Mehr als ein Glas Wasser. Ein Lesepröbchen

Auch bei diesem Buch, dem zweiten Band aus dem »Jahr des STORY CENTER« – einer kommt noch –, habe ich auf meiner Verlagsseite eigentlich schon das Wesentliche formuliert: hier. Deshalb möchte ich hier ein weiteres Lesepröbchen präsentieren – aus der Geschichte »Schnäppchen« von Christian Baumelt.

»Sie möchten also einen Wasseranschluss?«, fragte der für die geltenden Verhältnisse überraschend gut genährte ältere Mann.
Peros schaute zufrieden zu Gayana und sagte mit einer erheblichen Portion Stolz: »Ja! Wir haben endlich die Schulden für das Haus abgezahlt und seit meiner Beförderung zum Schichtleiter ist auch das Einkommen ausreichend abgesichert.«
Der ältere Mann nickte langsam und mehrmals, den Blick wieder auf die Dokumente vor sich gerichtet. »Ja, die Prüfung Ihrer finanziellen Situation war positiv. Finanziell steht einem privaten Wasseranschluss nichts mehr im Wege.« Er machte eine bedeutsame Pause, die das »aber« in seiner Rede ersetzen sollte.
Peros griff es auf: »Aber?«
»Nun, ein Wasseranschluss ist nicht gleich einem Wasseranschluss, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Er lächelte das Paar an, dem er ansehen konnte, dass es die vierzig bereits weit überschritten hatte.
Peros schaute mit großen Augen zu Gayana. Das Gespräch verlief nicht ganz so, wie er erwartet hatte. »Ich fürchte, ich verstehe nicht«, sagte er und sprach dabei jedes Wort langsam und in einer gleichbleibenden Tonlage.
»Haben Sie noch nicht darüber nachgedacht, welchen Anschluss Sie haben möchten?« Der Vertreter schien fast ein wenig pikiert.
»Ich fürchte, ich weiß nicht, was Sie mit verschiedenen Anschlüssen meinen. Wasser ist doch gleich Wasser.« Peros rutschte auf dem Stuhl nach vorne. Sein Gesicht rötete sich.
»Bei Weitem nicht!«, widersprach der Mann.
Peros riss die Augen auf und nahm den Kopf etwas zurück. »Wir dachten … na ja … Wasser ist eben gleich Wasser … Ist das ein Problem?«
»Nun …« Der Vertreter zog das kleine Wörtchen in die Länge, sodass es den Raum erfüllte. Er schüttelte seinen spärlich behaarten rundlichen Kopf. »Das ist kein Problem. Es, nun, es dauert halt nur etwas länger.« Er lächelte mit einem kurzen Zucken seiner Mundwinkel. »Nun …« Dieses Mal zog er das Wort noch länger. »Die Gehaltsanalyse ergab, dass für Sie drei Alternativen zu Wahl stehen.«
»Drei?«, fragte Gayana. »Drei für uns? Wie viele Anschlussarten gibt es denn?«
»Nun«, sagte der Vertreter überraschend kurz und schnell, »wenn man alle Kombinationen berücksichtigt, sind es vermutlich um die dreißig, aber gezählt hat das wohl noch keiner.«
»Dreißig?« Die Stimme von Gayana wurde etwas lauter.
»Nun, so ungefähr.«
»Und wir können nur aus drei Möglichkeiten wählen?« Peros zog den Kopf leicht zurück und schaute den fülligen Mann direkt an.
»Das liegt an den örtlichen Gegebenheiten, der regionalen Verteilung der Anbieter und vor allem an der finanziellen Situation.« Das volle Gesicht des Mannes begann leicht zu glänzen.
»An der finanziellen Situation? Soll das heißen, wir können uns die anderen siebenundzwanzig Anschlüsse nicht leisten?«
»Nun …« Wieder dieses lange, im Raum herumschwirrende Wort. »Die meisten davon nicht. Aber einige werden in dieser Gegend auch gar nicht angeboten«, sagte der Mann mit einer Sicherheit in seiner Stimme, als verkünde er die neuesten Verurteilungszahlen der Sozialgerichte.
»Aber ich bin doch Schichtleiter. Und Gayana verdient als Angestellte in der kommunalen Entsorgungsstelle doch auch nicht schlecht. Was kostet denn der teuerste Anschluss?«
»Nun«, sagte der Mann kurz, kniff die Augen etwas zusammen und schaute zu Boden. »Das kann ich Ihnen gar nicht genau sagen. Der teuerste Anschluss, den ich einmal verkauft habe, lag ungefähr beim Fünfundzwanzigfachen Ihres Monatsgehalts. Nun, Ihres gemeinsamen Monatsgehalts und als monatliche Rate, versteht sich.« Er verzog die Mundwinkel leicht, kippte den Kopf etwas zur Seite und schaute erst Peros und dann Gayana an.

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