Es gibt keinen blauweißen Himmel über Bayern

Anna Mocikat
MUC
Knaur, München, 2014, Paperback, 368 Seiten, ISBN 978 3 427 51540 2

VORBEMERKUNG
Ich habe das Buch aus zwei Gründen gelesen.
Zum einen lebe ich seit über 30 Jahren in Bayern, in der Nähe von München, und es wurde mir zugetragen, dass das Buch für jemanden, der sich hier auskennen würde, interessant sein könnte.
Zum anderen bin ich Mitglied im DSFP-Komitee, zwar nicht sehr aktiv im Augenblick, aber es kann ja nicht schaden, den eigenen Kenntnisstand auf das Level der Komiteekollegen zu heben.
Dank jedenfalls an Hans-Jörg E. für die Buchleihgabe.

WORUM GEHT ES?
Es ist 2120. Es ist hundert Jahre her, seit die Menschheit von einer unbekannten Krankheit dahingerafft wurde, die meist nur Menschen überlebten, die rote Haare ihr eigen nannten.
Pia, die Protagonistin, ist anders – schwarzhaarig. Sie ist irgendwo in den Alpen aufgewachsen, fremd, immer außen vor, und irgendwann macht sie sich auf die Socken, ihrem Bruder nach MUC zu folgen, jener sagenhaften Stadt irgendwo im Norden.
Das Buch beschreibt Pias Weg dort hin, wie sie zu einer Menschengruppe stößt, die im sogenannten »Hades« unter MUC lebt, wie sie ihren Bruder findet, von einem Mann, den sie zu lieben glaubt, betrogen wird … und so weiter, und so fort.
Am Ende wird alles gut.

WAS GEFIEL?
Der Schreibstil ist entspannt, routiniert, wenn auch nicht sehr anspruchsvoll. Die Handlung wird mit einer ordentlichen, allerdings sehr vorhersehbaren Spannungskurve vorangetrieben. Die ganze Geschichte ist unterhaltsam.

WAS GEFIEL NICHT?
Mehr aber auch nicht.
Der ganze Plot ist vorhersehbar. Es ist nicht einmal die soundsovieltausendste Kopie eines amerikanischen Films oder Plots, sondern die soundsovielhundertste Kopie von deutschen TV-Film-Produktionen. Das ganze Ding ist butterweich, weichgespült, hübsch uneckig, es ist sogar mit dicken Mandeln noch so leicht zu schlucken, dass nicht die Spur eines Kratzens in Hals, Speiseröhre oder Hirn zurückbleibt.
Am allermeisten hat mich eben genau das gestört, weshalb mir der Roman empfohlen wurde: der Bezug zu Bayern, zu Oberbayern, zu München (MUC ist, wie sicherlich bekannt, das Kürzel für den Münchner Flughafen), zu der ganzen Gegend. Immer dann, wenn es um Bezüge zu dem geht, was man als Mensch dieser Realität kennt, kommt ein klugscheißerischer Nachsatz, der genau das noch einmal erklärt, damit auch wirklich der allerletzte Hinterdepp auf Nordostsylt kapiert, worum es gegangen ist. Das ist nicht nur für mich als langjährigen Anwohner Oberbayerns ärgerlich – ja, ich habe die A9 erkannt, den Chiemsee, Rosenheim, ich kenne den Marienplatz, das Münchner Rathaus, den Prinzregentenpalast und den Friedensengel, ich erkenne den Englischen Garten, wenn ich von ihm lese, und weiß um die Optik des Chinesischen Turmes usw. –, es ist auch völlig überflüssig, weil es dem Roman an genau den entscheidenden Stellen das geheimnisvolle Flair raubt, das das Werk zu einem schönen, vielleicht sogar zu einem Meisterwerk hätte machen können.

Aber was will man erwarten? Die Autorin mit dem sowieso schon unbayerischen Namen – für den sie nichts kann – ist erkennbar keine Bayerin. Keine Bayerin würde jemals einen Himmel über Bayern als »blauweiß« beschreiben. Und so ist erkennbar, und nicht nur zu vermuten, dass die Frau einfach keine Ahnung davon hat, worum es in ihrem Roman hätte gehen können.
Ich tippe einfach mal blind: Anna Mocikat stammt aus Berlin. Nur Berliner sind so gefühllos.

ZITAT GEFÄLLIG?
Ich habe keines markiert. Es gäbe sicherlich einige hübsche Stellen zu zitieren, aber sie wären aus dem Zusammenhang gerissen. Und der Zusammenhang ist eben der, dass dieses Buch als eine »bayerische Dystopie« nicht nur nichts taugt, sondern wohl auch nicht gedacht war. Was schade ist. Aber angesichts von Eschbach, Schätzing und anderen deutschen Erfolgsschreibern hat eine »bayerische Lokalfiktion« natürlich keinen Markt.

ZU EMPFEHLEN?
Für Leute, die auf Unterhaltungsliteratur aus sind und keine Ahnung vom Genre haben: ja.
Für alle anderen: nein.

NOCH WAS?
Für den DSFP – der Roman steht in der Nominierungsliste – sehe ich keine ernsthafte Chance. Es sei denn, das Komitee hat seine Ansprüche letztens für 1 Euro bei Ebay vertickt. Das wäre mir allerdings aufgefallen.