Nach der Bindung ist vor der Bindung

Auch zu »Der Virenplanet« ist noch ein Nachtrag fällig. Der Verleger hat mich darauf angesprochen – und er hatte völlig recht. Ich erwähnte die Bindung des Buches nicht. Die Bindung. Sie ist wirklich –

Die meisten haben bis hierhin gar nicht geklickt, ich bin sicher. Wer es doch getan hat, wird vielleicht die Augen verdrehen angesichts einer sich androhenden Ode an die Bindung eines Buches. Aber das ist bei näherem Hinsehen und Hindenken durchaus ein Punkt, der heute keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Ausgerechnet heute, müsste es heißen, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen immer mehr Qualität für immer weniger Geld verlangen und sogar bereit sind, immer mehr Geld in immer mehr Anstrengungen – gar juristischer Art – zu investieren, um für immer weniger Geld ihre immer mehrere Qualität zu bekommen.
Martin S., SFCD-Vorstands- und DSFP-Komitee-Mitglied, gehört zu denjenigen, die Qualität noch per se zu schätzen wissen. Er ist der Rezensent schlechthin, der in jeder seiner Rezensionen bemeckert, wenn er ein Hardcover in die Finger bekommt, das in Wirklichkeit eine Klebebindung mit einem Hardcoverpseudoumschlag vorzuweisen hat. Ja, in der Tat, solcherlei Schummelei gibt es heute zuhauf auf dem Markt, und wen wundert es eigentlich, angesichts der immer zahlreicheren Masse Mensch, die immer mehr Qualität für immer mehr Geld verlangt und sogar bereit ist, … Aber das hatten wir schon. Martin S. jedenfalls gehört zu denjenigen, die sich nicht nur wundern, sondern auch meckern, beständig, wiederkehrend, so sicher, wie das Amen in der Kirche, so sicher, wie der Mittag um 12 Uhr.

Ich selbst bin einer von diesen Ignoranten. Ich bekomme Bücher oft genug geschickt, aber ich kaufe sie natürlich auch, vor allem und am zahlreichsten für meine Malta-Sammlung, worin sie dann erst einmal verschwinden, in der Regel ungelesen. Nehme ich ein Buch zur Hand und lese es, dann sieht man es nicht. Ich gehöre zu den Benutzern von Lesezeichen. Ich hasse Eselsohren – Todesstrafe! –, außer in der zweiwöchentlichen c’t, die kann das ab, da muss das rein. Ich hasse auf dem Bauch liegende Bücher, die die Seiten breitmachen müssen, weil sie nach unten gedrückt werden, damit der Leser, der faule Sack, kein Lesezeichen verwalten und verwenden muss. Wäre ich ein Buch, würde ich auch meine Freundin hassen, die es ohne mit der Wimper zu zucken – und ohne auf Ansprache diesbezüglich darauf zu verzichten – fertigbringt, die Seiten eines Taschenbuches so umzuschlagen, wie ich dies nicht mal mit einer Zeitschrift wie der c’t mache. Mit brutaler Gewalt.
Ich bin mir eigentlich nicht bewusst, dass ich mit den Büchern, die ich lese, besonders penibel umgehe. Im Gegenteil. Ich nehme sie, schlage sie auf, lese sie. Ich lese sie gerne unter einer Leselampe, die nicht mich, sondern das Buch beleuchtet (meine Freundin beleuchtet vorzugsweise ihren Hinterkopf mit unserer Leseleuchte). Manchmal lese ich sie auch am Esstisch, wo ich mich mit den Ellbogen aufstützen kann, wodurch ich mit viel, viel weniger Kraft auf das Buch so einwirken kann, dass es wie ein offenes solches vor mir liegt und sich lesen lässt.
Ich ärgere mich über Schutzumschläge von Büchern. Ich nehme sie immer ab, während ich lese. Denn die sind so empfindlich, dass ihnen schon ein lautes Wort einen Riss zu bescheren scheint. Ich ärgere mich über Buchsätze, bei denen der Text so weit in die Mitte reicht, dass ich das Buch unnötigerweise stärker knicken muss, als es mir lieb ist. Ich ärgere mich über Buchumschläge, deren Kaschierung so miserabel ist, dass man sie auch hätte weglassen können. Eine Mattkaschierung, die bei der leisesten Berührung Kratzer und Fingerabdrücke konserviert, ist billig und überflüssig, so sehr, wie eine Hochglanzkaschierung pures Posing ist.
Nimmt man ein Buch in die Hand, das ich gelesen habe, ist nicht unbedingt klar, dass es schon gelesen wurde. Der Buchrücken ist jedenfalls unbeschädigt – und es spielt keine Rolle, wie billig das Taschenbuch produziert wurde, er ist definitiv unbeschädigt. Ist der Umschlag gut, dann sieht man auch meine Fingerabdrücke nicht. Und die meisten der Schäden, die ich bei einem Buch nach meiner Lektüre vorgefunden habe, waren schon vorher da: Verpackungs-, Transportschäden, Unachtsamkeiten in der Druckerei beim Druck oder während der Verpackung in Klarsichtfolie.
Es gibt keinen Grund, ein Buch schlecht zu behandeln. Also tue ich es auch nicht.

»Der Virenplanet« ist in der Tat sehenswert. Meine eigenen Angewohnheiten haben mir den Blick dafür verstellt, denn da es keine Rolle spielt, wie hochwertig eine Buchproduktion vom rein mechanischen Standpunkt aus ist, wenn ich sie in die Finger bekomme, weiß ich edle Verarbeitung auf diesem Sektor nicht zu schätzen. Zugegeben. Aber ich bin mir keiner Schuld bewusst. Eher müsste sich Jörg Kägelmann, der Chef vom Blitz-Verlag, sich diese Schuld in die Schuhe schieben lassen, bringt er doch so mir nichts, dir nichts ein auf 888 Ex. limitiertes Hardcover für 24,95 Öre auf den Markt, das mit einer hochwertigen und wirklich höchst ordentlichen Fadenbindung brilliert. Da ist kein Leim, da ist kein Kleb, kein Pseudobind. Nein. Dieses Buch lässt sich neben Klassiker stellen, als es noch Buchbinder gab, die eher Handwerker und weniger Chemiker waren, und sieht bestens darin aus. Damit macht Jörg Kägelmann mich zu dem Buchbindungsqualitätsignoranten, der ich schon aus eigener Erkenntnis bin, und damit wirft er wohl meist Perlen vor die Säue. Denn Menschen wie Martin S. sind selten.
Einen Vorwurf könnte ich dem Herrn Verlegerkollegen machen. Ein Buchbindungsklassiker ist das Buch nämlich nicht. Bei den Klassikern fand sich auf einem völlig andersfarbigen, oft genug stoffartigen Umschlag allenfalls der Autor und der Titel in gold- oder bronzefarbenen Lettern, geprägt. Hier liegt ein Buch vor, dessen Umschlagbild auch auf das eigentliche »harte Cover« gedruckt wurde, eine zwangsläufige Reminiszenz an die moderne Technik, die dergleichen ohne großen zusätzlichen Kostenaufwand erlaubt. Aus dem vermeintlichen Klassiker aber einen sicheren Nichtklassiker macht.
Aber gut. Wer bin ich, solches zu bemeckern? Bin ich hier der Fachmann? Oder nicht doch nur der Buchbindungsqualitätsignorant? Wer ein gutes Buch nicht nur am Inhalt, sondern auch an der Bindung zu schätzen weiß, wird dieses Buch zu schätzen wissen. Ich bin sicher, Martin S. täte es; um ganz sicher zu sein, müsste ich ihn fragen, und das wäre dann doch zu viel verlangt, jedenfalls an dieser Stelle.