K(l)eine Pause

Unter dem Titel »Kleine Pause« berichtet die Süddeutsche Zeitung: »Eine Mehrheit der Deutschen lehnt das Gendern ab, in Presse und Fernsehen kommt es immer häufiger vor. Wie verhalten sich die Öffentlich-Rechtlichen?« Ausführliches über das Chaos in der sprachlichen Vergewaltigungstätigkeit unserer bürgerlich finanzierten Sendeanstalten liest man unter sz.de/1.5383641.

Gebührenfinanzierte Herabwürdigung

Wer sich einmal öffentlich-rechtlich fundiert herabwürdigen – und je nach persönlichem Geschmack gar beleidigen – lassen möchte, der versuche einfach, Gunther Grabowski (»Ach du liebes Deutsch!«, IFB, 2013) nachzueifern und sich bei ARD (und vielleicht testweise auch ZDF?) über genderischen Unfug in Hörfunk und Fernsehen zu beschweren. Grabowski hat das getan und Michael Hanfeld hat das kommentiert (hier).
Die ARD reagierte zunächst pampig, hatte mit Grabowski allerdings den Falschen erwischt und musste letztlich zurückrudern. Michael Hanfeld dazu:

Bezüglich „gendergerechter“ Sprache gebe es „keinen ARD-Standard“. Im ARD-Gemeinschaftsprogramm kämen „in verschiedenen Sendungen unterschiedliche Regeln zum Einsatz“, alle Häuser befassten sich „intensiv mit diesem Thema“. Beim „Thema ,Gendergerechte Sprache‘“ sei es dem Senderverbund „wichtig, niemanden aus unserer Kommunikation auszuschließen“. In dem „Bewusstsein, dass unsere Sprache einerseits lebendig und in stetigem Wandel begriffen und andererseits in ihrer Beständigkeit zu schützen ist“, wird dem Zuschauer versichert, „dass wir einen Weg suchen, hier den Bedürfnissen aller gerecht zu werden.“
Aller? Wie schwierig das ist, zeigt sich in einem vorhergehenden Satz: „Da die ARD ihre Angebote für die Gesamtheit aller BeitragszahlerInnen bereitstellt, sollten sich auch möglichst alle BürgerInnen von uns angesprochen fühlen.“ Zweimal Binnen-I. Im Umgang mit seinem Publikum, den „BeitragszahlerInnen“ und „BürgerInnen“, kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht sensibel genug sein. Denn sonst setzt sich der Eindruck fest: Die sprechen nicht unsere Sprache und bilden sich noch etwas darauf ein.

Und nicht nur das – wenn man es schon richtig machen möchte, sollte man auch Sensibilität gegenüber den mit dem Binnen-I ignorierten LGBTQIA+ entwickeln. Oder die deutsche Sprache mit ihrem Angebot einfach so nutzen, wie sie schon immer war – und funktioniert hat.

Einzelnd in der Apotheke

Seit Beginn der Seuche sieht man das ja überall. Die Böden von Supermärkten, Läden und auch Apotheken sind vollgeklebt mit Absperrfolien, Verkehrszeichen mit Richtungspfeilen und Verhaltenshinweisen.
In einer Apotheke in Husum entdeckte ich gestern einen etwa DIN A4 großen Aufkleber an mehreren Stellen, laut dessen Text der potenzielle Kunde aufgefordert wurde, an diesen Stellen »einzelnd« zu warten – »bis der nächste frei ist«.
Man kann nun überlegen, wer mit dem »nächsten«, der eigentlich groß geschrieben werden müsste, gemeint sein könnte. Faszinierender ist die offensichtliche Unfähigkeit von Menschen offensichtlich deutscher Mundart – ein Türke oder Grieche würde niemals »einzelnd« sagen –, einen Text, den man drucktechnisch vervielfältigen möchte, Korrektur zu lesen. Noch faszinierender finde ich die Unfähigkeit von Menschen, die solche Texte drucktechnisch vervielfältigen, einen Blick darauf zu werfen und dem Auftraggeber einen Tipp zu geben. Ich hege bisweilen die Vermutung, es könnte sich bei Menschen, die solche Fehler entdecken und vor dem Unfall beheben, um »Einzelndfälle« handeln.

P.S.: Ich habe absichtlich kein Foto gemacht.

Verfehlte Verteidigung?

Da hat sich Joachim Huber im »Tagesspiegel« zu einer Verteidigungsrede hinreißen lassen, um der der einwandfreien Verwendung der deutschen Sprache im Wort unwilligen Jana Pareigis nach ihrer ersten »heute«-Moderation beizustehen. Gut. Das ist Joachim Huber unbenommen.

(Bildquelle: tagesspiegel.de)

Allerdings begeht der gute Joachim Huber eine Fehlinterpretation – oder doch wenigstens eine Fehleinschätzung:

»Sprache gehört allen oder keinem, nicht Jana Pareigis, nicht dem Kritiker, nicht Joachim Huber. Wer immer aus seinem individuellen Sprachgebrauch eine allgemeine Ideologie abzieht, der schwingt sich zum Sprachpapst auf, der bedroht alle anderen mit Exmatrikulation und redet im Extrem der Inquisition der Sprache das Wort – also dem Schweigen.
Meine Sprache, Deine Sprache, Ihre Sprache: Ich möchte mich in meiner Sprache ausdrücken, mich darin wiederfinden, sie ist im persönlichen wie gesellschaftlichen Miteinander das, was mich ausmacht. Meine Sprache gehört mir. Die Sprache von Jana Pareigis gehört Jana Pareigis. Daran gibt es nichts zu kritisieren. In keiner Sprache.«

Das ist sogar grundsätzlich richtig – aber es sind gerade Genderschwänze und Gendermösen, die sich zu Sprachpäpsten aufschwingen. Denn das, was Joachim Hubert da postuliert, das gilt auch

  • für Professoren an Universitäten und Hochschulen;
  • für Studenten ebenda;
  • für Politiker in Parlamenten in jeder Größe, vom Stadtrat bis zum Europäischen Parlament (Stichwort: Zürich);
  • für Mitarbeiter in Behörden und Ämtern, gleich welcher »Branche«;
  • für Mitarbeiter bei Volkswagen gegenüber der Konzerntochter Audi;
  • für Mitarbeiter aller Konzerne und Firmen bis hinunter zur kleinsten Einheit;
  • eben für alle Menschen.

Und das ist es, was Joachim Huber übersieht – dass heute insbesondere diejenigen, die am allerwenigsten von angeblicher Diskriminierung durch angeblich nicht genderkonforme Sprache betroffen sind, auch diejenigen sind, die zu verhindern suchen, dass wir, du, ich, wir alle unsere Sprache so verwenden, wie sie richtig ist, wie sie verständlich ist und auch bleibt. Und dabei nicht vor Methoden und Repressalien zurückschrecken, die es nötig machen, dass eine Züricher Stadtverordnete ihr Recht auf ungegenderte Einbringung von Anträgen gerichtlich erstreiten musste, wie auch ein Volkswagen-Mitarbeiter Audi verklagen muss, um von seinem Recht der Verwendung ordentlichen Deutschs Gebrauch machen zu dürfen.

Jana Pareigis indes empfehle ich wie allen anderen Fernseh- und Radiomoderatoren (sowie allen anderen Menschen) mit einem dieser neumodischen Sprachfehler, einen Logopäden aufzusuchen und sich nachfolgend an einer Grundschule ihrer Wahl in der deutschen Sprache auf den aktuellen, aber richtigen Stand der Dinge bringen zu lassen.

Unwiderruflich

Gestern habe ich mit den Arbeiten an meiner unwiderruflich letzten – und gleichzeitig meiner hundertsten – Ausgabe der ANDROMEDA NACHRICHTEN des SFCD, des »Science Fiction Club Deutschland« e.V. begonnen. Es ist nicht anzunehmen, dass der Verein bereit ist, mich für meine Dienstleistung zu bezahlen, sodass es keine Ausgabe 275 aus Winnert geben wird. Die 274, die wohl Anfang August an die Vereinsmitglieder verschickt wird, wird meine letzte Ausgabe gewesen sein.
Die Arbeiten beginnen mit Standardaufgaben. Texte sichten, zusammenstellen, einzelne Dateien (eine pro Themensparte) bauen, Korrekturlesungen, ein wenig Lektorat geht auch immer – und vor allem wird entgendert, denn einiges Material – allem voran: Pressetexte – ist heutzutage schlicht und ergreifend nicht mehr lesbar, sofern man einem Text nicht hilft, zur offiziellen deutschen Rechtschreibung zurückzukehren.

Gekommen bin ich gestern bis zum »Reissswolf«, Michael Baumgartners Rezensionssparte. Bei den Texten war auch eine Asimov-Kellerbar-Story von Klaus Marion, ein allerliebster Text, mit dem er sich bei Ralf Boldt und mir für unsere Dienste im SFCD bedankt.
Heute folgt noch die »Schlachtplatte« mit den Rezensionen, die nicht über Michael Baumgartners Tisch gelaufen sind, sowie die »Story:Files«, die in dieser Ausgabe sehr umfang- und zahlreich ausfallen werden.

Tiny Stricker in der Hörbahn on stage

Im Literaturradio »Hörbahn on stage« wird man Tiny Stricker am 14.07.2021 ab 18 Uhr hören können – und so die Seuche will, kann man ihn in der Georgenstraße 63 zu München sehen. Es geht vor allem um sein aktuelles Buch »U-Bahn-Reiter« und er wird über die Entstehung des Buches, sich selbst und seine Odyssee sprechen. Weitere Details zur Veranstaltung: hier. Weitere Informationen zum Buch: hier. Und zur Werkausgabe insgesamt: hier.

Eine neue Chance für Tiny Stricker

Dank der Seuche wurde seine Lesung zwei Mal verschoben – nun wird es am 18. Juni 2021 einen neuen Anlauf geben: Tiny Stricker liest. Und wenn es nicht klappen sollte, prüft man die Möglichkeit, das Ganze über Zoom zu veranstalten. – Weitere Details zur Lesung: hier. Informationen zu seiner Werkausgabe: hier.

Klare Worte

Eigentlich ist die Heidenreich nicht so mein Fall. Ich weiß nicht, warum. Irgendwie fehlt einfach der spontane Eindruck der Sympathie. Andererseits sollte ich sie mögen, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt, auf den sie auch nicht gefallen ist.

Gestern hat sie sich im Spiegel zum Thema Gendern geäußert. Und mit Aussagen wie der, dass die Genderei »alles ein verlogener Scheißdreck« sei, macht sie sich mir auf jeden Fall sympathisch. Denn mit: »Dieses feministische Getue in der Sprache geht mir furchtbar gegen den Strich« kann ich bestens leben.

Der Spiegel-Artikel findet sich hier.

Und der Podcast, in dem sie das gesagt hat: hier. (Da geht es freilich nicht nur um das Gendergedöns, sondern auch um Köln – was mir als Düsseldorfer auch ganz gut in den Kram passt.)

Mogelgenderer

So sehr sich die Aussagen von Peter Schlobinski, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), in dem Interview des Tagesspiegel vom 26.05.2021 kontra Gendern lesen, so eindeutig dürfte das Gegenteil der Fall sein. Denn jedenfalls outet sich die GfdS auf ihrer Website gfds.de gleich auf ihrer Startseite groß, fett und unmissverständlich pro Genderunsinn. Und entblödet sich nicht, widersprüchlich zu sein: »Die GfdS sagt JA zum Gendern – verständlich, lesbar, regelkonform –« Und genau diese drei Prädikate gehören zum Gendern eben nicht. Gendern ist nicht verständlich (im Sinne von »verstehen«), es ist nicht lesbar und schon gar nicht regelkonform. Sagt der Mogelgenderer selbst.