Herr Hütter und die kalte Neun

Irgendwann fand Herr Hütter die Gelegenheit günstig, sich eine Waffe zuzulegen. Eine Schusswaffe. Er war nicht der Typ, der das brauchte. Er mochte Schusswaffen nicht. Eigentlich mochte er überhaupt keine Waffen. Andererseits war Herr Hütter Realist. Und er wusste, was ein Werkzeug war, wozu es diente, welche durchaus positiven Effekte es haben konnte, wenn man als Mensch ein Ziel erreichen wollte. Und sei es nur das Ziel, zu verhindern, dass jemand anderes ein Ziel erreichte, von dem man, er, Herr Hütter, nicht wollte, dass derjenige es erreichte, weil es ihm, Herrn Hütter, nicht gefiel.
Er dachte durchaus darüber nach. Sich eine Waffe anzuschaffen, das hatte Konsequenzen. Nicht nur, aber vor allem auch bei Schusswaffen. Man übernahm automatisch Verantwortung. Im Umgang mit der Waffe. Für die Waffe. Und für andere Menschen. Man musste dafür sorgen, dass niemand, der nicht befugt war, an die Waffe gelangen konnte. Vor allem Jugendliche nicht, Kinder. Vor allem solche nicht, die Ballerspiele liebten und denkbarerweise dazu neigen konnten, Amokläufe an Schulen zu veranstalten. Menschen zu töten.
Es war einfach für Herrn Hütter, an eine Schusswaffe zu gelangen. Völlig legal. Er war ein angesehener Bürger, er hatte in der Bundeswehr gedient, er hatte in seinen Jugendjahren beim 2,2-mm-Kleinkaliberschießen Preise gewonnen. Eine Waffenberechtigungskarte zu erhalten, das war unter solchen Umständen eine Formsache. Und so war es auch.
Anfangs wusste er nicht so recht, wo er eine solche Waffe kaufen konnte. Geschäfte, in denen Waffen aller Art – nicht nur, aber eben auch Schusswaffen – geführt wurden, die gab es nicht an jeder Straßenecke. Bei den Amerikanern war das vielleicht anders. In seinem Land musste man schon wissen, wohin man sich zu wenden hatte.
Aber selbst im legalen Waffengeschäft hatte das Internet inzwischen seinen Platz eingenommen, bot seine Möglichkeiten an. eGun. Ein Ableger eines bekannten Auktionsportals, der sich auf Waffen spezialisiert hatte. Von der Schaumstoffshowwaffe bis hin zu Pistolen und Gewehren. Herr Hütter stellte fest, dass das Angebot immens umfangreich war. Und irgendwo vor den Angeboten automatischer Schusswaffen ein Ende fand – Maschinengewehre, Schnellfeuerwaffen und Ähnliches, das fand man dort nicht.
Das war aber auch nicht das, was Herr Hütter suchte. Was er brauchte. Er wollte etwas Einfaches. Naheliegendes.

Herr Hütters kalte Neun war eine Beretta. Genauer eine 92 FS Parabellum. Eine einfache Waffe. Nicht zu protzig, nicht so wie die Heckler & Kochs, die Herr Hütter aus den amerikanischen Filmen im Fernsehen kannte. Keine Glock, die man wegen ihres Keramikkorpus’ am Flughafen durch jede Kontrolle brachte. Keine Smith & Wesson. Nein, Herr Hütter hatte keinen wirklichen Faible für Italien, aber er fand es angenehm, zu wissen, dass seine Schusswaffe ein europäisches Produkt war.
Seine neue Parabellum hatte er bei eGun gekauft. Der Verkäufer hatte sich nicht für seine Waffenberechtigungskarte interessiert. Herr Hütter hatte die Waffe bestellt, bezahlt, und drei Tage später hatte sein Postbote die kalte Neun in einem profanen Paket geliefert. Herr Hütter hatte das Paket mit in seine Küche genommen und seiner Hündin einen zweifelnden Blick zugeworfen. Dann hatte er sich hingesetzt, war wieder aufgestanden, hatte sich ein Weißbier eingeschenkt, sich wieder hingesetzt.
Dann öffnete er das Paket.
Die Waffe war originalverpackt, wie man das nannte. Retail, wie man das auch nannte. Herr Hütter hatte nicht gewusst, dass es das gab. Er kannte nur diese amerikanischen Filme, und da bekam man Waffen in Papiertüten, Zeitungen, Tüchern oder einfach nackt überreicht, nachdem man einen nicht eigens durchgezählten Haufen Geldscheine in die Hand von jemandem gedrückt hatte, dessen Gesicht man nicht nur nicht sehen, sondern sich vor allem auch nicht merken wollte.
Herrn Hütters kalte Neun hatte einen Bestellbeleg, einen Überweisungsbeleg, eine Rechnung. Und Herrn Hütters Unsicherheit, wie es weitergehen sollte.
Schließlich nahm er die kalte Neun, die Unterlagen inklusive seiner Waffenberechtigungskarte und seine Hündin und fuhr zur Polizeistation.

»Guten Tag«, sagte er, als er den Vorraum der Polizeistation betreten hatte. Hinter dem Tresen saß eine junge Polizistin und ein erkennbar älterer Kollege. Die Polizistin erhob sich und kam nach vorne zum Tresen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie und lächelte. Herr Hütter war überrascht. Er wusste nicht, dass Polizisten lächelten.
»Ich habe mir eine Waffe gekauft«, sagte Herr Hütter und legte die kalte Neun auf den Tresen. Die Polizistin zuckte zurück. Ihr Kollege erhob sich von seinem Platz und nahm eine aufmerksame Haltung ein.
»Oh«, sagte Herr Hütter, »kein Problem. Ich habe eine Waffenberechtigungskarte.« Er kramte die Unterlagen hervor und legte sie auf den Tresen.
Die Polizistin kam wieder näher und sah die Unterlagen durch. Die Bestellung, die Ausdrucke von eGun, die Rechnung – und schließlich die Waffenberechtigungskarte.
»Das sieht in Ordnung aus«, sagte sie dann und wandte sich ihrem Kollegen zu. Der näherte sich ebenfalls und blätterte die Unterlagen durch. Derweil lag die kalte Neun unbeachtet auf dem Tresen.
»Ja«, sagte der Polizist schließlich. »Das sieht gut aus. Wo ist das Problem?«
Herr Hütter zuckte mit den Schultern.
»Ich bin irritiert«, sagte er.
»Warum?«, fragte die Polizistin.
»Ist es wirklich so einfach, eine Schusswaffe zu bekommen?«, fragte Herr Hütter.
»Nun«, antwortete der Polizist, »wenn Sie eine Waffenberechtigungskarte haben und es sich um so eine einfache Waffe wie diese Parabellum handelt, dann ist das so einfach, ja.«
»Was tue ich nun damit?«, fragte er Herrn Hütter.
»Hm?«, machten die beiden Polizisten zur gleichen Zeit.
»Was tue ich nun mit dieser Waffe?«, fragte Herr Hütter erneut.
»Ich verstehe nicht«, sagte die Polizistin. »Sie haben sie gekauft, und ich nehme an, Sie wollten sie haben –«
»Ich muss«, antwortete Herr Hütter.
»– oder Sie mussten sie haben«, fuhr die Polizistin fort. »Sie nehmen sie mit nach Hause und sorgen dafür, dass sie nicht in falsche Hände gelangt. Und ansonsten verwenden Sie sie zu dem Zweck, zu dem Sie sie angeschafft haben. Denke ich –«
»Hm«, machte Herr Hütter.
»Genau«, sagte der Polizist.
»Gut«, antwortete Herr Hütter. »Und ich kann jetzt einfach so mit ihr nach Hause gehen?«
»Ja«, sagte die Polizistin. »Sie haben eine Waffenberechtigungskarte. Sie dürfen Sie mit heimnehmen.«
Herr Hütter packte seine Sachen zusammen, die Unterlagen, die kalte Neun, steckte alles in eine der tiefen Taschen seines Mantels und wollte gehen.
»Noch ein Tipp«, sagte er Polizist.
»Ja?«, sagte Herr Hütter und drehte sich noch einmal um.
»Sie sollten sich ein Schulterhalfter kaufen«, sagte der Polizist.
»Ein Schulterhalfter?«
»Ja«, sagte der Polizist. »So eine Pistole trägt sich bedeutend komfortabler in einem Schulterhalfter –«
Während Herr Hütter mit seiner Hündin, den Unterlagen und der kalten Neun die Polizeistation verließ, lächelten die beiden Polizisten hinter ihm her.

Schließlich saß Herr Hütter in seiner Küche. Seine Hündin hatte zu Abend gespeist. Er hatte keinen Hunger. Die kalte Neun lag vor ihm auf dem Tisch und schlug ihm auf den Appetit. Er wusste immer noch nicht, wie er mit ihr umgehen sollte. Was –
Dabei wusste er noch genau, warum er sie angeschafft hatte. Zwei Wochen hatte es gedauert, bis die Fäden gezogen werden konnten. Vier Wochen hatte es gedauert, bis seine Hündin wieder laufen konnte, ohne dass man ihr ansah, was sie mitgemacht hatte.
Wie jeden Abend waren sie unterwegs gewesen. Raus aus dem Haus, rein ins Auto, irgendwo hinfahren. In den Ort diesmal. Herr Hütter wollte noch eine Kleinigkeit einkaufen, und ansonsten gab es einen Park, den seine Hündin mochte, weil es jede Menge zu erschnüffeln gab.
Und als sie den Park verließen, standen da diese drei Gestalten. Jugendliche. Herr Hütter kannte sich nicht aus. Er wusste nicht, ob sie sechzehn, achtzehn oder einundzwanzig Jahre alt waren. Es war gleichgültig. Ihr Auftreten war bedrohlich.
Herr Hütter zog die Schultern hoch, die Augenbrauen zusammen und setzte ein verteidigungsbereites Gesicht auf. Er hatte keine Angst. Er hatte andere Vollpfosten ungespitzt in den Boden gerammt. Und seine Hündin wusste Bescheid. Sie legte die Ohren an, stellte die Nackenhaare auf und knurrte.
Die drei Gestalten ließen sich davon nicht beeindrucken. Sie waren alle von südländischem Typus: dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Gesinnung. Sie grinsten auf eine Weise, die man als fies bezeichnete. Sie näherten sich Herrn Hütter und seiner Hündin, und zwei von ihnen griffen in die Taschen ihrer Jacken, die Ähnlichkeit mit diesen amerikanischen Bomberjacken hatten, die Neonazis aufgrund eigener Blödheit zu tragen pflegten.
»Was gibt’s?«, grummelte Herr Hütter.
»Was du uns gibs, Alder«, sagte der Erste, und das Lallen ließ entweder auf vollzogenen übermäßigen Alkoholkonsum oder auf die generelle Unfähigkeit, mit der deutschen Sprache umzugehen, schließen.
»Ich habe nichts«, antwortete Herr Hütter. »Und meinen Hund bekommt ihr nicht.«
»Deine Töle wolln wir nich, Alder«, sagte der Zweite. »Gib uns dein Geld.«
»Ich habe kein Geld bei mir«, antwortete Herr Hütter.
»Scheiß drauf«, sagte der Dritte. »Her damit.«
»Bist du taub?«, fragte Herr Hütter und grinste ungläubig.
»Frechwern, Alder?«, fragte der Erste.
»Ich habe nichts«, wiederholte Herr Hütter.
Der Zweite zog die Hand aus der Tasche, darin ein Messer. Mit einer schwungvollen Bewegung holte er aus und stach zu. Er traf Herrn Hütter auf der rechten Seite – ›Vollidiot!‹, dachte Hütter, ›das Herz sitzt links!‹ –, und der Schmerz ließ Herrn Hütter zusammenzucken. Mehr aber auch nicht.
Herrn Hütters Hündin begann zu bellen. Dann begann sie, die Zähne zu fletschen und bedrohlich zu knurren. Und immer wieder zu bellen.
Der Zweite holte erneut aus und stach erneut zu. Herrn Hütters Hündin sprang nach vorne und verbiss sich in seinem Arm, während er versucht, das Messer zurückzuziehen. Der Erste schrie auf und ließ das Messer fallen. Herrn Hütters Hündin zog sich zurück. Der Zweite machte einen Satz auf Herrn Hütter zu und landete mit seiner Südländerfresse direkt in Herrn Hütters Faust. Der Dritte wusste erkennbar nicht, was er tun sollte. Herrn Hütters Hündin nahm ihm die Entscheidung ab, indem sie nach vorne sprang und mit ihren Fängen seine edelsten Körperteile mit Beschlag belegte. Der Dritte schrie wie am Spieß – und Herrn Hütters Hündin ließ nicht locker.
Der Erste indes bückte sich, nahm das Messer vom Boden auf und stach in einer fast eleganten Bewegung erneut zu. Er erwischte Herrn Hütter am Oberschenkel. Nichts Tödliches – aber sehr hinderlich.
Dann rannten die drei davon. Herr Hütter sank zu Boden. Seine Hündin kam heran, jaulte leise und leckte sein Gesicht ab.
»Es ist gut, Kleine«, sagte Herr Hütter leise. »Es ist alles gut.«

Seine Hündin zu verteidigen, das war Herrn Hütter in Fleisch und Blut übergegangen. Er tat das, ohne nachzudenken. Wer seinem Hund zu nahe kam, hatte ein Problem. Wer seinem Hund etwas Böses tat, der hatte mehr als ein Problem. Aber bei all den Gelegenheiten, bei denen Herr Hütter seine Hündin hatte beschützen müssen, hatte er beinahe vergessen, dass auch er ein Lebewesen war, dem Gefahren drohten.
Und nachdem man ihn aus dem Krankenhaus entlassen hatte, mit drei genähten Stichwunden und dem Hinweis, dass man diese Verletzungen der Polizei melden müsste, mit einer Hündin schließlich, die die ganze Zeit, während er behandelt wurde, völlig allein im Wartezimmer hatte sitzen müssen, danach hatte er die Entscheidung getroffen, dass dergleichen nicht noch einmal geschehen würde. Nicht ungestraft –
Und so hatte er sich die kalte Neun beschafft, und während sie nun vor ihm auf dem Küchentisch lag, als er sich erinnerte, da fand er den Draht zu ihr, den Punkt, an dem sie beide etwas miteinander zu tun hatten, an dem ihre Beziehung beginnen würde. Und Herr Hütter lächelte, nahm die kalte Neun und legte sie an ihren neuen Platz. Er war nicht sehr versteckt, denn Herr Hütter lebte allein. Es gab keine Kinder, keine potenziell amoklaufenden Jugendlichen, und seine Hündin würde sich nicht nur an der Waffe nicht zu schaffen machen wollen, sie kam auch gar nicht dorthin, auf den Sims über dem Kamin. Dort lag die kalte Neun nun, damit sie es im Winter schön warm hatte – und im Sommer, wenn die Abendsonne auf den Kamin schien, ebenso.

Am nächsten Abend gingen sie zu dritt los. Herr Hütter, seine Hündin und die kalte Neun. Und der Erste und der Dritte kamen an diesem Abend nicht mehr nach Hause. Und nicht nur an diesem Abend.