Vervirend

Matthias Falke & Michael Knoke
DER VIRENPLANET
E. C. Tubbs Star Voyager (Ein TITAN-Sternenabenteuer). BLITZ-Verlag, Windeck, 2010, Hardcover mit Schutzumschlag (auf 888 Ex. limitierte Auflage), 512 Seiten, ISBN 978 3 89840 281 1

Mit Matthias Falke habe ich jetzt schon ein Weilchen einen recht intensiven Kontakt, weil wir mindestens ein Buch zusammen machen werden – »SAJAMA. Boliviens höchster Berg. Ein Expeditionstagebuch« wird als Band 3 der Reihe ErlebnisWelten meines Verlages p.machinery wohl noch im Februar 2010 erscheinen (ISBN: 978 3 8391 5432 8); und mit Jörg Kägelmann, dem Chef vom BLITZ-Verlag, habe ich immer mal wieder zu tun, weil er als (seit 2004 leider Ex-) SFCD-Mitglied immer noch ganz gerne in SFCD-Publikationen Anzeigen schaltet.

Hier war es wohl eine Anzeige und eine Leseprobe in androXine 4, der ich den Erhalt des Buches als Rezensionsexemplar zu verdanken habe. Und so will ich mich auch nicht lumpen lassen, zumal … aber der Reihe nach.

Negativ fiel mir auf, als ich mit der Lektüre begann, dass ich sehr wenig verstand. Es gab keine Zusammenfassung vorheriger Ereignisse, die es ganz offensichtlich gegeben hatte. Man wurde ins kalte Wasser geworfen – und wenn man ein ordentlicher, westeuropäisch erzogener Mensch ist, dann liest man ein Buch von vorne nach hinten, man verkneift sich das letztlich nur zu Enttäuschungen führende Herumblättern am Ende des Buches vor der Zeit, und so merkt man eben auch erst am Schluss, dass sich hinten Ausführungen zur Vorgeschichte und ein Personenregister befinden.
Was mir auch im Nachhinein nicht wirklich geholfen hat, denn die Vorgeschichte ist zu allgemein gehalten und geht nicht auf die Ereignisse konkret ein, die zu dem Plot in »Der Virenplanet« führten, und die Schilderungen zu den Personen, die hat man – wenn man dann hier hinten gelandet ist – selbst aus dem Buch herausgelesen.
Genug gemeckert.

Die Handlung ist ziemlich simpel und tendiert deutlich Richtung Space Opera und Hard-SF. Was jetzt wirklich kein Gemecker ist.
Das Forschungsschiff JEANNE D’ARC landet in einem Planetensystem namens MOSES, das in den Karten der CRC – dem Arbeitgeber der JEANNE D’ARC – offiziell nicht verzeichnet ist. Dort spielen sich zunächst unterschiedliche Handlungsstränge ab. Aurelia »Aury« Stanton, Azubi an Bord, und Kris Stanton, ihr Ausbilder, begeben sich auf eine Erkundungsmission, die u. a. dazu dienen soll, dass Aury ein Shuttle einmal unter realen Bedingungen fliegt – was misslingt, wie alle vorherigen Simulationsflüge auch. Cyberjohn Five, eigentlich Besatzungsmitglied der TITAN und (an)erkannt inkognito an Bord, begibt sich auf einen der Planeten, auf dem er seltsame Umtriebe von (richtigen) Menschen vorfindet.
Am Ende laufen alle Handlungsfäden auf einem der Monde zusammen, Aury und Kris werden von gegnerischen Kräften gefangen gesetzt, Cyberjohn Five kommt hinzu, die Rettung bringt dann letztendlich nur die TITAN mit deren Kapitänin, die nicht nur den Gegner, sondern auch den Kapitän der JEANNE D’ARC entsprechend matt setzen kann.

Dies war eine Kurzfassung. Eine Superkurzfassung. Zugegeben. Aber mehr von der Handlung zu schildern, würde bedeuten, sich in die nicht wenigen Handlungsebenen und -fäden einzuklinken, Zusammenhänge darzustellen und letztlich zu spoilern. Es würde zugegebenermaßen auch die Notwendigkeit mit sich bringen, den Roman praktisch noch einmal zu lesen – was ich aus verschiedenen Gründen, allen voran allerdings Zeitgründe, nicht tun möchte.
Der Roman ist unzweifelhaft gut geschrieben, er ist gut lesbar. Er reißt einen nicht vom Hocker, einen Preis wird er wohl auch nicht gewinnen – was für Serienwerke, wie hier eines vorliegt, wohl eh immer ein wenig schwieriger ist –, aber er langweilt nicht, er ist spannend und hat einiges, das bemerkenswert ist.
Die Teile, die Matthias Falke geschrieben hat – das ist der größere Teil des Buches –, sind, wie schon angedeutet, eine schöne Mischung aus Space Opera und Hard-SF. Falke arbeitet hier mit einer ordentlichen Dosis Klischees, die genau so gut in eine TV-Serie passen würden –, zum Beispiel in eine einmal ordentlich und ein wenig tiefgehender ausgearbeitete Folge von »Raumschiff Enterprise« aka »Star Trek Classic«. Aury ist ein knackiges Weib – naja, vielleicht eine Idee zu knackig –, die immer damit kokettiert, Lust zu haben, es im Zweifel aber wohl nicht hätte; Kris Coonen ist ihr ausersehenes Opfer – man hat ja möglicherweise Vorteile –, der auch gerne würde, aber nicht kann, weil er weiß, dass er eigentlich nicht will. Cyberjohn Five ist der Cyborg, wie er sich gehört: von großer Statur, technisch auf dem allerneuesten Stand, ein Supermann, wie ihn die Erfinder von »Superman« damals nicht hätten erfinden können, weil es in der Zeit, als Superman entstand, um ganz andere Dinge ging. Derek Thompson, Kommandant der JEANNE D’ARC, macht das Arschloch, die Poljakova, eine sogenannte »Missionsspezialistin« macht die unentbehrliche und insgeheim bewundernd-verliebte Figur der Pepper Potts, und die anderen Klischees sind auch alle ordentlich abgedeckt, so zum Beispiel die beiden Jungs in der »Technik«, die mal so eben aus einem Shuttlechen, das für sowas ums Verrecken nicht geeignet sein kann, ein Superraumschiff zimmern – mit Bordmitteln selbstredend.
Das alles ist stilistisch sauber und ansprechend ge- und beschrieben. Es gibt nichts zu meckern. Die Klischees werden so schön beschrieben, dass man sie in vollem Umfang genießen kann. Das geht so weit, dass man sich vorstellen könnte, dass die Aury Stanton in einem Film von einer jüngeren, etwas pummligeren Drew Barrymoore gespielt werden könnte, während mir bei Kris nicht klar ist, ob die spontane Wahl des Kris Kristoffersen nicht nur von dem gemeinsamen Vornamen herrühren könnte – Billy Bob Thornton würde auch ganz gut passen, glaube ich.
Wenn man sich in die ersten 50, 60 Seiten des Werkes eingelesen hat, wenn man erkannt hat, dass einem ein ganzer Haufen Informationen fehlt, um wirklich alles zu verstehen, wenn man akzeptiert hat, dass das ja aber noch kommen kann, und wenn man zur Kenntnis genommen hat, dass hier kein literaturpreisverdächtiges Werk geschaffen werden sollte – obwohl, zugegeben, ein Preis wäre natürlich nie zu verachten –, dann kann man damit beginnen, das Werk wirklich zu genießen. Es einfach so zu lesen, runterzulesen, denn es liest sich gut, rund, flüssig, es ist voll klarer und einwandfreier Sprache, und es ist durchaus spannend, wenn auch gerade aufgrund einer gewissen Vorhersehbarkeit.

Drei Dinge haben mich gestört.
Ein ganz kleines winziges Bisschen nur fielen mir zwei oder drei sprachliche Stolperer auf, die ein Lektor eigentlich hätte ausmerken können und müssen. Ich habe mir die Stellen nicht markiert, auch nicht gemerkt, und ich werde sie auch nicht suchen. Sie sind nicht tragisch, sie versauen das Buch beileibe nicht. Sie sind mir nur als existent in Erinnerung geblieben.
Auffälliger war das, was ein Korrektor im Satz hätte erledigen können: Übrig gebliebene Tippfehler und – viel schlimmer, weil es zeigt, dass nach dem Satz nicht mehr korrekturgelesen wurde – Trennungs- und Zeilenumbruchfehler. Das ist jetzt zugegebenermaßen auch nicht tragisch, denn keiner der Fehler ist sinnentstellend, auch versaut ebenso keiner dieser Fehler das Buch. Nur mich ärgert sowas immer, weil es mich bei den von mir selbst gemachten Büchern auch immer bis zur Weißglut ärgert, wenn mir so ein däml***er Sch*** durch die verf***ten M***lappen gegangen ist :)
Richtig gestört haben mich die eingeklinkten Parts, die von Michael Knoke geschrieben wurden, in denen es um die Figur der Ceccyl Céraderon und irgendein Projekt mit einer Botenintelligenz geht, die sich der Céraderon bemächtigt und sie so hübsch ein bisschen vor sich hin quält, bis die sich mit einem Virus infiziert, der nicht nur ihren Körper, sondern auch die Botenintelligenz und überhaupt alles in ihrer Umgebung zerstört. Es hat mich weniger gestört, dass hier stilistisch ein klarer Bruch zu erkennen war; das ist unter technischen Gesichtspunkten noch in Ordnung. Viel schlimmer für mich war, dass diese Handlungsteile so gar keinen Anteil am Vorankommen des Romans an sich hatten, dass darüber hinaus sogar noch der Klappentext mit dem Hinweis auf »längst vergessene Spuren der Schwarzen Raumer« darauf Bezug zu nehmen scheint – während auf Falkes Handlungsteile gar kein Bezug zu finden ist –, und – und das ist für mich das Ende – der Romantitel »Der Virenplanet« ganz offensichtlich an den Knokeschen Elementen zu hängen scheint und mit der eigentlichen Haupthandlung – sowohl von dem Schwung, den sie liefert, als auch rein vom Umfang her – überhaupt nichts zu schaffen hat.
Das bringt mich zwar nicht um. Aber zumindest vom Klappentext würde ich mich als Käufer des Buches verkohlt fühlen, wenn das mein Kriterium für die Kaufentscheidung war. Und der Titel ist – sorry – schlichtweg irreführend. Und da wird auch keine Ausrede helfen, es wäre ja eine Serie, und das käme noch und blablabla. Der Titel haut volle Kanne daneben.
Und wenn man all das geistig so zusammengebaut hat, dann spielt es auch keine Rolle mehr, dass Knokes Part auch stilistisch deutlich schwächer ist als der von Matthias Falke.

Ja. Hm. Die Rezension liest sich wie ein Verriss, wenn man nur oberflächlich drüber schaut. Das ist allerdings ein Irrtum.
Das Buch hat mich – wie schon angedeutet – nicht vom Hocker gerissen, aber es hat sich gut gelesen. Ich werde mir den nächsten Band sicherlich nicht selbst kaufen, aber ich werde ihn lesen, sollte ich ihn wieder als Rezensionsexemplar erhalten. Das hat zugegebenermaßen überhaupt nichts mit der Qualität des Buches zu tun, sondern eher damit, dass ich mir Bücher nur kaufe, wenn sie etwas mit Malta zu tun haben. Oder um sie zu lesen, zu rezensieren und dann weiter zu verkaufen. Aber da gibt es eine Hemmschwelle.
Für Tubb-Fans ist das Buch gut. Für Falke-Fans auch. Für Space-Opera- und/oder Hard-SF-Fans auch. Für Leute, die gerne auch mal was Augenzwinkerndes lesen – und Falkes hat bei seinen Klischees mehr als einmal heftigst gezwinkert –, dem sei das Buch gleichermaßen ans Herz gelegt. Vermutlich kann man das Ganze so zusammen fassen, dass jeder SF-Fan es gut lesen kann – und vielleicht auch sollte –, nur ich nicht :)
Aber vielleicht irre ich mich da auch.

2 thoughts on “Vervirend

  1. […] zu »Der Virenplanet« ist noch ein Nachtrag fällig. Der Verleger hat mich darauf angesprochen – und er hatte völlig […]

  2. […] ich den Falke kenne, weil wir was miteinander machen, erwähnte ich schon. Möglicherweise kann sich das nach dieser Rezension noch verstärken, denn da gäbe es das eine […]

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