Düsternis, unstimmig

Alison Croggon
LAND DES TODES
(Black Spring, 2012)
Bastei Lübbe, Köln, Januar 2013, Übers. a. d. australischen Englisch: Michael Krug, Paperback, 288 Seiten, ISBN 978 3 404 20708 4

VORBEMERKUNG
Die Croggon ist Australierin und lebt auch dort. Bekannt wurde sie angeblich – ich kenne sonst kein Werk von ihr – durch die »Pellinor-Saga«. Nun gut.
Der Rückseitentext des Buches schien mir hinreichend informativ, um das Buch zwecks Lektüre in die engere Wahl zu nehmen. Und dann zu lesen. Den reißerischen Titelspruch auf der Rückseite ignorierte ich: »Magisch, düster, mitreißend bis zur letzten Seite«. In Versalien. Als ob irgendjemand, der rumbrüllte*, schon mal recht gehabt hätte.
Die Titelabbildung – sie stammt von »© Kim Hoang, Guter Punkt unter Verwendung von Motiven von Thinkstock«, was ich durchaus uninteressant genug finde, um es nicht weiter zu erwähnen (zum Beispiel in den Daten zum Buch) – erschien mir anfangs uninteressant und nach der Lektüre eher deplatziert, insofern, als dieses Bild den Eindruck erweckt, der Roman würde im 19., vielleicht 18. Jahrhundert oder so spielen.

WORUM GEHT ES?
Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine echte Fantasy-Geschichte, die irgendwann zwischen dem 9., 10. und 18., 19. Jahrhundert in unserer Welt spielen könnte, in der keine tolkienschen Viechereien und auch sonst keine fantasytypischen Fabelwesen auftauchen. Das Land des Todes liegt im Norden, im rauen Norden, um genau zu sein, und ist erfüllt von Mythen und Geschichten, von Zauberern und ungeschriebenen Gesetzen, nach denen nur Männer zaubern können dürfen, Frauen aber als Hexen des Todes sind.
Das Buch ist eine Familiengeschichte, wenn man es genau nimmt. Die Geschichte von Lina, Tochter eines Adligen und im Verdacht stehend, eine Hexe zu sein, und Damek, ihrem Ziehbruder, adoptiert von Linas Vater. Und noch einige Personen spielen eine Rolle. Aber letztlich dreht sich alles nur um das Schicksal von Lina und Damek, die eine »innige, fast obsessive Freundschaft« (Buchrückseitentext) verbindet, die gegen Ende des Buches zu auch zu mehr zu werden scheint, aber keine Liebesgeschichte ist, wie man sie bei Frau Pilcher & Co. vorzufinden weiß.
Es ist ein schicksalhaftes Auf und Ab, und abwärts geht es für Lina, als ihr Vater stirbt, sein Erbe sich als wirklich schlechter Mensch entpuppt, und Damek das »Land des Todes« verlässt. Lina verändert sich und es scheint sich nicht zu bewahrheiten, dass sie eine Hexe sei – bis Damek eines Tages zurückkehrt.

WIE IST DER STIL?
Düster. Ein winziges Bisschen unmodern, um das Flair der erfundenen Welt heraufzubeschwören. Ansonsten recht gut lesbar

WAS GEFIEL NICHT?
Die Geschichte, eigentlich. Sie ist weder »magisch« noch »mitreißend«, wie der Buchrückseitentext behauptet, sondern vor allem eben »düster«, und es mag nicht die Schuld des Buches sein, sondern die meine als Leser, dass ich im Augenblick der Lektüre nicht wirklich auf so einen Plot abgefahren bin. Vom ewigen Hin und Her des Schicksals ganz zu schweigen, waren manche Ereignisse in ihrer Vorhersehbarkeit fast schon nervtötend, und irgendwann auf den letzten vierzig, fünfzig Seiten fragte ich mich insgeheim, wann denn das Debakel endlich ein Ende haben würde. Umso mehr, als sich während der Lektüre deutlicher und deutlicher zeigte, dass die im ersten Teil – scheinbar irreführend »Hammel« betitelt – angedeutete Gespenster- oder Hexengeschichte (oder beides) nicht kommen würde.

WAS GEFIEL?
Die Idee, eine Geschichte in einer Geschichte zu erzählen, ist nicht nur, aber ganz nett – und das Einzige, das einem die Lektüre erleichtert. Eigentlicher Erzähler ist Oskar Hammel, der die Stadt verließ und in den rauen Norden, das Land des Todes, zog, um eine Auszeit zu nehmen, und der dabei an diesen Damek gerät und in dessen Haus unfreiwillig eine wenig schöne Nacht verbringen muss. Haupterzählerin eben der Geschichte zwischen Damek und Lina ist Anna, die als Bedienstete und Freundin Linas quasi alles hautnah miterlebte.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Das folgende Zitat soll den Stil belegen. Erzählerin hier ist Anna, vom Beginn der schweren Zeiten Linas nach dem Tod ihres Vaters und des Einzugs des Erben, Masko.
»Der erste Befehl, den er in unserem Haushalt erteilte, nachdem er seine Erfrischung genossen hatte, bestand darin, dass Lina für ihre Unverschämtheit zu züchtigen sei. Als meine Mutter – mit ungewöhnlicher Verwegenheit – darauf hinwies, wie ungehörig es sei, die Tochter des früheren Masters solchermaßen zu bestrafen, erwiderte er, dass ihr Blut es umso mehr erfordere, ihr Manieren beizubringen. Da die Bediensteten nicht willens waren, seinen Befehl auszuführen, befahl er mit einer Stimme, die zu einem Schrei anschwoll, seinem Stallknecht, die Aufgabe zu erledigen.
Dieser Stallknecht, ein Mann namens Kush, war und ist einer der hässlichsten Männer, denen ich je begegnet bin: Er arbeitet nach wie vor in unserem Haushalt und ist mittlerweile Dameks Oberdiener. Damals hatte ihn das Alter noch nicht gekrümmt, und er besaß noch die Kraft eines kerngesunden Mannes. Grob packte er Lina am Arm, aber sie riss sich los und rannte in ihr Zimmer, wo sie sich einschloss. Es war vergeblich: Kush brach die Tür mit der Schulter auf und zerrte Lina an den Haaren heraus, wobei sie kreischend um sich trat. Er warf sich das Mädchen über die Schulter und trug sie nach draußen, wo er sie mit einer Rute peitschte, bis Blut durch ihr Kleid auf den Boden tropfte und sie vor Schmerzen die Besinnung verlor.
Masko beobachtete das Geschehen mit einem Lächeln au den Lippen und stand ein wenig abseits der restlichen stummen Zeugen. Ich glaube, als Lina ohnmächtig wurde, fürchtete er einen Moment lang, sie könnte unter der Züchtigung gestorben sein. Ungeachtet all der Abneigung, die der König der Familie des Masters entgegenbrachte, wäre es politisch ungeschickt von Masko gewesen, die von ihm verdrängte Erbin am Tag seiner Ankunft töten zu lassen. Hastig gebot er seinem Knecht, die Prügel einzustellen, dann ließ er Lina ins Haus bringen. Auch widersprach er meiner Mutter nicht, als sie später an jenem Tag forderte, dass der Arzt zu holen sei, um Linas Wunden zu salben, wenngleich dadurch bekannt wurde, wie barbarisch er sie behandelt hatte.«
(Seite 122 f.)

ZU EMPFEHLEN?
Wenn ich ganz ehrlich bin, ist das Buch nicht zu empfehlen. Vielleicht für Croggon-Fans. Wenn die »Pellinor-Saga« auch in diese Richtung gehen sollte, ist es für mich allerdings in Ordnung, dieses Werk nicht zu lesen.

NOCH WAS?
Interessant wäre vielleicht, herauszufinden, welcher Teil unserer Welt die Vorlage für das Land des Todes gewesen sein könnte. Ich für meinen Teil würde spontan auf London in der Rolle der nicht benannten Stadt und auf Schottland als Land des Todes tippen. Aber vielleicht kenne ich mich in Australien auch einfach nicht gut genug aus, und das Land des Todes liegt in Wirklichkeit direkt vor den Toren Sydneys.

* Die Verwendung von Versalien für ganze Sätze gilt in Emails und Forenposts als Gebrüll.