TRPM left the planet

Im März haben wir – Rainer Schorm, Jörg Weigand als Herausgeber und ich als Verleger – noch ein Buch zu seinem 80sten Geburtstag gemacht, den er am 12. März feierte, ein Buch, über das er sich sehr gefreut hat, wie wir erfahren durften. Am 31. August ist er nun von uns gegangen – Thomas R. P. Mielke.

Einen wirklichen Nachruf auf ihn kann ich hier nicht schreiben, dafür kannte ich ihn nicht gut genug. Was ich über ihn zu sagen hätte, habe ich in einem Text in dem erwähnten Geburtstagsbuch geschrieben. Und diesen Text möchte ich hier der Einfachheit halber noch einmal veröffentlichen – auch wenn er absolut nicht als Nachruf gedacht war.

Ich bin ein schlechter Archivar

oder
Zweieinhalb Erinnerungen aus einer Zukunft

Irgendwann 1983 oder auch erst 1984 las ich sein »Sakriversum«. Ziemlich kurz nach seinem Erscheinen. Damals konnte ich mir das zeitlich noch leisten – Bücher lesen, die ich nur las, um sie zu genießen. Ich habe den Roman nur einmal gelesen, und ich erinnere mich, dass er mich sehr faszinierte. Sehr. Nein – sehr! Nach mehr als fünfunddreißig Jahren erinnere ich mich nicht mehr an die Handlung. Nicht im Detail. Da ist nur so ein Schnipsel, ein Gedanke an eine Kathedrale, die winzigen Lebewesen wie ein Universum war. Die Erinnerung an das Gefühl der Faszination, während ich diesen Roman las – und in der Zeit danach und manchmal bis heute –, wirkt viel stärker nach. Die Handlung ist für mich eher wie eine Melodie, die man zu kennen glaubt, die man aber nicht mehr identifizieren kann, weil man die Töne nicht mehr richtig hört, weil sie irgendwie flach und schwach, sehr leise, undeutlich geworden sind. Die Faszination ist nicht ungebrochen, aber immer noch stark.
Ich habe das Buch nicht aufgehoben. Nach mehr als fünfunddreißig Jahren ist das nicht ungewöhnlich. In all den Jahren bin ich neun Mal umgezogen. Irgendwann trägt dir niemand mehr deine Bücherkisten, wenn du ihn dafür nicht bezahlst. Aber Erinnerungen verliert man nicht so leicht.

Wann genau wir auf die Idee kamen, weiß ich nicht mehr. 2011 vermutlich. 2012 erschien das Buch.
Ralf Boldt und ich hatten die Idee, die Gewinnergeschichten des SFCD-Literaturpreises und späteren Deutschen Science-Fiction-Preises gesammelt neu zu veröffentlichen. Die Probleme waren leicht einzugrenzen. Und zu lösen. Meistens.
Machten die Autoren alle mit? Ja. Sogar für die Werke der damals schon verstorbenen Autoren bekamen wir die Rechte. Auch Thomas R. P. Mielke war mit von der Partie – er war immerhin der allererste Preisgewinner im Segment »Beste Kurzgeschichte« in der damals noch SFCD-Literaturpreis genannten Ehrung.
Und wie sollte das Buch aussehen? Das Problem war nicht ganz so einfach zu lösen. Mit dem vorhandenen Textmaterial kamen wir auf weit über neunhundert Seiten, wenn wir das Werk als »normales« Taschenbuch oder Paperback veröffentlicht hätten. Sogar heute noch liegt dieser Umfang weit über dem Limit für Digitaldruckproduktionen – wegen der in diesem Bereich üblichen Bindetechniken.
Was war die Lösung? Ein Format, das Dirk C. Fleck viel später als »Weinkarte« bezeichnete, 150 x 297 Millimeter groß, also praktisch DIN A5 breit und DIN A4 hoch, dazu eine nicht allzu breit laufende Schrift – die ITC Officina Serif – mit nur neun Punkt und fünfundneunzig Prozent Laufweite. Es kamen immer noch fast vierhundert Seiten zusammen.
So weit, so gut.
Von dem Buch wurden deutlich mehr als siebenhundert Stück gedruckt und auf den unterschiedlichsten Wegen – Belege, Reziexemplare, Verkauf – ins Publikum gebracht. In Erinnerung ist mir Thomas R. P. Mielkes Kritik geblieben – die ich nicht archiviert habe. Er beschwerte sich über das Format des Buches, über die Schriftgröße, über das »durchgeknallte« Layout. Und irgendwie erwähnte er auch, glaube ich, dass er sich nie wieder an so einem Projekt beteiligen würde.
Was schade ist. Nach dem unter dem Titel »Die Stille nach dem Ton« erschienenen Werk mit den Preisträgergeschichten von 1985 bis 2012 beschlossen wir, die Reihe »DSFP« mit den Siegerromanen fortzusetzen. Im gleichen Format – wenn auch mit größerer Schrift und weniger »durchgeknalltem« Layout. Ein Buch wurde bislang unter dieser Idee und in dieser Erscheinungsform der »Weinkarte« realisiert: »GO! – Die Ökodiktatur«, der Preisträgerroman 1994 von Dirk C. Fleck.
Da Thomas R. P. Mielke bei »so einem Projekt« nicht mehr mitmachen wollte, wird sein 1986er Gewinnerroman »Der Tag, an dem die Mauer brach« hier wohl nie neu aufgelegt werden. Was, wie gesagt, schade ist. Denn am Buchformat liegt es ganz sicher nicht – auch Dirk Flecks Roman ist ein Verkaufsschlager.

Wem Thomas R. P. Mielke seinerzeit seine Kritik schickte, weiß ich nicht mehr. Ralf Boldt oder mir oder uns beiden.
Mir schickte er Ende Juni 2018 einen Brief. Per Einschreiben. Mit Rückschein – den er sinnigerweise an mich adressierte, so dass ich mir selbst bestätigen konnte, das Einschreiben erhalten zu haben. Oder nein, es war ein Kollege, der unterschrieb. Den Rückschein habe ich archiviert.
Den Brief habe ich nicht archiviert, wohl aber meine E-Mail-Antwort. Ich erinnere mich, dass er die fehlenden Honorarabrechnungen zu »Die Stille nach dem Ton« kritisierte. Er schrieb auch von »selbst gekauften und voll bezahlten« Exemplaren – die es nach meinen Unterlagen nicht gab. Und er erwähnte »neue Vermarktungs-Ideen« für seinen »Story- und Roman-Fundus«.
Das Problem bei Anthologien ist immer, dass der Markt keine sehr großen Umsätze hergibt. Alle Welt – vor allem die Fachwelt – schreibt und spricht ja immer davon, dass die Kurzgeschichte – allen voran im Bereich der Science-Fiction – tot ist, und wird das so laut und so lange wiederholt, bis sich die Kurzgeschichte freiwillig am nächstgelegenen Baum erhängt.
In der Tat sind es gerade die Anthologien mit vielen teilnehmenden Autoren, die noch am meisten Umsatz bringen. So auch »Die Stille nach dem Ton« – wobei hier sicher auch die »großen Namen« von Bedeutung waren. Aber von den über siebenhundert Exemplaren hatte seinerzeit alleine der Science Fiction Club Deutschland dreihundertzwanzig Stück für seine Mitglieder abgenommen – zum Produktionspreis plus Porto. Auch die Autoren bekamen eventuelle Autorenexemplare seinerzeit noch zum Produktionspreis plus Porto, also ohne jeden Gewinn für den Verlag und also auch ohne Honorar auf diese Stückzahlen.
Am Ende blieben nicht mal dreihundert Stück übrig, die für eine Honorarberechnung relevant waren. Paperback und Hardcover, dazu eine nicht unerhebliche Menge davon zu einem günstigeren – also das Honorar minimierenden – Subskriptionspreis. Und das, was dabei herauskam, müssen sich einundzwanzig Autoren – inklusive Thomas R. P. Mielke – teilen.
Thomas R. P. Mielke bekam sein Honorar.
Auf meinen Vorschlag einer Werkausgabe zur »Vermarktung seines Story- und Roman-Fundus« ist er nicht eingegangen. Vielleicht war ihm die Idee zu »durchgeknallt«.

Thomas R. P. Mielke hat einen Tag nach mir Geburtstag. Er wird in diesem Jahr – morgen, um genau zu sein – achtzig Jahre alt. Meine Erinnerungen an ihn sind klein und nicht besonders beeindruckend – außer für mich. Aber es sind Erinnerungen, die ich hoffentlich noch haben werde, wenn ich auch einmal so alt bin, wie er morgen wird. Das sind Ziele. Wichtige Ziele.
Man wünscht einem Geburtstagkind tunlichst nichts vor seinem Geburtstag. Es ist aber nicht anzunehmen, dass Thomas R. P. Mielke diesen Text lesen wird, bevor er seinen Jubeltag feiern darf. Und so wünsche ich ihm doch schon heute alles Gute. Das Beste, um genau zu sein. Dass er noch Ziele hat, immer haben wird. Und dass er alt wird, richtig, alt, um sich lange an sie zu erinnern.

Ich werde heute Abend noch mit der zweiten Lektüre des »Sakriversum« beginnen. Ich erinnere mich, dass es irgendwo im Regal steht …

Michael Haitel
Winnert
11. März 2020

P.S.: Ich glaube, ich bin ihm einmal sogar persönlich begegnet. Das muss auf einem OldieCon in Unterwössen gewesen sein. Das ist auch schon wieder eine kleine Ewigkeit her. Und nicht archiviert.

Thomas R. P. Mielke 2010 in Petra.

Am Ende waren da Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen sollten. Das Universum ist nicht fair. Es gibt einem nicht, was man sich wünscht. Nicht einmal das, was man vielleicht verdient hat. – Ich hoffe, er hat seinen Frieden gefunden.

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