Flachwasser für Ausgeburten

Boris Koch (Hrsg.)
GOTHIC – DARK STORIES
Gulliver 1120, Beltz & Gelberg, 2009, 238 Seiten, ISBN 978 3 407 74120 2

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch wirklich rezensieren soll. Aber letztlich hat das Pflichtbewusstsein gesiegt, denn es war ein Rezensionsexemplar, und deshalb …

Das Buch wird in einem schwarzen Cover vorgelegt, der Titel »Gothic« in roter Schrift, hochglanzkaschiert – was zu baldiger Unansehnlichkeit führt – und eine preisgünstige Prägung mit Verzierungen, die man auf Autos »Tribals« nennt. Die Bindung ist nicht schön; zu stramm, leicht brüchig, jedenfalls im vorderen Bereich.

Koch, Gothic - Dark Stories
In einem Begleitbrief schrieb die Presseassistenz von Beltz & Gelberg: »Für das Buch […] hat Boris Koch die Meisterschreiber der Gothic-Fantasy-Szene versammelt. Markus Heitz, Christian von Aster, Christoph Hardebusch und 15 weitere namhafte Autoren liefern schwarz-romantische Kurzgeschichten über sehnsüchtige und ewige Liebe, schauerliche Geisterstädte, verfallene Friedhöfe … Es sind Geschichten über Menschen und Andere: Vampire, Geister, Zombies. Sie verwirren, faszinieren und sind beängstigend zugleich, aber nicht wenige Figuren erfahren in der Begegnung mit ihnen Wesentliches über sich selbst.« Na, fein … Im Nachhinein bin ich versucht, zu sagen, dass ich das hier beschriebene Buch nicht rezensieren kann, weil ich es nicht lesen konnte …

Boris Koch, Dunkle Geschichten. Ein Vorwort: Koch fasst seine Vorbemerkung in prosaische Zeilen und lässt sie sich um die Zahl 18 drehen – weil 18 Geschichten von 18 Autoren. Nebenbei verhaut er sich in der Bedeutung der Zahl 23 – denn diese ist mitnichten eine »passende Anzahl für eine Sammlung dunkler Geschichten«, denn Verschwörungstheorien würde ich nicht in diesen Bereich rechnen.
Maike Hallmann, Lilith: Lilith ist eine neue Schülerin, die im Gothic-Style auftritt und an der Schule so ihre Probleme hat. Am Anfang macht man einen Bogen um sie, aber wie Schüler so sind – Immunität gibt es nicht. Und so nimmt der Druck zu – bis er sich Bahn schafft. Denn Lilith ist nicht nur keine normale Schülerin, sie ist nicht mal annähernd so gutaussehend, wie es scheint. Wie Ole, einer ihrer Mitschüler, feststellen darf.
Markus Heitz, Schattenspiel: Jana hat wie viele Menschen so ihre Vorbehalte, wenn es um dunkle Unterführungen geht. Dass sie mit dem Cedric, der dort erstmals Kontakt mit ihr aufnimmt, schon einmal zu tun hatte, wird ihr weniger deutlich bewusst, als dass sie mit ihm deutlich besser dran ist als mit Phil, der sich als Arschloch in schöner Verpackung entpuppt.
Anna Kuschnarowa, Der Fahrstuhl: Die Traumfrau, die Frau in Rot, hier sogar in Schwarz und Rot, ein Mann, der sich der vermeintlichen Erfüllung seiner Träume gegenüber zu sehen glaubt und dann nicht nur herausfinden muss, dass seine Holde Lucia nicht nur ein Kerl ist, sondern auch noch ein Vampir.
Markolf Hoffmann, Die blauen Handschuhe: Marina trägt blaue Polyesterhandschuhe und sitzt in einem Zug, auf dem Weg zu ihrem Vater, der irgendwann seine Familie verließ, um sich in einem Dorf mit einem Weiher niederzulassen. Marina möchte wissen, wer ihr Vater war und ist, wer sie ist – und sie erfährt es. Eine der zwei besten Geschichten in diesem Band, die vor allem auch dadurch punktet, dass es keinen Vampir, keinen Werwolf, keinen Geist und keinen Zombie gibt, sondern ein Wesen, dass einem in so einem Werk nicht so oft über den Weg läuft …
Malte S. Sembten, Eine halbe Stunde zu früh: Bei der Auswahl seiner Nachhilfelehrer sollte man Sorgfalt walten lassen; das ist es nicht, was man Lea als Mangel vorwerfen könnte. Aber Pünktlichkeit funktioniert in beiden Richtungen. Und wer einfach so eine halbe Stunde zu früh erscheint, hat mitunter ein Problem.
Tobias O. Meißner, Amatha: Die Geschichte über ein paar Jugendliche, die sich die Zukunft des Körperschmucks zeigen lassen, es aber nicht so recht fassen wollen.
Michael Tillmann, Der Hafenwirt und seine merkwürdigen Gäste: In der Kneipe »Zur Letzten Zuflucht« treffen sich allabendlich seltsame Gäste. Und die drei Studenten wollen die Geschichten der Gäste nicht so recht glauben – aber es gibt natürlich für alles Beweise.
Kathleen Weise, Der Wolf und das Muli: Eine Werwolfgeschichte, die keine sein müsste, denn die Probleme von Frederik und der von ihm »Muli« genannten Mitschülerin kennt man aus einer schier endlosen Reihe amerikanischer Filme und ebenso einschlägiger Bücher.
Christopher Kloeble, 13:24:51: Eine etwas merkwürdige Story, in der ein Mädchen angefahren wird, nachdem es den Protagonisten auf der Straße überfallen hat. Zwei Mal gelesen, beide Male nicht wirklich verstanden. Aber stilistisch fiel die Geschichte positiv auf.
Christoph Hardebusch, Einzelgänger: Torsten ist ein Außenseiter. Nachdem er wieder einmal mit seinen Feinden aneinandergeraten ist und sie ihn »gerippt«haben, zieht er sich auf ein altes Fabrikgelände zurück. Dort trifft er auf ein Mädchen, die sich als Werwölfin entpuppt und die ihm einen Ausweg aus seinem unfrohen Leben anbietet. – Für den Satz »Er rippt ihn ab!« gehört dem Autor von Rechts wegen einer auf die Nase gegeben.
Simon Weinert, Wolf an der Leine: Rüdi und Boris. Rüdi steht auf Yvie, Boris‘ Freundin. Boris steht drauf, Werwölfinnen zu fangen, zu warten, bis sie sich verwandeln und dann Titten zu gucken. Aber das ist alles nicht so einfach. Und die Probleme, die auftreten, wenn eine dieser Werwölfinnen ausgerechnet Yvie ist, sind auch nicht ohne.
Uwe Voehl, Im Nebel: Mutter und Vater haben was zu erledigen, also soll sie zur Tante auf eine Hallig fahren. Aber das ganze Szenario ist recht … ungewöhnlich. Auf der Fähre sind alle tot – und die Zeit verhält sich nicht ganz so, wie sie sich verhalten sollte. – Eine Story mit schweren Anleihen an die Plots der »Final Destination«-Filme, aber nicht nur, sondern vielleicht gerade deshalb der mit Abstand herausragendste Beitrag dieses Bandes. Und Voehl weiß wenigstens noch, was die deutsche Sprache für Möglichkeiten bietet.
Jörg Kleudgen, Nicht von dieser Welt: Leander verschwand, nachdem er sich mit einem Spiel und einem Mädchen namens Sylvana eingelassen hatte. – Etwas konfus, deshalb bemerkenswert; die Geschichte wäre als Vorspann eines Films geeignet.
Melanie Stumm, Die Kerze im Spiegel: Eine Geschichte in einer Geschichten, über eine tödlich verunglückte Ausländerin und eine durchgeknallte Verkehrsampel, über Schuld und Sühne. Die Geschichte spielt in Japan, hat aber wenig Japanisches an sich.
Sylvia Ebert, Viola: Frisch verliebt zu sein ist ein schönes Gefühl. Aber so einfach ist das nicht. Vor allem, wenn es daheim nur Grünfutter gibt, die Angebetete sich mit seltsamen Menschen umgibt und man selbst am Ende auch noch herausfindet, dass man selbst nicht wirklich ein Mensch ist.
Boris Hillen, Avezzano: Eine griechische Insel, mit Zypressen, Schafen und einem toten Schäfer. Und mit den Schafen hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Interessanter Plot, leider ziemlich verpulvert.
Christian von Aster, Das Ende der Kindheit: Die Geschichte des Fremden, der das Spielzeug einsammelte, das Kinder irgendwann wegwarfen. Ein tragisches Schicksal, fürwahr …
Michael Marrak, Liliths Töchter: Es gibt reichlich Geschichten, die sich um Alraunen ranken. Die hier ist mal anders, wenn auch nicht weniger unpraktisch für Adrian, der sich von Lydia geschickt dazu hat linken lassen, sich um eine Alraune zu kümmern, die sich so ganz anders entwickelt, als der Rettich, für den Adrian sie gehalten hat.

Sämtliche der Geschichten habe ich noch einmal anlesen müssen, obwohl die Lektüre des Buches allzu lang nicht her ist. Das kennzeichnet das eigentliche Problem, das diese Zusammenstellung hat: Mit Ausnahme der Geschichten von Markolf Hoffmann und Uwe Voehl handelt es sich hier durchgehend um seichtes Zeug, das einfach keinerlei Eindruck hinterlässt, weder bei der Lektüre noch – vor allem – hinterher. Wenn man die nächste Geschichte begonnen hat, hat man die vorheriger vergessen. Hoffmanns Plot ist ausgefallen und deshalb gut; auch hat er sich beim Schreiben erkennbar mehr Mühe gegeben als die meisten anderen Autoren. Und Voehl, wie gesagt, der ist auch in dieser Geschichte einfach gut.
Das größte Problem für mich allerdings war einerseits der Umgang mit der deutschen Sprache, die die Autoren an den Tag legten, andererseits die Figuren, die sie auswählten. Was die Fähigkeit angeht, mit der deutschen Sprache und ihren Möglichkeiten zu spielen, muss man sich heutzutage wohl keine großen Hoffnungen mehr machen. Auch die Jugendlichensprache – sofern man das überhaupt noch Sprache nennen kann – ist dabei, sich ihre Rolle in der Literatur zu erobern. Wer dabei was zerstört, das überlasse ich gerne einschlägig gebildeteren Menschen. Und die Figuren … passend zur Sprache sind es natürlich diese Lebewesen, die so überhaupt nichts vom Leben wissen, die von so gar nichts wirklich eine Ahnung haben, und vielleicht funktionieren solche Geistergeschichten auch nur mit Figuren nach der Vorlage von dummen, oberflächlichen und durch und durch gewöhnlichen Menschen.
Wirklich schlecht war keine der Geschichten, wirklich gut auch nicht. Alles seichtes Mittelfeldwabern. Nicht mehr, nicht weniger.