Die unendliche 16

Judith Madera, inzwischen Chefin der Website Literatopia (www.literatopia.de), rezensiert Bücher. Ja, sie macht auch das PDF-Magazin DER PHANTAST gemeinsam mit fictionfantasy.de, aber sie schreibt eben auch Rezensionen. Für das in meiner p.machinery erschienene Buch GEGEN UNENDLICH 16 hat sie mir erlaubt, ihre Rezension an dieser Stelle zu veröffentlichen. Herzlichen Dank dafür. Und los geht’s!

Die Herausgeber Michael J. Awe und Andreas Fieberg gehen mit ihrer Anthologie-Reihe »GEGEN UNENDLICH« in die sechzehnte Runde und versammeln auf knapp 150 Seiten 13 sehr unterschiedliche Kurzgeschichten zwischen Science Fiction, (Urban) Fantasy, Märchen und Horror:

»Momentum« schildert die letzten Momente vor einem interstellaren Flug aus Sicht der Astronautin. Ihr Körper soll mittels experimenteller Technologie so stark beschleunigt werden, dass für sie quasi die Zeit stehen bleibt und sie kaum altert, während sie durchs All reist. Doch was passiert mit ihrer Seele? Und ist sie diesem Experiment wirklich gewachsen? Helga Anton-Beitz eröffnet eine spannende Perspektive auf diese besonderen, entscheidenden Momente, in denen die Protagonistin von wichtigen Fragen überwältigt wird.

In »Die Passage« wird ein blinder Passagier an Bord eines Raumschiffes entdeckt: Ein stummes Mädchen, das die alte Kapitänin zu einem der heiligsten Orte des Universums mitnimmt. Michael J. Awe bietet auf wenigen Seiten eine atmosphärische und geheimnisvolle Space Opera. Unangenehm fällt auf, dass die Kapitänin abwechselnd nur als »der Kapitän« (generisches Maskulinum, warum?) und »die alte Frau« bezeichnet wird.

Lukas Vering zeigt in »137« eine überwiegend aus Plastik bestehende Stadt in der Zukunft, die der Protagonist auf der Flucht vor den streitenden Eltern erkundet. Der Klimawandel hat die Erde verwüstet und die Menschen haben woanders neu angefangen, wo sie die gleichen Fehler machen. Insgesamt ein stimmungsvolles Stadtpanorama mit kritischen Worten, allerdings vermisst man Tiefe und Persönliches.

»Silver« ist zugleich der Titel von Marjan Asgaris Kurzgeschichte und der Name der jugendlichen Protagonistin, die beim Sprayen von der Polizei erwischt und verfolgt wird. Auf der Flucht entdeckt sie das dunkle Geheimnis ihres liebevollen, aber merkwürdigen Freundes. Aus einer Sprayerromanze wird SF-Horror, der sich auf den wenigen Seiten nicht entfalten kann.

In »Der Clown« geht der Traum eines großen Fans in Erfüllung: Kulturredakteurin Sabin darf ihr Idol, den Roboterclown Cbyte, interviewen! Dieser gibt sich charmant und aus einem philosophischen Gespräch über Humor wird ein Flirt, inklusive kleiner Überraschung. Eine kurzweilige Geschichte über menschliche Züge Künstlicher Intelligenz.

»Das Ebenbild« von Joachim A. Hagen handelt von einen Klon auf der Flucht. Von den Menschen geächtet muss er sich verstecken und wird zu grausamen Taten gezwungen. Die Geschichte enthält zu viele Klischees und ist zu kurz geraten, um nachhaltig zu beeindrucken.

Luisa Henke schildert in »Frostfreden« die langsame Annäherung zweier grundverschiedener Wesen: Während die Frostfreden mit tänzerischer Leichtigkeit Kälte und Sturm trotzen, leben die Höhlenheimer zurückgezogen in Höhlen mit heißen Quellen. Einst waren sie von der gleichen Art, doch nun sind sie verfeindet und erzählen Horrorgeschichten über die anderen. Ein neugieriger junger Höhlenheimer und eine mutige Frostfrede brechen das Eis und lernen einander kennen – ein bekanntes Motiv, das hier sehr atmosphärisch und berührend umgesetzt wurde.

»Loris Wunderland« ist eher ein Albtraumland, denn Lori verfügt über paranormale Fähigkeiten, die die Nachbarschaft in Gefahr bringen. Der Vater des jungen Mädchens versucht das Schlimmste zu verhindern. Helmuth W. Mommers schildert die Liebe des Vaters zu seiner besonderen Tochter einfühlsam, während die Szenerie an Katastrophenfilme erinnert.

Nicole Grom bietet mit »Dann reißen wir aus« die düsterste Geschichte dieser Anthologie: Ein Kinderspiel wird zum Albtraum, der den Protagonisten lebenslang verfolgt. Eine beklemmende Horrorgeschichte, die Vergangenheit und Gegenwart geschickt verknüpft.

»Der Schneider« von Uwe Durst hat eine wunderschöne Frau, die ihn in seiner Werkstatt gefangen hält und ihren Zorn am ihm auslässt. Als der ruhige Schneider das dunkle Geheimnis seiner Frau entdeckt, wird es gefährlich für ihn – wird er ihr entkommen können? Ein morbides Märchen, das seinen Protagonisten in den Wahnsinn treibt.

In Jana Grügers »Der Gaukler und die Hexe« geraten zwei Schausteller in Streit: Der Gaukler meint, die Hexe vertreibe sein Publikum, und steigert sich in seinen Hass auf sie hinein – doch die Hexe ist wehrhafter, als er vermutet. Die Auflösung ist wenig überraschend, sorgt aber für eine gewisse Genugtuung.

Kurt Tichy zeigt in »Die Brille« die dunkle Seite eines liebevollen Familienvaters, der sein Doppelleben so stark auseinander dividiert, dass er geschockt auf seine eigenen Taten reagiert. Diese enthüllt ihm eine Brille mit Aufnahmefunktion, die vor fünfzig Jahren Science Fiction gewesen wäre, neben Google Glasses jedoch geradezu antik wirkt.

»Aufwachen« von Andreas Fieberg bildet den schwachen Abschluss im Stil einer schlechten »X-Faktor«-Episode: Der Protagonist wird in der Nacht von einem Anrufer belästigt, der um Hilfe bittet und immer wieder davon spricht, dass er aufwachen muss. Am Ende wird, wenig überraschend, klar, wer angerufen hat.

»GEGEN UNENDLICH 16« bietet viel Abwechslung, wobei vielen Geschichten ein paar Seiten mehr gut getan hätten. Zu oft werden Themen nur oberflächlich gestreift, es mangelt der Handlung an Tiefe und den Figuren an Persönlichkeit. Viele sind schnell vergessen, doch manche prägen sich auch ins Gedächtnis ein, wie die Astronautin, die Frostfrede und der Höhlenheimer, der Roboterclown, den Schwarzen Mann oder auch die Hexe, die den Gaukler das Fürchten lehrt. Drei der Geschichten wurden übrigens zuvor in anderen Anthologien veröffentlicht: »Der Schneider«, »Die Brille« und »Loris Wunderland« – Letztere sogar beim gleichen Verlag.

Das stimmungsvolle Cover stammt von Stefan Böttcher und gefällt so gut, dass man gerne Illustrationen von ihm im Innenteil gesehen hätte. Im Anhang finden sich die Informationen zu den Autor*innen, den Herausgebern sowie zum Illustrator.

Fazit: »GEGEN UNENDLICH 16« bietet thematisch und stilistisch sehr unterschiedliche Kurzgeschichten, von denen manche nachhaltig beeindrucken, andere gut unterhalten und manche schnell vergessen sind. Dabei wird ein großer Teil des phantastischen Spektrums abgedeckt, insbesondere der düstere Bereich.

Die finale Bewertung in Stichpunkten und Zahlen findet sich in der Quelle: hier.

Awe, Michael J. & Fieberg, Andreas (Hrsg.), GEGEN UNENDLICH 16

 

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