Auch Profis können’s nicht

Ronald M. Hahn, Frank Hebben, Michael K. Iwoleit (Hrsg.)
NOVA 16
Das Magazin für Science Fiction & Spekulation
Wuppertal, 2010, 182 Seiten, Paperback (DIN A5), ISSN 1864-2829

VORBEMERKUNG
Meine erste NOVA-Ausgabe. Mei. Ich war schon immer Spätzünder. – Ich frage mich, warum NOVA als Zeitschrift erscheint, jedoch ansonsten alle Merkmale eines Buches aufweist. Außer Kostenvermeidungserwägungen – eine ISSN kostet nichts, eine ISBN schon – gibt es dafür keine Gründe. Böse wäre, wer dächte, die NOVA-Macher wollten keine Käufer.
Nun gut. Meine erste NOVA-Ausgabe. Gelesen für den DSFP, zugegeben.

WORUM GEHT ES?
Eine Reihe Kurzgeschichten, zwei Artikel, zwei Nachrufe. SF und Spekulation – Letzteres werden die Macher von NOVA vermutlich nie loswerden. Das erinnert selbst mich als Anfangachtzigerspätfan immer noch an die Endsechziger und Anfangsiebziger Jahre. (Und dieser Satz daran, dass ich Wortneuerfindungen auf den Tod nicht ausstehen kann.)

WIE IST DER STIL?
Durchaus professionell, sieht man von handwerklichen Feinheiten ab (siehe dazu weiter unten).

WAS GEFIEL NICHT?
Das Handwerk. Von alten Hasen wie Hahn und Iwoleit hätte ich mir in dieser Hinsicht mehr erwartet.
Das fängt mit dem Bausparerformat DIN A5 an und führt über eine dafür zu kleine Schrift im einspaltigen Satz zu einer bisweilen wirklich störenden Unlesbarkeit des Werkes. Die zusätzlich ständig völlig motivationslos variierenden Schriftlaufweiten sehen aus, als hätte jemand mit einer neuen elektronischen Typenradschreibmaschine seine ersten Misserfolge zu Papier gebracht. Schusterjungen mögen inzwischen von der Allgemeinheit und der Fachwelt akzeptiert werden; wer sich auskennt und überhaupt weiß, was das ist, vermeidet sie trotzdem. Trennfehler zeugen entweder von Schlampigkeit oder einer völlig fehlenden Korrekturfahnenlesung. Und überhaupt – Korrekturen … Es ist für die erwähnten alten Hasen mehr als jämmerlich, teilweise fast vollständig fehlende Korrekturen für eine Veröffentlichung zuzulassen; das Tipp-, Rechtschreib- und Grammatikfehlergesocks bei gleichzeitig paritätischem Kommaeinsatz in einer Geschichte wie Rüdiger Bartschs »Der Gebäude-Komplex« ist ein Armutszeugnis in DIN A3, 3D mit Leuchtdiodenunterstützung. Mein Gott. Ich dachte bisher, meine Sachen seien schlecht.

WAS GEFIEL?
Insgesamt: die Geschichten.
Der durchgeknallte Computer in Reinhard Kleindls »Der Zwiebelkuchen« ist seit HAL natürlich nicht neu, aber der hier kann kochen: 7 von 10 Punkten. – Karla Schmidts »Das Ende der Schöpfung« bekommt die volle Note: 10 von 10. Reif fürs nächste Universum? Der Schöpfer ist am Ende und sucht sich seine Nachfolgerin. Sprachlich elegant, gewandt, bild-schön. – Dem Pukallus Horst sein »Placebo« ist eine moderne Death-by-Cops-Selbstmordvariante, die durch die Darlegung der Motivation nicht wirklich gewinnt (5 von 10). – Sex mit Viechern oder Androiden? Der in Nadine Boos’ »Die Itzybitzy-Spinne« ist nicht so schlimm, dass der Staatsanwalt mitlesen müsste. Und die Antwort auf die Frage, wie man’s macht, wenn die Spielzeuge ausgefallen sind, beantwortet sich eh von selbst (6 von 10). – Niklas Peineckes Werk hat einen opulenten Titel – »Die verhinderte Himmelfahrt der Jana Maria Magdalena Sibelius« –, der nicht in der Endzeitversion für Erlöser reflektiert wird: Wer sich nicht erlösen lässt, muss halt dran glauben; aber das hätte nicht so hektisch stattfinden müssen (7 von 10). – Florian Hellers »DÖRA« ist die endgültige – die endgültige, die wirklich end-gültige – Antwort auf die Frage, wer zuerst aufm Mond war. Scheiß. Geil. Daher: 10 von 10 Punkten. Nicht diskussionsfähig. – Das durchgeknallte Gebäudenetzwerk in Rüdiger Bartschs »Der Gebäude-Komplex« ist auch nicht neu, aber gut beschrieben; als SF-Krimi ein schönes Stück, aber mit Punktabzug für schlampiges Korrektorat und Lektorat: 9 von 10. – Thomas Wawerkas »Die Ozeanische Sekunde: Kinesis« ist scheinbar eine Story um einen verfolgten Terroristen, der keiner ist, die dann in einen Siedlerplot umkippt. Wirkt zuerst so unmotiviert, wie diese Zusammenfassung, ist aber beim zweiten Lesen ein cooler Plot, gut geschrieben und in Wirklichkeit 9 von 10 Punkte reif. – Fitz-James O’Briens »Das diamantene Vergrößerungsglas« (auf dem Backcover von NOVA 16 ohne Diamanten genannt) ist ein neu übersetzter Klassiker aus dem Jahre 1858. Mit ist das zu sehr 19. Jahrhundert, sorry. Nicht mein Ding: 2 von 10. – Reinhard Kleindl beendet den Storyreigen mit »Form und Stoff«, eine weitere Story um einen durchgeknallten Computer – oder? Naja, nicht ganz. Es geht vor allem um die Fragen ach der Herkunft der Intelligenz. Für meinen Geschmack eindeutig zu kurz: 8 von 10.
Die beiden Artikel sind sehr unterschiedlich. Holger Eckhardt rezensiert drei Bücher, die alle ziemlich happig zu sein scheinen. Michael K. Iwoleit schreibt über das Werk J. G. Ballards; der Artikel hat mir gefallen, aber ich bin Ballard-Fan und damit ziemlich unkritisch. Die beiden noch folgenden Nachrufe beziehen sich auf Robert Feldhoff und Gero Reimann, die uns schon 2009 verließen.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Gerne. Aber: Das wäre die Karla-Schmidt-Geschichte und der Michael-Iwoleit-Ballard-Artikel. Ich glaube, gegen solche Komplettzitate bestünden Einwände.

ZU EMPFEHLEN?
Dem Leser. Ja. Klar.
Den Machern. Ja. Auch. Jemand, der sich mit Korrektorat, Lektorat und Layout auskennt. Und jemand, der ihnen klar macht, dass DIN A5 als Bausparerformat ziemlich durch ist.

NOCH WAS?
Ich glaube nicht. Das war wohl alles.