Literatur vom Außenposten

Thomas Harbach hat sich Gerd Freys neue Storysammlung »Outpost« vorgeknöpft, das mit dem Untertitel »Dunkle Sonne 2« schon andeutet, wo es lang geht – die Sammlung versammelt Werke, die verstreut über die deutschsprachige Literaturszene bereits veröffentlicht wurden. (Und ja, Herrschaftzeiten, »Outpost« heißt »Vorposten« und nicht »Außenposten«, aber ein wenig literarische Freiheit sei mir auch gegönnt.)
Aber nun – Thomas Harbach:

Gerd Frey beschreibt in seinem Vorwort, dass »Outpost« alle Kurzgeschichten seit seiner storytechnischen Erstveröffentlichung »Dunkle Sonne« aus dem Jahr 2003 enthält. Die damals im Shayol Verlag verlegte Sammlung wird in Michael Haitels p.machinery neu aufgelegt. Die Themenbandbreite ist breit. Klassische Science-Fiction, ein wenig Fantasy und zweimal teilweise erotischer Horror.

»Saatzeit« eröffnet die Anthologie. Ein Team auf dem Mars beobachtet den Absturz oder vielleicht doch die kontrollierte Landung eines fremden Objektes auf dem roten Planeten. Der Plot steuert sehr direkt und inhaltlich konservativ auf die Pointe zu. Gerd Frey wird sich im Laufe dieser Sammlung als ein Autor erweisen, dem es vor allem auf die letzten Kapitel seiner Geschichten ankommt. Der Weg ist weniger das Ziel. Das lässt einige der Texte relativ starr erscheinen. Nicht jede Pointe funktioniert und vor allem ist es bei einigen Geschichten auch so, dass die angestrebten Pointen sich als offene Enden erweisen, aus denen sich weitere interessante Aspekte ableiten lassen.

Mit »Time Erase« präsentiert der Autor eine zweite auf dem Mars spielende Geschichte. Paul arbeitet auf dem Mars, wo wichtige Rohstoffe abgebaut werden. Wie in »Saatzeit« ist die Ausgangslage klassische Science-Fiction. Das Ende wird dagegen offen gestaltet und überlässt der Phantasie der Leser ein wenig zu sehr Raum.

Die Titelgeschichte »»Outpost« präsentiert wieder das Thema, dass ein auf sich selbst gestelltes Individuum auf einer fremden Welt auf etwas stößt, das Folgen für seine Existenz hat. Im direkten Vergleich mit »Haverie«, aber auch einer der beiden Marsgeschichte wirkt die Vorgehensweise des Autors sehr mechanisch, das Ende wirkt aber deutlich abgeschlossener als in den anderen beiden Texten.

Eine Schwäche der hier gesammelten Geschichten lässt sich bei der thematisch dritten »Da ist irgendetwas da draußen«-Geschichte erkennen. Gerd Frey nennt »Havarie« eine Retro-SF-Geschichte. Allerdings besteht sie aus bekannten Handlungsmustern, die Gerd Frey in dieser Anthologie mehrmals eingesetzt hat. Nur ist es dieses Mal eine Art Freihändler, der auf einem Stützpunkt eine Reparatur seines Raumschiffs durchführen muss und den Spuren des letzten Gastes an einen seltsamen Ort folgt. Auch hier wirkt die Pointe abrupt und irgendwie nicht harmonisch.

In »Handlungsreisende« versucht der Autor Realität und virtuelle Fiktion miteinander zu verbinden. Der Auftakt im All ist zufriedenstellend. Die Neugierde der Leser wird geweckt. Allerdings dreht sich anschließend die Handlung über mehrere Ebenen bis zur schon angesprochenen Pointe. Vor allem die zweite Hälfte versucht, zu viele zu wenig abschließend entwickelte Ideen auf einem zu begrenzten Raum zu präsentieren.

»Redukt« wirkt wie eine Mischung aus virtueller Spielsucht, David Cronenberg mit seinem Körperhorror am Ende und Anspielungen auf Lovecraft. Ein Nerd untersucht eine Reihe von gehackten Dateien, am Ende wird er gefunden. Abschließende Erklärungen gibt es auch in dieser Geschichte nicht, der gefundene seltsame Gegenstand bleibt mysteriös, der Handlungsbogen flach.

»Grauzeit« verfügt über die beste Ausgangslage aller Geschichten dieser Sammlung. Plötzlich verschwindet die Farbe aus der Welt. Die Menschen reagieren unterschiedlich auf dieses Phänomen. Gerd Frey präsentiert am Ende eine klassische Science-Fiction-Auflösung, lässt aber auch hier einige Frage offen. Aber die Exposition und vor allem die Plotentwicklung zeigt im Vergleich zu den zahlreichen konservativen Geschichten dieser Sammlung mehr emotionales Einfühlungsvermögen.

»Anomalie« spielt auf einem fremden Planeten. Zwei sehr menschenähnliche Wesen machen sich auf eine Expedition, wobei die junge Frau in einem Höhlenlabyrinth verschwindet. Ihr Begleiter kann nicht von ihr ablassen, auch wenn die Ordnungsorgane in dieser sehr strukturierten Gesellschaft sie schon abgeschrieben haben. Das Ende ist konsequent wie tragisch. Die Zeichnung der Protagonisten ist deutlich besser gelungen als bei anderen Geschichten dieser Storysammlung, allerdings folgt Gerd Frey dem »Picnic at Hanging Rock«-Weg und impliziert mehr als das er sich zu einer rationalen Auflösung entschließt. Die größte Variation schon den zu Beginn angesprochenen Texten liegt in der Tatsache, dass es sich um zwei Personen handelt und eine verschwindet. Dadurch hat der zweite Protagonist noch die Chance, auf die Suche zu gehen.

Gerd Frey hat die drei Geschichten um seinen »Abfallverkäufer« vorsichtig überarbeitet und präsentiert die Texte hier zusammengefasst. Der Autor selbst spricht davon, dass es sich um seine ersten Gehversuche als Autor handelt und die Überarbeitung den rohen Charakter nicht angegriffen hat. Auch wenn die Vorlagen dieser opportunistischen Spacer mit viel Optimismus und wenig Geld auf dem Konto klar erkennbar sind, stechen die Texte positiv im Vergleich zu einigen später entstandenen, aber deutlich bemühter wirkenden Geschichten hervor. Im ersten Teil »Optimien« findet Gerd Freys Charakter im Grunde das perfekte Volk im Universum. Sie kaufen allen Abfall auf. Allerdings steht hinter diesem seltsamen Geschäftsgebaren ein Plan, der auf lange Sicht den Abfallverkäufer eher arbeitslos macht. Die zweite Geschichte erinnert neben den verschiedenen Exkursen in die Gegenwart der penetranten Werbung auch an Kornbluthd und Pohls Meisterwerk »Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute«. Bevor die Ladung schlecht wird, sucht der Abfallverkäufer in »Werbetechniken« nach der perfekten Vermarktungsmöglichkeit. Die Dialoge sind pointiert und ironisch doppeldeutig, die Pointe überzeugt und der ganze Text liest sich ausgesprochen flott. Zu Beginn von »Regierungsfragen« hat der Leser das Gefühl, als wenn sich Gerd Frey mit seinen Absurditäten an Douglas Adams erfolgreich versucht. Anschließend muss der Abfallverkäufer fast aus dem Stand gegen eine beträchtliche Summe ein Abfallproblem eines ganzen Planeten lösen. Das Ende wirkt mit der doppelten Ironie ein wenig zu bemüht und kommt aus dem Nichts heraus. Aber die ersten Szenen der Geschichte überzeugen.

Aus dem Bereich der eher klassischen Fantasy stammt »Teufelssaat«. Kolvar erschleicht sich schließlich den Zugang zu einem fast verwunschenen Schloss, um seinen Racheplan umzusetzen. Dafür braucht er die Hilfe eines Arzts, den er mit der Entführung dessen Tochter gefügig macht. Das Ziel bleibt lange Zeit offen, ist Bestandteil der in diesem Fall konsequenten Auflösung der Geschichte. Allerdings will der Funke nicht überspringen. Einige Teile wirken konstruiert. Das müssen sie rückblickend auch sein, denn Kolvar wird mit einem Gegenplan konfrontiert, der genauso perfide ist wie seine eigenen Ziele. Allerdings wirken die Charaktere zu eindimensional entwickelt und Gerd Freys sachlicher Stil unterminiert seine Absichten, eine mit »Alraune« gewürzte geradlinige Fantasygeschichte zu verfassen.

»Anna« ist eine eher klassische Horrorgeschichte. Im Gegensatz zu dem mit Science-Fiction-Elementen versetzten »Der Skulpturengarten« ahnt der Leser das konsequente, aber auch wenig überraschende Ende nicht so weit im Voraus. Der Protagonist lernt eine junge Gothic-Frau mit einem Hang fürs Morbide kennen. Abends machen sie sich auf den Weg zu einem abgeschieden gelegenen See, wo sie nackt baden wollen. Spätestens ab diesem Moment ahnt der Leser den weiteren Handlungsverlauf.

In der unter dem Pseudonym Sybille Mayer veröffentlichen erotisch-pornografischen Geschichte »Der Skulpturengarten« besucht eine junge, natürlich sehr attraktive Journalistin einen in der Abgeschiedenheit lebenden Aufsehen erregenden Künstler, dessen Skulpturen erstaunlich lebensecht erscheinen. Bei dieser kurzweilig zu lesenden, aber auch sehr mechanisch bis auf die Science-Fiction-Erklärungen gestalteten Story erahnt der Leser lange vor der Protagonistin, in welche Richtung es geht.

Gerd Freys »Outpost« ist keine herausragende Storysammlung. Auf der anderen Seite sind die Geschichten auch nicht schlecht oder trotz des ein wenig zu emotionslosen, zu distanzierten Stils nicht langweilig. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Nur wenige Texte sind grundlegend originell und überzeugen durch eine gute Mischung aus Idee und stilistischer Balance. Viele der Texte wie »Havarie« wirken wie Retro-SF, aus einem anderen Jahrhundert ein wenig mühsam in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts übertragen. Der Funke will nicht wirklich überspringen. Entweder, weil die offenen Enden zu vage komponiert worden sind oder an anderen Stellen stark konstruiert erscheinen. Schon seine erste Sammlung »Dunkle Sonne« litt an diesem Zwischen-allen-Stühlen-Sitzen. Zusammengefasst sind es gehobene Fanzine-Geschichten, die zumindest souverän erzählt worden sind. Das interessante Titelbild von Lothar Bauer verspricht allerdings mehr, als Gerd Frey über die ganze Anthologie halten kann.

Frey, Gerd, OUTPOST, Dunkle Sonne 2

 

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