Sprache, Haus, Abgrund

Zitat. Aus »Sprachnachrichten« Nr. 86 (II/2020): »Ungeliebt und frisch gesprochen. Deutsch in der vielsprachigen Schweiz«. Von Charles Linsmayer.

»Die Sprache ist die Wohnung von allen, das Haus, hängend an der Flanke des Abgrunds«, hat Octavio Paz in einem Gedicht gesagt. Und hat damit auf berührende Weise zum Ausdruck gebracht, wie total, wie umfassend die Sprache unser Dasein, unser Tun, unsere Ängste und Hoffnungen spiegelt und wie gefährdet sie immer auch ist. Auch die deutsche Sprache hängt zurzeit »an der Flanke des Abgrunds«, und es kommt auf unsere Fantasie, auf unsere Kreativität, unser Durchhaltevermögen, auf unsere Zivilcourage und unseren Stolz, ja auf unseren Mut zu gemeinsamen Strategien mit anderen Sprachen an, ob es uns gelingen wird, sie längerfristig wieder auf ein sicheres Fundament zu stellen.

Linsmeyer sprach diese Worte anlässlich der Verleihung des Deutschen Sprachpreises Weimar 2007 und der vollständige Text steht im Jahrbuch der Henning-Kaufmann-Stiftung 2007 (S. 21–42).

Für mich selbst ist dieses Bild des Hauses Sprache an der Flanke eines Abgrunds erschreckend real, jeden Tag, wenn ich Texte lese, ob nun für meinen eigenen Verlag oder als Auftragsarbeiten für Kollegen, ob im Radio, im Fernsehen oder irgendwo draußen. Man könnte die Gefahr vermuten, dass jemand am Sockel des Abgrunds der deutschen Sprache den Boden abgräbt – aber in Wirklichkeit ist es wohl die Scheiße, die der deutschen Sprache von Anglizismenfreaks (sic!) und Genderspinnern von oben und außen auf den Kopf geworfen wird, sodass es zu befürchten steht, dass sie jämmerlich darin ersäuft.

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