Tausend hysterische Tussen

30.10.2020, ein Supermarkt in Husum. Schon auf dem Parkplatz Blechrempeleien. Zwei Stück, Fahrerinnen. Bei einer war es eine von diesen 145-Zentimeter-Tussen in einem schweren Mercedes-Benz-ScheißUV, alle Scheiben (ausgenommen die Windschutzscheibe) verdunkelt. Die Gegnerin: eine Kleinstwagenfahrerin. Ihr Gefährt sah nicht gut aus. Ich kenne diese Zwergenweiber und ihr Fahrverhalten auf Supermarktparkplätzen. In Murnau hatte ich zwei Mal innerhalb weniger Wochen das Vergnügen.
Auf dem Supermarktparkplatz wildes Gewimmel. Nur Frauen. Die Männer, die sicher auch da waren, saßen vermutlich in ihren Autos, die Köpfe zwischen den Knien. Erste Diskussionen um die angesichts des neuerlich drohenden Verschlusszustands (von Dummdeutschen »Lockdown« genannt) limitierten Einkaufswägen.
Im Supermarkt pure Hysterie. Nur Frauen. Die Männer, die sicher auch da waren, saßen immer noch in ihren Autos; inzwischen zitterten sie auch am ganzen Leib. Bei dem Versuch, den Leergutautomaten zu erreichen, verlangte eine Kundin fünf Meter Sicherheitsabstand. Eine andere Kundin gedachte das Desinfektionsmittel zu nutzen und blockierte minutenlang den eigentlichen Eingang in den Markt.
Beim Obst wird mein Einkaufswagen erstmals angerempelt. Heftig. Zum Glück sind die aus Metall und tragen eher selten Verletzungen davon; ich wäre da sicherlich empfindlicher eingestellt gewesen. Eine Kundin mit Tochter hat die Ressourcen aufgeteilt; sie brüllen sich gegenseitig Informationen quer durch die Obst-und-Gemüse-Abteilung zu, damit das richtige Produkt ausgewählt werden kann.
In der Getränkeabteilung ist es ruhiger. Das Regal mit den alkoholfreien Bieren der Rügener Inselbrauerei wird von einem Reinigungswagen blockiert. Meine Unverschämtheit, darüber hinweggreifend sechs Flaschen der Sorte »Snorkeler« zu entnehmen, wird mit einem garstigen Blick quittiert.
Die Gänge sind, wie morgens um acht Uhr gleich nach der Marktöffnung üblich, mit Gitterwagen blockiert, in denen sich Waren zum Auffüllen befinden. Ich habe Verständnis dafür, dass man ungern um fünf oder sechs Uhr mit der Arbeit beginnt, aber keines, dass man als Kunde in seinem Kaufwunsch dadurch beeinträchtigt wird, dass erst einmal alles vollgestellt wird, bis irgendjemand dazu kommt, die Waren auch einzuräumen. (Seltsamerweise schafft es die Bäckerei immer, morgens um acht Uhr das volle Programm frisch aufgebacken anbieten zu können. Vielleicht sind deren Backwaren auch künstlich intelligent, obwohl mir das beim Verzehr noch nicht aufgefallen ist.)
Bei den zuckerfreien Keksen werde ich ein weiteres Mal angerempelt. Frontal von vorne. Gleiche Tusse wie beim ersten Mal. Meine Diagnose: hysterische Betriebsblindheit, einhergehend mit rücksichtsloser Verblödung. Kein Wort der Entschuldigung, kein Versuch, Blickkontakt herzustellen. Wäre die Tussi von hinten gekommen, hätte ich vermutlich einen Orthopäden gebraucht.
Der Gang an der Wursttheke vorbei ist mit den Einkaufswägen hochintelligenter Quersteher blockiert. Alles Frauen. Die Männer … siehe oben. Es war wichtig, zwischen dem eigenen Wagen und der Vorderfrau möglichst keinen Millimeter Platz zu lassen. Es hätte sich ja jemand dazwischen drängeln können und damit den Sicherheitsabstand marodiert. Von unerlaubtem Vordrängeln ganz zu schweigen.
Ich nehme einen Umweg. Ich brauche meine Wurst eh aus einer anderen Kühltruhe. Und Käse. Ich stelle meinen Wagen so ab, dass er nicht im Weg ist, studiere die Auslage, will mich entscheiden – da kreuzt eine alte Dame, die in diesen Tagen eigentlich in einem Heim isoliert besser aufgehoben wäre, meinen Weg, positioniert ihren Wagen präzise vor drei der Kühlschranktüren und beglotzt mit tumbem und völlig desinformiertem Gesichtsausdruck die Auslage. Ich muss die Realisierung meines eigenen Einkaufs aufschieben.
Ich fahre um die Ecke, um noch eine Butter mitzunehmen, da rammt die schon bekannte Tussi meinen Wagen zum dritten Mal. Ich frage sie, warum sie sich nicht zur Entspannung flachlegen lässt, bevor sie zum Einkauf fährt, ernte aber keinerlei Reaktion.
An der Kasse unterhalten sich zwei offensichtliche Mütter über die Leiden ihrer Kinder. Das Schwimmbad hätte gerade wieder aufgemacht, zwei Trainingsstunden hätte ihr Balg gerade in Anspruch nehmen können, nun ging das wieder nicht mehr … Blablabla – fünf Minuten später im Auto kam die Meldung, dass in Schleswig-Holstein für Kinder und Jugendliche alles offen bleibt: Kindertagesstätten, Kindergärten (gibt’s die eigentlich noch?), Schulen, Schwimmbäder, Turnhallen … Ich bin kein Fachmann, aber ich glaube, irgendwo mal gelesen zu haben, dass Hysterie den Blick auf und für die Realität versperren kann.

Auf dem Heimweg wurde mir klar, dass dieser Einkauf der Letzte dieser Art war. Soll heißen: Wenn der nunmehr ausgerufene Verschlusszustand wieder beendet sein sollte und einigermaßen Beruhigung – gerne auch durch die ärztlich verordnete Gabe von Beruhigungsmitteln größeren Kalibers – zurückgekehrt ist, mache ich einen einzigen Einkauf. Mit einem 7,5-Tonner. Und dann erst wieder, wenn der Impfstoff gefunden und in ausreichender Menge produziert worden ist. Oder alle anderen tot sind.

P.S.: Die Männer vom 30.10., die Interesse haben, mögen sich zwecks Gründung einer Selbsthilfegruppe bei mir melden. Wir müssen da durch, Jungs.

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