Worte finden

Heute ist der 27.01., der weltweite Holocaustgedenktag. Zeit, zu erinnern, auch Zeit, zu ermahnen (nicht zu vergessen), Zeit sowieso, zu warnen (vor den Aktivitäten rechten, antisemitischen Gesocks‘. Und Zeit, zu meckern. Da ist es ein falsches Zeichen, eine von den Nazis zerstörte Synagoge in Hamburg originalgetreu wiederaufzubauen, denn der Holocaust könnte damit nicht rückgängig gemacht werden.

Und es ist Zeit, Worte zu finden. Da wird schon den ganzen Morgen von Jüdinnen und Juden gesprochen, und irgendwann seufzte meine Frau und schlug vor: »Jüdische Menschen«. Was nicht besser ist. Und nicht konsequent, denn nach Studierenden, Mitarbeitenden, Patientenden sind die nicht enden wollenden (sic!) Sprachverunstaltungen mit einem eindeutigenden »Judende« sinnvoll fortgeführt. Und nicht nur das:

  • Katholende
  • Evangelende
  • Mormonende
  • Moslemende
  • Buddhistende (besser: Buddhende?)
  • Hinduistende (besser: Hindunde?)

Ich frage mich: Wenn sie alle enden, warum hört das dann nicht auf?

Schwachsinn »heute«

Wer mal richtigen Schwachsinn in Sachen Gendern goutieren möchte, gönne sich das Interview der taz mit Petra Gestern, einer »heute«-Nachrichtenmoderatorin, deren Lichtlein im Kronleuchter möglicherweise kurz vorm Exitus steht: hier.

Zitat: »Ich selbst hatte nie ein Problem mit dem generischen Maskulinum, fühlte mich tatsächlich immer mitgemeint. Aber meine Großnichte, sie ist 20, fühlt sich dadurch diskriminiert. Ausgeblendet sozusagen.« Da fehlt einer Großnichte – die Gerster ist 65, heißt es – wohl ein wenig Selbstbewusstsein. Ich als Mann könnte mich ja auch durch das generische Femininum diskriminiert fühlen; ich fände das aber blödsinnig, weil … wie kann mich denn ein sprachliches, ein orthografisches, ein grammatikalisches Konstrukt diskriminieren? Es sind doch Menschen, die diskriminieren – und hier tun sich ja die Genderfans besonders hervor, indem sie nicht nur den Frauen den Verstand absprechen, sich vom generischen Maskulinum integriert zu fühlen, sondern auch alle anderen »Nichtmänner« ebenso ausgrenzen.

Zitat: »Nach meiner ersten Sendung mit Gendersternchen, im Oktober, haben sich um die 60 Leute beschwert. Das ist schon sehr viel. Böse Briefe gab’s vor allem von Männern. Aber auch eine Frau schrieb mir polemisch, ob ich jetzt auch von der Papierkörbin sprechen wolle. Mittlerweile sind die Beschwerden pro Sendung nur noch im einstelligen Bereich, es setzt also eine Gewöhnung ein.« Das ist keine Gewöhnung. Das ist die Erkenntnis, dass es vielleicht sinnvoller ist, andere Nachrichtensendungen zu schauen oder zu hören, in denen sich der O-Ton nicht nach einer Sprachfehlersammlung anhört.

Zitat: »Um das Thema tobt ein ideologischer Kampf, der vornehmlich von – wie ich vermute – älteren Männern geführt wird. Manchmal geradezu hasserfüllt. Offenbar geht es hier um eine Machtfrage, um Deutungshoheit. Und um die Angst dahinter, etwas von dieser Macht an Frauen und andere Minderheiten abgeben zu müssen. Ich verstehe nur nicht, was jemand durch geschlechtergerechtes Sprechen verlieren könnte.« Tja, Verständnislosigkeit hat in der Regel einen Grund. Fehlendes Wissen? Dummheit? Erkenntnisverweigerung? Geschlechtergerechtes Sprechen gibt es nicht – es gibt nur eine unsaubere Aussprache, bis hin zu durch Gewöhnung (sic!) erworbene (und nicht mehr reparable) Sprachfehlern. (Und man beachte: »…an Frauen und ›andere Minderheiten‹ … – da wissen wir doch gleich, welcher Gesinnung die Dame ist.)

Zitat: »… und deshalb sollte man auf die Hörgewohnheiten der Zuschauer*innen auch Rücksicht nehmen und das Gendern nicht mit dem Bulldozer durchdrücken. Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, Diversität zum Ausdruck zu bringen.« Ja. Aber nicht mit Brabbelsuppe aus der Krabbelgruppe … Mal ganz davon abgesehen, dass Diversität ein ganz anderes Thema ist und von den Genderunfuglern eh mit Füßen getreten wird. (Mir fehlt noch die Theorie, die Genderei sei eine Erfindung alter weißer Männer, um später den Frauen die Schuld an der Zerstörung der deutschen Sprache in Schrift und Ton in die Schuhe zu schieben.)

Zitat: »Ich würde beispielsweise nicht von Neanderthaler*innen sprechen, das entbehrte nicht einer gewissen Komik. Und bei Delikten wie der Kinderpornografie würde ich wohl in den meisten Fällen von Tätern sprechen. Gendern sollte man nicht aus Prinzip, um seiner selbst willen, sondern kontextabhängig und sensibel.« Ach, es gab keine Neandertalerinnen (die sich übrigens ohne th, nur mit t schreiben würden)? Das ist schon sehr seltsam, hat man doch weibliche Neandertalerskelette gefunden … Und ach, es gibt keine weiblichen Kinderpornografietäter? Tatsächlich sollte Gendern gar nicht stattfinden, denn natürlich fidnet es immer um seiner selbst willen statt; ich als Verleger, Lektor und Korrektor habe diesbezüglich schon meine Erfahrungen machen dürfen.

Zitat: »Offenbar ist das Bedürfnis nach einer geschlechtergerechten Sprache ja eben deswegen so groß, weil Frauen – wieder oder immer noch – weniger präsent sind.« Der Witz ist – und im Grunde wird sie das im Folgenden bestätigen –, dass es nicht die Frauen sind, an denen das liegt. Auch nicht die Männer im Allgemeinen. Sehr viel wahrscheinlicher sind es die Männer – und Frauen – in den Medien, die sich zu wenig um eine gleichberechtigte Präsenz von Männlein und Weiblein auf der Mattscheibe und den Schmierblättern des Landes kümmern. Da kommt die Genderei gerade recht – als Alibi und als Ablenkung vom eigentlichen Problem.

Zitat: »Wie die Tatsache, dass in unseren Nachrichtenfilmen immer noch viel zu wenige Frauen auftreten.« Siehste!

Zitat: »[Woran liegt das?] Nun, zum einen an der noch immer männerdominierten Realität, die wir abbilden müssen, oft ist es aber einfach auch Bequemlichkeit. Man braucht einen O-Ton, und als Erstes fällt einem der Mann ein, den man schon hundert Mal als Experten gesehen und abgespeichert hat. Das war auch zu Beginn der Corona-Pandemie so. In den ersten Monaten kamen nur Virologen und Epidemiologen zu Wort, und alle Welt bekam den Eindruck, das sei eine rein männliche Domäne. Inzwischen wissen wir es besser und sehen auch in den Talkshows immer öfter eine Corona-Expertin. Nach den kompetenten Frauen muss man eben suchen, weil sie sich oft auch selbst nicht in den Vordergrund drängen, und das kostet Zeit und Mühe.« Und wieder ist nur der Mann schuld, auch daran, dass auch Medienfrauen zu faul sind, sich um ihresgleichen in der Presse und den Medien zu bemühen. Und dann waren da ja noch die beiden Weibsbilder, die die Virologin Sandra Ciesek interviewten und sie zur Quotenfrau Christian Drostens machten – was wirklich ein echter Gewinn für die Gleichberechtigung der Frau war und ist. Für mich ein Wunder, dass Frau Ciesek angesichts der Frage, ob ihr klar sei, dass sie die Quotenfrau sei, cool geblieben ist.

Fazit: Dummheit regiert. Und Gendern hilft dabei. Nur beim eigentlich angeblichen Ziel – die Gleichberechtigung der Frau (und was ist eigentlich mit den »Diversen«?) – hilft es nicht die Bohne. Ganz im Gegenteil.

Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden

Aufruf

Der Verein Deutsche Sprache e. V. fordert alle Freunde der deutschen Sprache auf, den aktuellen Bestrebungen der Dudenredaktion zu einem Umbau der deutschen Sprache entgegenzutreten. So wird auf den Internetseiten des Duden das in der deutschen Grammatik und im modernen Sprachgebrauch fest verankerte generische Maskulinum abgeschafft: „Mieter: Substantiv, maskulin – männliche Person, die etwas gemietet hat.“ Frauen könnten demnach keine Mieter sein. Damit widerspricht der Duden nicht nur den Regeln der deutschen Grammatik, sondern auch dem Bundesgerichtshof, der im März 2018 letztinstanzlich festgehalten hat, dass mit der Bezeichnung „der Kunde“ Menschen jeglichen Geschlechts angesprochen seien. Die Beschwerde der Klägerin, die von ihrer Sparkasse mit „Kundin“ angeredet werden wollte, wurde kürzlich vom Bundesverfassungsgericht abgewiesen.

Mit seiner Ankündigung, mehr als 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen mit weiblicher und männlicher Form in die Netz-Version des Werkes aufzunehmen, betreibt der Duden eine problematische Zwangs-Sexualisierung, die in der deutschen Sprache so nicht vorgesehen ist. Das biologische Geschlecht (Sexus) ist nicht mit dem grammatikalischen Geschlecht (Genus) gleichzusetzen. „Der Engel“ ist geschlechtslos, „der Scherzkeks“ kann auch eine Frau sein. Noch absurder wird das Vorgehen bei der Betrachtung des Plurals: „Die Ärztekammer“ vertritt Ärztinnen und Ärzte gleichermaßen, ebenso wie das Finanzamt Geld vom „Steuerzahler“ einzieht – unabhängig vom Geschlecht. Wenn wir konkrete Personen ansprechen, sagen wir selbstverständlich „Ärztin“ oder „Lehrerin“.

Indem er diese Grundsätze missachtet, ist der Duden auf dem Weg, seine Rolle als Standard-Referenzwerk für das Deutsche aufzugeben. Indem er Sprache nicht mehr nur widerspiegelt, sondern sie aktiv verändert, widerspricht er seinen eigenen Grundsätzen. Der VDS fordert deshalb den Duden auf, seine Sexualisierungspläne zu überdenken, in Zukunft sensibler und behutsamer mit der deutschen Sprache umzugehen, und sich auf seine ursprünglichen Ziele zu besinnen.

https://vds-ev.de/allgemein/aufrufe/rettet-die-deutsche-sprache-vor-dem-duden/

Schafft sich der Duden selber ab?

Unter dem Titel »Und ewig gendern die Bewegten« war im letzten VDS-Infobrief vom 08.01.2021 zu lesen:


Für 12.000 Bezeichnungen von Berufen, Funktionen oder Personengruppen soll es nun im Duden Online immer zwei Wortartikel geben, so wie den Arzt (männlich) und die Ärztin (weiblich). Was auf den ersten Blick plausibel wirkt (warum eigentlich nicht?), klingt bei folgendem Beispiel wie falsch gesungen: Bisher war der Mieter „jemand, der etwas gemietet hat“, daraus wird nun „eine männliche Person, die etwas gemietet hat.“

Das stößt auf vehementen Widerspruch von Linguisten. Peter Eisenberg in Potsdam nennt das eine „Irreführung des Lesers“: Mieter, Arzt, Schüler „sind sowohl spezifisch männlich als auch generisch, also geschlechtsneutral verwendbar.“ Genau so gebrauche diese Wörter die Sprachgemeinschaft. Der Duden wisse sehr wohl, dass die neuen Definitionen falsch sind. Das sei „völlig unverantwortlich“, die Duden-Redaktion sei dem „aktuellen Gender-Unsinn“ offenbar vollends verfallen, sagt Elisabeth Leiss in München, und Ewa Trutkowski in Bozen hält der Duden-Redaktion entgegen: Mit den so geänderten Definitionen würde die sprachliche Realität eben nicht abgebildet. Damit missbrauche der Duden seinen Einfluss. Ein Wörterbuch sollte den Sprachgebrauch dokumentieren, aber nicht versuchen, ihn zu verändern. (rp-online.de, merkur.de, diepresse.com, welt.de)


Der Kommentar dazu:


Gegenderte Berufsbezeichnungen hört man zwar dauernd, aber stets aus denselben Quellen, den Medien. So wie es Kreise gibt, die einem bekannten Politiker zugestehen, dass er Frauen in den Schritt greifen dürfe, so gibt es Meinungsblasen, die ihre Auffassung in einer – kaum noch bestrittenen – soziologischen Frage mit dem mehrheitlichen, allgemeinen Sprachgebrauch vermengen. Das tun sie erklärtermaßen mit Absicht. Offenbar muss die dumme Mehrheit der Bürger so lange belehrt werden, bis auch sie redet, wie es sich gehört. Ob Umerziehung der Mehrheit Aufgabe der Medien ist, sei nur am Rande gefragt. Bei der Musikauswahl im Radio berufen sich die Medien auf die Wünsche der Mehrheit ihrer Hörer. Also was nun?

Die so vom Gendern Bewegten verwirbeln zwei Dinge, die wenig miteinander zu tun haben. Wer hat denn noch etwas dagegen, die Sache der Frauen zu stärken? Trotzdem lehnen die meisten das Gendern ab, auch die Frauen. Am Ende richtet sich der Zorn der Lernunwilligen gegen die Frauen, die zwar nichts dafür können, aber kaum zu Wort kommen. Einstweilen ernten die Frauen Lippenbekenntnisse, mehr nicht. (ob)


Ich benutze bei meiner Arbeit eine Duden-Software von einer Firma namens EPC, die von solchem Duden-Unsinnsverhalten bislang unbehelligt geblieben ist und hoffentlich auch bleiben wird. Die Software erleichtert mir die Arbeit sehr, während die Website duden.de beispielsweise längst zu einem Ärgernis geworden ist, weil es Autoren gibt, die mir mit Angaben und Aussagen (aus Telefonaten mit duden.de-Mitarbeitern) argumentieren, die völlig an der sprachlichen Wirklichkeit vorbeigehen.
Aber wie auch immer: Für mich bleibt die Genderei vor allem eines: geschlechterfeindlich – gegenüber Frauen und »Diversen«.

Keine Werbung für die Sprache

Stelle ich mir vor, jemand aus der zweifelhaften Riege deutscher Werbefachleute würde einen Werbespot für die deutsche Sprache machen, packt mich gleich beim zweiten gedanklichen Ansatz eher das kalte Grausen. Wie das wohl aussehen würde? Ein Spot mit hübschen Bildern, hübschen Menschen, die Bücher großer deutscher Klassiker lesen – Goethe, Schiller, Mann, Grass, Böll – und in einem weisen Text wird herausgestellt, welche Bedeutung die deutsche Sprache für den deutschen Teil der Menschheit – jedenfalls den, der noch Deutsch kennt und spricht – besitzt, und wenn man sich dann angenehm berührt und von Ehrfurcht und Demut erfüllt zurücklehnt, kommt der Slogan: »So speak more German, friend!« Oder: »German is an attitude«, »straight to the soul of German«. Und nächste Woche bietet Dyson dann den »Wireless Deutsch-Concealer« an …
An den Haaren herbeigezogen?
Ich will es schwer hoffen. Ich bete inständig dafür.
Hoffnungsvoll bin ich indes nicht mehr. Eher im Gegenteil.

Gestern habe ich mir auf RTL das letzte Formel-1-Qualifying angeschaut, das RTL jemals übertragen wird – ab 2021 gibt es die Formel 1 im Fernsehen nur noch bei Sky –, und dabei habe ich mir mal notiert, was in einem der Werbeblöcke so vor sich ging. Vorab gebe ich zu: Die Mischung war noch verhältnismäßig harmlos; ich hatte auf RTL und auf NITRO schon das absolut zweifelhafte Vergnügen einer ganz anderen Mischung, bei der ich mich fragen musste, ob beim Brexit irgendwas mit der eingeschlagenen Himmelsrichtung falsch gelaufen ist.

Und das ging da ab:

Männerbadeanstalt Neukloster, Becken 4 …

  • … Telefonzentrale, mein Name ist Haitel, was kann ich für Sie tun … Heute war Telefontag. Zum Glück telefoniere ich in der Regel – und außerhalb – mit einem Headset.
  • Aber zuerst gab es einen Einkauf bei Famila; siehe dazu meinen Beitrag morgen früh. Und unten. Ganz unten.
  • Danach gab es Kleinkram. Vorbereitungen zum Versand des dritten Ikebana-Buches.
  • Das erste Telefonat war eine Buchhandlung aus Hamburg, die eine Abbestellung ankündigen wollte. Ab-, nicht Be-. Die bekam ich auch gleich per Mail. Was ich bislang nicht bekommen habe, ist die Bestellung. Nur die Ab-, keine Be-.
  • Nach dem mittäglichen Gassigang – kurz, aber arschkalt – musste ein Klappsofa demontiert werden, das meine Gattin (2010–) für neunzig Euro verkauft hat. Es ist im Weg, nimmt Platz weg, behindert ihre angehende Selbstständigkeit als Kranichheilerin und Massagetherapeutin und ihre Weltherrschaft ist auch in Gefahr.
  • Dann Dieter Rieken, der eh schon beanstandet hatte, hier überhaupt nicht mehr aufzutreten. Das ist in der Tat schade, auch, weil sein Buch »Land unter« ausgerechnet in Augsburg ein echter Verkaufsschlager scheint. Und das nur, weil Dieter dort lebt. Denn eigentlich ist er aus dem Norden, den er in seinem Buch hat untergehen lassen, und dort interessiert man sich praktisch gar nicht für das Werk. Möglicherweise ist man stinkig, dass er von Norderney nur das oberste Geschoss eines Hochhauses übrig gelassen hat. Kleingeister, kleingeistige.

  • Wir unterhielten uns über Norbert Stöbes Buch »Kleiner Drache«, auch so ein unauffälliges Meisterwerk, das nicht nur spannend geschrieben ist, sondern auch vielschichtig viele Interpretationsansätze bietet. Dieter wollte sich meiner Sicht der Welt versichern, bevor er sich mit Norbert über das Buch unterhalten will. Dieter ist ein Rezensionsschreiber, der sich echte Mühe gibt und nicht nur einige Phrasen runterhackt oder Ameisen fickt, die gerade seinen Pfad zu kreuzen scheinen.

  • Nachfolgend gab es dann zwei Telefonate – eines lang, eines kurz – mit Jörg Weigand. Die sind inzwischen normal. Täglich. Manchmal gibt es auch einen Tag Pause. Ich glaube, ich würde mir Sorgen machen, wären es zwei Tage Pause. Aber das findet nicht statt.
    Wir unterhielten uns über ein Projekt für einen fetten Bildband mit Storys, die von den Bildern inspiriert wurden. Es ging um das inhaltliche Konzept – SF und Weird Fiction werden wir trennen, um Durcheinander zu vermeiden –, um die Frage des Layouts, wer was genau zu machen hat, machen will und machen wird. Darüber hinaus vereinbarten wir, eine Auflage X – es wird eine Schnapszahl sein: 33, 44, 55 Ex., so was in der Art – als Hardcover zu machen und eine Subskription anzubieten.

Beim morgendlichen Einkauf fiel mir einmal mehr auf, dass immer mehr Produkte irgendwelche englischen Namen, Bezeichnungen, Beschriftungen aufwiesen. Ich überlegte, ob jemand, der des Englischen nicht mächtig ist und zur Vermeidung von Fehlkäufen nur rein deutsche bezeichnete Produkte kaufen möchte, vermutlich verhungern würde. Unser Land ist echt arm. Die Leute, die für Produktentwicklungen verantwortlich sind, sind drogensüchtig und vom ständigen Masturbieren verblödet, die, die die Produkte verkaufen, sind geldgierig und rücksichtslos, jedenfalls dann, wenn sie nicht wichsen und Drogen nehmen, und die Kunden, die sich das gefallen lassen, schauen kalt lächelnd zu, wie die des Englischen nicht Mächtigen elendiglich verhungern, während sie, die Ignoranten, sinnlose Anglizismen zu gendern versuchen. Ich glaube, die Deutschen werden nicht aussterben, weil sie keine Babys … fck! Kinder mehr machen.

Das generische Femininum

oder

Die Forderung nach sprachlicher Gleichberechtigung des Mannes

Im gesamten Universum der Genderunfugler hackt man ständig auf dem generischen Maskulinum herum, dieser Errungenschaft, die bewirkt, dass mit »dem Bürger« alle Geschlechter gemeint sind: Männer, Frauen, Kinder, Transen, Diverse, Sonstige, Alleanderen. Genderunfugler sind der Ansicht, die Argumentation pro generischem Maskulinum sei eine Ausrede, das stimme nicht, das müsse geändert … nein, gegendert werden.

Übersehen wird dabei zum einen die Historie, nein, sie wird sogar als Argument genau dafür angeführt, wie frauenfeindlich das generische Maskulinum sei. (Man wartet förmlich darauf, dass sich die Diversen, Sonstigen und Alleanderen melden und fragen, warum das generische Maskulinum nur frauen-, nicht jedoch diversen-, sonstigen- und alleanderenfeindlich sei. Aber diese Gruppen haben möglicherweise ganz andere Probleme. Oder einen funktionierenden Intellekt.) Bis zum ersten Auftreten der Genderseuche hat das Deutsche mit dem generischen Maskulinum wunderbar funktioniert und mit dessen Hilfe literarische Meisterwerke – nur als Beispiel – geschaffen, die zur Weltliteratur gezählt werden. (Ich verkneife mir die Beispiele. Die großen deutschen Autoren, von Goethe, Schiller über Mann bis Brecht und Konsalik, sie alle sind freilich schuldig.)

Die Genderunfugler übersehen auch, dass sie allen – nicht nur sich selbst – den Blick auf das eigentliche Problem versperren: Mit ihrem Blödsinn schafft es keiner, Frauen zu einem gleichen Gehalt für gleiche Arbeit zu verhelfen. Mit Verbrechen an der deutschen Sprache findet keine Frau einen Job, der vermeintlich Männern vorbehalten ist – sei es in typischen Männerberufen, z. B. im Handwerk, sei es in den Vorstandsetagen von Aktiengesellschaften und Konzernen. (Und wohlgemerkt: Hier geht es nicht nur um Frauen, sondern auch um die Diversen, Sonstigen und Alleanderen.) Das einzige, was die Genderspinner schaffen, das ist, das Texte unleserlich werden und niemand mehr versteht, worum es eigentlich geht.

Aber das alles ist nicht das wirkliche Problem. Das wirkliche Problem ist die Männerfeindlichkeit der Genderei (zur Frauenfeindlichkeit verweise ich auf den Beitrag »Auf den G-Punkt« vom gestrigen Tage). Da wird immer nur auf dem generischen Maskulinum herumgehackt – und niemand interessiert sich für die Ungerechtigkeit des generischen Femininums, das nicht nur totgeschwiegen, sondern gerade von Genderhonks vermutlich in seiner Existenz bestritten wird. Und doch ist es »die Sonne«, »die Wahrheit«, »die Zukunft«, »die Möglichkeit«, »die Gelegenheit« und letztlich »die Tatsache« – und natürlich vieles mehr –, die dem Manne sprachlich vorenthalten werden; und von den grundsätzlich femininen Pluralen sei hier gar nicht die Rede (weil hier der Genderfuzzi erkennen könnte, dass Genus eben doch nicht Sexus ist!).

Und so fordere ich die Herstellung der sprachlichen Gleichbehandlung des Mannes, indem ich im kommenden Sommer meinen Sonnenbrand dem Sonne!r zu verdanken habe und ich in dem Zukunft!er den Möglichkeit!er erhalte, den Wahrheit!er als Tatsach!er betrachten zu dürfen. Und bei diesem Gelegenheit!er möge uns Männern das Ausrufezeichen als Gendersternchen dienen dürfen.

Auf den G-Punkt

»Geschlechtergerechte Sprache« ist das Gegenteil dessen, was sie vorgibt zu sein. In Wahrheit ist sie frauendiskriminierend und -herabsetzend. Während man den Männern ohne Weiteres genug Verstand und Intelligenz zuspricht, zu erkennen, dass sie auch mit grammatikalisch weiblichen Ausdrücken wie »Person«, »Aushilfe«, »Koryphäe« oder »Niete« etc. gemeint sein können, traut man den Frauen diesen Abstraktionsschritt nicht zu. Man unterstellt, sie könnten sich nur »gemeint« fühlen, wenn für sie ein auch grammatikalisch weiblicher Ausdruck verwendet wird. Diese Ungleichbehandlung in der Zuschreibung von Intelligenz und Sprachkompetenz ist antiemanzipatorisch und rückschrittlich.
Wer gendert, hält Frauen offenkundig für intellektuell überfordert, die Prinzipien der Sprache zu verstehen.

[Leserbrief im Online-Magazin Publico, 27.09.2020, gelesen in den VDS-Sprachnachrichten 88 (IV/2020)]

Schlimmer als Denglisch: Werblisch

Zahllosen Menschen ist das richtige Gefühl für die deutsche Sprache längst verloren gegangen. Man wird allerorten mit denglischem Kauderwelsch zugemüllt. Besonders Coole benutzen massenhaft Begriffe, deren wirkliche Bedeutung sie nicht kennen – Hauptsache, man kann sich cool geben. Nur noch die deutsche Sprache in ihrer reinen Form zu verwenden, das ist nicht mehr cool. Ähm … cool … genau.

Aber es geht noch schlimmer als Denglisch. In der Werbebranche ist inzwischen noch mehr geboten: Werblisch ist eine Sprachverderbnis, die inzwischen dazu führt, dass man mitunter überlegt, wo gleich das Wörterbuch untergebracht war. Oder benutzt man doch gleich den Google Translator … ach, nein, selbst Google nennt den ja auf seiner deutschen Seite »Übersetzer«! Wer hätte gedacht, dass Google eine Vorbildrolle für sich in Anspruch nehmen könnte …

Aber ich schweife ab.

Werblisch also. Inzwischen gibt es für manche Produkte nicht mal mehr deutsche Bezeichnungen. Die Kosmetikindustrie ist da ganz vorne, und das sogar bei einer traditionell deutschen Firma wie Beiersdorf mit ihrer Nivea-Produktpalette. Da wird aktuell ein Antipigmentfleckenprodukt namens »Cellular Luminous« angeboten – what? Ist das eine Wandfarbe – wohl auch für außen? Oder der »Nivea Skin Guide«, eine App – fck! – zur »Hautanalyse per Selfie«. Und für die, die es am liebsten ganz ohne Deutsch hätten, gibt es das »Nivea Invisible for Black & White Deo« – assholes! Das hört sich an wie ein genehmigungspflichtiger Kampfstoff aus dem Irakkrieg. Und der »Nivea Hyaluron Cellular Filler« ist vermutlich Fensterkitt oder ein Dichtmittel für Risse, worin auch immer.

Die Kosmetikbranche hat ja noch so viel Anstand, in den meisten Werbespots – die sich jetzt vor Weihnachten wieder massiv häufen – die Fresse zu halten, nur Musik zu machen und dem – natürlich nicht-deutschen – Produktnamen eine Stimme zu geben. Ausreißer aber auch hier: Boss wirbt mit Chris Hemsworth in seinem Filmchen für das Produkt »BOSS Bottled«. Der Spruch dazu: »Be the Man of Today«. Gut. Die Franzosen nennen es folgerichtig »soyez l’homme d’aujourd’hui« – denn Französisch ist den Franzosen heilige Sprache. Und die Deutschen? »Sei der Man of Today …« – da fällt mir nur noch ein fig cocksucker! ein.

Und selbst seinen Haushalt kann man nicht mehr mit deutsch benannten Produkten reinigen. Die Firma Love Nature, die sich aktuell mit veganen Reinigungsmitteln in der Werbung breitmacht, hat ja schon bei ihrer »Liebe zur Natur« sprachlich versagt. Moonflower (vulgo: Mondblume), Cherry Blossom (vulgo: Kirschblüte), Cactus Leaves (vulgo: Kaktusblätter), Verbena (vulgo: Eisenkraut) heißen die Duftrichtungen für Spül- und Waschmittel und allerlei anderes Gedöns. Was zum Henker ist an einer Duftrichtung »Kirschblüte« auszusetzen?

Werbung kann man praktisch nicht aus dem Weg gehen, möchte man sich nicht völlig von der Außenwelt abkoppeln, Radio und Fernsehen abgeschaltet lassen und sich ansonsten mit Scheuklappen, Sonnenbrille und Mickymäusen gegen jeden werblischen Affront wappnen. Aber am Ende frage ich mich mehr und mehr, wie übel man als Werbefuzzi drauf sein muss, um der Deutsch sprechenden Welt solchen überflüssigen und die Sprache verderbenden Unsinn zuzumuten. Die deutsche Sprache kann Fremdworte durchaus vertragen – das konnte sie schon immer. Aber das, was da in der Werbung geschieht – und auch an vielen anderen medial zugänglichen Orten –, das entbehrt jeglicher Notwendigkeit. Büro, Computer, Telefon, Radio … viele Begriffe, die wir heute für urdeutsch halten, haben einen anderen sprachlichen Ursprung, und es hat sich als vernünftig erwiesen, sie zu verwenden. Man kann ein Büro auch Kontor nennen (auch ein Fremdwort), einen Computer Rechner, ein Telefon Fernsprecher (und ein Fax Fernbild!), ein Radio Rundfunkempfänger … Es zu tun schadet nicht. Es nicht zu tun aber auch nicht.

Am Ende wird sich nichts ändern. Die Werbung wird weitermachen, immer weitermachen, und spätestens die Jugend wird’s übernehmen, nach und nach die deutschen Gegenstücke vergessen und irgendwann – was ich zum Glück wohl nicht mehr erleben werde – wird Esperanto mehr deutsche Worte enthalten als die deutsche Sprache selbst. Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage doch noch Französisch lernen; diese Sprache wehrt sich schon klanglich erfolgreich gegen Anglizismen, wie es scheint.

Deutsche Sprache in Zeiten der Corona

Der folgende Text wurde am 05.10.2020 als Vorwort der ANDROMEDA NACHRICHTEN 271 des SFCD e.V. verfasst und heute, am 31.10.2020, leicht überarbeitet. Ich halte ihn für würdig, an dieser Stelle noch einmal veröffentlicht zu werden.

Man verzeihe mir die Anlehnung an einen Romantitel. Und das Thema hat – das kann ich versprechen – nichts mit dem Virus, mit Maßnahmen und Protesten dagegen zu tun. Es geht vielmehr um etwas, für das eigentlich auch der Science Fiction Club Deutschland steht: die deutsche Sprache.

Ich bin seit einigen Wochen Mitglied im Verein Deutsche Sprache e.V., dem VDS. Es ist für jemanden wie mich, der nicht nur in den ANDROMEDA NACHRICHTEN, sondern auch als Verleger, Lektor und Korrektor viel mit der deutschen Sprache arbeitet, eine spannende und durchaus belebende Erfahrung, mitzubekommen, wie in der Realität mit der deutschen Sprache umgegangen wird. Es geht nicht nur um »Genderunfug« und nicht nur um die Seuche der Anglizismen, die unsere Sprache Wort für Wort, Begriff für Begriff zu etwas degradieren, das letztlich zu einem Dialekt wird oder zu einer aussterbenden Sprache wie das Saterfriesische (ein Dialekt des Friesischen, das kein Dialekt ist, sondern eine Sprache) und das Rätoromanische in der Schweiz.

Die Seuche der Anglizismen wurde ausgerechnet auch durch einen anderen Seuchenverursacher in den letzten Wochen und Monaten weiter verbreitet. Begriffe wie Lockdown, Shutdown, Homeoffice, Homeschooling, Social Distancing und andere liest und hört man überall: Nachrichten in Zeitungen, Zeitschriften, im Fernsehen und im Radio hören sich bisweilen an, wie man sich das Pidginenglisch asiatischer Völker vorstellen mag. Beschäftigt man sich damit, dann fragt man sich, war es keine Heimarbeit (statt Homeoffice) und keinen Hausunterricht (statt Homeschooling) mehr gibt. Man fragt sich auch, was die Einzelhaft nach einer Gefangenenrevolte (Lockdown) mit den Corona-Maßnahmen in der Anfangszeit der Seuche zu tun hat. Oder was man sich unter einem sozialen Abstand vorzustellen hat. Auf jeden Fall versteht man, warum die Tagesschau der ARD und die heute-Nachrichten des ZDF für ihren Umgang mit der deutschen Sprache den »Sprachpanscher 2020« des VDS bekommen haben.

Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, ist vom Ausgang der Sprachpanscher-2020-Wahl nicht überrascht: »Die meisten unserer Mitglieder kritisieren, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht werden und ihr Publikum stattdessen mit Wörtern konfrontieren, die unnötig sind.« In Zeiten von Corona haben die Nachrichtenflaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing, Homeoffice usw. nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen. »Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren. Die Devise ist: Nachplappern statt sinnvolle Übersetzungen finden, die alle verstehen«, kritisiert Krämer, »einer Vorbildfunktion mit Bildungsauftrag werden die Öffentlich-Rechtlichen so nicht gerecht.« [Zitat von vds-ev.de]

Was das mit den ANDROMEDA NACHRICHTEN zu tun hat?

Ich habe in der Vergangenheit schon Beiträge entgendert, wo es unnötig war. Selbst die im Journalismus und der Politik krankhaft gewordene Angewohnheit, von »Bürgerinnen und Bürgern«, »Soldatinnen und Soldaten«, aber nicht von »Idiotinnen und Idioten« zu sprechen, ist lästig und unnötig, stört den Lesefluss an sich interessanter Beiträge und ist keinesfalls unterstützenswert. Von Schrägstrichen, Unterstrichen, Gendersternchen, Klammern und anderem Unfug will ich gar nicht anfangen. Wer sein Geschlecht in Begriffen wie Bürger, Soldat oder Idiot nicht vertreten fühlt, hat ein Problem mit seinem Minderwertigkeitskomplex – und übersieht bei seiner offensichtlich intensiven Beschäftigung mit demselben, dass mit Genderei nicht nur kein Ziel – z. B. das der Gleichberechtigung von Mann und Frau – erreicht wird, sondern auch die deutsche Sprache mit Füßen getreten wird.

In der gleichen Art und Weise werde ich zukünftig auch mit unnötigen und unpassenden Anglizismen umgehen. Die Science-Fiction lebt ganz sicher von ihnen und mit ihnen – aber diese Anglizismen haben in der Regel ihren guten Grund.

P.S.: Es gab schon Bemühungen, mir einzureden, dass in einem bestimmten Fandom die Genderei auch gesprochen wird und so geschrieben werden muss. Der Beitrag ist in einer SFCD-Publikation erschienen – aber die Unfugversion haben die Autoren anderenorts veröffentlichen dürfen.
P.S.: Die deutsche Verteidigungsministerin wollte in der Bundeswehr weibliche Dienstgrade einführen: »Leutnantin« hat prompt sogar der Google Translator übernommen und sich damit als glaubwürdige Übersetzungsplattform diskreditiert. Die Pläne von Frau Kramp-Karrenbauer sind vom Tisch: Gerade vonseiten der weiblichen Soldaten (sic!) wehte ihr ein deutlicher Gegenwind entgegen.