Zu wenig Emma

Dunja Hayali (mit Elena Senft)
IS’ WAS, DOG?
Mein Leben mit Hund und Haaren
Ullstein extra, Ullstein Buchverlage, Berlin, 2014, Paperback, 253 Seiten, ISBN 978 3 86493 021 8

VORBEMERKUNG
Ich glaube, ich habe die Hayali und ihre Emma das erste Mal auf dem roten Sofa von »DAS!« im NDR gesehen. Vorher war sie mir nie aufgefallen, vermutlich, weil sie ihren Hund nie dabei hatte :)

WORUM GEHT ES?
Man könnte beinahe sagen: um das Übliche. Um eine Frau, die sich entscheidet, sich einen Hund – genauer: eine Hündin – anzuschaffen, und zwar einen Welpen, um die Veränderungen, die sich dadurch im Leben der Frau – und ganz sicher auch in dem des Hundes – ergeben, und das übliche Drumherum einer solchen Geschichte. Dazu geht es sehr ausführliche über die unterschiedlichsten Hundetypen, Hundemenschentypen, Verhaltensweisen von Hunden, Verhaltensweisen von deren Menschen usw. usf., was heißt, dass das Buch einen sehr hohen Anteil an Dingen enthält, die man eigentlich eher in einem reinen Hundehandbuch erwarten würde. Allerdings täte ich dem Buch – und den Autorinnen – unrecht, würde ich diese Aussage einfach so stehen lassen, denn die meisten Hundehandbücher, die ich dank der Hundetrainerausbildung meiner Gattin so mitbekommen habe, sind deutlich weniger amüsant als dieses Buch hier.

WAS GEFIEL?
Ganz eindeutig der höchst amüsante Schreibstil. Wie hoch der Anteil der Co-Autorin Elena Senft an dem Buch wirklich war, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber ich vermute einfach mal, dass sie der Teil des Duos war und ist, der für den schönen, geschmeidigen, glatten Stil verantwortlich ist, der die Bonmots und lustigen Aspekte der Geschichten in die richtige, eingängige und wirksame Form gebracht hat, auf gut Deutsch: Die Hayali hatte die Erlebnisse, die Ideen, die Senft hat sie auf den Punkt gebracht. Das ist okay so. Und in diesem Fall sehr gelungen.

WAS GEFIEL NICHT?
Stellenweise waren mir zu viele allgemeine Weisheiten, zu viele generelle Überblicke, eben zu viel Hundehandbuch enthalten. Oder richtiger: An vielen Stellen habe ich mir mehr Dunja und Emma gewünscht, vor allem mehr Emma. Als Ganzes macht das Buch durchaus einen ausgewogenen Eindruck, es bleibt durchgängig amüsant und an mehr als einer Stelle richtig lustig, dass es zum Auflachen reizt, aber im Gegensatz zu einem solch homogenen Buch ist mein Gefühlsleben in Bezug auf Hunde alles andere als homogen, sondern sehr wechselhaft – und so fehlte mir an einigen Stellen einfach mehr Dunja, mehr Emma, vor allem mehr Emma.

ZITAT GEFÄLLIG?
[…] Der Hund ist das einzige Haustier, das den Zusatz »Freund« verdient. Weil er feine Antennen hat. Weil er merkt, wenn etwas nicht stimmt. Weil er lachen kann, wenn man mit ihm spielt. Weil er ein Familienmitglied sein will, ein Partner, ein Kumpel. Weil er im Türrahmen sitzt, wenn man sich die Schuhe anzieht, und erst dann hysterisch mit dem Schwanz zu wedeln beginnt, wenn er das Klimpern der Leine hört und weiß, dass er mitdarf. Weil er überall dabei sein will! Oder hat eine Katze schon mal in stundenlanger minutiöser Kleinstarbeit versucht, ein Loch in eine Massivholztür zu beißen, nur weil Sie mal ohne sie das Haus verlassen haben? Eben. Oder stürzt vielleicht ein Hamster in eine depressive Phase, wenn Sie den Koffer rausholen und krönt diese Phase, indem er Sie erst ignoriert, um Ihnen dann, als letztes Aufbäumen, den Weg zur Tür zu versperren? Nein? Emma ist darin ein Vollprofi …
(Seite 18 f.)

Und dennoch: Man muss Verständnis für die Menschen haben, die Hunde nicht mögen. Denn zugegebenermaßen haben sie eine Menge handfester Argumente auf ihrer Seite: Hunde stinken. Sie waschen sich nie. Sie haben Mundgeruch (Ja, alle! Auch Ihrer!). Hunde verlieren haufenweise Haare, selbst auf Möbelstücken, die sie nach hygienischen Gesichtspunkten nicht einmal betreten dürften. Hunde kacken hemmungslos die Gehwege voll, pinkeln gegen Blumenkübel und Fahrräder, übertragen Krankheiten. Hunde riechen sich bei Erstkontakt gegenseitig am Hinterteil, wälzen sich in Aas, in Misthaufen, in toten Fischen und noch viel schlimmeren Dingen, und sie reiben sich anschließend mit Vorliebe am Hosenbein ihres Besitzers oder — noch ärger — von fremden Spaziergängern. Hunde sind aus all diesen Gründen wirklich eklig. Und sie sind zeitaufwendig. Und lästig. Und unselbständig. Das bleiben sie auch — im Gegensatz zum Kind.
(Seite 25)

[…] Wir sprechen von einem Hund, der seine Fixierung auf Nahrung derart verinnerlicht und perfektioniert hat, dass er allein vom Geräusch her in der Lage ist, zu unterscheiden, ob man gerade die Leckerli-Schublade oder eine andere Schublade öffnet, und das, obwohl die Schubladen zu ein und derselben Einbauküche gehören und der Hund sich im Wohnzimmer befindet. Einem Hund, der, egal um welche Tages- oder Nachtzeit und völlig egal, wo in der Wohnung er sich befindet und in welchem Zustand, immer plötzlich wie ein Phantom hinter einem steht, sobald man auch nur daran denkt, den Kühlschrank zu öffnen, um etwas Essbares herauszunehmen, was sich um Leber- oder Fleischwurst handeln könnte.
(Seite 100)

Es gibt im Grunde nur eine vertretbare Antwort auf die Bettfrage: Nein, der Hund kommt nicht ins Bett! Warum? Weil ein Hund absolut nicht ins Bett gehört. Warum nicht? Weil es unbestreitbar eklig und hygienisch völlig untragbar ist. Hunde riechen übel, verlieren Haare, stinken entsetzlich aus dem Maul, tragen Zecken am Leib, laufen barfuß auf Großstadtasphalt, durch Vogelscheiße und Pfützen. Sie beherbergen Dinge in ihrem Fell, von denen nur ein Bruchteil erforscht sein dürfte, und lassen keine Gelegenheit aus, sich in Substanzen zu suhlen, die die Menschheit gemeinhin als wahnsinnig eklig betrachtet.
So weit die Faktenlage. Aber wie bereits klar sein müsste, bewegen wir uns in Sachen Mensch-Hund-Verhältnis ja eben nicht auf dem Terrain der Logik, sondern auf dessen Gegenteil. Außerdem: Wenn man alles nach den Kriterien der Hygiene oder der Krankheitsübertragung betrachten würde, dürfte kein Mensch mehr mit der U-Bahn fahren, in Kneipen Erdnüsse essen, jemand anderen küssen oder ihm auch nur die Hand geben.
(Seite 127)

Für Sie ist er etwas komplett anderes. Denn der Hund gehört zu Ihrer Geschichte. Und auch wenn andere Menschen Ihren Hund gernhaben, ihn lustig finden, schwierig, nervig oder freundlich — Sie werden immer der Einzige sein, der wirklich weiß, wie dieser Hund tickt. Sie wissen, wie klein der Apfel geschnitten werden muss, damit er ihn isst, Sie wissen, wie man den Hund hochheben muss, damit er nicht schnappt, Sie wissen, wie man ihn an Silvester beruhigt, wenn überall die Böller hochgehen. Sie wissen, welches Spielzeug ihn auch bei übelster Laune motiviert, welchen entgegenkommenden anderen Hund er hasst und welchen er liebt.
Ob Emma mich zu einem besseren Menschen gemacht hat? Ich weiß es nicht. Aber sie hat mich immerhin zu einem anderen Menschen gemacht. Seit ich sie habe, fühle ich mich ausgeglichener. Ich bin geordneter als vorher, organisierter. Durch Emma habe ich mehr Verantwortungsbewusstsein bekommen. Niemand entspannt mich so sehr wie sie, niemand löst einen derartigen Beschützerinstinkt in mir aus, niemand überrascht mich so, wie sie es tut. Es hat etwas von bedingungsloser Liebe. Und fairerweise muss man auch betonen: Niemand nervt mich so sehr wie sie. Niemand verursacht so oft Augenrollen bei mir, niemanden habe ich so oft auf der Mond schießen wollen. Wie das halt so ist in einer funktionierenden, langjährigen Partnerschaft.
(Seite 248 f.)

Hundebesitzer sind die bekloppteste Parallelgesellschaft der Welt. Weil sie mit Gummihühnern an einer Schnur johlend durch den Wald springen. Weil sie ihre Freizeit einem Tier opfern, bei dem sie nie sicher sein können, ob das Interesse wirklich beidseitig ist. Weil sie in der Lage sind, einen ganzen Abend lang über die Zubereitung von Pansen und Blättermagen zu sprechen, als handele es sich um Trüffel und Kaviar. Weil es ihnen absolut nicht peinlich ist, auf offener Straße mit einem Felltier das Weltgeschehen auszudiskutieren. Weil sie Hunden die Namen römischer Feldherren geben. Weil sie in Wahrheit immer noch nicht verstanden haben, warum das Kind auf dem Spielplatz spielen darf, aber nicht der Hund. Weil sie ein Leben zwischen Haaren, Schmutz und Zecken in Kauf nehmen, nur damit sie nicht auf das euphorische Schwanzwedeln dieses komischen Mopses mit Überbiss verzichten müssen, dessen Charme sonst niemand nachvollziehen kann. Weil sie so oft nur ein Thema haben: den Hund.
Warum machen die das alles? Weil sie kein Leben haben? Die Antwort ist leicht: Sie machen es, eben weil sie ein Leben haben. Eines, das durch einen Hund so viel bunter, so viel absurder und so viel spannender geworden ist. Oder hätten Sie sich ohne Ihren Hund schon mal unverhofft auf eine Weide mit einer Herde geschlechtsreifer Jungbullen verirrt? Ich jedenfalls nicht. Zur Information: »Die wollen nur spielen« ist an dieser Stelle wirklich mal eine Lüge …
(Seite 249 f.)

Den »Epilog«, der mit dem Satz »Es wird nie wieder einen Hund wie Emma geben« beginnt, könnte ich vollständig zitieren, aber er würde einen völlig falschen Eindruck von diesem Buch hinterlassen. Auch wenn die Autorinnen schreiben, es höre sich »pathetischer an, als es gemeint ist«, weiß ich doch, dass auch Dunja Hayali nicht wirklich leichten Herzens daran denkt, dass irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie Abschied von ihrer Emma nehmen muss.
Aber auch ich weiß, dass es keinen Hund wie Kim mehr für mich geben wird, obwohl ich vor ihr schon mit einem Hund mit diesem Namen lebte. Aber die erste Kim war eine andere Kim, als meine kleine Ungarin jetzt. Und ich weiß auch, dass es keinen Hund wie Naomi mehr für mich geben wird. Und auch, wenn Dunja Hayali nicht näher auf ihre wirklichen Gefühle eingeht – mir wird bei diesen Gedanken selbst dann das Herz schwer, wenn es um einen Hund wie diese Emma geht, die ich eigentlich überhaupt nicht kenne.

ZU EMPFEHLEN?
Unbedingt – und zwar auch oder vielleicht sogar gerade für Nicht-Hundebesitzer. So schrieb es auch Hape Kerkeling (laut Buchrückseite): »Dieses Buch ist ein großer Spaß – auch für Nicht-Hundebesitzer. Empathisch, verrückt und sehr, sehr komisch.« Das »sehr, sehr« würde ich auf ein einzelnes »sehr« beschränken, aber ansonsten stimme ich zu.