Zerknirschter Magnetismus

Phil Rickman
DIE FÜNFTE KIRCHE
A Crown of Lights, 2001
Merrily-Watkins-Krimi 3, Übersetzung: Nicole Seifert, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2010, Taschenbuch, 559 Seiten, ISBN 978 3 499 24907 5

Ich bestelle nicht oft Bücher bei Amazon vor; in der Regel kaufe ich, was lieferbar ist, vom Rest setze ich manchmal noch einen Titel auf die Wunschliste, man kann ja nicht wissen. Als ich Ende April eine Sendung von Amazon erhielt, mit der ich nicht rechnete, weil ich nichts bestellt hatte, war ich verwirrt. Als ich die Sendung öffnete und Rickmans dritter Watkins-Krimi – laut Titelbild inzwischen ein »Merrily-Watkins-Mystery« – herausglitt, bildete sich in meinem rechten Mundwinkel ein Faden.

Es war klar, dass das Buch meine mühsam zusammengestellte Leseliste aus dem SuB durcheinanderwerfen würde, und so war es auch.
Diesmal spielt die Geschichte in Wales, direkt hinter der Grenze zu England, in einer Grafschaft mit dem schönen Namen Radnorshire.
Betty und Robin sind ein junges Ehepaar, gerade nach Old Hindwell gezogen, einem Dorf im Radnor Forest, wo sie das alte Anwesen St. Michael’s Farm mitsamt der angrenzenden ehemaligen Dorfkirche St. Michael gekauft haben, eine von fünf St. Michael gewidmeten Kirchen im Radnor Forest, die Geschichten zufolge den Zweck haben, das Böse unter Kontrolle zu halten. Wie vielerorts wurde St. Michael in Old Hindwell auf Terrain erbaut, das zuvor eine heidnische Kultstätte gewesen sein könnte, und als bekennende und praktizierende Heiden wollen Betty und Robin anstelle des christlichen Gotteshauses einen heidnischen Tempel wieder in seine angeblich älteren Rechte einsetzen. Der erbitterte Widerstand der Dorfgemeinschaft von Old Hindwell lässt nicht lange auf sich warten.
In der Gemeinde predigt der charismatische Pfarrer Nick Ellis, der einer Splittergruppe der anglikanischen Kirche angehört. Sein Handwerk hat er bei fundamentalistisch orientierten anglikanischen Bewegungen im Bible Belt in den Südstaaten der USA erlernt. In der Auseinandersetzung mit den »heidnischen Eindringlingen« fällt dem wortgewaltigen Geistlichen eine Schlüsselrolle zu.
Merrily Watkins hat als »Beraterin für spirituelle Grenzfragen« derweil mit einem scheinbaren Fall von Besessenheit zu tun: Ein Anwalt, der niemanden an seine verstorbene junge Frau heranlässt, beschließt, die Tote in einem Privatmausoleum im eigenen Garten zu bestatten. Merrily kommt aber gar nicht dazu, sich dem Fall mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu widmen. Ihr Bischof hat sie zur Teilnahme an der krawalligen Talkshow »Livenight« verdonnert, um die Kirche zum Thema Heidentum dort angemessen zu vertreten. Vor großem Fernsehpublikum wird Merrily damit konfrontiert, dass vor ihrer eigenen Haustür eine christliche Kirche zu einer heidnischen Kultstätte werden soll …
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Für Vater Ellis aus Old Hindwell kann es nichts Frevlerisches geben als das »Schleifen« von St. Michael. Nach der alten Sage schlummert das Böse in Radnor Forest in Gestalt eines Drachen und wird eben nur durch die fünf Kirchen in Schach gehalten. Wird eine der Kirchen zerstört, ist der Kreis nicht mehr geschlossen, der Bann gegen das Böse gebrochen.
Und das Böse ist längst unterwegs. In der Umgebung von Old Hindwell mehren sich mysteriöse Todesfälle, wer anders als »die Heiden« könnte an den Morden schuld sein?

So weit der inhaltliche Überblick (angelehnt an die Inhaltsbeschreibung bei rowohlt.de).
Wie soll man nun beschreiben, dass die Spitzenleistung der ersten beiden Romane noch einmal übertroffen, die Erwartungen voll und ganz erfüllt wurden? Ist es möglich, die Bergspitze der Erstklassigkeit noch zu übersteigen? Ganz offensichtlich …
Es mag auch damit zu tun haben, dass man im dritten Roman einer solchen Serie seine Figuren inzwischen kennt. Merrily und ihre Tochter Jane sind inzwischen Charakter aus einem wie natürlich gewachsenen Guss, und es gibt in ihren Beschreibungen, in ihren Handlungen und Gedanken keine Widersprüche zu den beiden Vorgängerbänden (was man bei einem Übersetzerinnenwechsel vielleicht sogar erwarten könnte). Die Nebenrollen, die in mehr als einem Buch vorkommen, beschränken sich diesmal auf Sophie Hill, die Sekretärin im Bischofspalast – und Gomer Parry, dessen Frau Minnie zu Beginn des Romans stirbt, was der Grund ist, dass Merrily in dem Krankenhaus ist, in dem auch Menna, die junge Frau mit dem besessen scheinenden Anwalt, ihr Ende gefunden hat. Gomers Rolle ist eine kleine Hauptrolle in diesem Buch, denn nach dem Tod seiner Gattin findet er offensichtlich Zeit, sich stärker zu dem zu entwickeln, was er in späteren Romanen sein wird: ein Vertrauter Merrilys, ein Unterstützer und Beschützer.
Die restlichen Figuren sind auf eine Weise wundervoll, die man wirklich nur dann beurteilen kann, wenn man sich einmal über flache Pappcharaktere geärgert hat. Vater Ellis, der schillernde, eben charismatische Priester, dem die Massen folgen, ist so diffizil beschrieben, dass man einerseits das Bild eines amerikanischen Gottesdienstes in einem Zelt vor Augen hat, andererseits das Böse in diesem Mann, das sich geschickt hinter der Maske des Guten versteckt, erkennt, noch bevor es wirklich zum Ausdruck kommt. Die Heiden, die Hexen, die St. Michael »umdrehen« wollen, die sind nicht klischeehaft, sondern fein ausgearbeitet, insbesondere natürlich Betty und Robin in ihren für die Handlung wichtigen Rollen, aber auch die anderen Figuren, die auftauchen, wenn auch nur kurz, die aber als Gruppe von Menschen, die als Counterpart zu den »Einheimischen« nicht einfach nur wie eine Gruppe wirken, sondern eine charakterliche Maserung besitzen, die man wiedererkennen kann.
Einzig ein Klischee wird herangezogen – und dies aus gutem Grund als Klischee, denn die »Livenight« genannte TV-Show, in der Merrily im Grunde einmal mehr zu versagen scheint, die repräsentiert die Art von TV-Show, die eigentlich aus sich selbst heraus nichts anderes als ein Klischee sein kann, denn hier werden – wie in all den anderen Shows dieser Art, die wir wenigstens doch namentlich kennen – Klischees klischeehaft für klischeebeladene Menschen verarbeitet und neuerlich zu Klischees gemacht.
In Romanen wie den Merrily-Watkins-Mysterys kommt englischer Humor zwangsläufig ein wenig zu kurz. Umso schöner sind Spitzen und Seitenhiebe, die Rickman unterbringt. Insbesondere Vater Ellis liefert da eine ganze Reihe von schönen Ansätzen, angefangen zu seinem ganz besonderen Verhältnis zu den Heiden, gegen die er vorzugehen gedenkt, ist doch niemand Geringerer als sein Bruder eine der großen Hausnummern »auf der anderen Seite«, bis hin zu der Tatsache, dass Ellis sich letztlich nicht im Geringsten von den Heiden, die er so hasst, zu unterscheiden scheint, denn die bösen und finsteren Praktiken, die er den Heiden unterstellt, praktiziert er letztlich selbst, wenn er sich exorzistisch mit einem Kreuz an der Frau des Gastwirts von Old Hindwell vergeht – im Beisein anderer Frauen aus dem Ort und des auch nicht so ganz sauberen Landarztes.

Letztlich ist auch der dritte Rickman-Roman über Merrily Watkins eine wunderschön verschachtelte Geschichte, in der sich zwei Haupthandlungsstränge und eine Reihe kleinerer Nebenstränge finden und miteinander verweben, in der es reihenweise Überraschungen gibt, mit denen man wirklich nicht rechnen konnte – und auch gar nicht sollte – und die letztlich kein schlechtes Ende, aber jedenfalls kein Happy End findet. Auch in »Die fünfte Kirche« ist Rickman seinem Cliffhanger-Stil treu geblieben, mit dem Unterschied, dass es inzwischen stellenweise schmerzhaft wird, wenn man von ihm auf einen Höhepunkt zugeprügelt wird, an dem er einen dann einfach allein lässt. An mehreren Stellen ist er sogar richtig böse: Da kommt der Cliffhanger, man weiß als Leser ganz genau, was jetzt geschehen müsste, aber bei Rickman ist man sich da längst nicht mehr so sicher, also ist man regelrecht zerknirscht, dass er jetzt den Schauplatz und die Figuren wechselt – und dann wird auch noch irgendwann nur nebenbei aufgegriffen, was da geschehen ist, während die Handlung längst weitergegangen ist und weitergeht. Das ist schon nicht mehr nur TV-geeignete Literatur, das ist fast schon »real time literature«, der Beweis dafür, dass Bäume auch dann ein Geräusch machen, wenn sie im Wald umfallen, obwohl niemand da ist.
Das dritte Buch um Merrily Watkins jedenfalls war und ist magnetisch. Es zieht einen durch die Handlung und es sind allenfalls menschliche Grundbedürfnisse, die einen davon abhalten können, weiterzulesen: Schlaf, Arbeit, alles andere hindert einen ja nicht, das Buch zu lesen …

One thought on “Zerknirschter Magnetismus

  1. Von Hermann R. aus D. erhielt ich nicht nur die folgende »Kritik« zu diesem Buch, sondern auch die Erlaubnis, sie hier zu veröffentlichen; ich hatte ihm das Buch aus gutem Grunde, der hier jedoch keine Rolle zu spielen hat, geschenkt, nachdem ich damit fertig war:

    Hallo Michael,
    ich habe gestern »Die fünfte Kirche« von Phil Rickman gelesen. Okay, nicht ganz. Die ersten 100 Seiten, die letzten 50 Seiten und dann dazwischen alles quer. Mache ich nicht oft, ich bin ja nicht Erik S., aber bei Krimis bin ich ein Geschmacksfan.
    Zuerst: Geiler Grundplot. Die Idee mit den fünf Kirchen im Pentagramm um einen Drachen ist für ein Rollenspiel großartig, aber leider jetzt verbrannt, wenn meine Frau das liest (weil ich in keiner Gruppe spiele, in der sie nicht auch ist). Die Charaktere haben mir gefallen, aber da ist er mir einfach zu »skandinavisch« – zu viel Figuren-Blabla und zuwenig Handlung. Ich bin selbst eher dem »viktorianischen Ansatz« verfallen, wo Holzschnitt-Charaktere einfache Fälle lösen.
    Wie auch immer. Im Mittelteil langatmig, aber in seinen Schilderungen von Wicca/Heidentum und großer Göttin in 95 % aller Fälle treffsicher (ein paar Dinge sind Klischee, wie die Fernsehdiskussion, aber das ist eben ein Roman, keine Schilderung der echten Welt). Gut gefallen haben mir die Landschaftsschilderungen, die heidnischen Szenen und die (zum Teil) sehr kauzigen Liebesbeschreibungen.
    Also eigentlich »Daumen hoch«, aber für mich nix, eher ein Frauentitel.
    Werde ich ausprobieren, in dem er jetzt an Claudia geht (die diese Zeilen nicht zu Gesicht bekommt).
    Gruß, Hermann

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