Krampfhaft

Markus Heitz
TOTENBLICK
Knaur, München, 2013, Taschenbuch mit Klappumschlag, 521 Seiten, ISBN 978 3 426 50591 5

VORBEMERKUNG

Als Allesleser und Allesrezensent kann ich meinem Blog vertrauen. Und danach habe ich bislang nur eine Kurzgeschichte von Markus Heitz gelesen (hier). »Totenblick« war also der erste Heitz-Roman, den ich las. Und ehrlich gesagt: Wäre es um Orks, Zwerge und anderes Tolkien-Gesocks gegangen, hätte ich das Buch gar nicht in die Hand genommen. (Das liegt allerdings nicht am Autor.)

WORUM GEHT ES?

In Leipzig treibt ein Mörder sein Unwesen. Ein Serienmörder. Mit Anspruch. Er sucht sich seine Opfer nicht nur aus, er ermordet sie auch nicht nur einfach, nein – er stellt Szenen nach, oft nach klassischen Gemälden, aber auch nach anderen Vorlagen. Hauptsache: Kunst. (Und zugegeben: Er mordet zwischendurch auch einfach mal so.)
Ares Löwenstein, ehemals Motorradgangangehöriger, ehemals Verbrecher, ehemals Wasauchimmer, im aktuellen Leben Personal Trainer, dieser Ares Löwenstein ist einer derjenigen, der hinter dem Mörder her ist und letztlich daran beteiligt ist, ihn zur Strecke zu bringen.

WAS GEFIEL?

Der Plot. Der ist okay. Eine spannende Geschichte, mit vielen eine Rolle spielenden Figuren, hübsch verwickelt, mit einigen durchaus gelungenen überraschenden Wendungen, insgesamt ein gelungener Plot, eher eine Krimigeschichte als ein Thriller, aber an sich durchaus gelungen. Ganz zu Anfang gibt es eine Szene, in der man später den Täter erkannt zu haben glaubt, aber man ist sich nicht sicher, weil er später noch einmal in einer Form auftaucht, die diese Idee nicht sehr wahrscheinlich erscheinen lässt. (Wer der Täter wirklich ist, verrate ich natürlich nicht.)

WAS GEFIEL NICHT?

Heitz‘ Schreibstil. Ich kann es nicht wirklich gut erklären, aber die Tatsache, dass ich die Geschichte eher als Krimi denn als Thriller – wie auf dem Cover behauptet – betrachte, hat auch mit Heitz‘ Schreibstil zu tun. Gerade weil ich vorher Liz Jensens »Die da kommen« (hier) gelesen habe und hier erleben durfte, wie wundervoll eine gute deutsche Übersetzung eines amerikanischen Profiproduktes ausfallen kann (und soll!), wirkte Heitz‘ Werk auf mich – verkrampft. Seine Wortwahl, seine Formulierungen, seine Dialoge – alles wirkt irgendwie nicht locker, nicht flockig, nicht entspannt und routiniert, sondern einfach nur – verkrampft.
Dazu trägt auch die Figurenzeichnung bei, die eigentlich keine ist. Dass ein Autor reihenweise Figuren umbringt, die durchaus Hauptfigurenpotenzial haben, das ist in Ordnung. Aber gerade dann sollte man sich bemühen, die Figuren, die als Hauptfiguren verbleiben, dreidimensional zu gestalten, ihnen Form und Farbe, Ausstrahlung und Identifikationspotenzial mit auf den Weg zu geben. Und das hat Heitz in keinem Fall getan. Die Polizisten, die von dem Serienmörder um die Ecke gebracht werden, sind bestenfalls nicht mal Klischees, sondern Scherenschnittschablonen; und da hilft es auch nicht, dem Hauptrollenkommissar ein ganz spezielles ADHS-Problem anzudichten. Sogar die Haupthaupthauptfigur Ares Löwenstein ist am Ende nur zweidimensional – und was seine Wandlung vom Neogutmenschen zum Wiedermotorradrocker und zurück angeht, ist seine Figur vollständig unglaubwürdig.
Und dazu trägt auch das offensichtlich krampfhafte Bemühen von Markus Heitz bei, unbedingt einen Lokalkrimi schreiben zu wollen. Leipzig hin, Leipzig her, Leipzig von vorne, hinten und am Arsch: Dass diese Stadt schön sein mag, ist eine Sache, für die Geschichte hat sie nicht nur keinerlei Wert oder Bedeutung oder beides, im Gegenteil, das ständige in den Vordergrund rücken von Straßennamen, Ortsteilen, von Leipzig, Leipzig und Leipzig, das geht einem beim Lesen letztlich nur auf den Sack! Denn die Geschichte hätte in einer namenlosen Stadt irgendwo auf dieser Welt – und von mir aus gerne in Deutschland – viel besser gesessen. Die Figuren haben nichts mit Leipzig zu tun, der Mörder hat nichts mit Leipzig zu tun – seine Motivation zwei Mal nicht –, Leipzig wird in dieser Geschichte in keiner Weise benötigt, um irgendetwas zu erreichen – das Ziel der Geschichte sowieso nicht.

ZU EMPFEHLEN?

Nein. Und dabei nehme ich Heitz-Fans aus; die wollen ja oft genug einfach nur einen Heitz, schietegal, was das für eine Geschichte ist.

NOCH WAS?

Eine nette Idee, wenn auch etwas unpraktisch in der Handhabung, ist die Buchaufmachung. Die hintere Innenklappe des Umschlags ist so gestaltet, dass sie durch einen zusätzlichen Knick nach vorne ins Buch eingeschoben werden kann und so den langen Buchschnitt (rechts) schützt. Abgebildet ist dort allerdings nur eine Spritze; mehr hat man daraus nicht gemacht.