Langweilige Fesselung in Wehrlosigkeit

Anna Mocikat
MUC – DIE VERBORGENE STADT
Knaur eBook, Oktober 2015, E-Book, ohne ISBN

VORBEMERKUNG
Den ersten Band hatte ich auch schon gelesen – »MUC«, erschienen 2014, für den DSFP, den Deutschen Science-Fiction-Preis gelesen und rezensiert im März 2015. Die Rezension findet sich hier. Das Fazit damals war so lala.

WORUM GEHT ES?
Pia, die einzige Nichtrothaarige der noch bekannten Welt – sprich MUCs, des alten Münchens – hat sich in München etabliert und im Hades, der Münchner Unterwelt, eingelebt. Robin ist ihr neuer Partner; Elias, der Sohn des Propheten in der Oberstadt und ehemaliges Gschpusi (vulgo bavariae: Techtelmechtel), ist Vergangenheit, auch wenn der immer noch an sie denkt (und laut Verlagsinfo sie auch an ihn, obwohl sich das im Roman eindeutig anders darstellt). Paul, Pias Bruder, hat seinen Job in der Oberstadt aufgegeben und sich den Hadesbürgern angeschlossen. Alles scheint in Ordnung.
Ist es aber nicht. Denn aus Utilitas – dem ehemaligen Frankfurt – nähern sich Truppen, die nicht nur MUC dem Erdboden gleichmachen wollen, sondern auch Pia in ihre Gewalt zu bringen gedenken – denn Falk, das Arschloch aus Band 1, hat ihnen gesteckt, dass sie schwarze Haare hat, also etwas Besonderes ist, und auch ohne große Andeutungen kann man sich die Horden widerwärtiger Wissenschaftler vorstellen, die an Pia herumschnippeln möchten, um ein Mittel gegen das »Große Sterben« zu finden, und dann …
Das Problem ist, dass MUC alleine nicht gegen die Truppen aus Frankfurt bestehen kann. Man braucht also Hilfe. Die verschiedenen Parteien MUCs, eigentlich nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen, verbünden sich. Eine Delegation – bestehend aus Pia, Sam, einem Hadesbewohner, Elias und zwei seiner Wächter – wird losgeschickt, den alten Flughafen – das eigentliche MUC – aufzusuchen und festzustellen, ob dort noch Menschen leben, die helfen könnten.
Alles gelingt. Die Hadesbewohner verdrücken sich und können nicht gefunden werden; Falk, das Arschloch, wollte sich an ihnen rächen. Pech gehabt. Die Flughafendelegation ist letztlich erfolgreich – und die dort lebenden Menschen, durch radioaktive Strahlung und ständiges Leben in den Flughafengebäuden verändert, können und wollen helfen: mit Flugzeugen (die mindestens hundert Jahre alt sein sollen!). Feindliche Truppen und die Zivilbevölkerung wird nach syrischem Vorbild bombardiert, und am Ende ist alles gut: Utilitas ist geschlagen, MUC ist gerettet, Pias Partner Robin ist tot, Paul ist unglücklich, denn Pia ist den Frankfurtern ins Netz gegangen und von ihnen verschleppt worden.
Band 3, ick hör dir trapsen.

WAS GEFIEL?
Der Schreibstil ist wie gehabt: routiniert, locker, wenig anspruchsvoll. Das ist aber auch alles. Das ist, um genau zu sein, ein Teil des Problems.

WAS GEFIEL NICHT?
Die Autorin hat sich in ihrem Schreibstil jedenfalls nicht weiter entwickelt. Der Plot ist wieder eher flach, vor allem vorhersehbar, worunter vor allem die Spannungskurve leidet. Selbst die Tatsache, dass die Flughafenbewohner mit Flugzeugen helfen, ist von Anfang an vorhersehbar – mit was sollten sie auch sonst helfen? Rasenmähern? Panzern? Mit in Waschmaschinen verschwundenen und wiedergefundenen Socken? Und dass Pia den Utilitariern, den Bösen also – als die sie auch unzweifelhaft in bester Schwarz-Weiß-Malerei dargestellt werden; sogar die Münchner Oberstädter sind nun lieb, gut und toll – ins Netz geht, ist so früh klar, dass man sich eigentlich fragt, wieso die Autorin nicht einfach nur eine Kurzgeschichte nach bester Ratzfatzmanier geschrieben hat, das hätte völlig ausgereicht.
Einmal mehr nervtötend ist auch die schon im ersten Band beanstandete Art und Weise der Autorin, den Leser so lange mit der Nase auf eine Münchner Besonderheit hinzustoßen, bis auch der allerletzte Depp kapiert hat, was gemeint ist. Nach hundert Jahren kann man erwarten, dass sich bestimmte Namen verändert haben oder ganz verloren gegangen sind. Aber mit solchen Stilmitteln arbeitet die Autorin nicht – nein, der Stachus heißt bei ihr auch nach hundert Jahren noch Stachus, obwohl selbst heute außer echten Münchnern keiner wirklich weiß, warum das Ding Stachus heißt – und die Autorin weiß es vermutlich auch nicht. (Wer sich für den Namensursprung interessiert, wird hier fündig.)

ZITAT GEFÄLLIG?
Ich habe mir auch diesmal keine Notizen zu einer zitierenswerten Stelle gemacht. Wollte ich eine witzige Stelle zitieren, fände ich keine. Wollte ich eine dumme Stelle zitieren, müsste ich eine Auswahl treffen – oder das ganze Buch zitieren. Und eine intelligente Stelle … mein Gott, vielleicht bin ich blind und habe mir die Lektüre nur eingebildet!

ZU EMPFEHLEN?
Nein, diesmal nicht einmal solchen Lesern, die bloß auf Unterhaltungsliteratur aus sind und sich mit dem Genre (Science-Fiction, oder?) nicht auskennen.
Die Pressestimmen überschlagen sich natürlich wieder. Bei Amazon kann man sie en detail nachlesen (offensichtlich scheut sich niemand, hier eine Dummheit an die andere zu reihen; da wird z. B. das academicworld.net mit der Bemerkung »Münchner werden sich freuen, denn sie können sich auf eine Schnitzeljagd begeben – wer erkennt alle Gebäude, die die Autorin in ihrem Verfall porträtiert?«, eine Frage, die man leicht mit dem Vermerk beantworten kann, dass das alle tun können, die lesen können, denn die Autorin hat ja alles verraten, was zu verraten war; hallo-buch.de faselt von »Spannung, Abenteuer und Romantik« – was für ein Buch die wohl gelesen haben? –, und »Echt Blöd« … sorry, »Echt Bayern« behauptet ein »düsteres Leseabenteuer« … ich vermute, man kann viel Geld mit der völlig abseitigen Erfindung solcher Falschbehauptungen verdienen, für die vermutlich niemand verklagt wird, denn wer gibt schon gerne vor Gericht zu, dass er zu dämlich ist, nicht auf so einen Unsinn hereinzufallen). Wieder ist von einer Dystopie die Rede, diesmal von einer »urbanen Dystopie«. Nichts dergleichen liegt hier jedoch vor. Auch der zweite Teil der (vermutlichen) MUC-Trilogie ist nur ein seichtes, vorhersehbares Stückchen Unterhaltung, mit eher ärgerlich klischeehaften Figurenzeichnungen, einigen blöden Ideen – Utilitas aka Frankfurt ist natürlich auch deshalb böse, weil dort immer noch Reichtum angesiedelt ist; die Führungsschicht Utilitas‘ wird als die CEOs (vulgo: Chief Execution Officers) bezeichnet … mein Gott, das ist so albern! – und mit einem so offensichtlichen Ende, dass ich mich im Nachhinein frage, wieso ich das Buch überhaupt ganz gelesen habe. Ich kann es nur darauf zurückführen, dass mich die Langeweile gefesselt hat, mich wehrlos machte, mir die Fähigkeit raubte, mich des Grauens zu entledigen …

NOCH WAS?
Ja. Im DSFP 2016 hat das Buch keine Chance, denke ich. Auf jeden Fall nicht bei mir.
Und den nächsten Band werde ich nicht mal lesen, wenn man mich mit vorgehaltener Waffe dazu zwingt.

P.S.: Und geärgert hat mich das E-Book auch noch. Es war ein ePub und ich kann meinen Kobo Aura, den Reader für ePubs, sowieso nicht leiden; ich hoffe auf den Tag, da Amazons Kindles auch endlich ePubs lesen können. Durch ein versehentlich gesetztes Leerzeichen brachte das E-Book zum Schluss den Kobo ständig zum Absturz – sinnigerweise erst nach dem Ende der Lektüre. Und da das Miststück – sehr praktisch für ein Rezensionsexemplar – DRM-gesichert war und ist, konnte ich es mir nicht mal mit Calibre anschauen, um die Daten zu dieser Rezension zusammenzustellen, sprich: das Impressum zu checken. Aber dafür kann die Autorin natürlich nichts. Oder doch?