Ohne Einstufung

Bethany Griffin
DIE STADT DES ROTEN TODES
Das Mädchen mit der Maske, Band 1
(Masque of the Red Death, 2012)
A. d. Amerikanischen: Andrea Brandl, Wilhelm Goldmann Verlag, München, Dezember 2012, Klappenbroschur, 346 Seiten, ISBN 978 3 442 47819 4

VORBEMERKUNG
Normalerweise habe ich vornweg, bevor ich ein Buch lese, so eine Klassifizierung. Aha, Fantasy. Oha, ein historischer Roman. Wow, mal was aus der Science-Fiction-Ecke …
Hier hatte ich nichts dergleichen. Der Klappentext hätte alle möglichen Einstufungen erlaubt (und erinnerte mich sehr an Alex Adams’ »White Horse«; es gibt ganz sicher ein paar Parallelen). Das Cover sieht nach irgendeinem Romantasy-Schinken aus (unterstützt durch einige Begriffe im Klappentext), und dann war da noch von Band 1 die Rede (wobei nicht klar ist, wie die Reihe heißt: »Die Stadt des roten Todes« oder »Das Mädchen mit der Maske«; ich gehe einfach mal von Letzterem aus).

WORUM GEHT ES?
Durchaus eine Liebesgeschichte. Einmal mehr liegt die Welt darnieder, eine Seuche rafft die Menschheit dahin, und nur besondere Masken, hergestellt aus einem porzellanähnlichen Stoff – jedenfalls gehen sie ebenso leicht kaputt – und nur besonderen Kreisen vorbehalten, können dagegen helfen. Araby, die Tochter des Erfinders der Masken, lernt zwei Männer kennen, die um sie werben, gleichermaßen beeindruckend und anziehend auf sie wirken, und die sie immer wieder vor Entscheidungen für den einen oder für den anderen stellen. Beide zudem sind ambivalent, denn sie sind weder gut noch böse, oder besser: sie sind es offensichtlich sowohl als auch. Beide spielen ihr Spiel, das damit zu tun hat, Prinz Prosperos – Onkel des einen Ritters ohne weißes Pferd – zu stürzen und ein neues Reich zu errichten.
Am Ende … gibt es einen Cliffhanger. Immerhin war Band 2 ja schon angedeutet.

WIE IST DER STIL?
Sicher, routiniert, und so gut, dass man auch während der immer wieder auftretenden Zweifel, ob man so einen Roman wirklich lesen wolle, weiterliest.

WAS GEFIEL NICHT?
Neben der ausbleibenden ordentlichen Einstufung in ein Genre – die man ja heutzutage wohl erwarten kann –, störte mich an dem Gesamtwerk ein wenig, dass es einen Ticken zu wenig Handlung gab und ebenso einen Ticken zu viel Befindlichkeiten, Beschreibungen von Gefühlen und Gedankenwelten. Ich hatte irgendwie immer das Gefühl, mit einem unnötigerweise um mein Hirn gehängten Gewicht lesen zu müssen. Dies erlaubt mir im Nachhinein, ein Argument für die Einstufung als Romantasy-Roman (bzw. -Zyklus, wie zu befürchten steht) vorzuweisen, aber für eine solche Tätigkeit – die Vornahme einer Einstufung – wäre ich dann doch lieber bezahlt worden. (Nun gut, immerhin handelte es sich um ein Rezensionsexemplar, sodass ich – außer Zeit – keine Verluste vorzuweisen habe.)
Araby, die Hauptfigur, im Übrigen, erscheint mir als solche nicht geeignet, wie sie beschrieben wird, und sie wird es auch nicht werden, wenn sie in dieser Form weiterhin als Figur gestaltet wird. Sie ist zu sehr Mädchen, zu sehr Adelige, zu sehr die Guterzogene, die Gutbehütete, die weibliche Figur, die alles auf sich zukommen lässt, anstatt selbst die Initiative zu ergreifen, die lieber auf den schon angedeuteten Ritter, selbst einen ohne weißes Pferd, wartet, um mit ihm in die nächste entscheidungsbefreite Handlungszone des Werkes zu gelangen. Und das nervt. Vor allem, weil man als Leser bald selbst das Gefühl entwickelt, dass sie besser einen von beiden – oder besser noch beide – ordentlich in den Arsch treten und auf die Fresse hauen sollte, so, wie die sich aufführen und mit ihr umgehen. (Ja, ich vermute, ich bin inzwischen auch emanzipationsgeschädigt. Aber das untertänige Weibchen in irgendeiner Handlung können auch heute noch diverse Autoren schlüssiger beschreiben – und verpassen ihm, dem Weibchen, dazu nicht auch noch eine Hauptrolle.)

WAS GEFIEL?
Nichts Herausragendes.

ZU EMPFEHLEN?
Eine Empfehlung kann ich nicht aussprechen. Ich bin sicher, es gibt Leser, die diesen Roman mögen. Ich möchte mir nicht einmal ausmalen, den zweiten Teil lesen zu müssen.