Malta chancenlos

Vorbemerkung. Wer meinen Musikgeschmack kennt – www.sunshine-live.de –, mag sich wundern, dass ich mir so was wie den Eurovision Song Contest anschaue. Andererseits habe ich das in den letzten zwanzig Jahren häufiger getan, und eigentlich habe ich mich im Großen und Ganzen immer dabei amüsiert, aus den verschiedensten Gründen. Tatsache ist allerdings, dass mich nie amüsierte, dass die Musik und die Darbietungen wirklich unter aller Sau gewesen wären.
Diesmal kam das Ganze eigentlich durch einen Zufall zustande. Es war Dienstag, das Fernsehprogramm für den Abend schien nichts sonderlich Spannendes zu bieten, und in meiner Lieblingsonlinefernsehzeitschrift www.tvtv.de fand ich heraus, dass im NDR das erste Semifinale des ECS 2010 ausgestrahlt würde – mit Malta in der Ausscheidung. Das war der Auslöser für die Entscheidung, mir das anzuschauen. Mit ein paar Anrufen würde ich »mein Land« tatkräftig zu unterstützen versuchen, nahm ich mir vor.

Das Konzept. Wie die Finale der ECSs zustande kommen, das hat sich im Lauf der Jahre immer wieder geändert. Einerseits nahm nach der Wende die Zahl der Teilnehmerländer erheblich zu – 2010 sind es 39 –, andererseits gab es operative Kritik; ich erinnere mich an Jahre, in denen beanstandet wurde, dass das Verfahren der ECS osteuropäische Länder bevorteilen würde.
Wie auch immer: 2010 wollten 39 Länder teilnehmen, für das Finale gibt es allerdings nur 25 Plätze. Nach den Vorentscheidungen in den Ländern waren demzufolge zwei Semifinale veranschlagt. Das erste fand am 25.05.2010 statt und wurde auf NDR übertragen; das zweite fand am 27.05.2010 und auf EinsFestival statt. Bei den Ausscheidungen kamen 50 % der Entscheidungskriterien über Telefonvotings, die anderen 50 % durch eine Jury – unter anderem mit Hape Kerkeling – zustande.

Die Ausgeschiedenen. Gleich vorweg: Malta hat es nicht geschafft. Thea Garretts Titel »My Dream« war dank Theas Stimme deutlich besser als der portugiesische Beitrag, der sehr ähnlich war, eine Ballade mit Herzschmerz und wenig aufregender Show. Aber abgesehen davon, dass die Portugiesin einen Tick hübscher schien, haben die Iberer vermutlich von den Stimmen Frankreichs und Spaniens profitiert, die als zu den »Big 4« gehörig nicht mehr antreten mussten, beim ersten Semifinale jedoch mit abstimmen durften. Malta hatte bei den Telefonvotings einfach keine Chance, denke ich: Bei nur rund 400000 Einwohnern und keiner Lobby – die Italiener sind nicht mal mit einem Titel vertreten – konnte das nichts werden.


Thea Garrett, My Dream, Malta


Filipa Azevedo, Há Dias Assim, Portugal

Über die übrigen Ausgeschiedenen darf man den Mantel des Schweigens breiten, insbesondere über den richtig grottigen Michael von der Heide (Schweiz) und Sieneke, die für die Niederlande einen Vadder-Abraham-Wohlfühlvolksfesttitel zelebrierte, dass ich ernsthaft überlegte, trotz der inzwischen indiskutabel unverschämten Bierpreise auf der Wiesn 2010 eine Maß im Voraus zu ordern.
Allerdings – das sei auf keinen Fall unter den Tisch gekehrt – gibt es da noch zwei Ausnahmen, beide aus dem zweiten Semifinale. Denn sowohl der Beitrag aus Slowenien:


Ensemble Roka Žlindra & Kalamari, Narodnozabavni Rock, Slowenien; eine schöne Crossovernummer, wie ich finde;

als auch ganz besonders der aus Litauen:


InCulto, Eastern European Funk, Litauen

hätten meines Erachtens ein Weiterkommen verdient. Gerade InCulto boten einen musikalisch wie darstellerisch superwitzigen Beitrag.
Über den Rest: gerne ein Ei.

Die Teilnehmer. Der Gastgeber Norwegen und die sogenannten »Big 4« – Spanien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland – waren sowieso mit von der Partie; wobei ich mir im Nachhinein schon gewünscht hätte, dass gerade auch Deutschland an so einem Semifinale hätte teilnehmen müssen; aber die Welt ist eben ungerecht. Als Ausgleich hört sich der französische Titel witzig an.
Unter den Kandidaten aus den Semifinalen finden sich Kandidaten, deren Teilnahme ich für völlig überflüssig halte. Dazu gehören vor allem Chanée & N’evergreen (für Dänemark) mit ihrer Police- & Abba-Kopie unverschämtester Bauweise »In A Moment Like This«, aber auch die Beiträge aus Irland und Island, deren Sängerinnen ihre Heulbojenqualitäten vielleicht besser als Poller am Hafenkai unter Beweis stellen würden. Peinlich auch: Weißrussland, ohne jeden Zweifel. Und Israels »Auswahl« für das Finale kann ja rundheraus nur als »politisch« eingestuft werden.
Nette Beiträge stammten von den Rumänen – Paula & Ovi, Playing With Fire; kein sehr anspruchsvoller Titel, aber schwer ohrwurmverdächtig – und aus Zypern – Jon Lilygreen, Live Looks Better in Spring; stilistisch nicht mein Fall, aber eine deutlich bessere James-Blunt-Kopie als der belgische Beitrag von Tom Dice (Me And My Guitar).
Die Highlights sind für mich neben Aljoschas »Sweet People« (Ukraine) und dem griechischen Gute-Laune-Titel


Giorgios Alkaios & Friends, Opa, Griechenland

ganz eindeutig und völlig unzweifelhaft die Türken, die im zweiten Semifinale neben den – nicht weitergekommenen – Litauern den besten Song und die beste Show hatten:


maNga, We Could Be The Same, Türkei; in der »Studioversion« kommt die Stimmung vom Semifinale eigentlich überhaupt nicht rüber, aber diese Liveversion konnte ich bei YouTube nicht ausfindig machen.

Wenn es nur nach meinem Geschmack ginge, wären das für mich die Sieger in diesem Jahr.

Die Intermediate Acts. Bei beiden Semifinalen gab es »intermediate acts«, bevor die Ergebnisse bekannt gegeben wurden, was für meinen Geschmack eh viel zu lange dauerte. Beim ersten Semifinale war versucht worden, aus den Sing- und anderen Stimmen aus den teilnehmenden Ländern einen europäischen Song zu komponieren, was, wie ich fand, zu einem recht schrägen und gewöhnungsbedürftigen, aber hochinteressanten Ergebnis führte. Beim zweiten Finale ging es um ein Video, das einen Jungen auf dem Weg zum Semifinale zeigte, wobei die Geräuschkulisse mit den Stimmen eines Chores erzeugt wurde; das war rattengeiles Beatboxing auf allerhöchstem Niveau. Leider finde ich zu beiden Teilen auf die Schnelle keine Videos bei YouTube oder überhaupt; das wäre jedenfalls im zweiten Falle unbedingt nachzureichen.

Die Moderatoren. An den Live-Moderatoren in Oslo gab es nichts auszusetzen. Mehrsprachig, wie es sich gehört, bunt gemischt, wie es sich gehört: der Skandinavier Erik Solbakken war blond dabei, die dunkelhäutige Schönheit Haddy Jatou Njie spielte den Augenfang und Nadia Hasnaoui übernahm, Juliette Binoche frappierend ähnlich sehend, die französischen Parts, sofern sie denn notwendig waren.
Was überhaupt nicht akzeptabel war, war der deutsche Off-Moderator Peter Urban. Was z. B. express.de(*) schreibt verzapft, lässt schwer darauf schließen, dass die einen ebenso weichen Keks haben, wie dieser absolut unmögliche, inkompetent-unwissende und dummschwätzende Moderator, der mich mehrmals über die Optionen-Taste nach einer finnischen Tonspur suchen ließ, damit ich mir diesen hanebüchenen und mehr als überflüssigen Unsinn nicht mehr anhören müsste. Leider gab es weder eine finnische Tonspur noch den Schimmer einer Hoffnung, dass dieser … dieser … dieses Subjekt das Finale am Samstag nicht auch noch moderieren würde.

Fazit. Wenn am Samstag (29.05.2010) nichts Besseres im Fernsehen kommt, werde ich mir das Finale anschauen, denke ich. Allerdings hoffe ich, dass ich auf der Satellitenschüssel irgendwo einen anderen Sender finde, der das Ding übertrag, damit ich mir den Urban nicht noch mal anhören muss. Und ich hoffe, dass das Punktevergabeverfahren am Schluss spannender ist, als bei den Semifinalen; da gab es nur zehn schmucklose Briefumschläge zu sehen, die Hasnaoui in einem Fensterchen und nach diversen Blicken auf die Künstler im Green Room und einer sinnlos langen Wartezeit das Ergebnis, wer weitergekommen war – und das zehn Mal nacheinander. Das war nicht so der Bringer.
Aber wir werden sehen. Irgendjemand wird ja gewinnen, das ist mal sicher, und ich für meinen Teil würde die Türken auf dem ersten Platz sehen wollen. Für Lena mache ich mir wenig Hoffnungen; da sind selbst die meisten Künstler, die mir nicht gefielen, deutlich professioneller als sie. (Und die Remixe von »Satellite«, die es schon gibt, x-fach besser.)

(*) Edit 27.11.2015: Der Link auf den Express-Artikel funktioniert nicht mehr, die Seite existiert nicht mehr.

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