Blödsinn ohne Ph

Blanche-Dorothee Haun
HARRIS ADAGIO
Künstler auf Abwegen

TRIGA – Der Verlag, Gründau-Rothenbergen, 2009, Paperback, 140*210 mm, 492 Seiten, ISBN 978 3 89774 702 9

Der Roman wird als »packend skurril« und aus »dem Genre ›Phantastische Literatur‹« (mit Ph) bezeichnet. Klappentext, Waschzettel, Internet, da ist man unisono einer Meinung. Das Werk besteht aus drei Teilen: »Harris Abgang«, »Harris Absturz« und »Harris Apokalypse«.
Harri ist Professor an der Darmstädter Hochschule für Darstellende Kunst und Musik – für Thermenvox. Das ist ein seltsames Musikinstrument, über das man en detail am besten in der Wikipedia nachliest. Im ersten Teil des Buches stirbt er und wird wiederbelebt, da jemand vor Ort geistesgegenwärtig und innovativ eingestellt ist, was Wiederbelebungsmethoden angeht. Harri – der von zahlreichen Freunden umgeben ist und umgeben sein wird, deren Namen ich hier nicht alle zelebrieren werde – stellt fest, dass die Icons auf dem Desktop eines PCs nicht mehr der installierten Software entsprechen, sondern Toten in allen Stadien, will meinen: noch nicht, bald, schon und schon länger tot. Allen diesen Toten ist gemein, dass sie etwas zu sagen haben, und sie wollen es Harri sagen. Der findet in seinem Haus dann auch einen Pappkoffer mit Knochen drin, die treffend als »Knochi« bezeichnet werden, da ein anderer Name des ehemaligen Eigentümers der Sammlung nicht bekannt ist. Dieser erste Teil beschäftigt sich jedenfalls damit, wie Harri und seine Freunde versuchen, Knochi zu einem ordentlichen Begräbnis zu verhelfen. Der Teil endet mit dem Tode Harris.
Vermeintlich, wie man anfangs des zweiten Teils erfährt. Hier liegt Harri im Koma und wird durch sein »Adagio«, eine Thermenvox-Komposition, wieder ins Leben zurückgeholt. Er begibt sich mit einigen Freunden auf eine Konzertreise nach Südamerika, die irgendwo über dem brasilianischen Dschungel mit einem Flugzeugabsturz endet. Erst als sie bereits im Kochtopf hungriger Kannibalen sitzen, werden sie gerettet: von Udehls. Die sind Menschen, die unter der Ehrde – kein Tippfehler – leben, daher Udehl. Die Erde ist nämlich hohl, das Innere ist von Vril erfüllt, niemand muss mehr essen oder trinken, es gibt nur noch Vrilwasser und Vriloblaten, alle Welt ist glücklich und happy. Mit wenigen Ausnahmen: Es gibt tatsächlich Menschen, die es vorziehen, wie Menschen leben zu wollen, mit Schlemmerei, mit Sauferei, mit Sex und mit dem allgegenwärtigen Risiko, einfach so, aus Altersschwäche oder aus völlig eigener Blödheit zu verrecken.
Im dritten Teil schließlich ist Harri dann endgültig tot und die eigentliche Hauptfigur ist sein Freund Karl-Theodor. Es geht hin und her, wie gehabt, und die Ehrde genannte Welt unter uns leidet unter einem stetig zunehmenden Verlust des Vril. Es stellt sich heraus, dass es Außerirdische sind, kleine, ca. dreißig Zentimeter große Männchen, die mit einer bösen Blackbox das Vril absaugen und auf ihren Heimatplaneten transferieren, damit der nicht über den Jordan geht. Zu guter Letzt sind die Guten die Sieger, wie es sich gehört, die Männchen gehen über den Jordan – und ihr Planet vermutlich auch, doch darauf wird nicht näher eingegangen – und dann ist alles irgendwo gut.

So.

Dieses Buch ist einfach kaputt.

Schon der Name der Autorin macht einen grausen; Eltern, die so was tun, gehören bestraft. Und wenn ich gleich zu Anfang eines solchen Romanes einen besonderen Bezug zu Herrn Harry Klein, weiland Kollege von Stefan Derrick in der gleichnamigen Krimiserie, herstellen möchte – und auf Harrys besondere Fähigkeiten, Autos zu holen und vorzufahren –, dann benutze ich den Namen »Harry« und nicht irgendein »Harri«, das kein Mensch zu einem Harald, Harold oder sonst jemandem sagt, aus dem man einen »Harry« machen kann.
Die Namensgebung im Gesamtwerk ist in der Massierung durchaus amüsant. Philbert von Schrenck … mein Gott, was müsste ich für Drogen konsumieren – und vor allem: aus welch dubiosen Quellen –, um auf solche Namen zu kommen? Lästig werden sie manchmal, weil die Autorin dazu neigt, auch größere Versammlungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit der veränderten Zusammensetzung namentlich vollständig aufzulisten. Gähn. Für ein Telefonbuch hat die Liste Gott sei Dank nicht gereicht.
Und dann das Genre … Mit fantastischer Literatur hat das Werk im Grunde nur dann zu tun, wenn man sämtlichen esoterischen und verschwörungstheoretischen Scheiß, der bislang irgendwo veröffentlicht wurde, mit in diese Gattung packen möchte – was ich als letztlich immer noch Fan fantastischer Literatur strikt von mir weisen möchte. Die Haun jedenfalls hat in diesem Roman nach und nach alles abgegrast und eingeflochten, was es an Esoterik und Verschwörungstheorie zu erwähnen gibt. Naja, einige Sachen fehlen. Aber UFOs sind da, nur die Area 51 nicht. Vril ist da – und es ist egal, wie man diese für Erdstrahlen, Wasseradern, Thrombosen und anderes Gesocks verantwortliche Teilchenstrahlungscremekomposition bezeichnen möchte. Lebende reden mit Toten, Tote mit Lebenden, alle bedienen sich moderner Computertechnik – die letztlich auch nicht koscher ist –, jeder der Beteiligten macht den größtmöglichen, literarisch abbildbaren Blödsinn, den man sich vorstellen kann.
Krank.
Kaputt.
Damit es nicht zu wenig nervt, hat sich die Autorin noch eine Besonderheit ausgedacht. Anstatt es dem Leser zu überlassen, sich die wörtliche Rede in Dialekten vorzustellen, hat sie die Dialekte wörtlich abgebildet. Was bei den wenigen hessischen Fachbegriffen noch zu verkraften ist, nicht mehr jedoch bei dem von zwei Figuren als Muttersprache präsentierten Berlinerisch. Aber und zu ist so was ganz nett; in dieser Präsenz ist das ein unhöfliches, ungehöriges und unanständiges Auftreten, für das ich jedenfalls keine Entschuldigung finden werde.

Der erste Teil des Buches liest sich noch recht flott. Wäre der auch alleine stehen geblieben, hätte die Story möglicherweise funktioniert. Die nachfolgenden Teile legen den Schluss nahe, dass die Autorin einfach nicht aufhören konnte. Wie erwähnt: Da musste noch das rein, und das, und das will ich auch noch erwähnen, und ohne das geht ja nun gar nichts. »Och, und Phantastik« – mit Ph, mein Gott – »ist ja so hip, da kann noch das verquaste Teil rein und diesen Esoterikschrott wollte ich schon lange mal verarbeiten, hach, und da ist ja noch so eine unbewiesene verschwörungstheoretische Idiotie, die mich so lüstern-lieblich anblinzelt …«
Krank.
Am Ende verliert der Leser anfangs des zweiten Teils schlagartig die Motivation. Als die Jungs von den Udehls aus dem Dschungel gerettet werden und vrilsches Lindenstraßenfeeling zelebriert wird, war es bei mir aus. Durch den Rest habe ich mich dann förmlich durchgeprügelt, wohl wissend, dass auch versuchter Selbstmord unter Strafe steht. Und auch die Hoffnung, es würde später noch einmal besser, blieb mir erspart. Der Höhepunkt des Buches ist und bleibt der erste Teil. Danach sollte man seine Zeit mit sinnvolleren Tätigkeiten verbringen, wozu ich hier nicht die in Deutschland ja sowieso zweifelhafte Planung und Vorbereitung von Bücherverbrennungen rechnen würde, denn dieses Buch brennt definitiv nicht.

Laut Impressum gab es eine Korrektorin, aber keine Lektorin. Das ist kein Problem. Grundsätzlich ist die Schreibe der Haun nicht übel. Viele vermeintlich geniale Tricks, die sie meinte, unterbringen zu müssen, weil sie halt hip sind oder warum auch immer, hätte sie sich sparen sollen. Ansonsten hat die Korrektorin versagt, nicht vollständig, aber ausreichend häufig, um nicht mehr von den zwangsläufig in jedem Text verbleibenden Fipptehlern reden zu können. Das Layout ist gut. Die Bindung ist ordentlich. Für die Umschlagkaschierung würde ich dem Drucker nachträglich was abziehen, denn selbst bei pfleglichem Umgang – wie ich ihn jeglichem Buch in meinen Händen angedeihen lasse – beginnt sich die Kaschierung an den Außenrändern des Umschlags schnell abzulösen. Ansonsten hätte ich das Buch nicht auf reinweißem Papier gedruckt, aber das ist Geschmackssache. Das Titelbild ansonsten ist nichtssagend bis nichtsenthaltend, die Farbgebung aus Schwarz, Weiß und Rot ist okay, kann aber falsche Assoziationen wecken – es gibt keine Vampis im Buch. Und die Innenillustrationen übersieht man einfach, weil sie vorrangig wie Bleistiftgeschmier wirken und nichts Prägnantes an sich haben.

Das grundsätzliche Problem des Buches ist, dass es kein Ziel hat. Es gibt keine wirkliche Aussage, keine Moral von der Geschicht‘, keine Gesellschaftskritik, nicht einmal political incorrectness. Nichts. Da werden Figuren aufgestapelt, esoterische Probleme angehäuft, die mit verschwörungstheoretischen Werkzeugen gelöst werden, gefolgt von verschwörungstheoretischen Unbillen, denen man mit Esoterik zu Leibe rückt, und natürlich alles erfolgreich, weil es ja keinen Zweifel an der Existenz von Vril, dreißig Zentimeter großen Außerirdischen und fliegenden Schweinen geben kann.
Hätte ich mir das Buch vom eigenen Geld gekauft, hätte ich mich nachher zu einer Woche freiwilligem Scheißeschaufeln verurteilt. Das wäre unangenehm gewesen. Aber nicht schlimmer.

Diese Rezension ist eine Vorabveröffentlichung aus MAGIRA – JAHRBUCH ZUR FANTASY, Ausgabe 2010, die Anfang August 2010 erscheinen wird. Weitere, jeweils aktuelle Informationen und Bestellmöglichkeiten finden sich auf www.magira-jahrbuch.de.