Der GEDANKENverNETZer: Herbert W. Franke (1927–2022)

Der GEDANKENverNETZer um 1960, 33jährig (Archiv JvS)

Unter diesem Titel hat Jürgen vom Scheidt einen sehr schönen und sehr ausführlichen Nachruf auf unseren kürzlich verstorbenen Herbert W. Franke veröffentlicht. Schwer lesenswert.

Herbert W. Franke, 95jährig, im Mai 2022 bei der Eröffnung seiner Ausstellung »Visionär« in Linz (Foto: Francisco Carolinum)

Hühnchen im Bild

Ich berichtete hier von der kleinen Hühnerfamilie in der Nachbarschaft. Da gab es noch keine Fotos, aber inzwischen kann ich eines nachliefern. Zugegebenermaßen ist es nicht sehr gut, weil mit dem Blackberry in der höchsten Vergrößerung aufgenommen. Und auch der Ausschnitt macht es nicht besser. Aber immerhin erkennt man, dass es sich um drei Küken handelt. Und Frau Henne war an diesem Tag allein mit den Kindern unterwegs, sodass ich den Hahn noch immer schuldig bleiben muss.

Das reicht ja noch nicht

Nein, das, was ich schon dokumentarisch – genau hier – festhalten durfte, war den neuen Besitzern des Hauses in unserer Nachbarschaft nicht genug. Nachdem es zunächst so aussah, als dürfte die verbliebene Bepflanzung – ein Rhododendron, wie ich annehme – stehen bleiben, ist das nun auch Vergangenheit:

Dem Inneren des Hauses geht es ähnlich gut – aber das ist okay (auch wenn ich die Kiste einfach abreißen und neubauen würde, aber das ist im Augenblick wohl zu teuer). Aber wie man mit dem Außenbereich des Hauses umgeht – und ich fürchte, das war immer noch nicht das Ende –, das kann und will ich nicht verstehen.

Eine Hühnerfamilie

Es gibt noch echte Natur, einfach so um die Ecke. Der Norderweg zu Winnert hat eine Abzweigung nach Norden, wo es in die Felder geht, eine Freilaufstrecke für unsere Hunde. Gleich am Anfang gibt es einen ehemaligen Hof, ein Haus mit den typischen Stallanbauten. Als Hof genutzt wird er nicht mehr. Der große Stall ist finster, leer, ungenutzt.

Leer und ungenutzt? Mitnichten! Vor längerer Zeit ist dort ein Hahn eingezogen und hat sich eingenistet. Niemand wollte ihn verjagen, obwohl es Gerüchten zufolge in einiger Entfernung Nachbarn geben soll, die sich am morgendlichen Kikeriki stören. Und irgendwann tauchte dann auch seine Henne auf.
Beide Tiere sind keine Haustiere, kein Haushahn, keine Haushenne. Der Hahn ist sehr groß, fast dreimal so groß wie seine Henne. Seine Färbung ist ungleichmäßig und eher grau mit farbigen Einsprengseln. Und die Henne ist sehr klein, wie gesagt, ganz schwarz, mit einem roten Kamm.

Und letztens entdeckte ich die zwei, die gerne unterwegs sind, durchs Gras spazieren – in Begleitung von mehreren Küken. Ich zählte mindestens drei, vielleicht waren es auch vier. Die Kleinen spazierten mit den mutmaßlichen (gnfrz!) Eltern durch das Gras, und um überhaupt etwas zu übersehen, sprangen sie immer wieder hoch, schlugen mit den kleinen Flügelchen und hüpften so durch das Gelände.
Ein Foto gelang mir leider nicht. Die Handykamera war zu langsam, die Entfernung auch zu groß. Ich wollte mich nicht nähern, um die kleine Familie nicht zu verscheuchen; außerdem hatte ich zwei meiner Hundemädchen dabei, das wäre nicht gut angekommen. Und man muss ja heutzutage nicht alles, was man erlebt, mit einem Bild beweisen. Wer meine Geschichte nicht glauben möchte, kann das gerne tun. Ich freue mich derweil auf die hoffentlich baldige nächste Begegnung mit der Hühnerfamilie. Mit einem Stückchen Natur, das existiert, weil man es einfach sein lässt.

Kim 11

Nein. Sie ist nicht jünger geworden. Leider. Sie ist immer noch 12 Jahre alt. 12 ½ inzwischen.
Aber heute vor 11 Jahren haben wir sie zu uns geholt. In einem kleinen Tierheim in Odelzhausen (bei München) abgeholt. Da war sie gerade mal einen Tag in Deutschland. Mit einem Transporter aus Ungarn gekommen. Wir hatten vorher Bilder von ihr bekommen. Nachdem wir zuvor schon einmal dort gewesen waren. Da war sie noch nicht da. Und die Hunde, die da waren, waren nicht unser Fall.

Kim 2011, eines der Fotos, die wir bekamen, bevor wir uns für sie entschieden. Eines der Fotos, wegen denen wir uns für sie entschieden.

Als wir sie holten, war sie irgendwie klein. Unscheinbar. Müde von der langen Fahrt aus Ungarn. Sie nahm ein paar Leckerlis. Und wirkte abwesend. Wir hatten noch nichts. Keine Box, keine Ausrüstung im Wagenheck. Sie lag zwischen den Füßen meiner Frau im Fußraum. Was in den ersten Stunden daheim passierte, daran erinnere ich mich nicht mehr.
In den ersten Tagen zeigten sich die bei Hunden aus den ehemaligen Ostblockstaaten typischen Probleme. Angst vor Männern, jedenfalls Abneigung gegen diese. Kein Wunder. Die Tierfänger in diesen Ländern sind nicht nur ausnahmslos Männer, sondern auch Arschlöcher. Nicht nur, dass Kim – die eigentlich Gigi heißt, aber so nennt man keinen Hund – von einem Metzger sterilisiert wurde: Die Narbe ist gute zwanzig Zentimeter lang (heute sieht man sie kaum noch). Später erfuhren wir, dass auf sie geschossen wurde – nicht ungewöhnlich nach einem anderthalbjährigen Leben auf der Straße (zwei Diabolos wurden entfernt, der dritte sitzt verkapselt und harmlos direkt an der Lunge).

Kim 2011. Noch eines der »Werbefotos«. Hier hatte sie sehr große Ähnlichkeit mit meiner ersten Kim …

Kim zeigte mir meine Grenzen. Der Umgang mit ihr war schwierig. Ich dachte nach der ersten Kim, die ich hatte, ich würde mich auskennen. Aber ich machte Fehler. Die Teleskopleine, die mir aus der Hand fiel und hinter dem armen Hundemädchen herjagte, die erfolglos zu flüchten versuchte, zum Glück nur bis zur Haustür. Es gelang mir zwar, als Futtermeister eine Rolle zu spielen. Aber es blieb schwierig. Einmal biss sie mich in die Hand – mein Fehler, eindeutig.
Am Ende war es eine Hundetrainerin, die den richtigen Weg zeigte. Mit einer Wasserpistole. Durch sie – die Trainerin und die Wasserpistole – lernte Kim, dass ich derjenige war, bei dem sie in Sicherheit war. Und das war der Hebel, der umgelegt werden musste.

Kim im Februar 2022. (Hinter ihr Naomi.)

Heute ist Kim alt. Ich liebe sie. Wir lieben sie. Sie ist immer noch kein vollständig einfacher Hund. Sie lässt sich ungern knuddeln. Aber sie ist ein wundervoller Hund geworden, wundervoller, als wir jemals vermutet hätten.
Und heute ist sie alt. Sie schläft viel. Wenn sie nach dem Schlaf aufsteht, ist sie wackelig. Und auch draußen läuft sie eher wackelig. Und nicht mehr so lange. Längst nicht mehr so lange. Fünfzehn, zwanzig Minuten, selten mehr. Kurze Strecken, manchmal nicht mal mehr ein Kilometer.
Sie ist alt. Wir vermuten, dass sie uns in absehbarer Zeit verlassen wird. Über die Regenbogenbrücke gehen wird, wie man als Hundebesitzer sagt. Wir hoffen, dass sie einfach einschlafen wird, dass wir sie nicht wegen irgendetwas einschläfern lassen müssen. Und irgendwie stehen die Chancen gut. So alt sie ist, eines ist unverändert: Ihr Hunger, ihr Appetit auf alles, was essbar ist – inklusive Obst und Gemüse in jeder Form.
Heute vor elf Jahren haben wir sie zu uns geholt. Es war eine gute Entscheidung. Es ist noch immer eine gute Entscheidung. Und es wird eine gute Entscheidung bleiben.

Es ist schön, dass du bei uns bist, Moppelkäfer.

Wenn man mit der Susi geht

Lange Gassigänge sind mit Kim nicht mehr drin. Zwanzig Minuten, manchmal dreißig, im Schneckentempo. Die Gassigänge morgens mit Frauchen sind fast schon rekordverdächtig.
Und wenn Frauchen nicht arbeitet und Schwimmen angesagt ist, geht Naomi mit – denn das Schwimmen kann der Maus nicht schaden.
Diese Szenarien sind für mich die Gelegenheit, mit Susi lange Gassigänge zu machen. Sie sind auch der Beweis, dass Susi nicht nur »Strecke macht« wenn sie – zusammen mit Naomi – abhaut und »auf Tour geht« (siehe hier, hier und hier).

Am letzten Freitag war wieder einmal so ein Tag. Susi und ich gingen Gassi. Allein. Miteinander. Und die Strecke bin ich lange nicht gegangen. (Unterwegs erinnerte ich mich daran, dass ich noch vor einem Jahr die Strecke mit Naomi und einer völlig fitten Kim gelaufen bin. Wie schnell das geht … das mit Kim … Aber das ist hier nicht das Thema.)

1 Wir starteten natürlich daheim im Norderweg 31. Dann in den Süderweg, an der Feuerwehr und der alten Schule vorbei, ein Stück die Hauptstraße entlang und dann in den Straußweg.
2 Hier musste sich entscheiden, wie der Weg weitergehen würde. Dort ist eine der Zufahrten zur zweiten Winnerter Biogasanlage, deren Betreiber ein wenig seltsam ist. Er – oder einer seiner Leute – fährt ganzjährig mit einem der hier üblichen riesigen Traktoren und einem Gülleanhänger durch die Gegend, ob nun geodelt wird oder nicht. Immer mit Anhänger, immer zu schnell. Und dann gibt es noch ein paar Geschichten.
An der Stelle jedenfalls gibt es ein Gatter. Oft ist es geschlossen, aber nicht immer. Seit einigen Monaten ist ein Betreten-verboten-Schild angebracht. Sinnigerweise. Der Weg führt links zur Biogasanlage, rechts herum geht es Richtung Süden, zwischen Feldern hindurch. Der Witz an dem Gatter und dem Verbotsschild ist ein schlechter: Denn kommt man aus der anderen Richtung, gibt es keine Schilder, keine Gatter, keine Sperren, nichts.
Diesmal war das Gatter offen und ich entschloss mich, das Verbotsschild so zu interpretieren, dass es ja nur gültig sein konnte, wenn das Gatter geschlossen war. Außerdem … Egal.
Der Feldweg nach dem Gatter und vor dem Punkt 3 auf der folgenden Karte lässt sich mit Google Maps nicht markieren. Vermutlich, weil es sich um ein Privatgrundstück handelt.

3 Dort betrifft man wieder die Welt, die Google Maps für Routenplanungen berücksichtigen kann.
Dort findet sich ein kleines Gebäude, das möglicherweise sogar bewohnt ist. Genaues weiß man nicht.
4 Hier befindet man sich an einem neuralgischen Punkt. Denkbarerweise nicht ungefährlich. Ginge man links herum, käme man an einem Grundstück vorbei, auf dem ein Hund lebt, der in Winnert als gefährlich bezeichnet wird und es wohl auch ist. Hannelore heißt die Hündin, ist ein sogenannter Listenhund, ein sehr großes Exemplar, vermutlich ein American Staffordshire oder ein Pitbull. Angeblich hat der Hund schon andere Hunde angegriffen und verletzt. Und die wenigen Male, bei denen ich Hannelore und ihren Haltern begegnete, hat sich für mich vor allem die Erkenntnis durchgesetzt, dass Herrchen zwar kräftig, aber wie Frauchen erzieherisch mit dem Mädchen leicht überfordert scheint.
Wie auch immer: Ich wollte sowieso rechts herum. Aber aus unerfindlichem Grund kam mir in den Sinn, was geschehen könnte, würde sich Hannelore losgerissen haben und uns verfolgen. Und ich hatte Carbönchen nicht mitgenommen. Irgendwie schien sich das auf Susi zu übertragen, denn sie blickte sich dauernd um, immer wieder, bis wir an der nächsten Ecke links abbogen und die Verlängerung von De Beck – so heißt die Straße, an der Hannelore wohnt – verließen.
5 Ein Stück Landstraße. Gut gehbar. Vor allem, wenn kein Verkehr ist. Wie überall im Lande gibt es auch auf dieser Strecke Idioten, die weder richtig ausweichen können noch es für möglich halten, den Fuß kurz vom Gas zu nehmen, geschweige denn zu bremsen.

Am Ende waren wir eine Stunde und fünfzehn Minuten unterwegs. Susi war noch fit, ich auch – obwohl ich lange nicht mehr so lange Gassigänge gemacht habe. Und es war ein schöner Gassigang. Wenn Susi allein mitgeht, dann läuft sie mehr; ist Naomi dabei, wird mehr geschnüffelt. Und so freue ich mich schon auf den nächsten Gang mit Susi …

Kim: Ein Ende in Sicht?

Es ist wohl nicht ungewöhnlich, aber ich empfinde es als unangenehm, immer öfter darüber nachzudenken, wie lange Kim wohl noch bei uns sein wird. Sie ist alt geworden. »Nur« 12 ½ Jahre alt – und doch. Sie schläft tiefer als früher, sie schwankt, wackelt, stolpert, wenn sie lange gelegen hat und aufsteht. Sie zeigt die gleichen Symptome wie Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben und physisch nicht mehr unbeeinträchtigt sind. Und doch …

Seit einigen Tagen verliert sie ihre Leistungsfähigkeit. Sie geht immer noch gerne los zum Gassigang, so ist es nicht. Und sie bemüht sich auch, aber man merkt, dass es nicht mehr so geht. Was möglicherweise auch mit den steigenden Temperaturen und dem Sonnenschein zu tun hat (ein schwarzer Hund lädt sich halt schneller auf als ein hellerer). Oder eben einfach damit, dass es nun langsam so weit ist.

Am Ostersamstag gingen wir mittags eine der Standardstrecken, aber es dauerte deutlich länger als sonst, denn Kim ging langsam, legte sich sogar einmal hin und setzte sich zur Leckerligabe von sich aus, was sie sonst nie tat. Nachmittags ließ ich sie frei laufen, und als sie sichtlich nicht mehr konnte, brachten wir sie heim und ich drehte noch eine Runde mit Naomi und Susi allein.
Am Sonntag ließ ich sie mittags weiterschlafen, weil sie von selbst nicht wach wurde, und ging mit Naomi und Susi eine Runde allein. Als wir heimkehrten, war Kim wach, machte aber keine Anstalten, noch hinaus zu wollen. Der Nachmittagsgang war dann kurz. Ich ließ Kim wieder frei laufen, weil sie dabei noch am agilsten wirkte – aber die Strecke war nicht lang.
Und am Montag war das Bild unverändert. Die Mittagsstrecke war kurz und Kim sichtlich erschöpft. Sie stürzte zwei Mal und kam von selbst nicht wieder hoch, und ich traf die Entscheidung, zukünftig die Gassigänge aufzuteilen: Eine kurze Runde im Freilauf für Kim, danach eine große Runde für Naomi und Susi (die beide sowieso nicht wirklich ausgelastet sind, was die Gassigänge angeht).
Am Montagnachmittag funktionierte das dann ganz gut: Kims Strecke war kurz, wie gehabt, aber sie lief ganz ordentlich, wenn auch nur mit zusätzlichem Leckerli-Antrieb – ein Leckerli, zehn Meter zügig laufen, langsamer werden, Herrchen vorbei lassen, nächstes Leckerli. Müde war sie trotzdem, aber sicher nicht mehr hungrig. Und Naomi und Susi hatten danach auch ihren Spaß …

Ich denke, ich werde diese Aufteilung beibehalten. Mit drei Hunden an der Leine zu laufen, ist sowieso nicht das Einfachste. Aber wenn eine der Moize nicht mehr richtig mitziehen kann, dann ist das auch kein Spaß mehr. Und vielleicht tut es Kim am Ende doch ganz gut …

Ein Tag wie heute

– ist nichts Besonderes.

  • Zwei Gassigänge bei Regen. Beide Male zeigte das Regenradar an, es sei trocken; beide Male spendierte mir man meinen persönlichen Schauer. Danke.
  • Am Vormittag stellte ich das Lektorat für ein auf den Kapverden angesiedeltes Buch fertig. Dazu eine lange und ausführliche Mail an die Autorin. Inzwischen steht fest, dass ich den Buchsatz machen darf.
  • Nachmittags das Layout von Ron Müllers Neuausgabe „Das Zwillingsparadoxon“ fertiggestellt.
  • Und den Rest des Abends (bis maximal 20 Uhr) geht es um das Layout des neuen Romans von Gabriele Behrend, „Das Dorf auf dem Grunde des Sees“, eine fantastische Geschichte mit dem bei ihr üblichen Tiefgang.

Ein Tag wie heute – wird sich so ähnlich wiederholen. Vielleicht. Bestimmt.