Es hilft nicht, ihn nur zu mögen

Serdar Somuncu
HASSTAMENT
Die rohe Botschaft
WortArtisten, Köln, 2013, Klappbroschur, 351 Seiten, ISBN 978 3 942454 02 5

VORBEMERKUNG
Somuncu zu mögen, das reicht nicht. Man sollte ihn verstehen. Man sollte ihm genau zuhören, ihn genau lesen. Und man sollte ihn verstehen. Richtig verstehen. In dem vorliegenden Buch sind unter anderem Beispiele von Menschen enthalten, die ganz offensichtlich trotz aller (Vor-) Warnungen zu dumm waren (und wohl noch sind), das zu tun. Somuncu zu verstehen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen.
Ich entdeckte Somuncu beim Zapping. Irgendwo lief seine Hassprediger-Show, ich blieb hängen. Mit offenem Maul, sabbernd. Mit der Erkenntnis, endlich das gefunden zu haben, was ich bei dem deutschen Kabarett, bei Comedy und ähnlichen Dingen bisher vermisst habe.
Deutlichkeit. Echte Worte. Unnachgiebigkeit. Gnadenlosigkeit. Klarheit. Ich war schon beim ersten TV-Genuss des Programms von Serdar Somuncu nicht einen Augenblick bereit, mich auf ein Missverständnis seines Tuns und seiner Worte einzulassen.

WORUM GEHT ES?
Somuncu wurde bekannt durch seine Lesungen aus Hitlers »Mein Kampf«, aus Goebbels’ »Sportpalastrede«, sicher auch durch den »Hassprediger«, sein letztes umfangreiches Programm. Als Angefixter habe ich mir andere Materialien besorgt und sie goutiert, und ich habe das entdeckt, das auch in diesem Buch herausblickt:
Einen Mann voller Hass, aber auch voller Intelligenz. Einen Mann, der eine neue Demagogie proklamiert, und nicht nur das: der sie lebt, mit Leben erfüllt. Den Hassismus. Kernsätze gab es schon in seinem Hassprediger-Programm, der Vorstufe, könnte man sagen, und indirekt auch schon zuvor, bei Hitler, Goebbels. »Jede Minderheit hat ein Recht auf ihre eigene Diskriminierung«, das ist eine der Aussagen, die mich mit am meisten beeindruckten.
In »Hasstament« ist das textlich wiedergegeben, was Somuncu mit seinen Mitstreitern im Internet fabrizierte und zelebrierte, die »Hatenight«, Internetvideos zu allen möglichen Themen, die sich im Laufe der Zeit auch entwickelten, von Videos im Latenightshowstyle hin zu einer Art von Gesellschaftskommentaren ganz besonderer Ausprägung – im wahrsten Sinne des Wortes. Das »Hasstament« enthält quasi die »Textkremente« der verschiedenen »Hatenight«-Folgen über die verschiedenen Sessions der Sendereihe hinweg.

WIE IST DER STIL?
Derb, würde jemand sagen, der sich stilistischer Feinheiten der deutschen Sprache nicht bewusst ist. Derb, sage auch ich. Aber ich sage es unter einem anderen Gesichtspunkt. Somuncu ist nichts für Weicheier. Somuncu ist nichts für Leute, die nicht zuhören, die nicht mitdenken, er ist nichts für Leute, die irgendwelchen Animositäten nachhängen. Du hast ein Problem mit Kritik an Religionen? An Rassen? An Völkern? An Politik, an Gesellschaften? Du hast überhaupt ein Problem mit Kritik? Dann lass die Finger von Somuncu. Und lass vor allem die Finger von ihm – in Wort, Bild, Video, DVD, Marmortafel –, wenn du nicht in der Lage bist, zu verstehen, was man dir sagt.

WAS GEFIEL NICHT?
Nichts. Ich bin kein Somuncu-Jünger, kein Hassist. Noch nicht. Ich bin ein Fan. Ich weiß, was er will, was es bedeutet. Und vor allem mag ich genau die Leute nicht, die ihn angreifen, weil sie zu dumm sind, den Deckel auf der Schüssel hochzumachen, bevor sie ihre Kackwurst abseilen. (»Kackwurst« ist ein Trademark von Serdar Somuncu und wir erklären hiermit ausdrücken, dass sich durch unsere Erwähnung an seinen Rechten nichts geändert hat.)

WAS GEFIEL?
Alles. Ich bin kein Somuncu-Jünger, kein Hassist. Noch nicht. Ich bin ein Fan. Ich weiß, was er will, was es bedeutet. Und vor allem gefällt mir die Art und Weise, den Leuten den Spiegel so vorzuhalten, dass sie mit ihren oftmals minimalen mentalen Fähigkeiten gar nicht mitbekommen, dass das ein Spiegel ist. Sinngemäß: »Was ist schlimmer? Der, der die Witze erzählt, oder die, die über die Witze lachen?«

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Auf jeden Fall. Und das hier sind wirklich nur ganz prägnante Auszüge.

Der Hassismus ist aus der Idee entstanden, ein besserer Hassprediger zu sein als die Hassprediger, die man in den Medien vorgesetzt bekommt, um eine bessere, dogmatischere und inkonsequentere Religion zu schaffen als alle Religionen und ihre Dogmen zusammen. Der Hassismus ist als die einzig wahre, alles umfassende Religion gegründet worden, die sämtliche wesentlichen Eigenschaften anderer Religionen aufrichtig und wahrhaftig in sich vereinigt: »Glaube, Gier und Größenwahn« (s. S. 98 ff.).
Der Hassismus soll Denkstrukturen ändern, zu Reflexionen durch das Mittel der Entfremdung anregen, indem Grenzen gesprengt werden durch die vulgäre Sprache und indem der alltägliche Wahnsinn widergespiegelt wird, mit dem wir medial in Kontakt geraten. »Sie müssen unterscheiden, was ich meine und was nicht! Das ist eine leichte Übung für Demokraten« (Serdar Somuncu).
Hassismus ist somit die Reaktion auf die Abstumpfung, den schon immer latent vorhandenen und immer mal wieder aufkeimenden Faschismus, den Rassismus, die Intoleranz und die Ignoranz im Alltag. Er nimmt diese Dinge vorweg, spiegelt sie wider und dieses besser und radikaler als ihre eigentlichen Protagonisten. Der abgestumpfte Mitläufer bei alldem wird durch die hassistische Ansprache mit höherer Wahrscheinlichkeit mitgenommen und erreicht, als dieses Zwang oder der erhobene moralische Zeigefinger jemals könnten.
(Seite 16 f.)

Serdar Somuncu und seine Arbeit werden mit Beschimpfungen und Drohungen aus allen Lagern konfrontiert: Linke bezeichnen ihn als »homophob, frauenfeindlich, rassistisch und rechts«. Rechte diffamieren ihn als »Kanaken, undeutsch und links«. Türken beschimpfen ihn als »einen sich bei den Deutschen einschleimenden Kuffar«, übereifrige Muslime (und auch Christen) verdammen ihn als »Ausgeburt des Teufels«.
(Seite 18)

So ist zwar Serdar Somuncu der wohl am meisten eingeladene und dabei am wenigsten gesendete Künstler im deutschen Fernsehen, aber besonders staatliche Zensur schafft zusätzliche Nachfrage, die Ignoranz der Redakteure und Sender bleibt wirkungslos, da er weiterhin eine breite Öffentlichkeit erreicht.
So wie der Hassias befinden sich alle, die Satire betreiben und sich der Stilmittel Ironie, Zynismus und Sarkasmus bedienen, im ständigen Spannungsfeld von missverstanden und bewundert werden, gelobt und verachtet werden, wobei es jedoch nicht die Aufgabe eines Künstlers sein kann – auf gar keinen Fall sein darf –, sich ständig zu erklären, weder den Bewunderern oder Verächtern noch den staatlichen Instanzen gegenüber, da sonst jede Kunst zu administrativer Tätigkeit verkäme, man deswegen als Kreativer in ständigem Rechtfertigungszwang lebte und dies den ersten Schritt darstellte, die künstlerische Freiheit aufzugeben, da man in Versuchung geriete, in vorauseilendem Gehorsam die »Schere im Kopf« zu betätigen, und letztendlich Selbstzensur betriebe. Kunst muss laut Somuncu kompromisslos, konsequent und extrem sein, denn sonst verfiele sie in Beliebigkeit.
(Seite 18 f.)

Es gilt, dass die hier abgedruckten Texte grundsätzlich als Satire zu betrachten sind. Wie offen man für diesen Ansatz ist, wie bereit im Selbstbezug zu analysieren und eigene Denkstrukturen und -muster zu ergründen, bleibt jedem selbst überlassen.
(Seite 21)

Wie schafft es zum Beispiel jede Fliege durch eine noch so verfickte kleine Spalte ins Zimmer zu kommen, aber nicht wieder raus? Sie kommt doch rein. Ist die Fliege ein Symbol, für die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit? Oder ist es ein Fliege gewordener Ossi? Scheiß Ossis, kommen nach Deutschland, nehmen uns Türken die Arbeitsplätze weg!«
(Seite 63 f.)

Toleranz bedeutet die Grenzen in seinem Kopf zu überwinden und das heißt beispielsweise auch, flächendeckend und gleichmäßig beleidigen zu können, damit es sich in gerechtere Portiönchen verteilt.
(Seite 79)

Serdar: »Wenn wir in unseren Träumen Gott vertrauen, damit er uns in seiner Nähe hält, dann liegt im Hass seine wahre Begierde. Denn nicht nur Liebe ist der Tugend Zierde, im Hass ist Wille Kraft und Glaube verborgen, denn nur wer hassen kann, verlier auch vor der Gleichheit seine Sorgen.«
(Seite 103)

Was für ein verfickter Scheiß, ich hab‘ keine Prinzipien, ich bin inkonsequent bis ins Mark. Heute sage ich das, morgen glaube ich das, mal glaube ich an gar nichts, mal glaube ich an alles. Ich schnall mir einen Turban um den Kopf und dann sage ich: ›Heil Hitler‹, na und? Es gibt keine Logik, nein, das ganze Leben ist unlogisch. Wir sind umgeben von Chaos. Unser Leben ist ja noch nicht mal so greifbar, dass wir uns daran festmachen könnten. Wir glauben an die unsichtbaren Dinge und denken, sie wären konkret, und dann wachen wir irgendwann eines Tages auf, weil wir uns nicht dranhalten können. Weil das Prinzip gegen das Leben ist. Denn das Leben beginnt im Nichts und es endet im Nichts. Da kann es kein Prinzip geben, außer auszuhalten. Verfickte Scheiße, warum weiß ich das alles?
(Seite 261 f.)

»Denn die Menschen die dich und deine Schow’s sehen, nehmen dich ernst und die Aussagen ebenfalls. Deine witze oder spräche über die Mosche wie zum Beispiel: ›Kopftuchpuff‹ werden weiter rezitiert.«
(Seite 325, Kommentar von Somuncus Website, Klagemauer)

»Du machst Witze über den Islam, um die Nichtmuslime zu amüsieren. Was für ein dreckiger Heuchler bist du denn!? Du schleimst bei den Europäern und bettelst um etwas Anerkennung, dafür bist du bereit alles zu opfern. Dein Land, den Islam und deine Landsleute, die Türken, denn du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein. Ich kann mir vorstellen, dass wenn es drauf ankommt, du auch bereit bist deine Mutter, deine Schwester oder deine Frau auf dem Strich zu verkaufen, damit du Anerkennung und Geld hast. Ich sage nur: SCHANDE ÜBER DICH!!!«
(Seite 326, Kommentar von Somuncus Website, Klagemauer)

Es geht ja nicht darum, dass ich schräge Töne spiele, um Sie zu belästigen, sondern ich spiele die Töne, weil mir die anderen Töne nicht mehr gefallen, so wie ich nicht Dinge sage, um Sie zu provozieren, sondern ich sage Dinge auf eine Art und Weise, wie es mir am besten gefällt. Dass Sie das provoziert, hat etwas mit Ihrer Hörgewohnheit, mit Ihrer Sehgewohnheit und Denkgewohnheit zu tun.
(Seite 334, Somuncu im Interview)

ZU EMPFEHLEN?
Ja.

NOCH WAS?
Das Buch besteht nicht nur aus der – leider sehr stark fehlerbehafteten – Wiedergabe der »Hatenight«-Folgen, sondern am Ende auch aus einem Anhang mit Stimmen von Somuncus Website zu seinen Aktivitäten, größtenteils, aber nicht durchgehend Stimmen, die Menschen darstellen, die nicht verstanden haben, was er mit seinen »demagogischen Blindtests« tatsächlich zu erreichen versucht. Insbesondere Moslems, Muslime, Pseudomoslems, Türken, Kümmeltürken und anderes Pack, das genau weiß, wo die islamische Humorlosigkeit weltweit lokalisiert ist, outen sich ganz öffentlich – Serdars Website www.somuncu.de ist weder geheim noch irgendwie nicht zugänglich – auf der »Klagemauer« seiner Website, und tagtäglich kann man mitlesen, wie sich das Gesocks in diesem Land seiner eigenen Dämlichkeit nicht entblödet, schriftlich fixierten Ausdruck zu verleihen. Eigentlich hätte man nach Somuncus Karriere als »Hitler-Leser« erwarten sollen, dass sich vor allem Neonazis (und »Altgediente«) dort als unverbesserlich outen, doch die Nazis in unserer modernen Welt haben erkennbar die Spitztürme mit ihren brüllenden Imamen im Arsch, und zwar so weit, dass sie bis ins Gehirn reichen.

Arme Welt, Mohammed, erhebe dich und erkläre ihnen, wo sie irren.
Oder lösche sie aus.
(Hm. Besser wäre auslöschen.)

Ganz wichtig für solche Menschen, die sich nicht gleich angewidert vom Werke abwandten, ist das Interview am Buchende (das es auch vollständig unter www.migration-boell.de/web/integration/47_1990.asp gibt), in dem Somuncu im auszugsweisen Gespräch mit Andreas Merx das zeigt, was ihm niemand zuzutrauen scheint, der immer nur Facetten von ihm sieht: Intelligenz. Gesellschaftliche Integration (Somuncu ist gebürtiger Türke, lebt in Köln; allein Letzteres befähigt ihn zu besonderem Menschsein). Vernunft. Humor. Somuncu sieht sich selbst nicht als Comedian oder Kabarettisten, sondern als (Theater-) Schauspieler, und das trifft es wohl auch am besten. Aber das heißt ja nicht, dass er keinen Humor hat. Und ich kann das beurteilen: Sein Humor ist größer als der all seiner Klagemauer-Kunden. Und ganz sicher als der eines Quadratmeters Backsteinmauer.

Neben des von ihm proklamierten Diskiminierungsrechts für jede Minderheit gibt es eine Aussage, die mich am meisten zu seinem Fan macht (sinngemäß): »Ich bin nicht dafür verantwortlich, für das, was sie denken, über das, was ich sage.«
Ohne es zu wissen, bin ich damit aufgewachsen. Als ich Somuncu »kennenlernte«, erkannte ich das.