Filmische Dramaturgie

Phil Rickman
FRUCHT DER SÜNDE
The Wine of Angels, 1998
Merrily-Watkins-Krimi 1, Übersetzung: Karolina Fell, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2009, Taschenbuch, 608 Seiten, ISBN 978 3 499 24905 1

Ich mag Krimis. Ich mag sie lieber als Science Fiction, als Fantasy sowieso. Auch Mystery hat mir mehr zu bieten. Ein »Star Trek 11« muss für mich kein SF-Film sein; als »Bad Boys«-Verschnitt hätte er mir auch gefallen. Aber ein Shayamalan à la »The Sixth Sense« oder »Unbreakable« bietet mir mehr, als »Serenity«, als »Der Herr der Ringe« – was eh ein ganz anderes Thema wäre – oder ein »Harry Potter«. Am meisten aber mag ich Krimis. Im Film, im Fernsehen und im Buch. Nicht so Serien wie die Brunetti-Dinger von Donna Leon; dann schon eher Nora Roberts. Aber schon auch die Klassiker.
Ja. Ich mag Krimis.

Auf Rickman wäre ich ohne Hilfe aber so schnell nicht gekommen, nehme ich an. Und das ging so: In meinem Firefox habe ich eine Startseite, die auf einen Blog namens »Der fiese Admin« verweist; immerhin bin ich ja selber einer, muss mich also mit der Thematik auseinandersetzen. Kurz vor Weihnachten fand sich dort der Eintrag »Betriebssysteme aus Fanboy Sicht«, und als ich auf den empfohlenen Link klickte, erschien nicht nur die Seite, sondern auch ein Werbebanner.
Normalerweise bin ich Werbebannern gegenüber weitgehend immun, aber diesmal war das Ansinnen des Werbetreibenden von Erfolg gekrönt. Ich landete auf der Verlagsseite von Rowohlt, las etwas über Rickman und vor allem über die praktisch gerade angelaufenen deutschen Veröffentlichungen einer schon mehr als zehn Jahre alten Mystery-Krimi-Serie um eine englische Pfarrerin.
Das alles las sich gut, fand ich. Ich bestellte. Die ersten vier Bände, die auf Deutsch zu bestellen waren. Band 1 rezensiere ich hier, Band 2 folgt in Kürze – er liegt schon ganz oben auf dem SuB-Stapel –, Band 3 erscheint im Mai und Band 4 im Oktober 2010.
Nun gut. Ich mag also Krimis.

Wenn ich pingelig wäre, müsste ich ein wenig enttäuscht sein. Der Roman hat Mystery-Elemente, ohne Zweifel. Er hat auch Krimielemente, ganz ohne jeden Zweifel. Aber so ein paar Sachen sind da … naja, sagen wir mal: ungereimt. Die Handlungszusammenfassung auf dem Klappentext – Apfelbäume, überall Apfelbäume – sie sind nicht wegzudenken aus Ledwardine, dem kleinen Ort im Westen Englands, in den die junge Witwe Merrily Watkins mit ihrer Tochter Jane zieht. Dort soll sie die Pfarrstelle übernehmen. Doch schnell ist es vorbei mit der ländlichen Ruhe: Bei einer nächtlichen Feier im Apfelgarten kommt es zu einem bizarren Todesfall, und ein Skandalautor will in der Kirche den Tod eines vor Jahrhunderten als Hexer verfolgten Geistlichen inszenieren. Merrily und ihre Tochter werden derweil in dem großen alten Pfarrhaus von düsteren Visionen geplagt. Und dann verschwindet ein Mädchen … – ist durchaus in Ordnung. Er entspricht voll der Wahrheit. Was man von der Werbung im Netz nicht unbedingt behaupten kann, jedenfalls dann, wenn man sie zu undifferenziert liest. Denn da ist davon die Rede, dass Merrily Watkins sowas wie eine Sonderbeauftragte für »besonders ausgefallene Phänomene« – das ist meine Formulierung – sein soll, und zwar eine solche der englischen Kirche.
Davon ist in diesem ersten Roman der Reihe nichts zu lesen. Merrily kommt mit ihrer Tochter in diesen Ort, in dem es mehr oder weniger erkennbare Diskrepanzen zwischen den Alteingesessenen und den Zugereisten zu geben scheint; nicht nur, aber auch. Merrilys Mann ist vor kurzem bei einem Unfall ums Leben gekommen, nachdem er ein Leben führte, bei dem er wohl auch nicht immer eine reine Weste trug. Und Jane, die Tochter, ist so in diesem pubertären Alter …
Ich will über die Handlung im Grunde genommen gar nichts verraten. Nicht nur, weil sie sehr, sehr vielschichtig ist, sondern auch, weil der Roman auf eine Weise geschrieben ist, die eine Handlungsbeschreibung nicht wirklich einfach macht. Dazu gleich noch mehr. Es ist zudem auch nicht nötig, sehr viel zur Handlung zu schreiben. Hat man das Buch gelesen, ergibt sich ein insgesamt gesehen schöner, geradliniger Handlungsstrang, der von einem Startpunkt, der einem gefallen hat, zu einem Ziel führt, das folgerichtig und mehr als passend ist. Zur Freude des Lesers erkennt man das am Schluss, während einem unterwegs, während der Lektüre alles ganz anders erscheint: verwinkelt, verwurschtelt, durcheinander, mit reißenden Handlungsströmungen in einer Richtung, mit einander entgegen und völlig chaotisch durcheinander laufenden Handlungssträngchen dazwischen, daneben, darüber und darunter, mit Änderungen und Wendungen, die man nicht wirklich erwartet hat – wenn man sich den Luxus gönnt, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und nicht überheblich zu werden –, und zu dem Ganzen gehört viel Britisches, viel Ländliches, eine ordentliche Portion Krimi und eine herauszuschmeckende Prise Mystery, alles in allem in einer Komposition, die wenig Verfeinerungen wünschen lässt.

Man merkt, worauf mein Fazit hinauslaufen wird? Ja. Es war ein tolles Buch. Ich habe lange, lange kein Buch mehr gelesen, das mich so gefesselt hat. Dass es mich nicht zwei Nächte meines Lebens kostete, hat etwas mit meiner heutigen Zeiteinteilung und meinem Schlafbedürfnis zu tun – und den Prioritäten, denen ich anderen Dingen einräume. Aber das Buch hätte in früheren Jahren das Zeug dazu gehabt, mich dazu zu zwingen, einfach mal durchzumachen.
Merrily Watkins ist eine schön ausgestaltete, stimmige Figur, die mir für meinen Geschmack ein wenig zu neurotisch ist, aber das ist kein Qualitätsmangel, sondern meine eigene Einschätzung. (Ich war drei Mal verheiratet, ich mag keine neurotischen Frauen. Ich mag vor allem auch keine Frauen, die sich mit dem Treffen einer Entscheidung unnötig viel Zeit lassen und sich dabei noch mit irgendetwas darum drücken wollen. Das trifft auf die Watkins so nicht zu, aber das tendiert mit so in eine Richtung Frauentyp, der für mich einen winzigen Schönheitsfehler hat. – Um es auf den Punkt zu bringen: Heiraten würde ich die Watkins trotzdem ‹grins›.)
Ihre Tochter Jane ist deutlich bezaubernder. Ich habe keine Tochter, aber ich mag Teenager, glaube ich, nicht besonders. Kinder so im Alter bis 6 oder 8 Jahre, die Kinder meines Kollegen zum Beispiel – obwohl schon älter –, manche Kinder halt. Aber nicht alle. Und eher keine Teenager. Jane selbst ist auch so ein Teenager, auf eine Weise eigensinnig, die mich als Vater mehr als einmal wöchentlich auf die Palme bringen würde. Aber Rickmans Jane ist kein Klischee, sondern ein gleichermaßen schön ausgearbeiteter Charakter mit genau so einem: einem richtigen Charakter, mit eigenen Facetten, mit Flair, eine Figur, an die man sich nach dem Lesen noch erinnert.
Die anderen wichtigen Figuren stehen dem wenig nach. Lol Robinson, ein Ex-Musiker mit mehr als einem Problem, Gomer Parry, dieser in Rente gegangene Landwirtschaftsdienstleister, dem erkennbar langweilig ist in seinem Ruhestand, und einige andere Figuren, die im ersten Band zwar schon auftreten, aber noch keine dauerhafte Rolle spielen. (Auf der Wikipedia-Seite kann man nachlesen, wer da noch alles eine Rolle spielen wird.)
Und die Nebenfiguren … Schwer zu beurteilen. Wenn man so brillant beschriebene Hauptfiguren hat, und dazu Nebenfiguren der obersten Ebene, die dem wenig nachstehen, dann verblassen Charaktere aus der zweiten und dritten Reihe leicht. Beschrieben sind sie letztlich alle nicht unbedingt stimmig, aber stimmend, sie wirken erkennbar menschlich, sie könnten real sein, es ist nichts dabei, wo man sagen wollte, das wäre nur ein Plakat, ein Abklatsch einer Idee von einem Charakter.

Wie gesagt – das Buch war toll. Es ist toll. Unzweifelhaft. Beim Lesen habe ich ein wenig zwiespältige Gefühle gehabt, die stärker wurden, je weiter ich mich dem Ende näherte. Ich konnte während der Lektüre nicht herausfinden, woran das lag, woraus diese Gefühle resultierten. Heute, knapp zwei Tage, nachdem ich mit diesem Werk durch bin, wird es mir langsam klar:
Wie ich oben schrieb, hat das Buch einen geradlinigen Handlungsstrang insgesamt, wenn man es gelesen hat, wenn man durch ist, wenn man alles überblickt. Während man liest, hat man niemals diesen Eindruck, man sieht eigentlich nur ein heilloses Durcheinander und wünscht sich manchmal Haltepunkte, an denen der Geist festmachen kann, um das Gefühl loszuwerden, wegzuschwimmen, weggerissen zu werden. Tatsächlich aber entwickelt sich der Roman auch beim Lesen so geradlinig, nur nimmt man das nur unterbewusst war. Und das Gefühl, das mich störte, je weiter ich mich dem Ende näherte, war die unbewusste Erkenntnis, dass ich mich dem Ende näherte. Dass das Buch zu Ende gehen würde. Jetzt dann bald …
Ein stilistisches Element, auf das dieser Umstand zurückzuführen ist, ist die Art und Weise, wie Rickman geschrieben hat. Es fällt mir erkennbar schwierig, es so in Worte zu fassen, dass es jemand versteht, der das Buch noch nicht kennt. Aber die meisten Bücher, die ich so lese, haben eine Dramaturgie, die einem Buch angemessen ist, nicht einem Theaterstück, nicht einem Film, nicht mal einer Audio-CD. Rickmans Buch – jedenfalls das erste der Merrily-Watkins-Serie – hat die szenische Dramaturgie eines Filmes. Rickman arbeitet praktisch durchgehend mit Cliffhangern, und zwar szenischen Cliffhangern. Das Buch selbst hat einen ordentlichen Abschluss, wie es sich für das Sequel einer Filmserie gehören würde. Das Buch selbst endet so, dass man den zweiten Band vielleicht sogar ohne den ersten lesen könnte – ich werde das prüfen. Der Handlungsstrang selbst ist von Cliffhangern nahezu elementarisch durchsetzt, praktisch jedes wichtige Kapitel – und eigentlich sind sie es alle –, und sogar innerhalb der Kapitel werden Cliffhanger eingesetzt, die Andeutungen hinterlassen, was gerade passiert, was kurz darauf passieren wird, was man aber nicht gleich lesen kann, weil es an einem anderen Schauplatz mit anderen Figuren weitergeht, bis zum nächsten Cliffhanger. Und es sind nicht nur zwei Schauplatzstränge, die da parallel laufen. Das Ganze wird teilweise sogar so zugespitzt, dass bestimmte Handlungsteile gar nicht beschrieben werden, sondern als Reminiszenz in einem anderen Strang wieder auftauchen, indem sie erwähnt werden, indem auf sie verwiesen wird, als müsse jeder – auch der Leser – wissen, worum es eigentlich ginge, was genau geschehen wäre.
Ich habe in meinem Leben viele Bücher gelesen. Ein Buch mit einer solchen Dramaturgie war bisher nicht dabei – und für mich ist das eine der großen Stärken dieses Buches (und möglicherweise auch der folgenden, das wird man sehen).
Der schöne Nebeneffekt könnte im Übrigen sein, dass sich die Merrily-Watkins-Bücher leicht verfilmen lassen, denn was die Dramaturgie angeht, muss ein Drehbuchautor nicht viel Aufwand betreiben, um das Werk umzusetzen. Andererseits … Nach den Erfahrungen, die ich mit Mankells Wallander-Krimi-Verfilmungen durch dumme und dämliche Filmefuzzis machen musste, wünschte ich fast, der Watkins bliebe eine Leinwandkarriere erspart.

Summasummarum ist klar, was ich als Fazit habe: Geiles Buch, rundherum, unbedingt lesenswert für Krimi- und Mystery-Fans, aber auch für Leute, die auf »englischen Flair« abfahren, denn es geht sehr englisch zu, ohne dass es ins Extreme übertrieben würde.
Und ich freue mich sakrisch auf den zweiten Band, den ich mir noch heute Abend vorknöpfen werde.

P.S.: Hier noch die Liste der bislang geschriebenen Bücher; die Infos sind natürlich von der Wikipedia-Seite https://en.wikipedia.org/wiki/Phil_Rickman gemopst:

  • The Wine of Angels, 1998 (dt. Frucht der Sünde, 2009)
  • Midwinter of the Spirit, 1999 (dt. Mittwinternacht, 2009)
  • A Crown of Lights, 2001 (dt. Die fünfte Kirche, angekündigt für Mai 2010)
  • The Cure of Souls, 2001 (dt. Der Turm der Seelen, angekündigt für Oktober 2010)
  • The Lamp of the Wicked, 2002
  • The Prayer of the Night Shepherd, 2004
  • The Smile of a Ghost, 2005
  • Remains of an Altar, 2006
  • The Fabric of Sin, 2007
  • The Dream of the Dead, 2008

One thought on “Filmische Dramaturgie

  1. […] mir der erste Roman »Frucht der Sünde« – siehe auch hier – eigentlich gut gefallen hat, mich jedoch überraschte, weil in ihm nichts von dem enthalten […]

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