Unterhaltung, für einen Film geeignet

Annette John
DEADLINE 24
Beltz & Gelberg, Weinheim/Basel, 2011, Originalausgabe, Einband: HildenDesign, plainpicture/Peter Hanslik, Hardcover, 375 Seiten, ISBN 978 3 407 81081 6

Vorbemerkung

Die Autorin war mir bislang unbekannt. Annette John, Jahrgang 1951, hat Germanistik und Romanistik studiert und lebt in Berlin. Bei Beltz & Gelberg erschien bislang ein Hexenroman, »Das Geheimnis des Rosenhauses«. Was sie sonst noch veröffentlicht hat, müsste ich recherchieren (was hier an meinem Urlaubsort mangels anständiger Internetverbindung – und mangels anständiger Lust dazu – nicht geht [vielleicht hole ich es nach]).

Worum geht es?

Die Welt hat sich sehr verändert, gegenüber derjenigen, die wir (noch) kennen. Sally Hayden, gerade vierzehn Jahre alt, lebt mit Großvater, Mutter, Bruder und einem »Findelkind« namens Vigo unter einer Kuppel auf einer Farm. Die Kuppel dient vor allem dazu, die unsichtbaren und unhörbaren, aber endlos verfressenen Hybriden fernzuhalten.
Vigo macht einen Fehler und bringt die ganze Farm in Gefahr. Hybriden können durch ein Loch in der aus Stahldraht erbauten Kuppel eindringen, töten Vigo und wollen auch Sally angreifen. Da naht Rettung in Form eines Helikopters, der von einem Org genannten Organismus angetrieben und gesteuert wird.
Als die Fremden Sally zu ihrem vierzehnten Geburtstag einen Flug mit dem Helikopter schenken wollen, zerbricht die in der Freude der Errettung entstandene Idylle: Großvater ist vehement dagegen, dass Sally – und auch ihr Bruder Peter – die Kuppel verlassen.
Peter tut es dennoch. Er versteckt sich im Helikopter und verschwindet.

Der Helikopter war nach seiner Entdeckung von den sogenannten Lords in Esperanza, der einzigen bekannten und belebten Stadt weit und breit, in Besitz genommen worden. Doch Josie schnappte sich nicht nur vier Seeleute, sondern mit diesen auch den Helikopter und verschwand. Die Lords waren darüber natürlich nicht begeistert.
Und so taucht einer von ihnen mit seinen Leuten auf der Hayden-Farm auf, um dort zu warten, bis der Helikopter mit Paul Hayden an Bord zurückkehrt. Doch er wird auf einer anderen Farm festgesetzt, der Lord und seine Leute machen sich auf den Weg. Und Sally auch. Sie will unter allen Umständen vor dem Lord auf der Farm sein, auf der der Helikopter und seine Mannschaft festgehalten wird.

Was dann folgt, ist ein echtes Abenteuer. Als Sally am Ende mit ihren Freunden das Ziel erreicht hat, ist es ein ganz anderes, als sie sich jemals vorgestellt hätte(n). Ein völlig anderes – denn Sally hat unter anderem nichts anderes getan, als die Welt zu retten.

Wie ist der Stil?

Leicht, klar, übersichtlich, direkt, bestens lesbar, jederzeit spannend, ohne Längen oder Verlegenheiten. Gut.

Was hat nicht gefallen?

Eigentlich nichts. – Oder vielleicht doch: An der Stelle, an der der Windmann, der eine wesentliche Rolle nicht nur in Sallys Kopf, sondern dann auch in der Realität der beschriebenen Welt spielt, erzählt, wie die Veränderungen auf der Erde zustande gekommen sind, fühlt man sich ein wenig versucht, gelangweilt die Augen nach oben zu drehen. Das erinnert einen an bestimmte Filme mit ganz ähnlichen Themen, das erinnert einen an diverse SF-Plots, die schon da waren und bei denen es auch so hieß. Aber das ist nur ein Moment, denn im Grunde spielt die Idee, was das geheimnisvolle »Deadline 24« ist und wie es zu den Ereignissen führte, die die Erde so veränderten, keine wirkliche Rolle; will meinen: Es hätten auch andere Ursachen sein können, die das bewirkten, aber insgesamt wirkt die Geschichte, die Annette John da erzählt, zwar auf den ersten Blick bekannt und vermeintlich abgedroschen, aber das ist sie nicht wirklich, nicht nur, aber vor allem auch, weil sie im Gesamtkontext wunderbar funktioniert und einfach so da hingehört.

Was hat gefallen?

Das ganze Buch.

Zitat gefällig?

Zitieren sollte man herausragende Textstellen, aber die gibt es hier nicht. Das Buch ist ein Abenteuer-SF-Roman – übrigens ohne Elemente aus Dystopie oder gar Fantasy, wie vom Verlag im Begleitschreiben behauptet –, reinrassige SF, reinrassiges Abenteuer, und als solches – für Jugendliche gleichermaßen wie für Erwachsene geeignet – nicht das, was man als »Literatur« bezeichnen würde, kein Lem, keine Ballard, kein Asimov, keiner der großen Klassiker. Es ist ausgezeichnete Unterhaltung für Jung und Älter, und als solche ist das Buch ein Stück aus einem Guss, ohne Höhen, aber auch ohne Tiefen, nur mit einer sauberen Spannungskurve und einem cleveren Plot und einer schönen Auflösung, und sogar mit einem Happy End. Aus einem solchen Roman zu zitieren, hieße, etwas aus dem Zusammenhang zu reißen, was danach für sich nackt und zitternd vor den Augen der Leser dieser Rezension stünde und doch nichts als Unverständnis bewirken könnte.

Zu empfehlen?

Ja. Sehr. Uneingeschränkt. – Für Jugendliche, würde ich sagen, ab zwölf oder dreizehn Jahren; die jungen Leser sollten ein wenig kundig im Umgang mit Büchern sein, denn die Geschichte ist an einigen Stellen ausgesprochen verzwickt, weil die ganzen Geheimnisse zwar beschrieben werden – sie gehören ja zum Alltag Sallys und ihrer Verwandten und Freunde –, aber eben noch nicht gelüftet sind. Insofern ist das Buch durchaus auch anspruchsvoll. – Für erwachsene SF-Fans taugt das Buch auch. Man gewinnt ein paar Stunden spannende Unterhaltung, und der Anspruch, den das Buch an den Leser richtet, funktioniert bei Erwachsenen gleichermaßen.

Was noch?

Bei einem Buch von einem Profiverlag wie Beltz & Gelberg kann ich meine Book Darts ruhigen Gewissens in ihrem Döschen lassen, so auch hier. Ich habe drei Tippfehler gefunden, ein Hurenkind und einen Schusterjungen. Und das Lektorat – sofern eines nötig war – hat saubere Arbeit geleistet. An diesem Buch hat mich nichts vom Genuss abgelenkt, was hätte dazu gedacht sein sollen.
Wie der Titel dieses Beitrages schon andeutet, halte ich das Buch auch durchaus für geeignet, verfilmt zu werden. Da könnten sich SFX-Spezialisten wundervoll austoben, um mit ihrer Technik stimmige Bilder einer schönen Endzeitvision zu einem Streifen zusammenzustellen, der anderen, vor allem US-amerikanischen Filmen dieses Genres in nichts nachstehen muss. Vielleicht findet sich da ja jemand. Ich würde mir das Ergebnis auf jeden Fall gerne anschauen.