Die Intellektualität unfarbigen Staubes

Olaf G. Hilscher & Michael K. Iwoleit (Hrsg.)
NOVA SCIENCE FICTION, Ausgabe 23
Amrûn Verlag, Traunstein, 2015, E-Book, ISSN 1864-2829, ISBN 978 3 958690 31 8

VORBEMERKUNGEN
Ich glaube, das ist die erste NOVA-Ausgabe, die ich überhaupt in einem Stück gelesen habe. Ich erinnere mich dumpf, einmal zwei oder drei Printausgaben besessen zu haben, aber nicht daran, dass ich sie gelesen hätte. Tsts.
Inzwischen ist klar, dass Jürgen Eglseers Amrûn Verlag das neue Zuhause für NOVA darstellt. Auch wenn ich zu NOVA bislang keine besondere Beziehung habe – siehe vorher; ich verspreche, daran zu arbeiten –, kann ich die Erhaltung von Veröffentlichungsmöglichkeiten für SF-Kurzgeschichten nur begrüßen. Lauthals.
Das vermutlich erste NOVA, welches ich gelesen habe, lag mir also als E-Book vor. Meine Lektüre liegt eine Weile zurück, so dass ich parallel zum Schreiben dieser Rezension in diesem E-Book blättern werde. Notebook und Calibre sei Dank.
Achja. Gelesen habe ich das E-Book für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2106 (vulgo: DSFP 2016).

WORUM GEHT ES?
Die Ausgabe 23 steht unter dem thematischen Motto »Musik der Zukunft / Zukunft der Musik«, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem erstgenannten Teil liegt.
Abgesehen von den im Folgenden besprochenen Kurzgeschichten finden sich zwei Essays, die über das E-Book-Inhaltsverzeichnis selbst nicht zu erreichen sind. Franz Rottensteiner schreibt in der »Einleitung« über »Musik und Science Fiction«, eher ein simpler, aber durchaus informativer Überblick über die Vergangenheit und Gegenwart der Verbindung zwischen Musik und SF.
Der zweite Sekundärbeitrag ist ein Essay von Martina Claus-Bachmann: »Das Fremde als Konstrukt: Musik und Science Fiction«. In diesem Beitrag geht es anhand von diversen Beispielen in Form von SF-Filmen und -Serien um die Erzeugung von Vertrautheit, aber auch von Fremdheit durch Musik. Interessanter Betrachtungswinkel, aber schon mir fehlte zum vollständigen Nachvollzug die Kenntnis einiger der Beispiele. (Aber das kann man in unseren Zeiten ja leicht ändern.)
Bevor es an die Kurzgeschichten geht, sei noch das schöne Titelbild, weitgehend in Blau gehalten, von Dirk Berger erwähnt. Die Geschichten selbst sind von verschiedenen Künstlern illustriert (was heißt: jeweils eine Grafik): Gloria Manderfeld, Rasputin, Christoph Jaszczuk, Jan Neidigk, Stas Rosin, Michael Marrak, Christian Günter, Susanne Jaja, Nummer 85 und letztlich Michael Wittmann.
Nun aber zu den Storys:

Marcus Hammerschmitt: »In Wien ist die Musik«. Die Geschichte eines Mordmotivs. Ein Mädchen wird vergewaltigt und ermordet, damit sie die letzte Melodie nicht verbrauchen kann. Nicht, dass erwiesen gewesen wäre, dass sie es tun würde – aber man weiß ja nie, wann die letzte Melodie dran ist, bei all den Millionen und Milliarden Melodien, die allein in Wien tagtäglich verbraucht werden … Schön schräg, wenn ich mir bei dem Titel auch ein wenig mehr Wiener Schmäh gewünscht hätte.

Gabriele Behrend: »Tremolo«. Musik hat auch immer etwas mit menschlichen Beziehungen zu tun – auch und vor allem bei Körpermusik, Musik, die mit einem menschlichen Körper erschaffen wird. Manager, Künstler, Instrument – drei Lebewesen in einer Beziehung zueinander, die nicht immer einfach ist. Gabriele Behrend ist in ihrem Metier: gefühlvoll, dicht, ein schönes Stückchen Literatur.

Marc Späni: »Dr. Kojimas Cyber-Symphonic Orchestra«. Mit diesem Orchester hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Die Geschichte ist recht kurz und leider sehr vorhersehbar. Stilistisch einwandfrei, aber eben ohne Gag.

Karsten Kruschel: »Was geschieht dem Licht am Ende des Tunnels?« Inwiefern diese Geschichte etwas mit der Musik der Zukunft oder der Zukunft der Musik zu tun hat, habe ich nicht verstanden. Es geht um Menschen, die auf und in gigantischen Müllhalden quasi Bergbau betreiben, Rohstoffe zu gewinnen versuchen und dabei immer auf der Suche nach dem besonders wertvollen, Geld bringenden Fund sind. Sebastian und Pretzel gelingt ein solcher Fund, aber die Verwertung ist nicht einfach – nicht nur, weil die technischen Möglichkeiten gegeben sein müssen, nein: auch die Müllhalde verhält sich nicht immer, wie man es erwartet. Aber wie gesagt, abgesehen von diversen Zitaten aus Musiktexten habe ich den Zusammenhang der Story mit Musik und SF nicht verstanden. Was der Qualität der Geschichte allerdings keinerlei Abbruch tut.

Norbert Stöbe: »Shamané«. Worum es in der Geschichte geht? Ein Zitat: » Bei Musik geht es um Input und Output, um die Erzeugung von strukturiertem Klang und dessen Rezeption. Bislang bestand der Input in der Gedankenarbeit des Komponisten und der Spielleistung der Musiker oder Interpreten. Der Rezipient war der passive Hörer. WeMusic bringt diese beiden Pole zusammen, vereint sie in ein und derselben Person, und das vollkommen voraussetzungslos. Buchstäblich jeder kann Musiker sein. Jeder Mensch kann schöpferisch werden.« So der Protagonist Carl Bussig in einem Spiegel-Online-Interview. Die WeTies, wie man die zugehörige Hardware nennt, ist ein Erfolg sondergleichen. Aber sie haben einen entscheidenden Nachteil, wenn man ein Konzert nach alter Manier spielen möchte.

Michael Marrak: »Das Lied der Wind-Auguren«. Diese Geschichte habe irgendwann abgebrochen. Marrak ist ja für seine Ideen durchaus bekannt – aber nicht die Idee des beseelten Hausrats oder ähnliches hat mich genervt, sondern die Mischung aus lauter Kunstworten, die mitunter überflüssig erschienen, mit einer irgendwie ziellosen wirkenden Handlung. Ich gebe zu: alles subjektiv. Aber so war das halt.

Thomas Adam Sieber: »Sodom Jazz Festival«. Dem Autor war weniger das Thema der Musik wichtig, als vielmehr die Frage, ob es sich wohl auch um Sodomie handelt, wenn man mit gendesignten Lebewesen – quasi halb Mensch, halb Tier – Umgang pflegt. Die Geschichte hat mir schlicht nicht gefallen.

Guido Seifert: »Le Roi est mort, vive le Roi!«. Nicolas Rozier ist » Le Roi de l’ElectroNebula« (einer Musikrichtung) – und tot. Wirklich? Die Geschichte ist vielschichtig, schön komplex und richtig spannend. Die Wendung am Schluss könnte man vorausahnen, wenn man wollte. Muss man aber nicht. Und selbst wenn, sie wirkt doch. Feinste SF.

Frank Hebben: »Cantus«. »Datenlied komplett!«, so lautet der letzte Satz dieser Geschichte, die ich zugegebenermaßen nicht verstanden habe. Sie wirkte auf mich, als habe Frank einfach Elemente, die offensichtlich oder scheinbar mit Musik zu tun haben, zusammengematscht und einige sinnvolle Formulierungen injiziert. Einfach nicht mein Ding.

Stephen Kotowych: »Saturn in g-Moll«. Eine Übersetzung in diesem ansonsten deutschen Ensemble. Eine durchaus faszinierende Geschichte darüber, was man mit Musik alles anstellen kann – worauf man Musik zum Beispiel machen kann. Hier sind es … Nein, selber lesen. Ich halte sie nicht für die beste Geschichte in NOVA 23, aber für eine gut lesbare.

Thomas Ziegler: »Unten im Tal«. Diese Geschichte habe ich nur kurz angelesen, dann abgebrochen. Ich kann nicht sagen, warum. Es war mir einfach nicht nach der Lektüre, und auch jetzt, wo ich noch einmal hineinlese, ändert sich das nicht.

WAS GEFIEL?
Die Geschichten von Seifert, Behrend, Kruschel, Hammerschmitt – absteigend in dieser Reihenfolge. Die Mischung insgesamt war okay, aber diese vier Geschichten fand ich bemerkenswert.

WAS GEFIEL NICHT?
Abgesehen von den Punkten, die ich oben erwähnte, stört mich auch bei NOVA einmal mehr – sie sind nicht die einzigen – die inkonsequente, inkonsistente Anwendung der neuen deutschen Rechtschreibung in der letztgültigen Version. Man muss sich einfach mal festlegen, und für meinen Geschmack machen zu viele Menschen, die Bücher machen, den Fehler, sich von Erinnerungen und eigenen Nickeligkeiten leiten zu lassen. Ja, Science-Fiction schreibt man heute mit Bindestrich, und alle Varianten von Fantasie, Fantastik und zugehörigen Verben schreiben sich so oder so nicht mehr mit Ph, und die Behauptung, die Schreibweise »Phantastik« würde zur Differenzierung der Literaturgattung gegenüber … ja, was denn, nicht wahr? … beitragen, ist allein eine Schutzbehauptung von Leuten, die sich an Neuerungen nicht gewöhnen können und wollen. Klar, ich fand Delphine auch hübscher als Delfine, aber verdammt, wir haben eine Kanzlerin, und auch, wenn ich die gar nicht wollte, lebe ich trotzdem einigermaßen zufrieden in ihrem Land.

ZITAT GEFÄLLIG?
Nö, heute nicht.

ZU EMPFEHLEN?
Für Kurzgeschichtenfans auf jeden Fall. Es ist sprichwörtlich für jeden etwas dabei. Naja, fast jeden. Und jeder, der sich ein NOVA gönnt, unterstützt die deutschsprachige (SF-) Kurzgeschichtenszene. Das muss sein. Echt jetzt.