Unbeschilderte Terroristen

Tagebuch eines Ostseeurlaubs, 05.10.2011

Heute war Bad Kleinen dran, der Ort, wo man damals Christian Klar (oder jedenfalls irgendeinen anderen Terroristen der RAF) fasste und eine legendäre Schießerei am Bahnhof fabrizierte.
Der Bahnhof indes war heute nicht leicht zu erreichen. Bad Kleinen wird aktuell um-, zu- oder weggebaut und dürfte derzeit als das Eldorado der besten deutschen Beschilderungsversager in irgendeinem Straßenverkehrsamt gelten. Es ist unglaublich, lässt sich nicht beschreiben, aber letztlich erreicht man den Bahnhof in Bad Kleinen derzeit nur, indem man mindestens zwei absolute Durchfahrtverbote übertritt (die noch dazu völlig überflüssig sind, weil sie nichts absperren, wo gebaut wird). [Insgesamt ist zu bemerken – und ich müsste nachlesen {also Notiz an mich selbst}, ob das 2006 auch so war –, dass die Fähigkeiten in Mecklenburg-Vorpommern, nicht nur für ordentliche, sondern vor allem auch für schlüssige oder richtige Beschilderungen zu sorgen, in allergrößtem Umfange zu wünschen übrig lässt.]
Wir machten dann eine Wanderung (von gut zehn Kilometern) von Bad Kleinen aus, durch den Eiertunnel (der heißt wirklich so, die Geschichte ist auch recht kurz, aber nett: Die Bad-Kleinener wollten den Tunnel, um vom Ort zum Schweriner See gelangen zu können. Die Deutsche Bahn [damals noch Reichsbahn, glaube ich] meinte: ›Macht nur, aber ihr kriegt keine Kohle.‹ Die Bad-Kleinener nahmen das bisschen Geld, das sie hatten, und der Eiertunnel, der dabei heraus kam, hat den Querschnitt eines stehenden Eis und ist für jemanden meiner Größe – 1,88 m – schon sinnvollerweise gebückt zu begehen; und Gegenverkehr geht gar nicht, auch ein Fahrrad ist schwierig, und ein Kinderwagen für nebeneinander sitzende Zwillinge macht eine Teilung siamesischer Zwillinge nötig), runter zum Schweriner See, und dann gen Schloss Willigrad.
Schloss Willigrad ist heute nicht mehr von Adligen, auch nicht von Reichen und zweimal nicht von Normalbürgern mit Beschlag belegt, sondern von einem Amt der mecklenburg-vorpommerschen Landesregierung, das sich u. a. mit Kunst auseinandersetzt, was man an den beinahe zahllosen wilden und künstlerisch nicht immer sehr wertvoll wirkenden Großskulpturen im zugehörigen Park erkennt.

Zurück in Bad Kleinen wandten wir uns gen Dorf Mecklenburg, fanden die dortige gotische Kirche (mit gotischer Einrichtung!) leider verschlossen vor, und durften feststellen, dass der Friedhof im Innenraum des slawisch-obodritischen Burgwalls – mit durchaus beeindruckender Geschichte – nicht mit Hunden betreten werden durfte. (Ich hoffe, ihr faschistoiden Hundehasser, dass auch euch einmal beschert sein wird, dass eure Nachkommen euch auf diesem Friedhof nicht besuchen kommen, weil der zur Familie gehörende [!] Hund nicht mit dabei sein darf.)
Wir machten dann noch eine Runde um den Wall und fuhren weiter zum Ostseebad Boltenhagen.

Dort war eigentlich vorgesehen – dachte ich jedenfalls –, sich um Kaffee und Kuchen zu bemühen. Allein, als wir Boltenhagen erreichen, stand mit einem Male zur Kritik, warum wir nicht sofort die Strandpromenade erreicht hatten. Parkplatz gesucht (und sich ein weiteres Mal über Beschilderungsversagerauswüchse gefreut), Auto abgestellt, Parkschein gezogen, losgelaufen. Dann mit einem Mal stand zur Kritik, dass nicht darüber informiert worden war, dass wir nicht am Mittelmeer seien, wo die Strandpromenaden immer aus einem Fußgängerstreifen, einer Autostraße – mit möglichst viel Verkehr – und einer Zeile mit Läden, Restaurants, Cafés, Bars, Kneipen usw. usf. bestanden, sondern an der Ostsee (an der ja, wie wir inzwischen wissen, direkt am Strand nicht mal Hunde und FKKler wirklich gern gesehen, sondern lieber interniert wurden, von anderem vergnügungssüchtigem Gesocks ganz abgesehen – und holla! Noch dazu in einem Ostseebad, in dem aufgrund des Vorhandenseins eines Kurgebietes der Verkehr auf praktisch allen Straßen auf dreißig Stundenkilometer begrenzt war [außer auf denen, auf denen die Beschränkungen auf noch weniger Stundenkilometer lauteten]).
Wir gingen dann unten am Strand, und ich durfte, weil eine Postkarte von dem Ort, den ich vielleicht hätte erreichen können, ohne auf S. und Kim zu warten, nicht erwünscht war, nebenher laufen, irgendwann die meiste Zeit auch mit einem hellroten Beutel, Kims Hinterlassenschaften enthaltend, in der einen oder anderen Hand, derweil die Stop-and-go-Manöver im Rahmen der Kimschen Schulungen korrekten hündischen Verhaltens möglichst zeitgleich abbilden. (Ich überlege, mir ein T-Shirt zu machen: »Ich bin ihr Herrchen«; vielleicht erspart mir das dämliche Blicke oder gar Fragen.)
Immerhin kam Kim endlich mal so richtig ins Wasser. Die wasserscheue und insbesondere auf sich bewegendes Wasser – Stichwort: Wellen – eher feige und ängstlich reagierende Hündin ist definitiv allenfalls monotaskingfähig. Vielleicht nicht mal das. Bei den redlichen Versuchen, Möwen zu erwischen, die auf dem Strand saßen – und die natürlich gen Meer auf- und davonflogen –, rannte sie mehrere Male heftig ins Wasser, und in den Minuten danach merkte man ihr an, dass ihr aufgefallen war, dass das nicht zu ihren Gepflogenheiten gehörte. Bis die Gehirnzellen, die sich mit dieser Erkenntnis zu beschäftigen schienen, sich auch wieder an der Lust an der Möwenjagd beteiligten.
(An diesem Abend hatte Kim jedenfalls echten Leistungssport zu absolvieren. Und war dann am späteren Abend, nach der letzten Runde und dem Abendessen entsprechend erledigt.)

Auf dem Rückweg noch mal ein Einkauf. Ich sage, in einem Supermarkt; S. sagt, in einem Einkaufszentrum. Wenn man einen ganzen Nachmittag mit Definitionsdefiziten zubringt, hat man irgendwann keine Lust mehr.
Auf dem Heimweg verstärkt sich meine Sorge, dass das Auto Probleme machen wird. Die Zahl der ungewöhnlichen Geräusche nimmt zu, und sie hören sich nicht gut an. Zum Glück entdecke ich in Gägelow, wo wir einkauften, dass der dortige ADAC-Partner ein Renault-Händler ist. Name gemerkt, Nummer gemerkt. Schaun wir mal. (Und wenn es eine der drei Ursachen ist, die ich schon vor dem Urlaub vermutete – Radlager, Getriebe oder Kupplung –, dann kriegt mein heimischer Händler was zu hören … Aber man wird sehen.) Während ich zu überprüfen versuche, ob das Auto kaputtgehen könnte oder ich einfach nur hysterisch werde (oder schon bin), bin ich schweigsam, was S., wie ich weiß, anders interpretieren wird.

Nach der Heimkehr ein Abendessen, etwas Lektüre, Tagesschau, ein Spaziergang mit dem Hund (es ist ganz entgegen den Vorhersagen immer noch trocken und durchaus mild; später fängt es dann an, zu regnen, was uns wohl bis Sonntag erhalten bleiben wird), und dann beginne ich, diese Notizen aufzuschreiben (nachdem ich die Erkenntnis erlangte, dass mir die kurzen Dreizeiler auf dem BlackBerry nicht reichen werden). (Und während ich schreibe, erkenne ich, dass mir das Schreiben fehlt. Nicht das Emailen, nicht das Bloggen, nicht Facebook, nicht die Produktion von Büchern. Einfach nur Schreiben, das Benutzen einer Tastatur, um einen von Inhalt und Formulierung her sinnvollen Text zu erfassen und zu hinterlassen.)