Abrechnung mit dem Papst

Der Pontifex von Karla Weigand
Fehnland Verlag, Mai 2021, 467 Seiten, Softcover
ISBN 978 3 96971 164
Rezension von Marianne Labisch

Der Roman spielt im Jahr 2039. Zum ersten Mal wird ein Afrikaner zum Papst gewählt. Dieser Mann kommt nach außen gut an, scheint eine nette Person zu sein, von der sich viele eine neue Ausrichtung der katholischen Kirche erwarten. Nur wenige kennen ihn wirklich und wissen, dass er von Hass zerfressen ist und einen Schwur abgelegt hat, sich an den Weißen zu rächen.
Einer seiner Vorfahren, der damals König in seinem Land war, wurde von den Kolonialmächten ermordet, woraufhin seine Frau das Heil in der Flucht suchte und in einem Kloster Unterschlupf fand. Von Generation zu Generation wurde der Hass auf die Besatzer mit dem Versprechen weitergegeben, Rache zu üben.

Der neue Papst zieht mit seiner vermeintlichen Schwester und Nichte in den Vatikan ein, was Anlass zu Gerüchten gibt, die nicht unbegründet sind, denn die angebliche Schwester ist seit langen Jahren seine Geliebte. Da ein gewählter Papst nicht mal eben so einfach wieder abgesetzt werden kann, der Papst sich im besten Alter befindet und kerngesund ist, arrangieren sich die Kritiker mit ihm und so manch ein ursprünglicher Gegner fühlt sich gebauchpinselt, wenn er zum Essen beim Papst eingeladen wird.
Obwohl er in seiner Antrittsrede kein Geheimnis daraus macht, dass er sich eine härtere Gangart wünscht, zu harter Konfrontation, zum Kampf für die Kirche auf Blut und Leben aufruft, scheint niemand diese Aussagen für ernst zu nehmen. Großzügig sieht alle Welt darüber hinweg, was ich für ausgesprochen unwahrscheinlich halte. Ich denke, bei solch einer Antrittsrede hätte es 1000 Nachfragen gegeben. Allerdings wäre die Kirche wahrscheinlich nicht um beschwichtigende Antworten verlegen gewesen.
Der Papst, der sich Leo nennt und schnell den Spitznamen Leo Africanus weg hat, sucht sich Verbündete, die Anschläge ausüben sollen, die man den Islamisten in die Schuhe schieben will. Er findet diese Verbündeten und diese Mitstreiter bilden junge katholische Männer zu Selbstmordattentätern aus.
Seine Geliebte, die Schwester Monique, eine Nonne, bemerkt, dass Leo ihr immer fremder wird, weiß aber nicht, wem sie sich anvertrauen kann und so finden die ersten Attentate statt, die neue Kreuzzüge auslösen sollen.
Als Monique endlich erkennt, dass ihr geliebter Papst geisteskrank ist, entschließt sie sich, ihn zu ermorden. Allerdings kommt ihr der Hausarzt zuvor. Um an ihren Geliebten zu erinnern, aber auch, um seine Machenschaften öffentlich zu machen, will sie ihre Memoiren schreiben und findet schnell einen Verlag, der sie herausgeben wird. Die Kirche kann nicht zulassen, dass die Pläne des toten Papstes an die Öffentlichkeit gelangen, und heuert einen Mörder an, der Monique aus dem Weg schaffen soll. Das Attentat gelingt. Doch auch der Mörder stirbt. So kann schön alles beim Alten bleiben.

Ob Katholiken, die Evangelischen seien auch nicht viel besser, sagt die Autorin, Juden oder Moslems, hier wird jede Religion einmal kräftig durch den Kakao gezogen. Die Autorin weist auf die großen Skandale hin und stellt die gesamte Religion als Augenwischerei von machthungrigen, verlogenen, genusssüchtigen Menschen dar. Es gibt keine Person, mit der man mitleiden muss. Jeder hat Dreck am Stecken. Wer nicht aktiv böses tut, der schaut zumindest weg.
Außerdem wird das Unrecht, das von Kolonialmächten begangen wurde, und der Umgang damit bis heute, scharf kritisiert. Ebenso bekommen Politiker und der Mossad ihr Fett weg.
Die historischen Details wurden bis ins Kleinste akribisch recherchiert und ins Geschehen eingeflochten.
Die gewählte Perspektive empfand ich als ungewöhnlich. Der allwissende Erzähler wechselt hier so flott vom einen zum anderen, dass es einem schwindelig werden kann. Er hält sich außerdem mit seiner eigenen Meinung nicht zurück. Einer Meinung, die an niemandem auch nur ein gutes Haar lässt, die oft sarkastisch erscheint.
Es scheint mir offensichtlich zu sein, dass es von der Autorin gewollt ist, ihre Stimme aus dem allwissenden heraushören zu können. Sie ist es, die hier anklagt und verurteilt. Als ehemalige Klosterschülerin und Religionslehrerin wird sie wissen, wovon sie spricht.
Meiner Meinung nach ist es gut, diese Themen zu behandeln, auf Missstände aufmerksam zu machen und eine grundlegende Reform anzumahnen, aber für meinen Geschmack wird hier zu viel Schwarz-Weiß-Malerei betrieben. Ich denke auch, dass eine katholische Kirche, die weiterhin Frauen Ämter versagt, Geschiedenen Rechte verwehrt und die gleichgeschlechtliche Liebe nicht anerkennt, eine Kirche, die sexuelle Übergriffe nicht ordentlich aufarbeitet, d. h. die Täter hinter Gitter bringt und die Opfer entschädigt, nicht mehr aktuell ist und sich über sinkende Mitgliedszahlen nicht zu wundern braucht. Ob diese Projektion von Karla Weigand zum Umdenken anregen wird, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist ein Versuch. Ein Versuch, uns die Augen zu öffnen, Kritik zu üben und für neue Wege zu plädieren.
Eine klassische Handlung von A bis Z erzählt gibt es in diesem Buch nicht, es werden Episoden an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Personen geschildert. Der Leser wird immer wieder in irgendwelche Treffen verschiedener Kirchenleute geworfen und bekommt oft erst peu a peu serviert, wer sich dort wo mit wem trifft.
Karla Weigand scheint sich in dieser Projektion einiges an angestauter Wut und Frust von der Seele geschrieben zu haben, was bei der Reformunwilligkeit und den Skandalen der katholischen Kirche nicht verwundern mag, aber ich hätte mir wenigstens eine Person gewünscht, die nicht in dieses Raster aus Sumpf und Morast passt, eine Person, die Gutes tut und meinetwegen auch als absolute Ausnahme dargestellt wird. Gelegenheit dazu hätte sich in dem Kloster geboten. Da wäre genug Platz für einen lieben netten Mönch gewesen, der zum Beispiel ein leidenschaftlicher Gärtner ist und die Menschen liebt. Aber auch hier werden die Mönche von der Obrigkeit dazu angehalten, keine Fragen zu stellen und wegzusehen.
Monique passt da als Nonne, die ein Verhältnis mit dem Papst hat, nicht so recht als Identifikationsfigur, denn auch sie ist verlogen. Sie gibt vor, Nonne zu sein, dem Glauben verpflichtet und hat diesen Beruf doch nur gewählt, um ihrem Geliebten nah sein zu können. Man kann ihre anfängliche Zurückhaltung ebenso schwer nachvollziehen, wie die Wandlung zur Fast-Mörderin. Ist zu Beginn die Liebe zum Papst das Hauptargument, so wandelt sich diese nicht nur zu Hass, sondern auch ihr Vorsatz, nichts über die wahren Plänen des Papstes zu verraten und ihn in einem guten Licht erscheinen zu lassen, wird von sprödem Geld gebrochen. Gut, das mag alles menschlich sein, aber ich komme dieser Protagonistin nicht so nah, dass ich ihre Beweggründe spüren und nachvollziehen könnte. Wäre der Verlag nicht gewesen, hätte sie nicht ihre Vorsätze gebrochen und wäre nur mit heiler Haut davon gekommen, hätte ich sie vielleicht netter gefunden.
Ich brauche nicht immer ein Happy End, aber ich habe gerne wenigstens eine Person, mit der ich zittern und leiden kann. Die wird mir hier nicht geboten, stattdessen haben wir es mit Verblendeten, Dummen, Intriganten, Hetzern, Lügnern, Speichelleckern und Sexhungrigen zu tun, die den Leser nicht für sich einnehmen.
Die Verbündeten sind mir zu schnell gefunden und zu schnell bereit, Mörder auszubilden. Selbst die Mörder müssen nicht lange bearbeitet werden, sondern sind auch nur allzu schnell bereit für ihren Glauben zu töten. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch in der katholischen Kirche Extremisten gibt, aber garantiert nicht so viele, und ob die so skrupellos sind, wie hier beschrieben? Ich weiß es nicht.
Ein Buch, dass sicher nicht den Geschmack der breiten Masse treffen wird.
Für Personen, die wütend auf alle Religionen sind und hier mitschimpfen können, wird es wahrscheinlich eine unterhaltsame Lektüre sein.

Ich kann den Frust verstehen, ich teile viele Meinungen sogar, aber meiner persönlichen Meinung nach, hätte man diese Kritik unterhaltsamer anbringen können. Satire, Überzeichnung, oder auch Dramatik wären hierfür geeignetere Instrumente gewesen.
Ich schätze, die Autorin wollte mit diesem Buch nicht im herkömmlichen Sinne unterhalten, sondern auf die Misere in der katholischen Kirche hinweisen, provozieren und Anstoß erregen und das ist ihr durchaus gelungen.
Ich finde auch, dass hier Kritik angebracht ist und denke, wenn die Kirche sich nicht von Grund auf renoviert, wird sie nicht überleben können.
Ebenso eins bin ich mit der Autorin, dass das Unrecht, das die Kolonialmächte begangen haben, längst nicht restlos aufgearbeitet worden ist und eine ernst gemeinte Wiedergutmachung nicht in die Wege geleitet wurde, aber ich hätte mir diese Kritik nicht in dieser Form gewünscht.
Es gibt Romane, die zu Tränen rühren, die den Leser in die besagte Zeit zurückversetzen und ihn mit den Sklaven leiden lassen, es gibt Romane, die versuchen Auswege aufzuzeigen, die im Leser einen Hoffnungsschimmer entstehen lassen. Diese Romane sind mir persönlich lieber, als eine knallharte, pessimistische Abrechnung, die den Finger in die Wunde legt und kräftig in ihr herumrührt.
Die Beurteilung eines Buches ist immer Geschmackssache und es gibt bereits Stimmen, denen »Der Pontifex« ausgesprochen gut gefallen hat. Ich gehöre nicht dazu, aber das kann damit zusammenhängen, dass ich mich auf das Buch gefreut hatte, ich das Thema interessant fand und etwas in der Art wie »Im Namen der Rose« oder »Illuminati« erwartet hatte. Einen spannenden Roman, der mich gut unterhält. Das ist »Der Pontifex« nicht, aber das will er auch gar nicht sein.

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