Am Anfang einer Werkausgabe

Dort steht meist ein Buch. Von einem Autor. Der heißt in diesem Fall Heinrich Stricker – Spitzname »Tiny«.

Ich habe Heinrich erst spät persönlich kennengelernt. Das war, glaube ich, anlässlich der Veröffentlichung seines Buches »Vom Gehen in griechischen Städten«, des Bandes 2 der Reihe »ErlebnisWelten – Welten erleben«, die möglicherweise auch durch dieses Buch überhaupt zustande gekommen ist. (Band 1 war die Weltreiseschilderung »Bei Regen und bei Sonnenschein« von Bernd Robker; als das Buch erschien, war mir noch gar nicht richtig klar, dass ich Verleger sein würde.) »Vom Gehen …« ist augenblicklich nur antiquarisch zu bekommen, aber das heißt ja nichts.

In Berührung kam ich mit Heinrichs Werken viel früher. Ich tippte in den 80ern und 90ern – und manchmal sogar noch heute – Texte für den Maroverlag ab, darunter auch einige der handschriftlichen Manuskripte von Heinrich »Tiny« Stricker. So zum Beispiel »Grenzland« und »Spieler im Park«, beides Werke, die noch unveröffentlicht sind. Und später – da kannten wir uns aber schon – auch »Ein Mercedes für Täbris«, den dann doch erst noch einmal Maro herausbringen durfte.
Zuletzt präsentierte er mir »Lektüren in Sarajevo«, und nach einigen Diskussionen – auch mit Benno Käsmayr von Maro – waren wir uns einig, eine Werkausgabe auflegen zu wollen. Die »Lektüren« sind Band 7 der Werkausgabe, die von der Nummerierung her die Chronologie des Erscheinens abbilden wird. Wie sich das wohl gehört.

Die »Lektüren in Sarajevo« sind eine Mischung aus Erlebnissen in der Fremde, hier mit Bezügen zu literarischen Werken (die in einem Anhang aufgelistet werden). Heinrich war – er ist seit einigen Monaten in Rente – Mitarbeiter des Goethe-Instituts, hat einiges von der Welt gesehen und war zuletzt in Sarajevo tätig, wodurch dieses Buch entstand. (Auch »Vom Gehen in griechischen Städten« entstand im Zusammenhang mit einem längeren Aufenthalt in Griechenland. Und der »Mercedes für Täbris« handelt von einer Fahrzeugüberführung in den Vorderen Orient. – Aber ich glaube, ich schweife ab …).
Die Werkausgabe mit den Werken Heinrich »Tiny« Strickers erscheint nunmehr in der Reihe »Außer der Reihe« – nicht nur, aber auch, weil ich die Bücher einerseits außergewöhnlich, andererseits in meine übrigen Reihen schwer einzuordnen finde. Seine frühen Werke – »Trip Generation«, vermutlich sein bekanntestes Werk, »Auf der Flucht vor der Flimmerkisten-Mafia«, »Soultime« und »Spaghetti-Junction« stammen aus den 70ern des letzten Jahrhunderts und dürfen gerne aufgrund einschlägiger Bezüge der Beat-Literatur zugeordnet werden – jedenfalls tue ich das, nicht zuletzt, weil der mir bekannteste Beat-Literatur-Verlag Maro in Augsburg Tinys Werke zuerst veröffentlichte.

Ich bin natürlich parteiisch und insofern kein guter Rezensent für ein Buch meines eigenen Verlages. Was mir an Heinrichs Schreibe – nicht nur in den »Lektüren« – immer gefallen hat, ist eine gewisse Entspanntheit, eine Ruhe, etwas Abgeklärtes, das man dem zierlichen älteren Herrn, wenn man ihn trifft, fast nicht zutrauen möchte, wenn man ihn erstmals erlebt. Aber ich glaube, er hat es auch immer noch faustdick hinter den Ohren –

Die Buchdaten:
Tiny Stricker
LEKTÜREN IN SARAJEVO
Werkausgabe Tiny Stricker Band 7
Außer der Reihe 14
p.machinery, Murnau, September 2015, 140 Seiten
Softcover: ISBN 978 3 95765 040 5 – EUR 7,90 (DE)
Hardcover (limitiert): ISBN 978 3 95765 041 2 – EUR 14,90 (DE)

Auch hier ist noch für 2015 ein E-Book via »bookrix« in Vorbereitung.

P.S.: Ein Geschichtchen noch zum Titelbild. Heinrich wünschte sich eines, das sich an das von »Vom Gehen …« anlehnte. Im Internet gibt es ja nun reichlich Bilderdienste, also rechnete ich mit wenig Problemen. Aber weit gefehlt – die attraktivsten Bilder, die man mit dem Suchwort fand, waren Motive aus Mostar, nicht aus Sarajevo. Oder stammten von einem Bildkünster – der die Moschee in Sarajevo mit Fischaugen fotografiert hatte –, der nur die redaktionelle Verwendung erlaubte.
Das Motiv, das ich letztlich erwählte, stammt von einem Spanier – und der hat sich über meine Mail gefreut, dass ich ihm gerne sein Belegexemplar zuschicken würde.
Die Linien ober- und unterhalb des Bildes sind übrigen die Farben der bosnisch-herzegowinischen Landesflagge.
Die Herausforderung wird nun sein, auch die übrigen Titelbilder der Werkausgabe so zu gestalten. Graue Haare habe ich deshalb noch nicht. Ich lebe auch als Kleinverleger – zwangsläufig – jeden Tag nach dem anderen.