Scherze ohne Lösung

Angelika Jubelt
TUNGUSKA. Das Rätsel ist gelöst?
Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß-Gerau, Mai 2011, Paperback, 116 Seiten, ISBN 978 3 935910 83 5

VORBEMERKUNG
Ein weiteres Buch aus dem Verlag ohne Bindestriche, in der ganzen Machart weitgehend identisch mit dem zuvor rezensierten Werk »Die verletzte Pyramide«.
(Achtung! In dieser Rezension wird gespoilert!)

WORUM GEHT ES?
Hier geht es allerdings um das Tunguska-Ereignis vom 30.06.1908, für das man bis heute keine wirklich brauchbare und unwiderlegbare Theorie gefunden hat. In diesem Buch werden die gängigen Theorien vorgestellt und gleich weitgehend widerlegt. In der immer wieder angekündigten Hauptsache soll es dann um die Theorie des Juri Lawbin gehen, der damit – angeblich – das Tunguska-Rätsel gelöst hätte.

WIE IST DER STIL?
Leidlich. Nicht nörgelnd, das ist schon einmal erfreulich, aber stilistisch keine Höchstleistung. Und die Autorin neigt leider sehr stark zu Wiederholungen von Fakten und Aussagen. Ein bisschen erinnert das an manche amerikanischen Sendungen, die man für das deutsche Fernsehen aufbereitete, indem man die Werbeunterbrechungen wegließ; da wird alle acht Minuten wiederholt, was man noch wenige Sekunden zuvor gerade gesehen hatte.

WAS GEFIEL NICHT?
Kein Layout. Kein Korrektorat. Kein Lektorat. Die Bilder sind qualitativ besser als bei Alireza Zareis »verletzter Pyramide«, was u. a. auch daran liegt, dass ich in der Buchmitte eine ganze Reihe Farbbilder finden (die darunter leiden, dass an diesem Ort noch nicht klar ist, was sie überhaupt darstellen und welche Zusammenhänge der Leser erkennen sollte).
Die großartig angekündigte Theorie des Juri Lawbin ist am Ende der Flop par excellence, denn der gute Mann hat einfach alle Theorien, die existieren, genommen, zusammen geschmissen, einen Zusammenhang zurecht konstruiert und peng, aus, Feierabend. Es ist mir auch nach längeren Überlegungen nicht eingefallen, wie irgendjemand allen Ernstes annehmen kann, dass die Kombination aus unglaubwürdigen und nicht beweisbaren – bzw. längst widerlegten – Theorien glaubwürdiger, beweisbarer und unwiderlegbar sein könnte, als jedes ihrer Einzelteile.

WAS GEFIEL?
Die Zusammenstellung der verschiedenen Theorien war recht interessant; und amüsant, wenn die Theorien so richtig abstrus wurden. Antimaterie, Tachyonen und ein Experiment von Nikola Tesla in den USA. Absolut der Knaller war aber eine Theorie, die Juri Lawbin aus völlig unerfindlichen Gründen in seinem Theorienkonglomerat nicht berücksichtigen wollte …

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Klar doch.

[…] Sie erforschen derzeit den Cheko-See, welcher sich ca. 8 km nördlich vom vermuteten Epizentrum der Explosion befindet.
Seine Form unterscheidet sich von anderen subarktischen Seen in Sibirien. Der 300 Meter große und fast kreisrunde See wurde mit Hilfe von seismologischen Messungen, Ultraschallsondierungen und Bohrungen untersucht. […]

(Seite 13)

[…] Dabei wurde ein möglicher Einschlagkrater 8 Kilometer nördlich vom mutmaßlichen Epizentrum entfernt entdeckt. Es handelt sich dabei um den sogenannten Cheko-See.
Dieser See, nur mit einem kleinen Durchmesser von 300 Metern, jedoch mit einer Tiefe bis zu 50 Metern hat eine elliptische Form und verläuft tunnelförmig schräg nach unten. In der Regel sind die Seen in diesem Gebiet der Taiga sehr flach mit nur 2 bis 3 Metern Tiefe. […]

(Seite 37)

Was denn nun? Kreisrund oder elliptisch?

101 Thesen und kein Ende

[…]

Komet oder Asteroid

[…] Wie unsicher die Wissenschaftler bei der Deutung des Ereignisses waren und bis heute sind, zeigt die Aussage von W. G. Fessenkow, ein Vertreter der Meteoritentheorie. Er entwickelte die Astapowitsch-WhippleHypothese. Auf der 9. Meteoritenkonferenz im Jahre 1960 trug Fessenkow vor: „Der Tunguska-Meteorit wurde bekanntlich am frühen Morgen des 30. Juni 1908 beobachtet, als die Sonne im Osten stand. Er flog von Süden her in das Gebiet. Die im rechten Winkel zur Sonne gerichtete Umlaufbahn zu Erde war zu dieser Zeit nach Süden orientiert, d. h. dem Meteoriten entgegen …, d. h. er hatte eine der Bewegung des Sonnensystems entgegengesetzte Richtung. […]“
(Seite 54 f.)

Hat das jemand verstanden?

Ein Schwarzes Loch

[…] Anfang der 1970-Jahre stellte Stephen W. Hawkins die Theorie zur Diskussion, es existieren die sogenannten Primordialen Schwarzen Löcher. Sie sollen sich schon beim Urknall in Raumbereichen gebildet haben, deren lokale Massen- und Energiedichte genügend hoch war. […]
(Seite 56 f.)

Der gute Mann war natürlich nicht Hawkins, sondern Hawking.

Die Mückenexplosion

Eine außergewöhnliche und absurde Theorie ist die Mückenexplosion. Wenn im Sommer die oberen Schichten des Permafrostbodens in der Taiga auftauen, verwandelt sich das Gebiet um die Steinige Tunguska in eine große Sumpflandschaft. Am 30. Juni 1908 soll sich in den Sümpfen ein Mückenschwarm von ungeahnter Größe gebildet haben. Er hätte sich durch die Zusammenballung so stark erhitzt, dass er explodierte. Aus diesem Grund gab es auch keine Spuren von Rückständen.
Das eine solche Explosion, wenn es überhaupt durch Mücken dazu kommen kann, die Ursache für die Katastrophe in der Taiga wäre, ist ausgeschlossen und muss nicht analysiert werden.
Schon bei den Versuchen, das Jahrhunderträtsel Tunguska mit einer natürlichen Ursache zu erklären, stoßen Wissenschaftler und Hobbyforscher an ihre Grenzen. Die Widersprüche sind zu groß und die Beweisführung unvollständig.
In den letzten einhundert Jahren entstanden bei der Suche nach der Ursache für die Katastrophe auch eine ganze Reihe von Erklärungen und Deutungen, die einen technischen Hintergrund aufweisen.

(Seite 58 f.)

Das ist die Theorie, die Lawbin nicht berücksichtigen wollte. Ich habe lange nicht mehr so gelacht.

Juri Lawbin führte auch von 1999 bis 2002 weitere Expeditionen in die Gebiete der Flüsse Großer Pit und Große Murta durch. Einzelheiten sind leider darüber nicht bekannt.
(Seite 101)

Das ist insofern bemerkenswert, als die Autorin Lawbin getroffen hat und sich ausführlich mit ihm unterhalten konnte. Vielleicht hatte Lawbin seine verstockte Phase, als man auf die Jahre 1999 bis 2002 zu sprechen kam.

ZU EMPFEHLEN?
Ja, durchaus. Jedenfalls als Überblick über das Thema des Tunguska-Ereignisses. Die paar nervigen Dinge, die ich zu kritisieren habe, fallen anderen Lesern vielleicht nicht so sehr auf. Immerhin fand ich das Buch als kurz gefasste Zusammenstellung ganz praktisch. Schade nur, dass die groß angekündigte Theorie dann so toll nicht war.