Die Watkins im kalten Wasser

Phil Rickman
MITTWINTERNACHT
Midwinter of the Spirit, 1999
Merrily-Watkins-Krimi 2, Übersetzung: Karolina Fell, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2009, Taschenbuch, 605 Seiten, ISBN 978 3 499 24906 8

Nachdem mir der erste Roman »Frucht der Sünde« – siehe auch hier – eigentlich gut gefallen hat, mich jedoch überraschte, weil in ihm nichts von dem enthalten war, was man zu der Serie an sich lesen konnte – sprich: die Watkins war noch nicht »Beraterin für spirituelle Grenzfragen«, und auch sonst fehlten ihr alle Elemente, die man für eine angehende solche erwartet hätte –, war ich auf den zweiten Band doppelt gespannt. Nicht nur, weil der Klappentext mit »Und dann war der Teufel los« betitelt war. Nach der gelinden, wenn auch nicht wirklich prägenden Enttäuschung nach dem ersten Band hätte ich das leicht als Übertreibung abtun können. Aber das wäre ein Fehler gewesen. Ein großer Fehler. Ein unverzeihlicher gar.

Wirkte die Watkins im ersten Buch im Umgang mit den seltsamen Dingen spiritueller Grenzbereiche nicht selten, als wäre sie mit kaltem Wasser übergossen worden, so wird sie im Nachfolgebuch ins kalte Wasser gestoßen. Der Bischof Michael Hunter, noch frisch im Amt, ernennt sie zur »Beraterin für spirituelle Grenzfragen« – endlich wurde meine Hoffnung erfüllt, weil dies auch gleich am Anfang des Buches geschieht –, womit de facto nichts anderes als eine Exorzistin gemeint ist. Die Ernennung ist in mehrerlei Hinsicht sehr problematisch: Merrilys Vorgänger ist noch nicht aus dem Amt geschieden. Merrily ist eine Frau. Merrily ist sich nicht sicher, ob sie das überhaupt kann – oder will. Und Jane ist – wie so oft bei Teenagern – ganz anderer Ansicht.
Die ersten Fälle, mit denen sich die Watkins auseinanderzusetzen hat, sind nicht sehr großartig, was ihre Bedeutung angeht, aber nicht minder unangenehm. Um nicht zu sagen: ärgerlich, lästig, eklig. Und auch, wenn sie im ganzen Buch immer wieder ihre Zweifel hegt, pflegt, verwirft und neuerlich schafft, sie übernimmt sogar in einer Situation, in der sie ihren Rücktritt schon schriftlich formulierte und abschickte, noch eine Aufgabe – die endlich zu ersten Antworten führt, zu weiteren Fällen und letztlich bis hin zu dem großen Spektakel, dem Showdown, bis zu einer Verschwörung nahezu undenkbaren Ausmaßes, mit Beteiligten, deren Rollen ganz andere sind, als sie zu sein schienen, und Beteiligten, deren Rollen ganz andere zu sein schienen, als sie sind.

Ich weigere mich, mehr über die Handlung zu verraten. Aus zwei Gründen: Zum einen bringe ich es bei diesem Buch nicht (mehr) übers Herz, zu spoilern. Dieses Buch sollte man einfach gelesen haben, man sollte es lesen, es genießen, sich daran erfreuen, denn dafür wurde es ganz offensichtlich geschrieben. Der zweite Grund ist, dass die Handlung durchaus so verschachtelt ist, dass es nicht einfach wäre, eine Kurzfassung davon zu generieren. (Möglicherweise ein Grund dafür, dass der Klappentext das dicke Papier nicht wert ist, auf dem er gedruckt wurde. Das gilt aber wirklich nur für den Klappentext; dessen Verfasser hatte möglicherweise auch gar keine Ahnung von dem Buch.)
Literarisch gesehen ist das Buch um eine Klasse besser als der Vorgänger. Der war eine Einführung, eine Einleitung, ein Bekanntmachen der wichtigen Figuren, eine Beschreibung von Charakteren und deren Abgrenzung zueinander. Ein wichtiges Buch war das, aber nicht unverzichtbar, will meinen: Man kann den Folgeband ohne Probleme auch lesen, ohne den ersten zu kennen. (Und ich gehe davon aus, dass das auch für die folgenden Bücher gelten wird, denn auch »Mittwinternacht« ist eindeutig in sich abgeschlossen.) Aber »Mittwinternacht« ist echte Action, echter Suspense, das ist ein Krimi von ganz ungewöhnlicher Art – wofür die Watkins-Reihe ja bekannt und berühmt wurde – und von sensationellem Flair, von einmaliger Qualität. Da steckt mehr drin, als man erwartet, denn das Buch liest sich so, wie man sich die Gegend vorstellt, das ländliche England, Ledwardine, Merrilys Pfarrei, Hereford, der Sitz des Bischofs, die Gegenden, das alles ist sehr englisch beschrieben, wirkt sehr lauschig, ländlich, schön – Und die Ereignisse, die da Kratzer rein machen, in diese Fassade, in diese schöne englische Oberfläche, die sind vom allerfeinsten, so fein, dass man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob es die Ereignisse oder die Kratzer sind. Ich habe dieses rund 600 Seiten umfassende Buch in weitgehend einem Rutsch gelesen – und es gab nicht einen einzigen Halbsatz, der mich auch nur andeutungsweise gelangweilt hätte. (Ich habe viele Jahre nichts außer Computerfachzeitschriften gelesen, bin quasi Wiederanfänger in Sachen Buchlektüre, aber ich kann mich auch aus meinen präinformationstechnologischen Literaturzeiten nicht daran erinnern, jemals ein derart sensationell fesselndes Buch gelesen zu haben.
Die Hauptfiguren – die ja auch in der Wikipedia aufgelistet sind – sind diesmal nicht alle vertreten. Merrily und Tochter Jane, sind natürlich da. Lol Robinson ist ebenfalls mit von der Partie. Oh ja, die kühle Annie Howe natürlich auch; bei deren Erwähnung und bislang eher knapper Schilderung habe ich immer eine bestimmte Schauspielerin vor Augen, deren Gesicht ich ganz genau erkennen kann, deren Name mir bislang nur nicht eingefallen ist. Die Schilderungen dieser Hauptcharaktere werden verfeinert, ein wenig ausgebaut, sie füllen sich noch mehr mit vorstellbarem Leben, als dies schon im ersten Buch geschah.
Die übrigen Figuren, die diesen Band wohl nur teilweise überleben werden – Sophie Hill zum Beispiel, die Sekretärin im Bischofspalast, oder einige andere Polizistenfiguren –, sind in der Qualität des ersten Buches ausgestaltet und charakterisiert. Es mag vermutlich die eine oder andere Stelle geben, bei der man sich fragen sollte, ob dieser oder jener Charakteraspekt jetzt wirklich stimmig ist, ob diese oder jene Figurenmotivation wirklich so sein könnte, aber, hey … Ei drüber! Selbst wenn es solche Punkte gäbe, an denen man eine Kritik festmachen könnte, man bekommt sie gar nicht mit, weil man durch diesen Roman gezogen wird – mit den Figuren und von den Figuren –, dass einem im Grunde rechtschaffen der Atem wegbleiben sollte.
Besonders schön herausgearbeitet ist diesmal auch Jane Watkins, die eine neue Freundin findet, ach, nein, eigentlich sogar mehrere neue Freunde, einen Freundeskreis, kann man sagen, der aber auch so seine Besonderheiten hat. Was im ersten Buch noch ein wenig … nun, sagen wir: unauffällig schien, nämlich das Verhältnis zwischen einer alleinerziehenden Mutter und einem pubertierenden Teenager, fällt in »Mittwinternacht« deutlich heftiger aus, was im Nachhinein schlüssig ist, denn die Aufsässigkeit, die Pubertät eines Teenagers ist nicht von einem Tag auf den anderen anstrengend und prägend, sondern sie entwickelt sich bekanntermaßen nach und nach, bis zum Zeitpunkt der Abnabelung vom – wenn auch nicht vollständigen – Elternhaus. An einigen Stellen in den Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter musste ich an meine Freundin denken, die an so einer Stelle in einem Film wieder »Mein Gott« und verdrehte Augen von sich gegeben hätte. Aber die Darstellungen des Generationenkonflikts bleiben stimmig und – ja, gut.

Apropos Film. Auch dieses Buch ist in der schon beschriebenen filmischen Dramaturgie verfasst. Cliffhanger, Cliffhanger, Cliffhanger, man hangelt sich von Kapitel zu Kapitel, von Absatz zu Absatz, von Handlungsstrang zu Handlungsstrang, und … nein, eigentlich hangelt man sich nicht selbst, man wird »gereicht«, weitergegeben von Kapitel zu Absatz zu Handlungsstrang, man kann sich schon wegen dieser höchst ausgeprägten Cliffhangerdramaturgie nicht wirklich dagegen wehren. Aussichtslos. Und unnötig, aber das sollte aus meiner Rezension schon erkennbar sein.
Im Grunde schreit dieses Buch noch lauter als sein Vorgänger nach einer Verfilmung. Es wäre so einfach. Jämmerlich einfach. Man bräuchte für ein Drehbuch nicht mal groß umschreiben, sondern eigentlich nur die Formatierung ändern – sprich: mehr Zeilenschaltungen, einen größeren Zeilenabstand – und einen neuen Ausdruck produzieren, ein ordentliches Casting machen – bei der Watkins bin ich mir nicht ganz sicher, wen ich in dieser Hauptrolle sehen wollte – und dann ab, vor die Kamera, Leute! Vernünftig gebaut würden diese Krimis auf der Mattscheibe den Rühmannschen Pater Brown vielleicht nicht aus dem Feld schlagen, aber leicht an ihn heranreichen – und doch schon wegen der zeitlichen Abstände gar nicht vergleichbar sein und bleiben –, den Fischerschen Bayern-Braun aber locker an irgendeinen Haken hängen und da vergammeln lassen.

Hatte ich beim ersten Buch möglicherweise noch meine Zweifel, ob Rickman und seine Figur den Ruhm, den man ihnen nachsagt, auch wirklich verdient hätten, so sind diese mit »Mittwinternacht« ausgeräumt. Völlig. Das Buch ist sensationell, für echte Krimifans ein Muss, gleich, welcher Stilrichtung man sonst am liebsten anhängt. Die Watkins funktioniert einwandfrei. »Sitzt, passt, wackelt, hat Luft«, wie man in Bayern sagt. Wenn ich demgegenüber daran denke, dass ich bis zum dritten Band noch bis Mai, auf den vierten gar bis Oktober 2010 warten muss, und darüber hinaus noch nicht bekannt ist, wann – und ob? – die nächsten Bücher kommen, dann wird mir schon ein wenig anders. Das nennt man möglicherweise Suchterscheinungen …

Wer »Mittwinternacht« selbst lesen möchte: Ich verschenke meinen Band, nachdem man bei Amazons Gebrauchtbuchangeboten sowieso nichts mehr dafür bekommt. Wer mir eine Mail schickt und verspricht, nach der Lektüre selbst ein paar Zeilen zu diesem Buch und zur (ggf. auch anonymen) Veröffentlichung in diesem Blog zu schreiben, dem schicke ich das gute Stück völlig kostenfrei zu.