Vom Fahren auf schleswig-holsteinischen Straßen, zwischen Schülp und Brunsbüttel, 03.06.

Ich mochte das Fahren auf norddeutschen Straßen schon, als ich zwischen 1978 und 1980 im Landkreis Rotenburg/Wümme beim Bund war. Da freilich erst ab 1979, nach der erfolgreichen Fahrprüfung. Und später immer wieder, wenn ich dort oben war. So zum Beispiel 2006 während meines zweiwöchigen Urlaubs in Mecklenburg-Vorpommern (zu dem es irgendwann vielleicht doch noch ein Reisetagebuch geben wird).
Und auch hier, in Schleswig-Holstein, ist das Fahren auf deutschen Straßen ein ganz anderes.

Schnurgerade sind sie. Nicht immer, aber gerne immer wieder. Unweigerlich kommt irgendwann mal eine Kurve, aber sie ist moderat. Die Beschilderung mit Warntafeln in der Kurve lässt einen bayernerfahrenen Autofahrer spontan an Haarnadelkurven denken, aber das sind sie nicht. Sie scheinen nur dem Langstreckengeradeausfahrten gewohnten Norddeutschen gefährlich. In der Regel nimmt man sie auch mit 120 oder 130 km/h gefahrlos und elegant. Und wenn doch nicht … Nunja, der Jude prägte dafür den Begriff »Kismet«.
Und es ist interessanterweise auch nicht so, als würden sie dazu verleiten, schneller zu fahren, häufiger und risikoreicher zu überholen. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, die langen Geraden sind genau die Streckenteile, die auch beim versierten Autofahrer eher den Verdacht aufkommen lassen, es könne hier nicht alles mit rechten Dingen zugehen. Vielleicht eine Senke? Vielleicht doch ein leichter Hügel, der das Ganze unübersichtlich macht? Und natürlich ist es auch eine Frage der Fähigkeit, Entfernungen richtig einzuschätzen. Ich selbst erkenne bisweilen bei mir auf den hiesigen Straßen, dass es mir schwerfällt, wirklich sicher davon auszugehen, dass der Abstand, den der Entgegenkommende noch hat, ausreicht, um einen anderen Verkehrsteilnehmer vor mir zu überholen. Die Strecke ist in ihrer Geradheit einförmig. Zu einförmig vielleicht, um eindeutige Erkenntnisse zuzulassen, was entspannt und elegant zu bewerkstelligen ist und was sich zu einem großen, vielleicht tödlichen Risiko entwickeln könnte.
Und diese Umstände, die in dieser Beschreibung zunächst mal rein subjektiv sind, scheinen insgesamt dazu zu führen, dass auf den norddeutschen, hier aber vor allem schleswig-holsteinischen Schnurgeraden, jedenfalls in der Dithmarschen, nicht gerast wird. Und wenn doch, dann ist es in der Regel ein Autofahrer aus südlicheren Gefilden –

Ich empfinde das Fahren hierzulande als entspannt, entspannend. Nicht nur, weil ich mir mit dem vor knapp zwei Jahren gekauften VW Passat angewöhnt habe, viele Strecken mit Tempomat zu fahren (was aber sicher auch eine Rolle spielt). Nicht nur, weil ich in Urlaub bin. Irgendwie vermitteln die vielen Geraden mit den dann doch hübschen kleinen Kurven mitten drin einem den Eindruck: »Was machst du so einen Stress? Schau, das dauert eh noch! Entspann dich und fahr weiter. Wichtig ist, dass du ans Ziel gelangst. Wann? Wen juckt’s?«