Klischees, die enttäuschen

Marliese Arold
DAS ISIS-TOR
Piper Verlag, 2010, Hardcover, 443 Seiten

VORBEMERKUNG
Marliese Arold ist eine fleißige Autorin: einhundertachtzig Romane in zwanzig Sprachen. Die Zeitmaschinenserie »ZM – streng geheim« gilt als Kult. Eigentlich sollte das eine gute Grundlage für gute Unterhaltung sein.

WORUM GEHT ES?
Paul Lehmann, Leiter einer Ausgrabung in Ägypten, verschwindet. Seine Nachfolgerin ist Sonja, die sich eigentlich gerade ein Nest mit ihrem Lebensgefährten bauen wollte und noch nie eine Ausgrabung leitete. In Ägypten lernt sie den Physiker Jonas kennen, der an Isis-Tore als Möglichkeit, durch die Zeit zu reisen, glaubt. Sie finden ein solches Tor und landen in Achetaton, der sagenhaften Stadt, die der monotheistisch agierende Pharao Echnaton zu Ehren des einzigen Gottes Aton erbaute. Auf der Suche nach dem magischen Buch der Isis und Nofretetes Geheimnis erleben Sonja und Jonas diverse Abenteuer, bis sie wieder in ihrer Jetztzeit landen.

WIE IST DER STIL?
Professionell, aber insgesamt zu flach, zu glatt, nicht wirklich packend, sondern auf eine routinierte Weise fast gelangweilt. Und nahezu durchgehend viel zu modern gehalten.

WAS GEFIEL NICHT?
Der Plot erinnert natürlich spontan an StarGate, auch wenn es klare Abweichungen gibt. Und diese generieren dann auch das eigentliche Problem: Wäre der Roman ein StarGate-Roman, dann gäbe es ausgearbeitete Figuren, Strukturen, ein Universum, in dem das Buch spielt. So hat die Arold alles selbst erschaffen müssen, wobei sie natürlich mit der heutigen Zeit ebenso wenig Probleme gehabt haben dürfte, wie mit dem historischen Ägypten – auch wenn die Beweise für die Authentizität fehlen. Und das, was die Autorin vorlegt, ist letztlich nicht wesentlich von einem gekonnt geschriebenen, aber eben stereotypischen Liebesroman aus den klassischen Heftromanschmieden unseres Landes zu unterscheiden. Die Figuren sind nicht tiefgründig, sondern klischeehaft: Sonja macht sich ständig wegen irgendwelcher Kleinigkeiten die größtmöglichen Sorgen, Jonas ist zu dämlich, um sich nicht wie irgendein letztlich nur mit dem Schwanz denkender Macho aufzuführen. Selbst in ihrer zeitweisen Besessenheit durch Seth ist die Figur Sonjas nicht in der Lage, Profil zu entwickeln – was nicht zuletzt auch an der ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Figur des Seth liegt. Inet, eine Ägypterin, der sich Sonja anvertrauen darf, ist das Klischee einer Frau in einer glücklichen Ehe, die einer völlig Fremden sofort vertraut und alles für sie tut, niemals irgendetwas in Zweifel zieht. Paul Lehmann, der Verschwundene, taucht als Wesir Nachtpaaten wieder auf, und nichts – aber auch überhaupt gar nichts! – wird erklärt, wie es ihm gelang, als Nichtägypter aus einer anderen Zeit zu diesem Posten aufzusteigen.
Die Plotidee ist sicher nicht neu, aber grundsätzlich in Ordnung. Die Idee, die Nofretete habe sich ihrem Begräbnis in altägyptischer Zeit durch eine Zeitreise ins 21. Jahrhundert entzogen, weshalb man bis heute ihre Grabstätte nicht finden konnte, ist nett, wenn auch schwer verschwörungstheoretisch belastet. Aber immerhin ein durchaus netter Ansatzpunkt.
Letztlich ist es der Arold nur nicht gelungen, etwas aus diesem Plot zu machen. Jedenfalls nicht mehr als einen klischeebehafteten Liebesroman – und auf dem einschlägigen Heftromansektor habe ich schon Stücke mit mehr Klasse gelesen.

WAS GEFIEL?
Eigentlich nichts. Halt, doch, eine einzige Stelle gab es, die mir gefiel:

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Sonja hat ihre Doktorarbeit über Nofretete geschrieben. Ihr Lebensgefährte Claus hat sich während Sonjas Auslandsaufenthalt mit einer Studentin namens Naoko eingelassen. Sonja und Jonas wurden anfangs ihres Aufenthalts in Achetaton getrennt; Jonas war im Gefängnis zurückgeblieben, aus dem Sonja entkommen konnte. Mayati ist eine der Töchter Inets, der Ägypterin. Die zitierte Passage ist ein Traum, den Sonja träumt:

In der Nacht träumte Sonja, dass sie vor Nofretete stand, ein Mikrofon in der Hand hielt und die Königin um ein Interview bat.
»Ich gebe keine Interviews«, erwiderte Nofretete ungehalten. »Schon gar nicht Leuten, die eine Doktorarbeit über mich schreiben.«
»Das ist aber ganz schön unfair«, verteidigte sich Sonja. »Ich habe extra die weite Reise unternommen. Es war sehr schwer, das Isis-Tor zu finden, und ich habe noch immer keine Ahnung, wie ich zurückkommen soll. Dabei drängt die Zeit, mein Doktorvater wartet, und wenn ich mit der Arbeit nicht rechtzeitig fertig werde …«
»Dann schläft er mit Naoko statt mit dir«, beendete Nofretete den Satz.
Sonja wunderte sich, woher Nofretete das wusste.
»Sie will ein Kind von ihm«, erklärte Nofretete. »Sie wird ein Krokodil gebären, aber das weiß sie noch nicht. Nun gut, du darfst mir eine Frage stellen, aber nur eine einzige.«
Sonja überlegte kurz. »Wie kann ich Jonas aus dem Gefängnis befreien?«
»Du musst den Nil umleiten und das Gefängnis fluten«, antwortete Nofretete.
»Wie soll ich das anstellen?«, fragte Sonja.
»Ich darf dir keine weitere Frage beantworten«, antwortete Nofretete. Sonja bedrängte sie, aber sie ließ sich nicht umstimmen.
Doch da betrat Inet den Raum und winkte mit einem heißen Ziegelstein.
»Wir stauen den Nil mit Ziegelsteinen!«, rief sie. »Hab einfach Vertrauen!«
Als Sonja mit Inet den Raum verließ, begegnete ihnen Mayati, die ein hölzernes Krokodil hinter sich herzog.
»Das ist Naokos Kind.« Mayati wies auf das Spielzeug. »Ich geh mit ihm spazieren.«
»Naoko ist sehr glücklich, dass sie Mutter geworden ist«, sagte Inet und deutete zum Fenster. »Sie ist draußen im Garten, schau!«
Als Sonja durch das Fenster blickte, entdeckte sie Naoko. Die junge Japanerin saß auf dem untersten Ast eines Apfelbaumes und wippte mit den Füßen. Sie hielt einen roten Apfel in der Hand, biss hinein und bot ihn dann einem Mann an, der neben ihr stand. Als er sich umwandte, war es Claus.
»Nicht essen!«, schrie in diesem Moment Inet. »Der Apfel ist vergiftet!«
Aber Claus hatte schon danach gegriffen. Sonja sah, wie sich der Apfel in seiner Hand in einen Skorpion verwandelte, bevor er in seinem Mund verschwand.

(Seite 249/250)

ZU EMPFEHLEN?
Höchstens für Arold-Fans. Wer glaubt, in diesem Roman auch nur annähernd authentisch wirkende Beschreibungen des alten Ägyptens zu Zeiten des Echnaton vorzufinden, der wird schwer enttäuscht.

NOCH WAS?
Es könnte sein, dass es zu diesem Roman eine Fortsetzung gibt, aber das habe ich nicht recherchiert. Das Ende jedenfalls hat Cliffhanger-Eignung.
Zu erwähnen ist noch ein Personenverzeichnis am Beginn sowie ein Glossar am Ende des Buches.

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Diese Rezension ist auch erschienen in MAGIRA – JAHRBUCH ZUR FANTASY 2011, hrsg. von Hermann Ritter und Michael Scheuch, und zum Preis von EUR 14,90 zu bestellen auf www.magira-jahrbuch.de.