Fantastikhack auf verdorbenem Reis

N. N. (Hrsg.)
WELTENTOR
Eine phantastische Geschichtensammlung – Fantasy, Science Fiction, Mystery
NOEL-Verlag, Oberhausen/Obb., Dezember 2012, Cover: Mark Freier, Hardcover (ohne Schutzumschlag, mit Klebebindung und Lesebändchen), 601 Seiten, ISBN 978 3 95493 002 9

VORBEMERKUNG

Die Geschichten in diesem Buch – in dem erstmals die Geschichten dreier Genres in einem Mix zusammengestellt sind; zuvor erschienen die einzelnen Genres in eigenständigen »Weltentor«-Bänden – sind das Ergebnis eines Kurzgeschichtenwettbewerbs, bei dem über 500 Geschichten eingereicht wurden.

WORUM GEHT ES?

Naja. Um Fantasy-, Science-Fiction- und Mystery-Kurzgeschichten. Wobei es gerade im letzteren Bereich aus durchaus naheliegenden Gründen auch mal zu Überschneidungen kommen kann. Eine eigentliche thematische Eingrenzung hat es nicht gegeben, worauf auch die in meinen Augen eher erschreckend große Zahl von Einsendungen hindeutet.

WIE IST DER STIL?

Sehr unterschiedlich. Es gibt eine durchaus erkleckliche Zahl sehr guter Geschichten, es gibt zahlreiche Geschichten, die ich zur oberen Mittelklasse rechnen würde, und es gab einige Ausreißer nach unten, die nicht immer durch Layoutverbrechen (siehe weiter unten) zu entschuldigen sind.
Diese Bandbreite ist nicht üblich, mag sich der gewiefte Kurzgeschichtenfreund denken, und in manchen Fällen – ich denke da vor allem immer noch an die Mommersschen »Visionen« und die Anthologien von Rößler & Jänchen aus dem Wurdack-Verlag – gibt es dafür gute Beweise. Aber in diesem speziellen Fall wundert es mich nicht. Nicht nur, aber auch wegen der über 500 Einsendungen.

Zu den einzelnen Geschichten verweise ich auf das Ende der Rezension.

WAS GEFIEL NICHT?

Verlegerische Frechheit: »Die Autoren übernehmen die Verantwortung für den Inhalt ihrer Werke. Die Geschichten wurden lediglich einer Fehlerkorrektur unterzogen, um die Qualität der Geschichten nicht zu verändern. Die korrigierten Texte wurden den Autoren zur nochmaligen Ansicht zugeleitet, allerdings bestanden einige Autoren darauf, dass der von ihnen eingereichte Urtext verwendet wurde.« Wäre ich zu faul, mich technisch und handwerklich mit den Texten auseinander zu setzen, und demgegenüber lieber meinen Gewinn zu maximieren, würde ich so was auch ins Impressum schreiben. Es ist schlicht eine Unverschämtheit, den Autoren die Verantwortung dafür in die Schuhe zu schieben, dass man sie mit handwerklichen Unsauberkeiten ihrer Werke im Stich gelassen hat. Ein wirklich guter Autor lässt mit sich über sein Werk diskutieren; das kostet natürlich Zeit und Energie, die hier offensichtlich eingespart werden sollten. Und – nebenbei – hat auch eine Fehlerkorrektur nicht stattgefunden, jedenfalls keine sehr eingehende; und mir kann keiner erzählen, dass ein Autor sich einen Tippfehler nicht korrigieren lässt, weil er Angst hätte, dies würde die Qualität seiner Geschichte vermindern.

Das Layout, bei Noel ganz sicher ein Standardkritikpunkt: Es gibt keine eingerückten Absätze, es wird mit Leerzeilen geschlampt oder geurscht, es gibt in einigen Werken ein heilloses Durcheinander bei der Aufeinanderfolge von öffnenden und schließenden Anführungszeichen, sowohl doppelter als auch einfacher (relevant in Verschachtelungen, wenn z. B. in einer wörtlichen Rede wörtliche Rede wörtlich zitiert wird). Dem Setzer ist der Begriff der Registerhaltigkeit völlig fremd. Die Seitenzahlen sind je nach völlig unterschiedlicher Seitenlänge mitunter an den unteren Textrand geklatscht.
Das Buch ist nicht unlesbar, aber wer schon mal ein gut gemachtes Buch in der Hand hatte, der wird dieses Werk stellenweise eher als Zumutung einstufen.

Kleinigkeiten:

  • Die Deutsche Bibliothek heißt seit Längerem Deutsche Nationalbibliothek.
  • Die Deutsche Bibliothek verzeichnet im Übrigen ebenso wenig wie die Deutsche Nationalbibliothek irgendetwas in der Bayerischen Staatsbibliothek, München, für die die Bayerische Staatsbibliothek zuständig ist.
  • Die Rechtschreibung ist uneinheitlich und oft genug falsch; bei der »Ausrede« im Impressum ist das kein Wunder. Bedenklich ist dies v. a. bei der Kommasetzung, die oft genug unter rein homöopathischen Gesichtspunkten oder nach den Spielprinzipien des Lottos in Bayern veranstaltet worden sein dürfte.
  • Die Storys sind in den drei Genres blockweise angeordnet. Es wirkt seltsam, das Genre jeweils noch einmal unter dem Titel der jeweiligen Geschichte genannt zu finden, so als könne es ja vorkommen, dass jemand nicht mehr wisse, in welchem Genre er sich gerade bewege. (Oder vielleicht auch nur um böse Ausreißergeschichten, die sich in ein ihnen fremdes Genre schmuggeln wollen, rechtzeitig zu entlarven?)

WAS GEFIEL?

Die guten Geschichten, und dass es nicht zu wenige sind. Die nicht ganz so guten Geschichten, und dass auch sie nicht zu selten vorkommen. Und dass die schlechten Geschichten letztlich in der Minderheit sind.
Zu den Details siehe unten.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?

Aber wirklich nur ein paar. Und ein paar besonders »hübsche«. – Auf Seite 21: »Der hob ein müdes Augenlied.« – Oder auf Seite 72: »In den dumpfen Klang der Trommeln mischten sich extatische Schreie.« Es geht, nebenbei, in der ganzen Geschichte nicht um »tatische Schreie«, weshalb »ehemals tatische Schreie«, mithin also … Nunja. Sogar der Duden verweist darauf, dass »Extase« die falsche Schreibung von »Ekstase« ist. – Oder Seite 92: »Und wo in Osiris Namen steckte er?« Diese Frage lässt sich umso weniger beantworten, als der Protagonist Hatschech heißt und allenfalls das »s« in Osiris’ Namen stecken könnte. – Und Seite 96; es geht um eine Katze: »Ihren Schwanz nach oben gerichtete, drehte sie sich ein paar Mal um die eigene Achse, wobei der Schwanz in kleinen Bahnen hin und her zuckte.« Wo zuckte er? – Seite 130: »›Ist es nicht wunderbar?‹, fuhr die Sprecherin fort und demonstrierte damit die ureigene menschliche Fähigkeit, Realität als rein subjektives Phänomen abzutun.« Ähm … – Seite 182, ein schönes Beispiel für gekonnt missglückte Kommasetzung: »[…] an der Höhlenwand, ein Stück vor, mir ist eine lodernde Fackel befestigt.« Genau: »Vor, mir stand ein Glas.« – Um das Wort »vor« spinnt sich offensichtlich ein großes Geheimnis, denn auf Seite 189 schließlich wird es sogar durch einen höchst unmotivierten, aber deutlich erkennbaren Zeilenwechsel in »V« und »or« zerlegt. (So was kann man bei einer einfachen Layoutnachkontrolle ausfindig machen, wenn man die Druckfahnen nicht mehr liest, sondern nur überfliegt. Aber auch das kostet ja wieder Zeit.) – Seite 209: »Aber in diesem Fall versagte ihm sein Scharfsinn.« Was denn? Seinen Dienst? Oder die Streichung eines überflüssigen »ihm«s?

ZU EMPFEHLEN?

Hm. Schwer zu sagen. Rein von der Qualität der Geschichten würde ich zu einem »ja, durchaus« neigen. Allerdings halte ich den Genremix in einem Buch für nicht sehr glücklich. Auch ich habe das Buch nicht an einem Stück gelesen, sondern zwischen den Genres mit einer anderen Lektüre für Abwechslung gesorgt. Aber das muss letztlich jeder Leser für sich selbst entscheiden.

NOCH WAS?

Die Kurzbewertungen der einzelnen Geschichten will ich nicht vorenthalten. Ich habe dabei ein 10-Punkte-Bewertungssystem benutzt, das allgemein bekannt sein dürfte. Im Buch steht zu Anfang eines Genreblocks immer der Wettbewerbssieger, die restlichen Geschichten sind in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht; ich hätte eine Wertungsreihenfolge interessanter gefunden, weil sich hieraus auch Aussagen über die Bewertungskriterien und letztlich -fähigkeiten der Jurymitglieder hätten ableiten lassen. Aber gut.

Fantasy

  • Arndt Waßmann, Die Bibliothek der Seelen: 10/10, zu Recht der Sieger in dieser Kategorie.
  • Philipp Börner, Für die Königin: 8/10.
  • Kilian Braun, Erfolgreicher Krieger: 7/10.
  • Andrea Delveaux, Das Ende der Ewigkeit: 1/10. Die Geschichte mit Elfen und Vampiren – würg! – war nicht nur schlecht, auch die beschissene Formatierung (fehlende Leerzeilen!) machten die Story zu keinem Vergnügen. Lektüre abgebrochen!
  • Ida Nadine Eisele, Der Spiegelprinz: 7/10, etwas vorhersehbar.
  • Dr. Erika Hemmersbach, Das Lächeln der Göttin: 10/10.
  • Andreas Hinkel, Drachenjäger: 9/10.
  • Sven Linnatz, Hatschechs Katze: 7/10, die Story hat Abstriche wegen des Stils, der mir absolut nicht gefallen konnte, zu verzeichnen.
  • Annika Modis, Die Ballade von Prinzessin Zisina: 7/10. Der Plot taugt nichts.
  • Wilko Müller jr., Drachensommer: 10/10, eine angenehme Abwechslung ohne Elfen!
  • Alisha Pilenko, Der Zörn der Götter: 10/10, locker-flockiger Stil, eine ganz tolle Geschichte.
  • Nils Rademacher-Nottelmann, Wolfsherbst: 10/10.
  • Friederike Stein: Interessante Aufbrechungen: 10/10.
  • Dieter Stiewi, Götteranliegen: 8/10.
  • Jutta Swietlinski, Gefahr in der Drachengrotte: 3/10. Die Story leidet unter einem dämlich wirkenden, jedenfalls aufgesetzten Ende.
  • Andreas Lothar Thiel, Lockruf der Macht: 6/10. Die Story strotzt vor zu zahlreichen Ortsbeschreibungen, die keinerlei Bedeutung haben (weder die Beschreibungen, noch die Orte).
  • Marc Thorbrügge, Das Lied des Wolfes: 6/10. Das war mir zu wenig Fantasy, zu viel Sage.
  • Andreas Weirich, Die Zukunft der Erddrachen: 6/10, aufgrund ungünstiger Dramaturgie.
  • Rüdiger Zuber, Der Fluch der Elfenkönigin: 8/10, ganz nett, aber auch hier ein zu aufgesetzt wirkendes Ende.

Insgesamt war für mich der Fantasy-Part der schwächste, auch wenn die mit 10/10 bewerteten Geschichten wirklich gut sind. Das mag allerdings auch daran liegen, dass Fantasy nicht das Genre meiner Wahl ist, und ich zudem von fantasy-typischen Viechereien längst die Nase gestrichen voll habe.

Science Fiction

  • Heike Paukner, Zwielicht: Die Siegergeschichte ist das für mich nicht. Die Idee bekäme 10/10, der Stil aber nur 7/10, das Ende sogar nur 5/10, insgesamt habe ich mich auf ein 8/10 festgelegt.
  • Bernd Holzhauer, Der letzte Tag: 8/10. Das Ende ist zu abrupt, die Story insgesamt unbefriedigend.
  • Werner Karl, Das goldene Licht des ewigen Lebens: 9/10. Der Punktabzug geht auf das Konto des Verlages, der die viel zu zahlreichen Tippfehler offensichtlich im Werk belassen wollte, »um die Qualität der Geschichte(n) nicht zu verändern«. Herzlichen Glückwunsch.
  • Katrin Langmuth, Protostomia: 8/10. Leider vorhersehbar.
  • Christopher Laske, Die Helfer: 9/10, schöne Erzählperspektive.
  • Frank Lauenroth, Toy Planet: 10/10, ganz toll!
  • Lara Möller, Tasha: 10/10, wundervoll!
  • Wilko Müller jr., Tax G: 10/10, auch toll!
  • Angela Schwarzer, Amy: 10/10.
  • Bianka  Thon, Das habe ich jetzt davon! – Genau: 4/10. Durchgeknallt ist ja ganz nett, aber wenn das Ergebnis so unverständlich ausfällt …
  • Vivian Vierkant, Die Schlacht: 8/10, etwas seltsames Ende.
  • Arndt Waßmann, Kopfgeld: 10/10, eine Topstory! Der Waßmann kann das!
  • Rüdiger Zuber, Stasis: 9/10. Vorhersehbare, aber gute Geschichte.

Der SF-Part war für mich der beste in der Sammlung, und das hat nichts damit zu tun, dass ich mal SF-Fan war (ich bin längst keiner mehr).

Mystery

  • Angela Schwarzer, Dämmerung: 8/10. Auch das war für mich keine Siegerstory.
  • Lija Belinskaja, Spieglein, Spieglein: 7/10.
  • Martina Bernsdorf, Freakshow: 10/10.
  • Benjamin Blizz, Der 12. Tempel: 7/10. Der 21.12.2012 mal anders, allerdings nicht sehr originell.
  • Dr. André Hahn, Survival of the Fittest: 7/10, ein Arche-Noah-Thema, sehr vorhersehbar und alles, aber keine Mysterygeschichte.
  • Fyona A. Hallé, Die Knechte Salomons: 4/10, wobei die Story eigentlich eine 8/10-Bewertung verdient hätte, aber dem Verlag eine beschissenen Formatierung und Fehlerkorrektur zu verdanken hat, die den verschachtelten Text nahezu völlig ruiniert.
  • Judith Holle, Seelensaphir: 8/10, vorhersehbar.
  • Christiane Kromp, Das Abenteuer des Hermann Gerdes: 10/10. Tolle Geschichte! Bergmannsgarn vom Allerfeinsten!
  • Anja Kubica, Mondgeflüster – Mondgeschrei: 5/10, platt und klischeehaft.
  • Katrin Langmuth: Kunst in Vollendung: 7/10. Coole Story mit einem leider total versauten Ende.
  • Sven Linnartz, Fehltritte: 5/10. Laberstory mit wenig Witz.
  • Karl Plepelits, Der Todesengel: 6/10. Orpheus und Eurydike neu geschrieben, leider eher schmalzig.
  • Martina Räke, Das Haus am See: 6/10. Der Leser wird völlig allein gelassen, keine Erklärungen – und das Ende wirkt wie vorzeitig abgebrochen oder weggelassen.
  • Norbert Scheitacker, Traumlos: 9/10. Nette Paranoikerstory. Punktabzug wegen Formatierungschaos bei der Darstellung von Gedanken vs. wörtlicher Rede.
  • Torsten Schröter, Schattenbisse: 8/10. Zombies mit Vampirelementen, leider ein wenig zu vorhersehbar.
  • Friederike Stein, Stufen im Dunkel: 10/10, obwohl keinesfalls eine Mysterygeschichte.
  • Andreas Suchanek, Stumme Schreie: 10/10.
  • Dieter Stiewi, Die Tote im Venn: 8/10. Klassische Aufmachung, leider vorhersehbar.
  • Vivian Vierkant, Der Prophezeite: 9/10. Esoterik meets Vampirismus.
  • Arndt Waßmann, Der Maskenball: 10/10 mit Extrasternchen. Die absolute Topstory in diesem ganzen Buch!
  • Günter Wirtz, Das Gesicht der Wahrheit: 10/10
  • Andreas Wöhl, Der Ruf der Krähe: 9/10, das Ende ist etwas konfus.

Man sieht, dass der Mystery-Block schon von der Zahl der Geschichten her am umfangreichsten ausgefallen ist, und die Qualität der Gesamtauswahl siedle ich dicht hinter dem SF-Block an.