztendlich sind sie in ihrem Sinne gescheitert, was ganz gut ist, denn so, wie die Fotos vorliegen, sehen sie besser aus. Natürlicher, realistischer.
  • Und zum Schluss habe ich mit dem Layout an einem neuen Buch begonnen, über das ich hier jetzt noch überhaupt nichts verraten darf. Gar nichts, total gar nicht überhaupt nichts. Eigentlich nicht mal, dass ich damit angefangen habe. Gnfrrz.
  • Die Gassigänge waren kacke. Morgens um 7 Uhr ging es noch. Mittags wollte ich eine große Runde drehen, aber da hatte es angefangen zu stürmen; später gab es sogar eine Unwetterwarnung für die Nordseeküste. Das Ergebnis war eine Quickierunde durch die sogenannte Siedlung, zwanzig Minuten nur. Es war stürmisch, arschkalt und die Mädels hatten sichtlich keinen Bock. Nachmittags um 16 Uhr war es noch schlimmer, da hat es zusätzlich auch noch geregnet. Nicht sehr stark, aber es nervt, wenn der Wind einem den Regen in die Fresse peitscht. Auch da wieder nur eine Runde durch die Siedlung. Es ist eh ein Wunder, dass den Hunden die immer gleichen Wege nicht langweilig werden. Aber wenn man Naomi so zuschaut, wie sie sich durch die Gegend schnüffelt … Sie schnüffelt seit bald zwei Jahren immer an den gleichen Stellen, und ich denke mir manchmal, ob ihr das nicht vorkommt, als würde sie immer die gleiche Seite 3 der gleichen BILD lesen … gnichel.

Kleiner Drache

Das ist der Titel seines neuesten, seines achten Romans. Norbert Stöbe ist kein Neuling in meinem Verlag – fast schon im Gegenteil. Seine erste Story »Zehn Punkte« erschien in der Sammlung »Die Stille nach dem Ton«, nachdem er mit ihr den Deutschen Science-Fiction-Preis gewinnen konnte. Und nicht nur folgten weitere Storys, so in NOVA, sondern im Imprint »sternwerk« ein weiterer Roman, »Der Durst der Stadt«.

Seine Geschichte um Wei Xialong, die aus China flieht, in Bangladesch versklavt wird und dort dann quasi Karriere macht, um später nach China zurückzukehren, ist nur vordergründig die Abenteuergeschichte einer Chinesin, denn der Hintergrund um das isolationistisch eingestellte China und eine Welt, die sich peu à peu im Fortgang der Geschichte deutlich von der unseren zu unterscheiden beginnt, ist nicht nur Science-Fiction, sondern auch eine gelungene Extrapolation von gesellschaftlichen und politischen Erscheinungen, die wir nicht nur schon kennen – Einreise- und Aufenthaltshindernisse in Australien, Neuseeland, den USA und anderen Staaten, dazu Ausreiseschwierigkeiten wie seinerzeit in der DDR –, sondern die wir aus unserer aktuellen Realität auch leicht extrapolieren können. Das mag vermeintlich wie ein Near-SF-Werk klingen – das ist der »kleine Drache« aber nicht. Und man mag den Roman für eine Dystopie halten – weil der Begriff der »Dystopie« wie Pestbeulen an allen Texten hängt, die nicht von vornherein auf ein Happy End ausgelegt sind –, aber auch das ist er nicht. Denn auch wenn er sich nicht so liest – unter einem gewissen Blickwinkel hat er sogar ein Happy End. Naja … vielleicht ohne »happy« …

Stöbe, Norbert, KLEINER DRACHE

Hübner 3

Einmal mehr – zum dritten Mal – präsentiere ich in meinem Verlag ein Buch mit den Besprechungen und Essays des Klaus Hübner. In diesem dritten Band geht es vor allem um Literatur aus Bayern und in Bayern. Für einen gebürtigen Landshuter mit dauerhaftem Domizil in München ist dies sicherlich naheliegend – und heißt andererseits aber auch nicht, dass es außerhalb Bayerns keine bemerkenswerte Literatur gibt, auf die man achten, die man beachten sollte. In seinen ersten beiden Bänden hat er das schon dargelegt und wird dies in dem noch folgenden vierten Band der Reihe »Kein Twitter, kein Facebook | Von Menschen, Büchern und Bildern« wiederholen.

Für mich hat der dritte Band wiederum viele neue Erkenntnisse gebracht – mit einem der dort erwähnten Autoren wird sich mein Verlag noch intensiver beschäftigen – und mit den »Sprachglossen« großen Spaß gemacht. Diese »Glossen« über Umgang, Missverständnisse und Missbrauch mit und in der deutschen Sprache erschienen in den Jahren 2002 bis 2011 in der Zeitschrift »DAAD-Letter«, und in dieser Versammlung im dritten Hübner-Buch wirken sie geballt noch wirkungsvoller als alleinstehend. Ich erlaube mir, als Lesepröbchen eine dieser »Sprachglossen« hier zu präsentieren:

Mehr Sprachpedanten, bitte!

Die Klage darüber, dass der korrekte Gebrauch des deutschen Konjunktivs immer seltener werde, ist nicht neu. Seltener werde? Seltener wird? Es gibt eine nette Karikatur von Bernd Zeller: Zwei Männer stehen vor einer Plakatwand, auf der man »Hier wäre Ihre Werbung stehen gekonnt!« lesen kann, und als der eine diesen Nicht-Satz mit »Der richtige Konjunktiv wird völlig verschwunden« kommentiert, entgegnet der zweite Mann »Aber alle wissen, was damit meint«. Das illustriert ganz treffend, was man auf deutschen Straßen, in U-Bahnen oder Geschäften, aber auch in Rundfunk und Fernsehen tagtäglich hören muss. Leider sind die falschen Konjunktive auch in den Zeitungen und Zeitschriften nicht selten, am häufigsten wohl bei der indirekten Rede. »Er sagt, er wäre optimistisch« stört nicht mehr viele Zeitgenossen, auch wenn natürlich »Er sagt, er sei optimistisch« richtig wäre. Ganz kompliziert scheint es zu werden, wenn zu der für viele offenbar schwierigen Konjunktivbildung ein Hilfsverb hinzutritt. »Sie sagt, sie habe nicht kommen können, weil sie habe arbeiten müssen« wird man noch hören, doch werden auch falsche Varianten wie »Sie sagt, sie ist nicht gekommen, weil sie hat arbeiten müssen« oder gar »Sie sagt, sie wäre nicht gekommen, weil sie hätte arbeiten gemusst« weithin akzeptiert. Wer kundtut, dass falsche Konjunktive sein auf Schönheit und Wohllaut ausgerichtetes Sprachempfinden verletzen, der muss sich immer öfter als »Pedant« oder »Ästhet« bezeichnen lassen, schlimmstenfalls sogar als »Germanist« – und bestimmt wird er auch gefragt, was denn eigentlich »Wohllaut« sei. Oder wäre? Ach egal, wir können eben nur einfach, und alle wissen, was meinen. Ist da noch jemand, den ein falscher Konjunktiv stört? Könnte durchaus sein! Mehr noch: Es wäre sogar möglich, dass es viele heimliche Sprachpedanten gibt, denen der korrekte Gebrauch der variantenreichen Möglichkeitsformen des Deutschen wichtig ist.

Hübner, Klaus, BIERKÄMPFE, BAROCKENGEL UND ANDERE BAVARESKEN