Pures Muskelfleisch

Robert Lyndon
DER THRON DER WELT
(Hawk Quest, 2012)
Wunderlich/Rowohlt Verlag, Reinbek, Januar 2013, Übers. a. d. Englischen: Karolina Fell, Klappbroschur, 957 Seiten, ISBN 978 3 8052 5026 9

VORBEMERKUNG
Seit geraumer Zeit bekomme ich von Rowohlt immer wieder historische Romane zur Rezension zugeschickt und komme leider viel zu selten dazu, sie gleich zu lesen. Den Ausschlag zur schnellen Lektüre dieses Werkes gab lustigerweise – das Papier. Eine Buchrückenbreite von nur knapp über 4,5 Zentimeter bei 957 Seiten schien mir ein Indiz für dünnes Papier, das ich über alles liebe. Und richtig –
Und dann konnte ich auch noch feststellen, dass diese historische Geschichte – über deren reale Hintergründe ich nichts weiß – auch als Fantasyroman über alle Maßen geeignet ist.

WORUM GEHT ES?
Ein normannischer Adliger, Walter, wird nach der Schlacht von Manzikert vom seldschukischen Emir Suleiman anfangs des 11. Jahrhunderts, noch vor Beginn der Kreuzzüge, gefangen genommen. Weil der Normanne etwas zu bieten hat, das er für seine Freilassung gegenüber dem Emir nicht verwenden kann, handelt Cosmas, ein Grieche, ein Lösegeld aus und macht sich auf den Weg, es zu beschaffen: entweder viel, viel Gold und Silber, oder: zwei Gerfalkenpaare.
Cosmas stirbt schon in Italien, und Hero, sein Begleiter – Grieche aus Sizilien – bittet erfolgreich Vallon, einen auf der Flucht befindlichen Franken, sich der Mission anzunehmen.
Der Weg führt sie nach England, zu den Normannen, zur Familie des Gefangenen – und zu der Erkenntnis, dass der behauptete Familienreichtum nicht existiert, und die Beschaffung der Gerfalken die einzige Chance für die Walters Freilassung sind.
Eine Gruppe Menschen findet zusammen und macht sich auf den Weg: nach Norden, Schottland, Island, dann Grönland; und der Weg nach Anatolien ist nicht minder abenteuerlich: Norwegen, das Nordkap, Russland, das Schwarze Meer, und am Ende endlich Anatolien.
Die Gefahren im 11. Jahrhundert waren zahlreich, jeder Fremde war ein Feind, und selbst untereinander waren sich die Menschen nicht immer einig. Die Natur war rau, die Wildnis wild, das Klima – nordisch. Der ganze Roman schildert eine Quest, die nicht nur jedem Fantasyroman zur Ehre gereicht hätte, sondern den meisten Fantasyquesten, die ich bislang so gelesen habe, locker und leicht den Rang abgelaufen hat.

WIE IST DER STIL?
Kurz, knapp, prägnant, sorgfältig, detailreich, schnell, modern, spannend. Wenn ich meinen Duden konsultiere, fallen mir sicherlich noch einige Begriffe dazu ein.
Die Sprache ist modern. Die Menschen reden recht »normal« miteinander, ohne die hochgestochenen Formulierungen, die man in manchen Fantasy-Geschichten findet; eine Ausnahme ist die Begegnung mit dem Emir Suleiman am Ende, der sich natürlich ebenso wie sein Umfeld einer durchaus gehobeneren Ausdrucksweise befleißigt, aber auch hier nicht irgendwie gekünstelt oder falsch wirkt.
Modern ist die Sprache auch in der beschreibenden Begriffswahl. Ein Baby wird genannt, Ferien, ein Whiteout, Hochdruckgebiete, Spiralnebel, ein Vorschlaghammer und ein Eiskomet, ein Kompositbogen und Granulationsgewebe. Das sind alles keine Begriffe, die im 11. Jahrhundert zur Vorstellungs- und Erlebenswelt eines Menschen gehörten – jedenfalls nicht unter dieser Bezeichnung –, die aber in diesem Buch helfen, den Leser ganz schnell zu einer Erkenntnis zu führen, um ja den Lesefluss nicht zu bremsen oder gar anzuhalten. Nur als ein Wikinger zu einem Franzosen sagte, ihm, dem Franzosen ginge wohl der »Arsch auf Grundeis«, musste ich lachen und nachschauen, woher dieser Ausdruck stammte. (Jedenfalls nicht aus dem 11. Jahrhundert, sondern aus dem Gedicht »Der erratische Block« von Joseph Victor von Scheffel, 1864.)

WAS GEFIEL NICHT?
Der Titel des Buches. Und der Buchrückseitentext; jedenfalls der obere Teil, der in Versalien gesetzte Lügenteil. »Der Einsatz: hoch«, heißt es dort. »Die Reise: unglaublich« – das will ich keinesfalls beschreiten. »Das Ziel: der Thron der Welt«.
Hallo? Was für ein dämlicher Griff in die Schüssel ist das denn? Wie kann man denn allen Ernstes so dumm sein, nicht zu erkennen, wie negativ die Auswirkungen sind, wenn ein Leser nach dem Kauf des Buches feststellt, dass die Leute, die das Buch in einem deutschen Verlag gemacht haben, offensichtlich nicht mal in der Lage sind, DAS VERDAMMTE BUCH AUCH ZU   L E S E N   ?!
Das Buch heißt im Original »Hawk Quest« – genau darum geht es. Um Falken. Und um eine Queste. Sonst nichts. Und zwei Mal, nein, drei … ach, was – es geht überhaupt niemals nicht um einen Thron, schon gar nicht von irgendeiner Welt.
Mann, Leute –

WAS GEFIEL?
Alles. –
Gelungen fand ich die Figurenzeichnung, die alles andere als flach war, sondern durchaus konsequent durchdacht – und mit einigen durchaus menschlichen Ecken und Winkeln versehen, die sie glaubwürdig machen.
Schön fand ich vor allem das Ende, als gefunden wurde, was der Normanne dem Emir nicht anbieten wollte, was der Emir dann aber doch in die Finger bekam und damit auch weiterhin den Christen vorenthalten können würde. Ich würde zu viel verraten, würde ich hier erklären, um was sich handelt. Es sei nur so viel gesagt, dass es sich um etwas handelt, das zu den Mythen der christlichen – vor allem der katholischen Kirche – zu zählen ist, und von dem man immer noch nicht sicher weiß, ob es nur eine Erfindung ist, oder ob wirklich irgendjemand seit mehr als zweitausend Jahren erfolgreich verhindert, dass die Glaubensgemeinschaft der (katholischen) Kirche das Geheimnis gelüftet bekommt.
Diese Geschichte, die während all der Erlebnisse, Abenteuer und Schicksalsschläge von Vallon, Hero und den anderen Mitstreitern, nie wirklich eine Hauptrolle spielt, die sich nie unangenehm, weil vielleicht – nein, ganz sicher – störend in den Vordergrund denkt, die rundet diese sensationelle Abenteuerreise richtig schön ab.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Die Zitate kann ich mir bei diesem Buch einfach nicht verkneifen. Sie sollen den Stil aufzeigen, sie sollen auch ein wenig von dem ganz wenig und bestens dosiert vorhandenen Humor darstellen, der immer wieder durchschimmert, und der zeigt, dass auch unter den schlimmsten Unbilden der Mensch immer noch ein wenig von seinem Humor, seiner Hoffnung und Zuversicht behält.
(Die falsch herumgestellten Anführungen – «» ist französisch; die deutsche Verwendung eigentlich »« – stammen übrigens aus dem Buch.)

«Machen wir, dass wir wegkommen», sagte Vallon. «Hast du die Maultiere mitgebracht?»
«Sie sind bei Wayland.»
«Wie viele sind es?»
«Zwei.»
«Das sind nicht genug. Zu Fuß können wir unmöglich entkommen.» Vallon hastete zu den Stallungen hinüber. «Raul, du hilfst mir. Hero, pass auf die Straße auf.»
Nur halb drang in Heros Bewusstsein, dass immer mehr Fensterläden geöffnet wurden und Warnrufe erschollen. Er sah immer noch den flehenden Blick des sterbenden Soldaten vor sich. Dann berührte jemand seinen Arm. Wayland war aus der Dunkelheit aufgetaucht. Er deutete mit dem Kinn auf den Soldaten, der vor dem Eingang zur Wachstube lag.
«Drinnen sind noch mehr. Es ist ein Leichenhaus.» Heros Magen hob sich.
Vallon und Raul eilten mit zwei gesattelten Pferden aus dem Stall. Auf dem Burgwall wurden Fackeln entzündet. Ein Horn wurde geblasen.
«Sie kommen», sagte Vallon. Er half Hero auf eines der Maultiere und stieg auf sein Pferd. «Reitet wie der Teufel.»
Sie galoppierten fort von der Stadt. Vallon zerrte Heros Maultier am Zügel neben sich her. Sie kamen an einen Fluss und ritten hindurch, das Wasser umspülte ihre Knie. Auf der anderen Seite hielt Vallon an. Im Morgengrauen warf das Massiv der Stadt einen riesigen Schatten, aus dem sich drei Fackelwürmer herausbewegten.
«Jetzt ist uns nicht mehr nur Drogo auf den Fersen», sagte Vallon. «Die Normannen werden jeden Stein umdrehen, um uns zu finden. Sie werden sämtliche Häfen überwachen. Wir müssen nach Westen, uns in einem Wald verstecken.»
«Wir haben das Schiff gefunden.»
«Ihr habt es gefunden! Wo?»
«Wayland wird es Euch erklären.»
«Es ist beschädigt», murmelte der Falkner.
Vallon blieb der Mund offen stehen. «Er spricht. Träume ich? Ist das heute die Nacht der Wunder?» Er packte Wayland am Arm. «Beschädigt? Wie schwer? Wie lange brauchen wir, um es seetüchtig zu machen?»
«Ich weiß nicht. Tage, sagt Snorri.»
«Wir haben aber nicht tagelang Zeit», sagte Raul. «Drogo wird über den Geldverleiher von dem Schiff erfahren.»
Vallon dachte darüber nach. «Aaron wird von dem Schiff nichts verraten, und sogar Drogo wird es sich zweimal überlegen, bevor er einem Goldesel des Königs etwas antut.» Er wandte sich an Wayland. «Wo liegt das Schiff?»
«Nicht in einem Hafen. Es ist in den Marschen versteckt.»
Einer der Fackelzüge bewegte sich in ihre Richtung. «Besser, wir verschwinden jetzt», meinte Raul.
«Reitet los», sagte Vallon. Er lenkte sein Pferd neben Heros Maultier. Der Mond kam hinter den Wolken hervor und beschien eine Seite seines blutbespritzten Gesichts. Er breitete die Arme aus, um Hero zu umarmen, doch Hero schlug sie zur Seite.
«Wir mussten die Soldaten töten», sagte Vallon. «Wenn wir es nicht getan hätten, wären wir jetzt alle drei tot. Und wir hätten keinen schönen Tod gehabt. Bevor wir gehängt worden wären, hätten sie uns auf der Streckbank die Knochen aus den Gelenken gerissen, und sie hätten uns den Schädel zusammengepresst, bis uns die Augen aus den Höhlen gequollen und uns das Gehirn zu den Ohren herausgelaufen wäre.»
«Dafür bin ich nicht zurückgekommen!», rief Hero.
«Und deshalb habe ich dich weggeschickt.»
Hero schluchzte. Tränen rannen ihm übers Gesicht. «Ich wollte Arzt werden. Ich wollte Leben retten.»
Vallon schüttelte ihn. «Das hast du doch. Du hast mir das Leben gerettet. Und Raul. Und du hast dich selbst gerettet.» Er nahm die Zügel. «Und jetzt sei still und reite.»
(Seite 209 ff.)

Vallon quälte sie wie Galeerensklaven, die Frauen genauso wie die Männer. Über Nacht legten sie in einem Seitenarm des Flusses an, und noch bevor sie richtig wach waren, mussten sie schon wieder an die Riemen. Nur die Wikinger waren dieser Anstrengung gewachsen. Das Rudern war ihre Lebensaufgabe, und ihre Hände waren so schwielig wie Hundepfoten.
Für alle anderen war es mehr, als Muskeln und Gelenke verkraften konnten. In Richards Rücken riss irgendetwas, sodass er nur noch einhändig rudern konnte. Hero fuhr auf, als Vallon seinen Namen rief, und ihm wurde klar, dass er im Schlaf gerudert war. Beim Dunkelwerden humpelten sie an Land, die Hände zu Klauen gebogen und die Rücken so steif wie Plankenbretter. Jede Bootsbesatzung kochte für sich. Gelegentlich klangen vom Lagerfeuer der Wikinger ein paar Gesprächsfetzen oder ein Lachen herüber, doch alle anderen schwiegen. Wayland und Syth hielten Wache am Ufer. Hero und Vallon saßen ermattet am Feuer.
Da tauchte Drogo aus der Dunkelheit auf. Er zog Asa, Caitlins Magd, hinter sich her. «Zeig’s ihm.»
Das Mädchen hielt Hero wimmernd ihre Hände hin. Als er die Verbände abgewickelt hatte, sah er, dass ihre Handflächen mit Blutblasen übersät waren und sich die Haut in Fetzen abschälte. Er hielt sie an den Handgelenken fest. «Sehen die Hände deiner Herrin genauso schlimm aus?»
Asa nickte mit Tränen in den Augen.
Vallon sah nicht einmal auf. Er schob sich nur einfach weiter Essen in den Mund. «Ich habe ihr vorher gesagt, dass es kein Spaziergang wird.»
«Es besteht kein Grund, dass wir uns so beeilen», sagte Drogo. «Sie werden uns nicht verfolgen, nicht, nachdem Gleb tot ist. Sie haben ja nicht einmal Boote.»
Vallon sah ihn aus rotgeäderten Augen an. «Sie können sich in Smolensk Boote besorgen. Wir haben höchstens drei Tage Vorsprung, und wir sind noch mindestens zwölf Tage von Kiew entfernt.»
«Aber du wirst morgen um diese Zeit nur noch ein paar Krüppel befehligen, wenn du uns weiter so antreibst.»
Hero unterbrach die beiden. «Ich behandle deine Hände mit Salbe», erklärte er Asa.
Das Mädchen konnte kaum älter als zwölf Jahre sein. Er trug eine Salbe aus Lanolin und Seetang auf ihre Handflächen auf. Als sie gegangen war, sah er Vallon an. «Drogo hat recht. Richard kann vor Schmerzen nicht schlafen.» Er hob seine eigenen aufgescheuerten Handflächen hoch. «Und ich kann kaum einen Becher halten, von einem Riemen ganz zu schweigen.»
Vallon starrte in die Flammen. «Glaubst du etwa, mir geht es gut?»
«Das macht es nur schlimmer. Eure Wunde könnte wieder aufplatzen.»
«Wir müssen uns beeilen. Mein Albtraum ist, dass die Russen nachts an uns vorbeifahren. Stell dir nur vor, wir kommen um eine Flusskehre und sie warten schon auf uns.»
«Nein, das werden sie nicht. Nicht, wenn Wayland die Flusswache übernimmt. Ich meine es ernst, Herr. Noch einen Tag wie heute, und wir sind zu gar nichts mehr zu gebrauchen.»
Als Vallon nicht antwortete, stand Hero auf, streckte sich und stemmte die Fäuste in den unteren Rücken. Dann zog er die Schultern gegen die Kälte hoch und machte sich auf den Weg in die Dunkelheit.
«Behandelst du Caitlins Hände?», sagte Vallon.
«Ich will gerade zu ihr.»
«Danke. Du wirst einmal ein guter Arzt, falls du diese Reise überlebst.»
(Seite 709 ff.)

Damit galoppierte er an den Bogenschützen entlang wie der Schnitter Tod, der rechts und links Ernte hält.
(Seite 778)

Mitten in dieser Sterbewache kam Richard wieder zu Bewusstsein. «Hero?»
«Ich bin hier neben dir.»
«Die Schmerzen sind weg.»
«Das ist ein gutes Zeichen.»
«Morgen früh lebe ich nicht mehr. Sei nicht traurig. Denk an die schönen Zeiten, die wir zusammen erlebt haben. Denk daran, was ich verpasst hätte, wenn ich zu Hause geblieben wäre. Ich habe in den letzten acht Monaten genug erlebt für ein ganzes Leben. Ich habe so viel gesehen, so viel gelernt und auch erfahren, wie viel mehr es noch zu wissen gibt. Also bin ich zwar immer noch ein Dummkopf, aber ein Dummkopf, der Fragen stellen kann, auf die zehn weise Männern keine Antwort wissen.»
Im Licht der Sterne sahen seine Augen aus wie dunkle Schattenteiche.
«Ich wünschte, ich wäre bis zum Meer gekommen.»
Hero hielt ihn fest. «Wir sind bis zum Meer gekommen. Schau zu den Wolken hinauf. Da siehst du, wie sie das Licht vom Meer reflektieren.»
«Ich will hier nicht begraben werden. Diese Insel ist voller Geister. Sie sprechen zu mir. Ich will nicht mit ihnen zusammen sein. Wirf meine Leiche in den Fluss.»
Das waren Richards letzte Worte. Seine Atmung wurde zusehends schwächer. In diesem Augenblick kam Drogo dazu und legte Hero die Hand auf die Schulter.
(Seite 791)

Wayland ist übrigens ein Falkner, dessen Familie von Normannen getötet wurde, Raul ist sein Freund. Richard ist Bruder von Walter und Halbbruder von Drogo, der auf Walter nicht gut zu sprechen ist, weil er seinem Erbe im Weg stünde. Und Caitlin ist eine Isländerin, die am Ende auch noch eine Rolle spielt.

ZU EMPFEHLEN?
Für Fans historischer Romane, aber auch für Fans von Fantasy-Questen: unbedingt, unbedingt, unbedingt.

NOCH WAS?
Nicht böse sein, lieber Rowohlt-Verlag. Ihr seid nicht die einzigen, die das Ding mit den Buchrückseiten nicht im Griff haben.