[Susi] Wenn zweie einen Gassi tun

Es ist wieder Zeit für lange Gassigänge. Vor allem, wenn Naomi beim Schwimmen ist. Dann kommt Susi ins Geschirr, an die Leine – und ab auf die Strecke. Heute waren es gleich mal anderthalb Stunden durchs Wilde Moor:

Gestartet wurde natürlich daheim, aber den Tracker habe ich erst hinter der Zimmerei Opitz eingeschaltet.

[Kim] Das Ende ist da oder »She’s dead, Jim«

Andrea, unsere Hundephysiotherapeutin, bei der Kim so oft schwimmen war – zuletzt am Tag ihres Todes –, meinte, dass Kims Blick leer geworden sei. Die Tierärztin, die abends dann bei uns war, stellte fest, dass Kim überhaupt nicht mehr wirklich reagierte. Sie lag da, in unserer Diele – das war der Raum mit dem meisten Platz drumherum –, regungslos fast.
Sie bekam eine Spritze zur Beruhigung, zum Einschlafen. Sie wirkte schnell. Die eigentlich tödliche Spritze Pentobarbital war ein Riesenteil und die Tierärztin versicherte uns, dass die Dosis reichte, um auch größere Hunde in den Hundehimmel zu schicken. Kim würde nicht leiden – und tat es auch nicht, denn nach nicht einmal drei Minuten hörte ihr Herz zu schlagen auf.

Es war vorbei.

Durch geöffnete Fenster ließen wir ihre kleine Seele gehen; das ist so ein Brauch, die Fenster zu öffnen. Wir ließen ihren Körper in der Diele liegen, damit Naomi und Susi Abschied nehmen konnten, was sie nicht wirklich taten, nicht so, wie wir das vielleicht erwartet hätten. Hunde machen das vermutlich einfach anders.
Für die Nacht legten wir sie in den Hauswirtschaftsraum, weil es dort kühl war.

Kim war gegangen, obwohl ihr Körper noch da war.

[Kim] Das Ende des Wegs in Sicht

Sie schlief immer mehr, immer länger.
Ihre Gassigänge wurden immer kürzer, am Ende waren es vielleicht noch hundert Meter, vielleicht hundertfünfzig. Oft fand sie den Weg aufs Grundstück nur deshalb, weil wir sie führten; und manchmal schien es, als wolle sie gar nicht zurück nach Hause.
Irgendwann lehnte sie das Nassfutter ab, von einem Tag auf den anderen. Danach bekam sie Trockenfutter, ein spezielles, weil sie Probleme mit Struvitsteinen in der Blase hatte. Und auch von diesem aß sie immer weniger, und das meiste davon musste man ihr regelrecht füttern.
Sie bekam Probleme beim Aufstehen. Weil unsere Böden glatt waren, hatten wir jede Menge Teppichläufer verlegt, aber sie fand fast zielsicher immer die glatten Stellen dazwischen.
Sie schien dement zu werden, obwohl das nicht sicher ist, denn sie schien uns nach wie vor zu erkennen. Aber sie war – nicht nur, aber vor allem nach dem Aufwachen – oft desorientiert. Sie stand dann irgendwo vor einer Wand, vor einem Möbelstück, in der Ecke an einer Tür auf der Seite, wo die Tür angeschlagen war. Sie wirkte, als wäre sie irgendwohin aufgebrochen und hätte dann vergessen, was sie dort wollte, wo sie überhaupt hin wollte.
Sie taumelte immer häufiger und vor allem ihre Hinterbeine knickten oft ein.
Sie wurde nicht im eigentlichen Sinne inkontinent, aber sie schaffte es öfter nicht mehr nach draußen, obwohl wir sie führten, und nachts weckte sie uns nicht mehr, was sie anfangs des Weges noch getan hatte. Unsere Teppichläufer gehören vermutlich zu den meistgewaschenen Teppichläufern Nordfrieslands.
Und auch ihr Häufchen kam immer öfter im Haus zur Welt. Fast so, als schien es den Würstchen draußen zu kalt zu sein.
Immer wieder führten wir sie nach draußen, damit sie sich erleichtern konnte, und immer wieder kam sie zurück und erledigte ihr Geschäft dann drinnen.

[Kim] Der Weg zur Regenbogenbrücke

Manche Hunde sterben schnell. Sie fallen einfach um oder schlafen ein und wachen nicht wieder auf. Aber das ist wohl nicht der Normalfall. Meist ist der Weg deutlich länger. Wobei man sich nicht täuschen lassen darf: Es gibt eine Rechenformel, nach der ein Lebensjahr eines Hundes sieben Menschenjahren entsprechen soll. Das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung. Aber die Lebenserwartung von Hunden ist deutlich niedriger als die eines Menschen, und so verläuft ihr Leben entsprechend schneller.

Wir hatten viel Zeit, um uns vorzubereiten, auf das, was uns erwartete. Kims Weg zur Regenbogenbrücke begann 2021, im Spätsommer, Anfang des Herbstes. Es lässt sich nicht an akuten Kennzeichen festmachen, es waren Kleinigkeiten anfangs. Irgendwann begann sie Probleme zu haben, die Rampen hochzugehen, die wir für sie haben bauen lassen, zum Sofa, ins Bett, auf ihren Lieblingssessel von Ikea. Ihre Leistungsfähigkeit ließ nach, ihre Gassigänge wurden kürzer. Sie waren immer noch lang, aber nicht mehr so wie zuvor.
Wir trafen die Entscheidung, die wir längst im Kopf hatten. Es war klar, dass Naomi unter ihrer Trauer leiden würde, wenn Kim gehen würde. Es war also klar, dass wir vorher für einen weiteren Hund sorgen mussten, der Naomi von ihrer Trauer ablenken konnte. Das Ergebnis war Susi, die Mitte Oktober 2021 zu uns kam.
Kim ging es noch gut. Obwohl ich an ihrem zwölften Geburtstag am 11.11.2021 nicht sicher war, ob sie ihren dreizehnten noch erleben würde …
Aber Kim war ein ehemaliger Straßenhund, und sie war ein bisschen – stur. Auch wenn die Geschwindigkeit, mit der sie abbaute, für uns Menschen eher erschreckend war, dauerte es noch viele Monate. Sie erlebte sogar noch ihren dreizehnten Geburtstag.
Danach aber ging es wirklich sehr schnell …

Danke erst mal

Danke an alle, die hier die beiden Beiträge zu unserem Abschied von Kim kommentiert haben, Dank aber auch an alle, die mir E-Mails geschickt haben.
Das tägliche Leben hat sich verändert. Vieles ist seltsam, weil Kim nicht mehr da ist. Und wir müssen uns an neue Abläufe gewöhnen.
Aber das wird schon. Versprochen.

Und die kleinen Kim-Geschichten folgen. Peu à peu.

Der GEDANKENverNETZer: Herbert W. Franke (1927–2022)

Der GEDANKENverNETZer um 1960, 33jährig (Archiv JvS)

Unter diesem Titel hat Jürgen vom Scheidt einen sehr schönen und sehr ausführlichen Nachruf auf unseren kürzlich verstorbenen Herbert W. Franke veröffentlicht. Schwer lesenswert.

Herbert W. Franke, 95jährig, im Mai 2022 bei der Eröffnung seiner Ausstellung »Visionär« in Linz (Foto: Francisco Carolinum)