Meine Lichter im Leben

So sehen die beiden Mädchen aus, wenn sie an einem noch winterlich finsteren Morgen vom Gassigang heimgekehrt sind. Tracker, Leuchthalsband und in den Augen die Frage, wessen Pfoten an diesem Morgen wohl als erste abgetrocknet werden … links Kim, rechts Naomi – beide gemeinsam Lichter in meinem Leben.

Neue Nachbarn

Bisher waren es Schafe. Nicht nur direkt hinter unserem Haus, sondern auch auf dem Grundstück daneben. Seit einigen Tagen nun haben wir neue Nachbarn bekommen: Vier Pferde, darunter ein großes schwarzes Tier, bei dem es sich um einen Hengst handeln könnte. Er steht gerne getrennt von den anderen, alleine, schaut oft zur Biogasanlage hinüber.

Immerhin sind sie zu viert. Pferde sind Herdentiere, und ich finde es immer schade, so einen Gaul alleine auf seiner Koppel zu sehen, halte es sogar für tierschutzrechtlich bedenkliche, nicht artgerechte Haltung. Es gibt einige Beispiele in Winnert, Pferde, die ihre traurigen, einsamen Tage auf ihrer Wiese fristen.

Überleben in der Kälte der Welt

Mindestens einmal am Tag – meist morgens, jedenfalls, wenn es am meisten stört – ist Frauchen der Ansicht, dass die Feuchtigkeit im Hause zur Neige geht. Also wird gelüftet. Und Zimmer können keinesfalls einzeln und nacheinander gelüftet werden, nein: Durchzug ist vonnöten.

Aber zum Glück gibt es einen Raum, der auch in der Kälte noch einen Funken Wärme zu bieten hat: Herrchens Arbeitszimmer. Die Rettung.

Vorne Naomi, dahinter Kim.

Kahlschlag II

Und weiter geht es in der Moorchaussee in Winnert, ortsauswärts. Grund? Unbekannt. Frage an einen der Arbeiter: „Warum wird das gemacht?“ „Wir haben den Auftrag.“ „Von wem?“ Keine Antwort. — Die Bäume haben vor allem im Sommer schönen Schatten gespendet. Braucht man ja heutzutage nicht mehr.

Heute vor zwei Jahren 08/12

Internet gab es schon seit gestern, einem LTE-Router sei Dank. Die Aufräumarbeiten, die natürlich noch länger dauern sollten, beschäftigten mich, bis um 14 Uhr meine Frau mit den Hundemädels ankam.

Und nun waren wir körperlich offiziell umgezogen, und am Dienstag, den 11.12., würden wir unsere Ummeldung durchgeführt haben. Ausweise, meine beiden Gewerbe, die Hunde – deren Anmeldung ging erst mal komplett unter – und auch meine Wahlunterstützung für die Piraten Schleswig-Holstein konnte ich erledigen.

Nun waren wir Nordfriesen.

Und das ist schon wieder zwei Jahre her. Die Zeit rennt. Wie bekloppt.

Heute vor zwei Jahren 07/12

Einzug in Winnert. Zwischen 8 und etwa 14 Uhr entluden die tollen Jungs der Umzugsfirma den Wagen. Das Doppelbett im Schlafzimmer wurde ebenso aufgebaut wie der gigantische Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Mit dem hatte es noch eine spezielle Bewandtnis, denn eigentlich sollte mein Schreibtisch ins Obergeschoss. Der Riese besteht – nebst Beinen – aus zwei Teilen, und schon das kleinere Teil passte nicht durch das Treppenhaus nach oben. Also: Umdisposition, Telefonat mit Frau zwecks Beratung, dann eine schnelle Entscheidung. Heute steht der Schreibtisch im größten und schönsten Zimmer des Hauses, das wir eigentlich als Wohnzimmer vorgesehen hatten. Und doch ärgere ich mich immer wieder – als Dachwohnungsfan wäre ich so gerne mit meinem Arbeitszimmer ins Obergeschoss unter die Schrägen gegangen. Seufz.

Heute vor zwei Jahren 06/12

Morgens gab es ein Treffen mit meiner Mutter im Café Heinemann zu Düsseldorf. Um 12 Uhr brach ich gen Winnert auf.

Nach rund dreihundert Kilometern meldete die Elektronik eine Motorstörung. Der Passat zog nicht mehr, mehr als 2500 Umdrehungen brachte der Motor nicht. Ich traute mich nicht, den Motor auszuschalten, ließ ihn sogar bei einem Pinkelstopp laufen.

Erst als ich um 18 Uhr in Winnert eintraf, schaltete ich den Motor aus. Und der sogleich erfolgende Test zeigte: Alles gut. (Viel später würde ich herausfinden, dass es ein Ausfall des Turboladers war – durch irgendeine Klappe, die aus unerfindlichen Gründen – und später nie wieder – nicht wieder schloss.)

Vom Vorbesitzer des Hauses bekam ich die Schlüssel und fuhr nach Friedrichstadt, wo ich übernachten wollte.

Heute vor zwei Jahren 05/12

Heute vor zwei Jahren war ich um diese Zeit – es ist ca. 19.30 Uhr, da ich dies schreibe – auf dem Weg von Murnau nach Langenfeld im Rheinland. Die alte Wohnung in Murnau war in einen Lkw verladen und unterwegs gen Norden. Mein Passat war mir Computern und Elektronik vollgepackt, Geräte, die ich dem Lkw nicht anvertrauen wollte – und die auch gar keinen richtigen Platz mehr gehabt hätten.

Die Wohnungsübergabe hatte sich verzögert, weil der zuständige Herr Geschäftsführer nicht abkömmlich war. Schließlich machte ich die Übergabe mit einer Kollegin, und um 15 Uhr ging es auf die Reise.

In Langenfeld, wo ich bei meinem Bruder übernachten würde – und wo ich meiner schon Tage zuvor abgereisten Frau und meinen Hundemädchen begegnen würde –, kam ich gegen 22.30 Uhr an.

Tausend hysterische Tussen

30.10.2020, ein Supermarkt in Husum. Schon auf dem Parkplatz Blechrempeleien. Zwei Stück, Fahrerinnen. Bei einer war es eine von diesen 145-Zentimeter-Tussen in einem schweren Mercedes-Benz-ScheißUV, alle Scheiben (ausgenommen die Windschutzscheibe) verdunkelt. Die Gegnerin: eine Kleinstwagenfahrerin. Ihr Gefährt sah nicht gut aus. Ich kenne diese Zwergenweiber und ihr Fahrverhalten auf Supermarktparkplätzen. In Murnau hatte ich zwei Mal innerhalb weniger Wochen das Vergnügen.
Auf dem Supermarktparkplatz wildes Gewimmel. Nur Frauen. Die Männer, die sicher auch da waren, saßen vermutlich in ihren Autos, die Köpfe zwischen den Knien. Erste Diskussionen um die angesichts des neuerlich drohenden Verschlusszustands (von Dummdeutschen »Lockdown« genannt) limitierten Einkaufswägen.
Im Supermarkt pure Hysterie. Nur Frauen. Die Männer, die sicher auch da waren, saßen immer noch in ihren Autos; inzwischen zitterten sie auch am ganzen Leib. Bei dem Versuch, den Leergutautomaten zu erreichen, verlangte eine Kundin fünf Meter Sicherheitsabstand. Eine andere Kundin gedachte das Desinfektionsmittel zu nutzen und blockierte minutenlang den eigentlichen Eingang in den Markt.
Beim Obst wird mein Einkaufswagen erstmals angerempelt. Heftig. Zum Glück sind die aus Metall und tragen eher selten Verletzungen davon; ich wäre da sicherlich empfindlicher eingestellt gewesen. Eine Kundin mit Tochter hat die Ressourcen aufgeteilt; sie brüllen sich gegenseitig Informationen quer durch die Obst-und-Gemüse-Abteilung zu, damit das richtige Produkt ausgewählt werden kann.
In der Getränkeabteilung ist es ruhiger. Das Regal mit den alkoholfreien Bieren der Rügener Inselbrauerei wird von einem Reinigungswagen blockiert. Meine Unverschämtheit, darüber hinweggreifend sechs Flaschen der Sorte »Snorkeler« zu entnehmen, wird mit einem garstigen Blick quittiert.
Die Gänge sind, wie morgens um acht Uhr gleich nach der Marktöffnung üblich, mit Gitterwagen blockiert, in denen sich Waren zum Auffüllen befinden. Ich habe Verständnis dafür, dass man ungern um fünf oder sechs Uhr mit der Arbeit beginnt, aber keines, dass man als Kunde in seinem Kaufwunsch dadurch beeinträchtigt wird, dass erst einmal alles vollgestellt wird, bis irgendjemand dazu kommt, die Waren auch einzuräumen. (Seltsamerweise schafft es die Bäckerei immer, morgens um acht Uhr das volle Programm frisch aufgebacken anbieten zu können. Vielleicht sind deren Backwaren auch künstlich intelligent, obwohl mir das beim Verzehr noch nicht aufgefallen ist.)
Bei den zuckerfreien Keksen werde ich ein weiteres Mal angerempelt. Frontal von vorne. Gleiche Tusse wie beim ersten Mal. Meine Diagnose: hysterische Betriebsblindheit, einhergehend mit rücksichtsloser Verblödung. Kein Wort der Entschuldigung, kein Versuch, Blickkontakt herzustellen. Wäre die Tussi von hinten gekommen, hätte ich vermutlich einen Orthopäden gebraucht.
Der Gang an der Wursttheke vorbei ist mit den Einkaufswägen hochintelligenter Quersteher blockiert. Alles Frauen. Die Männer … siehe oben. Es war wichtig, zwischen dem eigenen Wagen und der Vorderfrau möglichst keinen Millimeter Platz zu lassen. Es hätte sich ja jemand dazwischen drängeln können und damit den Sicherheitsabstand marodiert. Von unerlaubtem Vordrängeln ganz zu schweigen.
Ich nehme einen Umweg. Ich brauche meine Wurst eh aus einer anderen Kühltruhe. Und Käse. Ich stelle meinen Wagen so ab, dass er nicht im Weg ist, studiere die Auslage, will mich entscheiden – da kreuzt eine alte Dame, die in diesen Tagen eigentlich in einem Heim isoliert besser aufgehoben wäre, meinen Weg, positioniert ihren Wagen präzise vor drei der Kühlschranktüren und beglotzt mit tumbem und völlig desinformiertem Gesichtsausdruck die Auslage. Ich muss die Realisierung meines eigenen Einkaufs aufschieben.
Ich fahre um die Ecke, um noch eine Butter mitzunehmen, da rammt die schon bekannte Tussi meinen Wagen zum dritten Mal. Ich frage sie, warum sie sich nicht zur Entspannung flachlegen lässt, bevor sie zum Einkauf fährt, ernte aber keinerlei Reaktion.
An der Kasse unterhalten sich zwei offensichtliche Mütter über die Leiden ihrer Kinder. Das Schwimmbad hätte gerade wieder aufgemacht, zwei Trainingsstunden hätte ihr Balg gerade in Anspruch nehmen können, nun ging das wieder nicht mehr … Blablabla – fünf Minuten später im Auto kam die Meldung, dass in Schleswig-Holstein für Kinder und Jugendliche alles offen bleibt: Kindertagesstätten, Kindergärten (gibt’s die eigentlich noch?), Schulen, Schwimmbäder, Turnhallen … Ich bin kein Fachmann, aber ich glaube, irgendwo mal gelesen zu haben, dass Hysterie den Blick auf und für die Realität versperren kann.

Auf dem Heimweg wurde mir klar, dass dieser Einkauf der Letzte dieser Art war. Soll heißen: Wenn der nunmehr ausgerufene Verschlusszustand wieder beendet sein sollte und einigermaßen Beruhigung – gerne auch durch die ärztlich verordnete Gabe von Beruhigungsmitteln größeren Kalibers – zurückgekehrt ist, mache ich einen einzigen Einkauf. Mit einem 7,5-Tonner. Und dann erst wieder, wenn der Impfstoff gefunden und in ausreichender Menge produziert worden ist. Oder alle anderen tot sind.

P.S.: Die Männer vom 30.10., die Interesse haben, mögen sich zwecks Gründung einer Selbsthilfegruppe bei mir melden. Wir müssen da durch, Jungs.