Grille bei 70

Vielleicht war es auch nur ein Grashüpfer. Ich bin kein Biologe. Jedenfalls saß das Tierchen auf der Windschutzscheibe. Den Schädel tapfer in Fahrtrichtung gedreht. Die langen Fühler bogen sich weit nach hinten. Ich entdeckte das kleine Tier erst, als ich schon mit den auf der Strecke vorgeschriebenen 70 km/h unterwegs war. Nun ja, dachte ich mir. Wenn’s ihm nicht gefällt, wird es loslassen und abfliegen. Tat es aber nicht. Tapfer blieb es haften, und es ist schon beeindruckend, was so winzige Insektenfüßchen können.
Daheim im Carport ließ ich die Hundemädchen raus, und bevor ich mein Zeug zusammenpackte, schaute ich nach dem Tierchen. Es saß nach wie vor an der gleichen Stelle auf der Windschutzscheibe und rührte sich nicht. Die Fühler wiesen nun nach vorne, sie waren so lang wie das Insekt selbst. Und nichts rührte sich. Ich stupste es an. Nichts.

Tage später saß es immer noch dort. Ich nahm es in die Hand und schaute es an. Schließlich musste ich den Exitus konstatieren. Wann der eingetreten war, konnte ich nicht feststellen. Ich bin kein Pathologe.

Überflüssige Schule

Die Aspekte des deutschen Bildungswesens, die mich interessieren, interessieren mich, weil ich sie gruselig finde. Zum Beispiel den Umgang mit der deutschen Rechtschreibung in den ersten Schulklassen (Stichwort: »Schreiben nach Gehör«). Aber ich bin trotzdem sicher, dass es Schulen gibt, in denen man einfach nichts lernt.
Kurz hinter der Zufahrt zu meinem Parkplätzchen im Wald vor Ostenfeld, direkt dahinter liegt eine sogenannte Jagdschule. Ich will gar nicht wissen, was man da lernt. Jäger sind auch nicht so mein Menschenschlag.
Den Umgang aber mit Hunden lernt man offensichtlich nicht. Zur Jagdschule gehört mindestens ein Hund, ich glaube sogar, es sind zwei. Die sind öfter auch mal draußen und riechen meine Hundemädchen, wenn wir da zum Gassigang ankommen und aussteigen. Die Hunde der Jagdschule schlagen dann an, das ist durchaus okay. Und sie beruhigen sich auch gleich wieder, wenn wir uns entfernt haben.
Letztens war nur ein Hund draußen, und er hat die ganze Zeit gebellt. Wenn man selbst Hunde hat, lernt man die unterschiedlichen Signale, die ein Hund durch sein Bellen gibt. Das Anschlagen als Hinweis auf Fremde – ob Mensch oder Hund ist egal – in der Nähe hört sich anders an, als das, was dieser Hund da tat. Er bellte ununterbrochen, die ganze Zeit, während wir im Wald unterwegs waren, war er zu hören, und sein Signal war klar. »Ey, Arschloch Herrchen oder Frauchen, ich will ins Haus, kapierste das? Beweg deinen Hintern und lass mich rein!«
Aber entweder war niemand da oder es interessierte niemanden. Wozu auch? Soll der Hund doch bellen. Der nächste Nachbar ist weit weg, und wenn der Hund nicht mehr bellen will oder seine Stimme verliert, dann wird er schon aufhören.

Jäger gelten nicht umsonst als im Umgang mit Hunden wenig sensibel. Vielleicht ist es das, was man auf dieser Jagdschule auch lernt. Wie man seinen Hund unsensibel behandelt.

bpt: Ein Update

Ich habe vor Kurzem die Kampagne „Europäisches Parlament: EU will weitreichendes Antibiotikaverbot für Tiere – Gefahr für unsere Tiere“ auf Change.org unterschrieben und hier auch berichtet (der Beitrag stand eine Weile ganz oben auf dieser Seite, festgepinnt).
Jetzt gibt es eine spannende Entwicklung.
Der Petitionsstarter hat folgendes Update gepostet: „Offener Brief zur Pressmitteilung vom 10. September an Herrn Häusling“. Unter dem Link unten kann man Ausführliches dazu lesen und vielleicht hat ja noch jemand Lust, die Petition auch zu unterschreiben.

Für mich ganz persönlich zeigt dieser offene Brief, dass die Grünen für mich unwählbar sind und bleiben. Aber das ist nur ein Nebeneffekt.

Petitionslink: https://chng.it/QWHc6Qm6Md

Rotes Auto mit Hund

Neben dem Lehmsiek gibt es noch einen zweiten Wald, in dem ich mit den Hundemädchen Gassi gehe, wenn es warm ist und die Sonne vom Himmel knallt. Vor Ostenfeld geht es links in den Wald, und wenige Meter nach der Einfahrt ist Platz für vier Autos (oder zweieinhalb ScheißUVs).
Ich biete langsam dort ein, damit die Mädels im Heck meines Autos nicht hin und her geworfen werden, denn da ist eine Rinne am Straßenrand. Auf dem Parkplätzchen steht ein rotes Auto. So was wie ein Roomster oder Yeti, ich achte nicht drauf.
Ich packe meine Mädels aus, leine sie an und als wir losgehen, tobt in dem roten Auto ein Hund los. Mir fallen die offenen Seitenscheiben auf, und obwohl ich es eigentlich hasse, einen Hund allein im Auto zurückzulassen, ist es an dieser Stelle nicht so schlimm, weil der Schatten dicht fällt und die Luft nicht zu heiß ist. Trotzdem …
Rotes Auto, Scheiben geöffnet, Hund im Auto, keine Menschen in der Nähe. Was soll das?
Auf unserem Weg kommt uns dann eine Frau entgegen, klein, hager, sieht mit ihren weißen Zöpfen aus wie eine noch nicht vollständig mumifizierte Indianerin. Ihr Gang ist langsam, gleichmäßig, ohne Eile, keine Hektik, sie lächelt ein wenig entrückt, grüßt aber.
Als wir zu meinem Wagen zurückgekehrt sind, ist das rote Auto weg. Ob es der Indianerinnenmumie gehörte, weiß ich nicht. Ich frage mich nur, welches Arschloch in den Wald fährt und den Hund im Auto allein zurücklässt.

Die Last mit der Milch

Milchlaster sind auch so ein Ding. Ein Unding. Es gibt ein paar Landwirte hier in der Gegend, die Rinder halten, um Milch zu vermarkten. Ich glaube nicht, dass das noch wirklichen Spaß macht, nicht bei den Preisen für Milchprodukte, die Aldi, Lidl, Penny und anderes Volk so ausloben. Aber sie tun es halt. Und um die Milch von den Kühen und vom Hof dahin zu bringen, wo sie zu spottbilliger Milch, sündhaft unteurer Butter und anderen schändlich bepreisten Milchprodukten verarbeitet wird, dafür braucht es Milchlaster.

Hier in der Gegend gibt es vorrangig zwei Milchlaster, die unterwegs sind. Der eine, silbergrau, nicht sonderlich auffällig – so wenig, dass ich nicht viel mehr weiß, als dass er ein Dithmarscher Kennzeichen hat – ist ärgerlich, aber zum Glück eher selten da. Der andere, Kennzeichen aus Itzehoe, fährt einen roten, aufgemotzten, offensichtlich alle drei Tage gewaschenen und handpolierten Truck mit Hänger, lauter LED-Gedöns rundherum, kurz ein Milchlaster, der acht Auspuffrohre und zwölf Scheinwerfer auf dem Dach hätte, wenn er ein Golf GTI wäre.
Und der Fahrer und sein Fahrverhalten passt genau dazu. Immer schön rasen, immer schön zur Fahrbahnmitte hin orientieren, beim Abbiegen von der Winnerter Hauptstraße Richtung Schwabstedt hübsch die Kurve anschneiden, und dann gib’s ihm. Besonders toll ist das auf den schmaleren Landstraßen, denen ohne Mittelstreifenmarkierung – aber selbst auf den breiteren Kreisstraßen mit weißem Streifen kommt er einem auf seiner Gegenfahrbahn entgegen und zwingt einen zum Ausweichen.

Ich weiß nicht, wie Milchlasterfahrer bezahlt werden. Wegen mir müssten sie sogar noch was drauflegen – für jede Menge Tickets, die sie verdient haben. Der Itzehoer jedenfalls gehört für meinen Geschmack aus dem Verkehr gezogen. Aber dann wäre der Landwirt der Leidtragende … obwohl es vermutlich preislich attraktiver ist, die Milch in den Gulli laufen zu lassen. Davon habe ich allerdings zugegebenermaßen nicht die nötigen Kenntnisse, um das wirklich beurteilen zu können.
Die Fahrweise des Itzehoer Milchlasterfahrers aber kann ich beurteilen. Sie ist scheiße und sie gehört bestraft. (Und irgendwie fällt mir gerade ein, dass das ein nettes Thema für eine Herr-Hütter-Story wäre. Hm.)

Kein Hirn, kein Kopf, wozu ein Helm?

Ich mache keinen Hehl über meine Meinung zu Motorradfahrern. Ich halte die meisten für Besitzer und Benutzer von lauten und stinkenden Maschinen, die sinnlos durch die Gegend – und vor allem geschlossene Ortschaften – rasen. 2019 hat einer, der eine schnurgerade, abschüssige Strecke auf eine enge Kurve mit einer Geschwindigkeit von höchstens 35 km/h – laut Gutachter – zugeschlichen ist, den Dacia meiner Frau zu Schrott gefahren. Und musste – dank des Gutachters – nicht mal für den Schaden geradestehen. Ich denke, ich habe hier in diesem Blog schon darüber geschrieben, und in meinem AntiquaRIOT für die FAN APA habe ich es mir damit mit einer Mitautorin in diesem illustren Kreis verdorben. Sie meinte sinngemäß, ich dürfe nicht alle Motorradfahrer über einen Kamm scheren, sie und ihr Holder führen anders.

Das ändert meine Meinung nicht. Und es gibt hierzulande genügend Gelegenheiten, in denen die Konsorten ihre Kopflosigkeit – oder ist es nur das Hirn, das fehlt? Immerhin scheint der Helm ja zu halten … – unter Beweis stellen.
Ende August zum Beispiel. Da fahre ich einmal mehr mit den Hundemädchen im Heck zum Lehmsiek, für einen angenehm schattigen Gassigang. Die Straße vom Lehmsiek aus Richtung Hude ist gut asphaltiert, nicht schnurgerade, aber auch nicht sehr kurvig, und breit genug, sodass sich zwei Pkws problemlos begegnen und aneinander vorbeifahren können. In der Straßenmitte gibt es keine Markierung.
Und da fahre ich also so dahin, mit knapp 80 km/h, in eine Rechtskurve, und wie ich das immer mache, fahre ich so weit rechts wie möglich. Und der Motorradfahrer, der mir entgegenkommt, hat sich offensichtlich entschieden, so weit links wie möglich zu fahren. Sein Motorrad neigt sich meinem Wagen entgegen und sein Helm ratscht haarscharf an meiner Karosserie vorbei. Mehr als zehn Zentimeter waren das nicht. Und hätte ich nicht – wie üblich – den Weg durch die Kurve ganz rechts gewählt, hätte der Blödmann nicht nur seinen Schädel verloren, sondern auch mein Auto zerstört und mich vermutlich verletzt. Mit meinen zwei Hundemädchen hinten drin …

Ja, ich stehe dazu: Ich hasse Motorradfahrer. Sie sind laut, stinken, rasen sinnlos durch die Gegend und stellen ein Gefahrenpotenzial dar, das ich, wenn ich etwas zu sagen hätte, rigoros entschärfen würde. Aber ich habe ja nichts zu sagen.

Mein Fazit für meine Mitautorin in der FAN APA war knapp: »Klar, man kann das ganze Thema auch weniger provokant angehen. Aber wozu? Damit ich einmal mehr den Spruch mit dem Kamm zu hören oder zu lesen bekomme?
Insgesamt weiß ich am Ende nicht, warum ihr mir meine Meinung über Motorradfahrer übel genommen habt, wenn ihr von euch wisst, dass ihr nicht so seid.«
Und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Bis zum nächsten Mal.

Tierarzt immer noch doof. T-Shirt nich so.

Es war ein Bild des Jammers. Entweder stand sie bewegungslos irgendwo herum, den Kopf gesenkt, so weit es der Kragen zuließ. Oder sie lag irgendwo bewegungslos, Kopf flach auf dem Boden, im Kragen natürlich. Ich halte körperliche Schmerzen aus – aber nicht, wenn mein Hund leidet.
Nach dem Gassigang gab’s ein altes T-Shirt (von meinem letzten Arbeitgeber, das ich sowieso nicht mehr trage) als Alternative:

Sieht nicht schick aus, fühlt sich sicher auch komisch an, aber immerhin legt sie sich wieder entspannt hin:

Ach, Mausi … <3 <3 <3

Abrechnung mit dem Papst

Der Pontifex von Karla Weigand
Fehnland Verlag, Mai 2021, 467 Seiten, Softcover
ISBN 978 3 96971 164
Rezension von Marianne Labisch

Der Roman spielt im Jahr 2039. Zum ersten Mal wird ein Afrikaner zum Papst gewählt. Dieser Mann kommt nach außen gut an, scheint eine nette Person zu sein, von der sich viele eine neue Ausrichtung der katholischen Kirche erwarten. Nur wenige kennen ihn wirklich und wissen, dass er von Hass zerfressen ist und einen Schwur abgelegt hat, sich an den Weißen zu rächen.
Einer seiner Vorfahren, der damals König in seinem Land war, wurde von den Kolonialmächten ermordet, woraufhin seine Frau das Heil in der Flucht suchte und in einem Kloster Unterschlupf fand. Von Generation zu Generation wurde der Hass auf die Besatzer mit dem Versprechen weitergegeben, Rache zu üben.

Der neue Papst zieht mit seiner vermeintlichen Schwester und Nichte in den Vatikan ein, was Anlass zu Gerüchten gibt, die nicht unbegründet sind, denn die angebliche Schwester ist seit langen Jahren seine Geliebte. Da ein gewählter Papst nicht mal eben so einfach wieder abgesetzt werden kann, der Papst sich im besten Alter befindet und kerngesund ist, arrangieren sich die Kritiker mit ihm und so manch ein ursprünglicher Gegner fühlt sich gebauchpinselt, wenn er zum Essen beim Papst eingeladen wird.
Obwohl er in seiner Antrittsrede kein Geheimnis daraus macht, dass er sich eine härtere Gangart wünscht, zu harter Konfrontation, zum Kampf für die Kirche auf Blut und Leben aufruft, scheint niemand diese Aussagen für ernst zu nehmen. Großzügig sieht alle Welt darüber hinweg, was ich für ausgesprochen unwahrscheinlich halte. Ich denke, bei solch einer Antrittsrede hätte es 1000 Nachfragen gegeben. Allerdings wäre die Kirche wahrscheinlich nicht um beschwichtigende Antworten verlegen gewesen.
Der Papst, der sich Leo nennt und schnell den Spitznamen Leo Africanus weg hat, sucht sich Verbündete, die Anschläge ausüben sollen, die man den Islamisten in die Schuhe schieben will. Er findet diese Verbündeten und diese Mitstreiter bilden junge katholische Männer zu Selbstmordattentätern aus.
Seine Geliebte, die Schwester Monique, eine Nonne, bemerkt, dass Leo ihr immer fremder wird, weiß aber nicht, wem sie sich anvertrauen kann und so finden die ersten Attentate statt, die neue Kreuzzüge auslösen sollen.
Als Monique endlich erkennt, dass ihr geliebter Papst geisteskrank ist, entschließt sie sich, ihn zu ermorden. Allerdings kommt ihr der Hausarzt zuvor. Um an ihren Geliebten zu erinnern, aber auch, um seine Machenschaften öffentlich zu machen, will sie ihre Memoiren schreiben und findet schnell einen Verlag, der sie herausgeben wird. Die Kirche kann nicht zulassen, dass die Pläne des toten Papstes an die Öffentlichkeit gelangen, und heuert einen Mörder an, der Monique aus dem Weg schaffen soll. Das Attentat gelingt. Doch auch der Mörder stirbt. So kann schön alles beim Alten bleiben.

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Tierarzt is doof. Kragen auch.

Naomi hatte heute morgen einen kleinen OP-Termin bei unserer Tierärztin. Am rechten Ellbogen hatte sich ein etwa centgroßes Fleischläppchen ausgebildet, und sie neigte jedenfalls anfänglich dazu, daran herumzuknabbern. Nun ist es ab, die Wunde genäht, und sie muss einen Kragen tragen:

Ein glücklicher Hund sieht nicht nur anders aus, sondern:

Jetzt sitzt sie auch noch wie ein Häufchen Elend regungslos im Flur, den Blick auf die Haustür gerichtet.