Träume sind eine Schizophrenie des Geistes

Thomas Thiemeyer
BABYLON
Knaur Verlag, München, 2016, Paperback, 523 Seiten, ISBN 978 3 426 65363 0

VORBEMERKUNG
Als Kurzgeschichtenfan mache ich um so einen Ziegelstein von Roman normalerweise einen hinreichend großen Bogen. Aus einem wirklich ganz unerfindlichen Grund habe ich jedoch dieses Reziexemplar des Knaur-Verlages auf meinen »akuten« Lesestapel gelegt – und sogar innerhalb recht kurzer Zeit in Angriff genommen.
Das war eine gute Idee. Aus mehreren Gründen: Zum einen ist das Buch für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2017 relevant. Zum anderen … nun, das ergibt sich aus dieser Rezension.

WORUM GEHT ES?
Der Einfachheit halber bemühe ich den Buchrückseitentext:
Das irakisch-syrische Grenzgebiet. Zweistromland, Wiege der Zivilisation. Heute eine der gefährlichsten Krisenregionen der Erde.
Ausgerechnet hierhin entsendet Multimilliardär Norman Stromberg die Archäologen Hannah Peters und ihren Mann John Evans. Der Auftrag: die Erkundung eines der rätselhaftesten Zeugnisse der Menschheitsgeschichte. Hannah und ihr Team stoßen auf ein pyramidenartiges Bauwerk, das sich in immer engeren Spiralen hinunter in die Erde schraubt. Ein Schlund der Hölle, der fatal an Dantes Unterwelt erinnert. Was immer in der tiefsten seiner Kammern erwacht ist – ein vorzeitlicher Mechanismus oder eine uralte rachsüchtige Gottheit –, es hat das Ende der Menschheit eingeläutet.
Diesen Text heranzuziehen ist durchaus von Bedeutung, denn ich muss hier schwer spoilern. Denn das, was da auf der Buchrückseite zu lesen ist, scheint wirklich eher auf einen Thriller – wie auf dem Cover vermerkt – hinzuweisen, vielleicht noch auf einen Fantasyschinken. Das ist aber nicht der Fall. »Babylon« ist ein SF-Roman.

[Achtung! Spoiler!]
Das Bauwerk, das da entdeckt wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das, was quasi darunter liegt, ist eine Parallelwelt, ein anderes Universum, vielleicht auch nur eine Simulation – und am Ende gar nicht viel mehr als ein Traum desjenigen Wesens, um das man dieses Bauwerk herum errichtet hatte: den assyrisch-babylonischen Gott Marduk, der sehr viel mehr ist als nur ein Gott. Das alles basiert auf Dantes Inferno – direkt oder indirekt oder gar beides.
[Spoilerende!]

WAS GEFIEL?
Ich habe vorher noch nichts von Thiemeyer gelesen, jedenfalls erinnere ich mich nicht. Stilistisch dürfte der Autor jedoch über so ziemlich jeglichen Zweifel erhaben sein. Das Buch ist routiniert geschrieben, spannend, zugleich ist es bzgl. der Ereignisse im Nahen Osten – Stichwort: Da’esh (vulgo: IS) – hochaktuell, fast brennend aktuell.
Khalid und Jafar, zwei Da’esh-Angehörige, nutzt Thiemeyer als Figuren, um einerseits mit dem Da’esh abzurechnen, andererseits aber auch, um zu zeigen, dass der Da’esh nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern aus der Politik, aus der Gesellschaft der Welt. Thiemeyer schert nicht über einen Kamm, er urteilt nicht pauschal, nicht klischeehaft – ganz im Gegenteil, fast wünscht man sich, man würde noch mehr über den Da’esh erfahren.
Fantastisch ist das Ende. Manch einer mag es aufgesetzt finden – der deutsche SF-Leser an sich neigt gerne zu so einem vorschnellen Urteil (siehe Philipp Petersons »Paradox«) –, aber das ist es nicht. Die Auflösung ist nicht nur überraschend, sondern auch schlüssig – und regt ungemein zur Nachdenklichkeit an, wenn Thiemeyer seinen »Marduk« (ich bleibe mal bei dem Namen; das Wesen selbst hat gar keinen) die Bezüge zu unserer Realität, zu unserer Welt, zu dem, was in ihr geschieht, und den Gründen, warum das so ist, herstellen lässt.

WAS GEFIEL NICHT?
Nichts.

ZITAT GEFÄLLIG?
Ich war so gefesselt von dem Roman, dass ich mir gar keine Markierungen gemacht habe. Aber das ist nicht so wichtig – »Babylon« ist kein Werk der Hochliteratur, sondern ein extrem unterhaltsamer Roman mit großem Denkpotenzial.

ZU EMPFEHLEN?
Unbedingt.

NOCH WAS?
Ich werde diesen Roman für den DSFP 2017 nominieren – nicht nur wegen seiner gesamten Präsentation seines Stoffes, sondern vor allem wegen seines Ende und der darin begründeten, beinahe zementierten Aussagen. Ich habe lange keinen Roman gelesen, der mich so zum Nachdenken anregte – zu einer Art Nachdenken, die mit dem, das Christopher Ecker in seinem »Bahnhof von Plön« erzeugte, nicht zu vergleichen ist.