Enttäuschung, herumgeschmiert

Matthias Falke
EXPLORER ENTHYMESIS
Frühe Abenteuer
Begedia Verlag Harald Giersche, Mülheim an der Ruhr, 2012, Taschenbuch, 336 Seiten, ISBN 978 3 943795 25 7

VORBEMERKUNG
Was will man eigentlich mehr? Ein durchaus gelungenes, umlaufendes Cover von Alexander Preuss, ein Lektorat von Michael K. Iwoleit, gute Druckqualität von cpi.buchbuecher.de, Geschichten von Matthias Falke – und dennoch hat mich das Buch enttäuscht. Sehr enttäuscht.

WORUM GEHT ES?
Der Explorer »Enthymesis« gehört zur Ausrüstung der gut achtzehn Kilometer langen »Marquis de Laplace«, die wie weiland die »Enterprise« im Weltraum unterwegs ist, »um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre …« Das kennen wir ja.
Bei Falkes »frühen Abenteuern« des Explorers »Enthymesis« geht es weniger um neues Leben und neue Zivilisationen, als vielmehr um neue Welten – und die Probleme, die sie der Besatzung der »Enthymesis« bereiten.
Sechs Geschichten sind es. In »Das Schlangennest« fühlen sich zwei Forscher der »Enthymesis« von einem Phänomen verfolgt, während sie mit den Schwierigkeiten einer recht strahlungsreichen Umgebung und einer schiefgegangenen Sondenlandung zu kämpfen haben. In »Amygdala – Der Spiegelnebel« begegnet sich die »Enthymesis« selbst – und ein Besatzungsmitglied stirbt. »Das Eis von Thule« entpuppt sich als lebendiger als angenommen, und auch auf dem »Planet Lento« stoßen die Forscher auf eine fremde Lebensform. Bevor es in der abschließenden Geschichte »Die Anderen« zum Erlebnis einer Konfrontation zwischen menschlichen Siedlern und einer Lebensform des erschlossenen Planeten kommt, liefert Falke mit »Gefrorene Lava« noch eine Geschichte ab, die weniger aktionslastig denn Innenwelten betrachtend ausgefallen ist.
Sechs Geschichten also, die man getrost in die Richtung der »Space Opera« einordnen kann, die nicht immer einzigartig sind – manche seiner Plots hat Falke eindeutig mehr als einmal in wenn auch unterschiedlicher Form verarbeitet (was ich hier gar nicht kritisieren will) –, aber von der Idee, der Dramaturgie und der Ausgestaltung insgesamt auf hohem Niveau angesiedelt sind.
Und trotzdem –

WIE IST DER STIL?
Typisch Falke. Und genau das ist eines der wesentlichsten Probleme. Denn Matthias Falke hat zwei grundlegende und – jedenfalls mich – störende Marotten.

Zum einen neigt er dazu, seine Spannungskurve zu zerreißen – oder wenigstens zu verbeulen. Indem er langatmig wirkende und sich als eigentlich irrelevant und nur ablenkend entpuppende Halbsätze oder Passagen einfügt, verschafft er dem Leser nicht das Gefühl einer angenehm (prickelnd) ansteigenden Spannungskurve, sondern eher die Erkenntnis schlechten literarischen Straßenbaus.

Noch viel nachteiliger wirkt sich zum anderen seine Angewohnheit aus, aus Substantiven Verben zu machen, aus Verben Adjektive, aus Adjektiven Substantive, und so weiter, und so fort. Da »stroboskopen« Nordlichter, ein Dach ist »wabig«, und: »Dahinter tauchte eine poröse Rampe von blasigem, längst zermahlenem, fast schneeigem Gekoller auf« (Seite 44), oder: »Eine weißgraue Landschaft von zerscherbtem Eis, bis zum Horizont, überall korkten mächtige Trümmer auf, die wie balzende Wale über die Fluten aus gefrorenem Ammoniak hinausbrachen und donnernd wieder eingeschluckt wurden«, und: »[…] und ihr dunkelblauer Kuss raubte mir den Atem. Ich dimmte das schiefrige Licht herunter und reduzierte mit beiläufigem Tastendruck die Koeffizienten der Sensoriellen Matratze« (siehe dazu auch weiter unten), »die sich in ein Wasserbett verwandelte, dessen zärtlicher Dünung wir uns langsam überließen« (Seite 90). Ach ja: »[…], auf denen sich das schädellose Tier in raupenden Bewegungen vorwärtsschleppte. Das splittrigschwere Fell der Gletscherspalten sträubte sich in gequälter Peristaltik, Borsten aus Eistürmen abschuppend, die als Bergstürze zwischen die gepanzerten Moränenklauen staubten« (Seite 142).
Und in die gleiche Richtung geht auch die häufig völlig irreführende Verwendung einer annähernd orgiastischen Fremdwörtersammlung. Da werden »Mahlzeiten emuliert« – statt sie zu synthetisieren –, da wird in einer Kuschelszene eine »liebliche Anakreontik« – das ist eine Stilrichtung der Dichtung im Rokoko – durch einen Schrei gestört, Schwerkraft ist »reell« statt »real«, ein Kraterrand hat eine »andesitische Krone« – das Wort »andesitisch« kennt der Duden nicht –, da gibt es einen »Röntgen-Maser« – das M in »Maser« steht für Mikrowellen; vielleicht wäre ein »Röntgen-Raser« mit R für Röntgen sinnvoller? –, der ähnlich unsinnig ist, wie die im gleichen Absatz angedrohte »Positronen-Suppe«, bei einer notwendigen Gewichtsreduzierung geht es um jedes »Kilopond« – eine veraltete Krafteinheit (heute Newton) –, nicht »Kilogramm«, da ist ein Gewebe »sensoriell«, obwohl es »sensorisch« den gleichen Zweck erfüllen würde, da sind Barrieren und alle möglichen anderen Dinge »opak« – eines seiner Lieblingswörter; der Grund dafür ist ebenfalls völlig »undurchsichtig«; zwei andere seiner Lieblingswörter sind »prima vista«, verkennend, dass damit das Spielen eines Musikstücks gemeint ist, das man vorher nie gesehen hat (Falke benutzt es sinngemäß für »auf den ersten Blick«), und »apriori«, das mit einem »grundsätzlich«, einem »im Vorhinein« oder einem »von vornherein« ebenso gut, wenn nicht besser getroffen wäre –, Halluzinationen werden als »paranoide Störung« erkannt, eine Körperhaltung ist »statuarisch«, vermutlich, weil eine »statuenhafte« solche zu einfach gewesen wäre, es wird nicht mehr »geschluckt« oder »verschluckt«, sondern »eingeschluckt«, eine Untersuchung wird nicht »offiziell«, sondern »offiziös« durchgeführt, und eine Planetenbahn ist nicht gegenüber der Ekliptik »gekippt«, sondern »verkippt«.

Und das war nur ein Auszug der vielfältigen Stilblüten – ja, so könnte man sie fast nennen. Und das nur aus der ersten Hälfte des Buches.

WAS GEFIEL NICHT?
Zum einen der Falkesche Stil. Nicht grundsätzlich, aber im Falle solcher Actiongeschichten ist der mitunter doch höchst zweifelhafte Umgang mit der deutschen Sprache über alle Maßen störend. Wortschöpfungen und Wortspielereien, dieser Falkesche dialektische Manierismus passt zu seinen Werken, in denen er sich eher in den Innenwelten seiner Protagonisten herumtreibt. »Boa Esperança« gehört dazu, die Novelle, mit der er den DSFP 2010 gewann; ebenso Werke wie »Bericht aus dem Lande Kham« und »Die rote Wüste«. In seinen Actiongeschichten stört er damit nur die Stimmung. Und zwar massiv.

Negativ sind mir auch Fehler aufgefallen. Ich war überrascht, im Impressum zu lesen, dass Michael Iwoleit das Lektorat gemacht haben soll. Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen, und will es auch nicht, weil dies nur eine weitere Enttäuschung hinzufügen würde.
Die Geschichten enthalten jedenfalls eine ganze Reihe von Logikfehlern. Da werden Himmelsrichtungen falsch geschildert bzw. sie passen nicht zur geschilderten Handlungsabfolge. Da wechselt in »Das Eis von Thule« völlig übergangslos und ohne Erklärung der Handlungsort von draußen – in unwirtlicher Kälte und Dunkelheit – nach drinnen – ins Innere eines Zeltes. Auch die unmotivierten Wechsel zwischen englischen – »Miss« – und deutschen Anreden – »Frau« – erweisen sich als unangenehm in der Lektüre.
Und nach meiner Auffassung gehört zur Arbeit eines Lektors irgendwann ja auch das Korrektorat, die Behebung von Tippfehlern, die Richtigstellung der Rechtschreibung. Und dergleichen ist schlicht nicht passiert: Die Rechtschreibung ist erkennbar typisch Falke – ich kenne ja nun auch inzwischen einige seiner Manuskriptdateien –, und sie ist weder richtig alt, noch richtig neu, sondern vor allem falsch.

Auch die handwerkliche Ausführung hat mir nicht gefallen. Der Druck, die Bindung, d. h., die Arbeit der Druckerei ist in Ordnung, nicht jedoch die des Druckvorlagenherstellers. Tippfehler, Trennungsfehler (falsch getrennt oder Bindestrichleichen mitten im Satz), falsche Anführungen (,‘ statt ›‹, obwohl sonst »« benutzt wird), Minuszeichen statt Halbgevierte, Zeilenausreißer wegen fehlender (manueller) Trennungen, Hurenkinder, Schusterjungen, die Erstzeileneinzüge der Absätze sind nicht durchgehend korrekt – an Satzfehlern wird einem nahezu alles geboten, was denkbar ist. Hinzu kommt eine etwas unangenehm wirkende Optik, weil – vermutlich aus Platzgründen – der Zeilenabstand kleiner als die üblichen 120 % der Schriftgröße gewählt wurde.
Es wurde jedenfalls ganz offensichtlich weder vor noch nach der Layouterstellung irgendeine Korrekturlesung vorgenommen.

WAS GEFIEL?
Die Geschichten selbst haben mir gefallen. »Gefrorene Lava«, die vorletzte Story, war für mich die herausragendste. Bei aller Kritik, die ich hier äußere, ist sicher: Falke kann es! Man muss ihm halt nur ein wenig die Unterstützung zukommen lassen, die ein Autor auf dem Weg zur Veröffentlichung nicht nur verdient, sondern sinnvollerweise immer braucht. Denn der Autor soll sich nicht mit handwerklichem Kram herumschlagen, sondern schreiben.

ZU EMPFEHLEN?
Das Buch kann ich trotz allem durchaus empfehlen, für den angehenden Sammler – das Enthymesis-Universum wird in insgesamt sieben Trilogien beschrieben werden – sowieso. Empfehlen würde ich allerdings auch dem ambitionierten Verleger, in die zukünftigen Romane des Matthias Falke ein erklecklich größeres Maß an Arbeit hineinzustecken, denn dann könnte aus diesen Büchern wirklich etwas rundherum Großes werden.

NOCH WAS?
Ja. Eine schreckliche Erkenntnis musste ich noch hinnehmen: Meine Book Darts haben nicht ausgereicht, um alle Stellen, auf die ich mich bezogen habe und auf die ich mich noch hätte beziehen können, zu markieren, so dass ich das allererste Mal in meinem bald vierundfünfzig Jahre währenden Leben in einem Buch mit Leuchtstift und Kugelschreiber HERUMGESCHMIERT habe!

Mein Gott!