Der schrecklichste Tag des Jahres für Tiere – gleich, ob in unserem Heim oder draußen in der Wildnis – ist Silvester:
Quelle: DER TIERNOTRUF, Ausgabe 68, Tasso e.V., Sulzbach/Taunus, Dezember 2021, www.tasso.net
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Der schrecklichste Tag des Jahres für Tiere – gleich, ob in unserem Heim oder draußen in der Wildnis – ist Silvester:
Quelle: DER TIERNOTRUF, Ausgabe 68, Tasso e.V., Sulzbach/Taunus, Dezember 2021, www.tasso.net
Auch wenn ich in Düsseldorf geboren bin und deshalb eine besondere Beziehung zur närrischen fünften Jahreszeit haben könnte, ist dem nicht so. Und dennoch: Daheim habe ich ein Dreigestirn:
Von links nach rechts: Kim (Ungarn, Prinzessin, seit gestern 12 Jahre alt), Susi (Rumänien, 5 Jahre), Naomi (Griechenland, Griechin reinsten Wassers, im Januar 9 Jahre alt).
Heute ist sie zwölf Jahre alt geworden: Kim, unsere ungarische Prinzessin. Alt ist sie geworden, ein wenig schwerhörig. Vielleicht sieht sie auch schon nicht mehr so gut, denn des Öfteren muss sie genau hinschauen, um ein Leckerli am Boden zu finden. Alt ist sie nun, und gesundheitlich steht es mit ihr nicht zum Besten. Die Knochen wollen nicht mehr so recht, die Muskeln haben schwer abgebaut und glatter Boden — von dem es bei uns viel zu viel gibt <seufz> — macht ihr immer häufiger zu schaffen. Aber noch giert sie nach Leckerlis, noch läuft sie gerne draußen frei, noch geht es. — Meine süße Maus, mein allerliebster Mausekäfer … ich … nein, WIR wünschen dir noch eine lange, lange Zeit bei uns und mit uns und mit den beiden anderen Mädels an deiner und unserer Seite.
Insgesamt erfreute mich die Gelegenheit, zu scheitern. Es gibt so wenige Dinge, die das Leben bereichern. Und freilich liegt die Priorität, Susi nach dem Morgangassi das Geschirr abzunehmen und mich dann bei dem Versuch, es ihr wieder anzulegen, scheitern zu lassen, deutlich höher als die Priorität eines Gassigangs für Susi, mit Schnüffeln, Pieseln und anderen Unwichtigkeiten.
Sonntag. Immer noch schönstes Wetter. Wieder Freilauf auf dem Norderweg. Es ist durchaus angenehm, dass wenigstens den Hunden immer die gleiche Strecke nicht langweilig wird. Für mich ist es schon eine Herausforderung. Aber da muss man durch.
Auf dem Hinweg kommen uns zwei Motorroller entgegen. Ich nehme Kim und Naomi zu mir, Susi an die Seite. Alles gut. Die Motorroller wechseln auf die andere Spur und fahren hintereinander an uns vorbei. Langsam und gesittet. Leider stinken die Dinger wie die Seuche. Finden auch die Hunde, die alle niesen müssen, um den Gestank wieder loszuwerden.
Auf dem Rückweg zwei Radler. Die schaffen es weder, hintereinander auf einer Spur zu fahren noch die Geschwindigkeit zu senken. Sind ja cool, solche Mountainbikerennräder für eierlose Yuppies. Und dann die Klamotten – die sehen so scheiße aus, dass man schnell an jemandem vorbeifahren muss, der sie scheiße finden könnte.
Samstag. Bildschönes Wetter. Strahlender Sonnenschein, kühl. Kühl genug für eine ordentliche Jacke. (Hinterher schwitze ich doch, aber egal.) Freilauf im Norderweg. Kim und Naomi laufen frei, mit Tracker. Susi an der langen Leine. Keine Schleppleine, aber schon drei Meter.
Kim ist wie immer scharf auf Leckerlis, aber sie fängt wieder an, sich an die Punkte zu erinnern, an denen es etwas gibt. Zwischendurch hat sie versucht, sie neu zu setzen. Jetzt läuft sie wieder voraus, bis zum nächsten Punkt, bleibt stehen und spaziert uns langsam entgegen. Und muss trotzdem warten, bis wir am nächsten Punkt sind.
Naomi ist wie immer schnüffelfreudig. Susi auch. Bei mir dürfen sie das auch. Ich hasse es, die Hunde wie Säcke Kaffee oder Blumenerde hinter mir her zu schleifen. Sie sollen schnüffeln können. Nicht uferlos. Nach einer guten Minute spreche ich dann schon mal eine Fortsetzung des Gassis an. Nach spätestens zwei Minuten ziehe ich dann auch. Aber Schnüffeln ist erlaubt.
Susi macht sich nicht schlecht. Sie läuft ordentlich an der Leine, hat aber einen Linksdrall, heißt: Sie will immer links von mir gehen. Selten lässt sie sich längere Zeit auf die rechte Seite holen. Auf der Fortsetzung vom Norderweg ist das okay.
Auf dem Rückweg kommt uns ein Auto entgegen. Pkw mit Hänger. Lada, denke ich. Am Steuer ein Arschloch. Zwanzig Meter vor uns hupt er uns an. Völlig sinnlos. Susi ist eh bei mir, Kim und Naomi längst zu mir gekommen. Sie hören ja auf ihren Namen. Arschloch fährt an uns vorbei, pöbelt irgendwas durchs offene Autofenster und fährt weiter. Ohne auch nur für einen Augenblick vom Gas gegangen zu sein. Nun gut: Ich habe mir dein Kennzeichen gemerkt, du dumme Sau.
Als Naomi 2014 zu uns kam – Kim war damals schon drei Jahre bei uns –, da gab es von Anfang an keine Probleme. Die beiden Mädchen – so unterschiedlich sie waren und sind – verstanden sich von Anfang an. Das eine oder andere Thema war zu diskutieren, da gab’s mal einen Knurrer, da gab’s mal einen kleinen Dominanzversuch, aber das war nicht andeutungsweise auch nur eine Spur von Stress. Und auch, wenn man es ihnen im täglichen Umgang nicht wirklich ansieht – sie lieben sich. Man merkt es immer dann, wenn sie getrennt werden. Da geht Kim mal alleine zum physiotherapeutischen Schwimmen – und Naomi geht mit mir alleine Gassi. Oder Kim geht mal schnell mit Frauchen zum Tierarzt. Kim leidet schweigend, aber man sieht ihr an, dass sie Naomi vermisst. Und bei Naomi kann man es auch hören, wirklich erleben.
Bei Susi ist es anders. Nicht, dass es Stress gäbe. Die kleine Maus ist nun seit gut einer Woche bei uns – und sie hat sich praktisch sofort an Kim gehalten, die sich dann wohl doch als die souveräne Hündin entpuppt hat, für die wir sie nie gehalten haben. Ganz ohne Aufregung, einfach so. Susi sucht Kims Nähe, sie ahmt ihr Verhalten nach. Nicht in allen Facetten, aber es ist immer wieder erkennbar. Und da war vorgestern dieser Abend, da saß Frauchen mit einem Becher Joghurt auf dem Sofa. Kim, die dann immer vor ihr sitzt und darauf spekuliert, den Rest auslecken zu dürfen, tat, was sie immer tat. Schauen, warten, geduldig. Und Susi – sitzt genau wie Kim neben ihr, schaut, wartet, nicht ganz so geduldig wie Kim, aber das ist dem Umstand geschuldet, dass die Kleine die Abläufe noch nicht kennt.
Kim ist völlig cool. Sie ist die Älteste im Trio, und sie ist die Nummer 1 unter den Hundemädchen. Dass Naomi letztlich immer die Nummer 2 war, war nach den oben erwähnten Kleinigkeiten am Anfang schnell klar. Und nie ein Problem. Kim hat das im Griff.
Naomi indes ist im Augenblick ein wenig … hm, geknickt könnte man sagen. Es hat den Anschein, als wäre sie zur Nummer 3 degradiert worden und ist darüber nicht erfreut. Andererseits ist sie nicht der Charakter, der dagegen angeht. Sie nimmt es hin, und wir sind uns noch nicht im Klaren darüber, ob da ein Problem heranwächst – oder ob das einfach mal so ist und so bleibt, bis Kim eines Tages über die Regenbogenbrücke gehen wird und Susi für Naomi hoffentlich das sein kann und sein wird, was wir uns vorstellen: ihre Freundin, ihre Gefährtin, der Hund, der Naomi zu vergessen und zu verkraften hilft, dass Kim uns alle verlassen muss, musste.
Und ja, ich erwarte, dass man mir vielleicht vorwirft, ich würde meine Hundemädchen vermenschlichen. Aber das ist mir nicht nur völlig gleichgültig – es zeigt mir auch, dass derjenige, der es tut, Hunde nicht kennt und nicht versteht.
Ich bin Teppichbodenfreund. Ich bin mit Teppichböden aufgewachsen. Und ich vermisse sie. Meine Frau steht auf glatten Boden. Weil er einfacher zu reinigen ist. Oder so. Aber man muss Kompromisse machen.
Kim wird älter. Immer älter. Ihr Gang wird unsicherer, ihre Muskeln bauen ab, vor allem in den Beinen, und sie ist nicht mehr so kräftig, einem glatten Boden Widerstand entgegenzusetzen. In meinem Arbeitszimmer ist sie mehrfach auf dem Parkett ausgerutscht, weggerutscht und einmal sogar richtig hingefallen.
Das geht nicht an. Also:

