Netter Versuch, Bastei-Lübbe, netter Versuch

Cody McFadyen
AUSGELÖSCHT
Originaltitel: ABANDONED, Bastei Lübbe, TB 16581, November 2011, Übersetzung aus dem Englischen: Angela Koonen, Dietmar Schmidt, Titelillustration: shutterstock/Gleb Semenjuk, Taschenbuch, 460 Seiten (plus Leseprobe aus einem weiteren Buch), ISBN 978 3 404 16581 0

VORBEMERKUNG
Das Taschenbuch, das ich im »Thalia« in Schwerin erwarb, um meine Urlaubsfreizeitbeschäftigung zu sichern, hat ein Klappcover. Dieses Klappcover ist voller Scheiße.
Vorne ist das Cover, nicht unansehnlich, gut. Dann gibt es innen Texte. Etwas über »Das Buch:«, was man noch akzeptieren kann, weil es in der Tat vom Buch handelt, aber nicht repräsentativ ist, nicht die Spur. Dazu Sprüche. Der »Stern« z. B. hat geschrieben: »Also, dieser Mcfadyen« (mit kleinem »f«) »muss irgendwie ganz hart drauf sein.« Und die »Bunte« meint: »Nicht lesen, wenn Sie alleine sind!« Hinten dann folgen Vermerke wie »Ein grausames Buch, spannend und bildreich geschrieben« (»Berliner Kurier«), »Das Grauen hat viele Namen. Cody Mcfadyen kennt die meisten.« (»Kölner Stadt-Anzeiger« … wer möchte schon vom Kölner Stadt-Anzeiger besprochen werden). Und noch ein wenig mehr.
Das ist alles Bullshit.

Recht hat nur 3sat.de: »AUSGELÖSCHT verliert seine Spannung auf keiner Seite – bis hin zum wahrhaft überraschenden Ende.«

WORUM GEHT ES?
Smoky Barrett ist FBI-Agentin und designierte Chefin einer neuen FBI-Sondereinheit. Mit ihren Leuten ist sie einem recht schrägen Serienkiller auf der Spur. Er tötet nicht immer, nur manchmal. Manchmal lobotomiert er seine Opfer. Und er »arbeitet« für Geld. Und lässt sich bei allem viel Zeit – mindestens sieben Jahre.

WIE IST DER STIL?
Cool. Einfach nur cool. Es gibt eine ganze Reihe von Bildern, die bemüht werden, und sie passen. Aber der größte Teil des Buches ist einfach nur cool.

WAS GEFIEL NICHT?
Die Marketingmasche des Verlages. Das Buch so hinzustellen, als handle es sich um einen Horrorroman, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine FBI-Agenten-Story, um eine FBI-Polizei-Geschichte handelt. FBI mit allem Drumherum, wie wir es auch aus dem Fernsehen kennen. Eine Geschichte um ermittelnde und letztlich erfolgreiche Polizisten, eine Geschichte um ihren bösen Gegenspieler. Mit Elementen, die man erwarten konnte – z. B., dass die Protagonistin in die Gewalt des bösen Gegners gerät –, und mit einer fetten Überraschung am Ende.

WAS GEFIEL?
Nachdem ich erkannte, was das Buch wirklich war – jenseits des Verlagsmarketingscheiß’ –, hat mir das ganze Buch gefallen. Am Stück.
Die bösen Dinge und Ereignisse, die den beschriebenen Menschen widerfahren, sind auf angemessene Weise beschrieben. Sie machen nachdenklich, schockieren aber nicht. Sie gehören da hin, wo sie sich befinden, um zu erklären, welche Motivation die verschiedenen Figuren antreibt. Sie sind schlüssig, nicht übertrieben, nicht unlogisch. Sie sind auf eine beinahe angenehme Weise hart, grausam und schmerzhaft, auf eine Weise, die dem entspricht, was man von der Welt denkt. Wenn man so ein Buch liest, wenn man Nachrichten schaut.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Die Handlung des Buches beginnt auf Hawaii; Smoky ist mit ihrem Tommy auf Hochzeitsreise.

Ich schließe für einen Moment die Augen und lausche. Das Rauschen der Brandung hört sich an wie der unaufhörliche Atem eines Riesen. Oder wie der Herzschlag Gottes. Doch Gott und ich, wir haben so unsere Probleme miteinander. Obwohl wir uns inzwischen näher sind als noch vor ein paar Jahren, wechseln wir kaum ein Wort.
Etwas Gewaltiges, Ewiges schiebt die Wellen vor sich her auf den Sandstrand, im Takt mit dem Metronom der Welt. Das Meer ist unermesslich, so rein an Klang und Farbe, dass es kein Zufall sein kann. Ich bin mir nicht sicher, ob es uns wahrnimmt, aber vielleicht hält es die Welt für immer in Gang, während wir unsere nichtigen Entscheidungen treffen.

(S. 22 f.)

Und er tut es. Die Sonne steigt weiter, und das Meer rauscht auf den Strand. Ich genieße jede Sekunde, doch selbst als wir uns gegeneinander treiben lassen, weiß ich, dass dieser Frieden flüchtig ist. Ich schreie auf, als Tommy mich zum Höhepunkt bringt, und in der Stille danach sagt die Insel mir auf Wiedersehen. Wir gehören nicht hierher an diesen Ort, an dem es so viel Licht und Heiterkeit gibt. Ich sehe andere Kinder vor mir, tote und lebende, die auf meine Rückkehr warten.
(S. 29)

Auf der Hochzeit einer Mitarbeiterin aus Smokys Team:

Pater Yates sagt irgendetwas, doch er wird übertönt von einem schwarzen Mustang mit getönten Scheiben, der vielleicht dreißig Meter von uns entfernt auf den Parkplatz rast. Der Fahrer bremst, und der Mustang kommt in einer Rauchwolke aus verbranntem Gummi zum Stehen. Der Motor dröhnt. Die Tür schwingt auf. Eine Frau wird auf den Asphalt geworfen. Die Tür knallt zu, und der Wagen jagt davon. Er hat kein Nummernschild.
Die Frau müht sich auf die Beine. Ihr Schädel ist kahl rasiert, und sie trägt nur ein schmuddeliges Nachthemd. Sie taumelt ein paar Schritte in unsere Richtung, greift sich mit beiden Händen an den Kopf; hebt das Gesicht zum Himmel und schreit, schreit, schreit.
(S. 38)

Die Frau ist Heather, eine (Ex-) Polizistin.

Ich kichere über seine Antwort, aber nur kurz. Verlangen und Lachen sind nahe Verwandte, aber sie halten es nicht im selben Zimmer miteinander aus.
(S. 185)

»›Du bist nicht paranoid, solange es jemand auf dich abgesehen hat.‹«
(S. 231)

Ich kannte den Spruch bislang so: »Dass ich paranoid bin, heißt nicht, dass sie nicht hinter mir her sind.«

Bonnie ist Smokys Adoptivtochter, das Kind einer Kollegin, die in Ausübung ihrer Pflicht ums Leben gekommen ist:

Bonnie und ich sind am Schießstand, wie ich es ihr versprochen hatte. […]
Deshalb habe ich beschlossen, mit einer Neunmillimeter anzufangen. Jazz vermietet Waffen an seinem Schießstand, und ich entscheide mich für die SIG Sauer P226, die ich immer als leicht und bequem empfunden habe, und es ist eine präzise Waffe. Ich ziehe die Glock vor, aber hauptsächlich deshalb, weil diese Waffe mir so vertraut ist – eine Weggefährtin, sozusagen. Jazz hat uns ein Zehnschussmagazin gegeben, einhundert Patronen, mehrere Papierzielscheiben und unsere Schutzbrillen sowie Ohrenschützer.
»Die Ohrenschützer legen wir an, ehe wir den Schießstand betreten«, sage ich. »Solange wir im Schießstand sind, nehmen wir sie keine Sekunde ab, sonst kann man taub werden. Auch die Schutzbrille lässt du auf; solange du im Stand bist, okay?«
Bonnie nickt. Ich nehme die Pistole in die Hand.
»Das ist eine Double-Action-Waffe. Das heißt, du brauchst sie nicht zu spannen, ehe du schießt. Du brauchst nur den Abzug zu drücken. Deshalb darfst du die Waffe, sobald sie geladen ist, nur in die Schießbahn richten. Hast du verstanden?«
»Ja.«
»Du musst das Magazin rausnehmen und die Waffe jedes Mal ablegen, wenn du mit dem Schießen fertig bist.«
»Wie setze ich das Magazin ein, und wie nehme ich es raus?«
Ich bitte Jazz um Erlaubnis, indem ich ihn ansehe und die Brauen hochziehe. Eigentlich gilt die unumstößliche Regel, dass man niemals den Schießstand mit einem Magazin in der Waffe verlässt. Ich habe einmal miterlebt, wie jemand diese Regel vergessen hat, und gesehen, wie Jazz eine .357 auf ihn richtete und ihn aufforderte, sich auf den Boden zu legen. Niemand wurde dabei angeschossen, aber es hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht.
»Nur zu«, sagt er nun und beobachtet alles mit passivem Interesse. Ich zeige Bonnie, wie es geht, indem ich das leere Magazin in den Griff schiebe und es dann wieder herausgleiten lasse.
»Und jetzt du«, fordere ich sie auf.
Sie braucht einen Augenblick, weil sie es langsam macht und sorgfältig auf jeden Handgriff achtet.
»Gut. Jetzt nimmst du den Daumen und drückst den Verschlussfanghebel. Hier«, sage ich und zeige ihn ihr.
Sie gehorcht, und der Verschluss schnellt in die verriegelte Stellung vor. »So?«
»Genau. Wenn das Magazin voll wäre, dann wäre deine Pistole jetzt durchgeladen und schussbereit.«
Bonnie drückt den Abzug. Ich höre das Klicken, mit dem der Schlaghebel auftrifft, und entreiße ihr die Pistole.
»Du feuerst niemals eine Waffe außerhalb des Schießstands ab, ob sie geladen ist oder nicht!«, fahre ich sie an.
Sie ist erstaunt über meinen Zorn, aber nicht so zerknirscht, -wie ich es mir wünsche. Jazz bemerkt es und kommt hinter der Theke hervor. Er geht zu Bonnie, baut sich vor ihr auf und blickt auf sie hinunter. Jazz ist kein großer Mann, aber er ist die personifizierte Einschüchterung. Eine stille Kälte umgibt ihn. Bonnie ist sichtlich eingeschüchtert, als sie in seine toten Fischaugen blickt.
»Mach das noch einmal, und du bekommst eine Menge Ärger«, sagt er. »Kapiert?«
Sie schluckt heftig. Ja«, bringt sie hervor.
»Ja, was?«, fragt er.
»Ja, Sir.«
Jazz nickt. »Gut.« Er schlendert hinter die Theke zurück. »Jetzt geht in den Schießstand und lasst mich in Ruhe.«
(S. 270 ff.)

Smoky ist schwanger – von ihrem Mann. Bei der Frauenärztin:

Sie macht sich Notizen und legt die Patientenakte beiseite.
»Sie scheinen mir eine Kandidatin für eine gesunde Entbindung zu sein, Smoky. Sie sind gut in Form, haben ein gutes Gewicht, keine Probleme mit dem Blutdruck oder dem Herzen, Sie rauchen nicht, und Ihre erste Geburt verlief ohne Eklampsie, Diabetes oder Gerinnungsproblemen.« Sie lächelt. »Es besteht also kein Grund, bei dieser Schwangerschaft mit Komplikationen zu rechnen. Wegen Ihres Alters werden wir alles zwar sehr genau im Auge behalten, aber ich mache mir keine Sorgen.«
»Welche Risiken entstehen durch mein Alter?«
»Je älter die Mutter ist, desto größer ist das Risiko einer Genommutation. Die Statistiken werden noch diskutiert. Im schlimmsten Fall, von dem ich weiß, stellt es sich so dar: Bei einer Frau im Alter von fünfundzwanzig Jahren besteht eine Wahrscheinlichkeit von grob eins zu eintausendzweihundertfünfzig, ein Baby mit Down-Syndrom zu bekommen. Mit dreißig steigt die Wahrscheinlichkeit auf eins zu tausend. Für eine Vierzigjährige ist sie eins zu hundert, und über fünfundvierzig steigt sie auf eins zu dreißig.«
(S. 328 f.)

Ich habe eine Frau vor mir, die ihren Beruf nicht gewählt hat, weil sie damit am meisten Geld verdienen oder dem Druck anderer medizinischer Fachgebiete ausweichen konnte, sondern weil er ihre Berufung war. Sie liebt, was sie tut, und es ist ihre Bestimmung, neues Leben auf die Welt zu bringen.
Ich denke an Douglas Hollister, der seinen eigenen Sohn erdrosselt hat, und nie ist mir ein Mensch, der sein eigenes Kind tötet, fremder erschienen als in diesem Moment im Sprechzimmer. Ich berühre meinen Bauch und suche nach Begreifen, doch es ist unfassbar. Wie könnte ich dieses Kind je töten?
(S. 330)

Smoky ist dem Serienmörder in die Hände gefallen. In der Finsternis ihrer Zelle:

Ich sitze im tiefen, duftigen Gras und spreche mit meinem ungeborenen Kind. Es ist weder ein Er noch eine Sie, nur ein kleiner verschwommener Lichtfleck, annähernd wie ein Mensch geformt. Ich spreche laut zu ihm, doch es antwortet mir mit seinem Geist.
»Was wird, wenn er von dir erfährt?«, frage ich. »Was soll ich dann tun?«
Du wartest, Mutter. -Und du hoffst. Wenn du willst, kannst du beten, aber nur, wenn du möchtest. Der Glaube, den du hier brauchst, ist in dir und in mir. Gott braucht keinen Glauben, um zu überleben. Er ist hier, in diesem Moment, neben dir, egal, was du von ihm hältst.
Baby ist sehr fromm, was mich gleichzeitig tröstet und wütend macht.
»Gott ist hier? Unsinn.«
Er ist hier.
»Und von was für einem Gott sprechen wir? Dem ernst dreinblickenden alten Knaben mit dem langen weißen Bart? Dem indischen Gott mit acht Armen und dem geheimnisvollen, wissenden Lächeln? Oder sollen wir uns aufs Tierreich verlegen? Ein weißer Büffel in der Ferne vielleicht?«
Gott braucht keine Verkörperung, Mutter. Gott kann Aktivität sein. Oder ein liebender Ehemann, der ein Kind aufzieht. Gott ist, ein gutes Buch zu lesen oder ein Leben zu retten. Gott ist Stolz auf eine gut gemachte Arbeit und Vergebung, die dem gewährt wird, der sie verdient. Du brauchst nicht niederzuknien oder Weihrauch zu verbrennen oder in Angst vor einem Blitzschlag zu leben. Du brauchst nur zu leben und zu lieben und dein Bestes zu geben. Das ist Gott. Das ist der Himmel. Um ihn zu finden, müssen wir nicht warten, bis wir sterben. Er ist hier und jetzt in uns allen.
Baby ist weise, wie alle körperlosen Kinder aus Licht es so an sich haben. Seine Worte hallen in der Luft über der Wiese wider, auch wenn sie nur Gedanke gewesen sind und nicht ausgesprochen wurden. Sie sind melodiös wie Vogelsang und genauso rein und klar.
Ich atme tief durch die Nase ein und rieche den Duft der Blumen. Ich hebe den Kopf zum Himmel, damit die ewige Mittagssonne ungehindert auf mein Gesicht scheinen kann, und auf den Lippen schmecke ich den Sonnenzucker. Hinter meinen Augen schließe ich die Augen, aber hier gibt es keine Dunkelheit, nur reines Licht.
»Die Jury hat noch nichts beschlossen, Baby, aber ich muss schon sagen, mir gefällt diese Version des Himmels besser. Weißt du, welches Problem ich immer mit der Vorstellung vom Himmel hatte? Dass die Leute, die an den Himmel glauben, kein allzu großes Interesse haben, eine bessere Welt zu hinterlassen. Verstehst du, was ich meine? Ich kaufe auch niemandem diese Reinkarnationsgeschichte ab. Aber wenigstens sagt sie einem, dass man auf diese Welt zurückkommt. Deshalb ist es in deinem eigenen Interesse, sie in einem besseren Zustand zurückzulassen als dem, in dem du sie vorgefunden hast.«
Baby leuchtet heller, dann weicher.
Glaube ist nicht wichtig, Mutter. Was du im Augenblick tust, das bist du auch.
Ich rieche den Jasmin, und ich lache. Es gehört nicht hierher, dieses Lachen, dazu ist es hier zu schön. Das Lachen trägt zu viel Verzweiflung in sich.
»Ich entfliehe im Geiste an einen Ort, den es nicht gibt, der für mich aber wirklicher ist als die Wirklichkeit, und ich spreche zu einem leuchtenden Baby Querstrich Theologen, bei dem es sich in Wahrheit um eine Zellansammlung in meinem Leib handelt. Ich glaube, damit qualifiziere ich mich als eine Irre, nicht wahr?«
Es treibt dich nicht in den Wahnsinn, es hält dich bei Verstand.
Ich denke darüber nach.
(Seite 363 ff.)

Auch ein Kollege ist dem Serientäter in die Hände gefallen. Smoky muss eine Entscheidung treffen:

»Du hast recht, Leo. Erzähl mir von deiner Freundin.«
»Christa?« Er lächelt. »Sie hat langes, weiches braunes Haar und grüne Augen. Eine verteufelte Kombination. Sie lacht viel. Und sie findet mich toll. Kluges Mädchen.« Das Lächeln verblasst. »Ich wollte um ihre Hand anhalten. Aber ich sehe sie wohl niemals wieder.« Er seufzt. »Ich hatte mich wirklich auf die Ehe gefreut. Ich wollte wissen, wie das so ist.« Er schaut zu mir hoch. »Wie ist es? Ist es cool?«
Entsetzt verkneife ich mir weitere Tränen. Ein Strom von Antworten jagt mir durch den Kopf. Wie ist es? Eine Sammlung von Augenblicken, die beständig vor mir herunterfallen wie die Blätter im Oktober, helloranges Glück, dunkelrote Wut, braune Normalität. Man teilt ein Bett, tagein, tagaus, bei Tränen und bei Sex, bei Lachen und bei Streit. Dieses Bett wird eine Insel, wo die Nacktheit eher wörtlich gemeint ist als konkret, ein Ort, wo die großen Entscheidungen getroffen werden, wo neues Leben gezeugt und wo man selbst erneuert wird.
Vor allem aber bedeutet Ehe, sofern sie funktioniert, dass man nicht allein ist.
»Ja«, sage ich, unfähig, Leo das alles mitzuteilen, »ja, es ist cool.«
(S. 372 f.)

Wieder in Freiheit und bei Tommy:

Was er dann tut, hätte ich als Letztes erwartet: Er weint. Die Tränen, die auf meine Haut tropfen, sind ein lautloser Ausdruck seines Kummers. Ich bin wie versteinert. Mir ist, als wäre ich Zeuge von etwas Unnatürlichem, das nicht sein soll, nicht sein darf; wie eine schwarze Sonne am Himmel oder ein Kind mit einem Messer in den Händen und einem Grinsen im Gesicht.
(S. 383)

Ich bleibe allein mit meinem Spiegelbild. Tommys Worte sind unzureichend, zugleich aber mehr, als ich brauche. Meine Bestürzung kommt aus dem Bauch; sie wird stets meine erste Empfindung sein, bis mein Haar nachwächst. Aber dann werde ich daran denken, was Tommy gesagt hat, und seine Worte wer-den mir Trost schenken, so wie die Tränen, die er um mich geweint hat und über die wir nie wieder reden werden, wie ich weiß. Sie waren ein Geschenk, das ich in Ehren halten werde – und für das ich töten würde.
(S. 384)

Viel später, der Serientäter ist gefaßt:

Er schaut auf die Wand. »Wir hätten fast einen Menschen ermordet, Smoky«, murmelt er. »Wir haben sie gejagt und waren bereit, sie hinzurichten und ihre Leiche in der Wüste zu vergraben. Das hat einiges Nachdenken verdient. Das verdient meine Aufmerksamkeit. Verstehe mich nicht falsch, ich wusste, dass wir das vorhatten. Ich habe meinen Teil des Plans mit offenen Augen ausgeführt. Aber wir hätten fast kaltblütig ein Leben genommen. Du hast uns vom Rand des Abgrunds zurückgerissen, aber ohne dich hätte ich es getan. Und ich will es nicht unterdrücken oder beiseiteschieben oder auf irgendeine andere Weise ignorieren. Ich will es empfinden.«
(S. 428)

Am Ende:

»Helfen Sie mir«, fleht Heather. »Bitte, bitte, helfen Sie mir.«
»Ja«, sage ich. »Natürlich helfe ich Ihnen.«
Jetzt, wo ich weiß, dass ihre Hoffnung über ihre Verzweiflung triumphieren wird, erhebt sich etwas in mir, und ich blicke selber zum Fenster und suche nach der Sonne. Meine vierfingrige Hand findet meinen Bauch und wiegt ihn und das entstehende Leben darin. Trotz aller Schrecken ist das Leben manchmal voller Wunder, vor solch schöner Ironie. Ich bin froh, dass ich das Leben dem Tod vorgezogen habe, ganz gleich, was das heißt, wo-hin es mich auch führt und wen immer ich verliere. Das Leben ist monströs, aber es ist auch schön.
»Gehen wir zu Ihrem Sohn«, schlage ich Heather vor.
Sie lächelt, und für einen. Augenblick ist sie die Sonne.
(S. 451 f.)

ZU EMPFEHLEN?
Ja. Wer FBI-Polizisten-Storys mag, ist hier richtig. Wer Spannung mag, ist hier auch richtig. Stellenweise sollte man nicht zu empfindlich sein, aber im Großen und Ganzen sind auch die harten Szenen lesbar.

NOCH WAS?
Es ist an der Zeit, dass sich deutsche Buchverlage darauf besinnen, was irreführende Werbung ist; die ist nämlich im Rahmen des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb abmahnfähig. Und ich als Verleger(kollege) hätte Lust, dem dicken, fetten, behäbigen und lahm gewordenen Bastei-Lübbe-Verein mal eins vor den Koffer zu scheißen, dafür, dass sie ein Buch wie dieses mit ganz offensichtlich falschen Attributen bewerben. Das ist definitiv ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Und wenn ich es nicht tue – was ich wohl bleiben lassen werde, weil ich eh genug Zeit für andere Dinge brauche –, dann wird es vielleicht jemand anders machen. Hoffentlich.