Charlie Sheen von fettem, scheißendem Kopfgeldjäger erschossen

Abel Inkun
DER TOD AUS EINER ANDEREN WELT
Noel-Verlag, Oberhausen/Obb., Juli 2011, Originalausgabe, Buchumschlag: Gabriele Benz, Hardcover, 291 Seiten, ISBN 978 3 942802 29 1

Vorbemerkung

Selten ist es sinnvoll,ein Fazit vorwegzunehmen, in diesem Fall jedoch ist es das. Das Buch ist nicht schlecht. Nein, es ist sogar ganz gut. Ich werde im Folgenden so viel Kritik an diesem Buch anbringen, dass der Eindruck erweckt wird, das Buch wäre schlecht. Das ist jedoch nicht der Fall. Was schlecht ist, das ist die Arbeit von Korrektorat, Lektorat, Setzer und Verlag. Dem Autor kann man natürlich auch vorwerfen, dass er einige von den gefundenen Kritikpunkten – und ich präsentiere hier nur die dicksten Böcke – selbst hätte aus der Welt schaffen können, aber das ist – wie ich selbst als Verleger weiß – nicht die Aufgabe eines Autors, der sich nach seinem Werk gefälligst an sein nächstes Werk setzt, um seinen Erfolg vorzubereiten.
Nein, der Eindruck, dieses Buch sei schlecht, ist grundfalsch. Es ist mindestens ganz gut. Je nach Geschmack des Lesers vielleicht sogar mehr.
Das möchte der geneigte potenzielle Käufer dieses Werkes bei der nachfolgenden Rezension bitte immer im Hinterkopf behalten.

Worum geht es?

Einfach ausgedrückt: um eine Software à la »World of Warcraft«, hier jedoch »Kingdom of Fantasy« genannt und mit einigen zusätzlichen »Gimmicks« ausgestattet, die sich ein wenig … naja, sagen wir … selbstständig macht, mit Mühe unter weitgehende, aber nicht vollständige Kontrolle gebracht werden kann, und dann ihre unheiligen Auswirkungen durch das Zusammentreffen verschiedener Figuren doch noch wirken kann.
Tatsächlich geht es natürlich um Menschen, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind reale Menschen und sie spielen »Kingdom of Fantasy«, und ihre Motive, so unterschiedlich sie sind, drehen sich letztendlich doch um einen Angelpunkt; nein, um zwei: zu überleben und die Macht zu erlangen.
Die Hauptfigur Henrik Wanker hat in dem Spiel eine Schar Getreuer um sich versammelt, die eine Gilde bilden und gemeinsam die Questen und Herausforderungen des Spiels bewältigen. Nur von einem seiner Mitstreiter kennt Henrik die realweltliche Identität. Aber das soll sich ändern:
Das Problem des Spiels ist, dass es in der Lage ist, die Virtualität des Spiels und die Realität der Spieler miteinander zu verweben. Es beginnt, als Henrik Wanker am Ende einer in KoF – wie das Spiel kurz genannt wird – stattgefundenen Quest einen Armreif mit besonderen Fähigkeiten an sich nehmen kann. Danach ist nichts mehr, wie es war. Die Schwierigkeiten im Spiel, denen er sich zu stellen hat, werden ebenso größer, wie die Probleme in der Realität, wo u. a. die Spieler gemeinsam mit ihren Avataren in KoF ihr Leben zu verlieren beginnen …

Wie ist der Stil?

Gut. Ja, eigentlich gut. Inkun weiß den Leser zu packen. Es gibt ein paar Stellen, an denen ich es anders gemacht hätte, aber ich bin kein Autor. Dennoch: Einige Schlüsselkapitel, wie z. B. die Geschichte der der Hauptfigur Henrik wenigstens freundschaftlich zugeneigten Prostituierten Silvy, das Tagebuch des Zwerges Boregard – Avatar von niemand anderem als dem KoF-Erfinder Peter Winzig – und die Geschichte von anderen Figuren hätte ich anders eingebaut oder weggelassen (hier z. B. die Lebensgeschichte einer im KoF durchaus relevanten, im realen Leben allerdings eher unwichtigen Figur wie Konrad Müller aka Karl Meyer aka Weißder Henker …).
Ich fand die Art der Präsentation dieser Kapitel mitsamt all der darin enthaltenen Schlüsselinformationen insofern kritisch, als es dem Leser vor Augen hielt, wie dumm Henrik als geschilderte Figur eigentlich ist. Andererseits mag das zusammen passen, denn der faule und spielesüchtige Kerl muss passend zu seinem unansehnlichen Äußeren und seiner permanenten schlechten Laune – der nur sein bester und einziger Freund Tobi standhalten kann – zwingend gleichzeitig auch dumm gewesen sein. Die verschiedenen Kapitel jedenfalls, in denen Henrik das Tagebuch des Boregard aka Peter Winzig las, und in denen er ganz offensichtlich nicht kapierte, worum es ging, wer die im Tagebuch beschriebenen Personen wirklich waren – und wer er wirklich war! – und welche Rolle sie im KoF auf den verschiedenen Seiten spielten, das lässt mich im Nachhinein einfach daran zweifeln, dass so jemand ein anderes Schicksal verdient hat, als es ihm am Ende auch zukam.
Das vor der Tagebuch-Lektüre Henriks eingelagerte Kapitel mit Silvys Geschichte ergibt die meisten Aufschlüsse, und zuerst glaubt man, damit ist alles weg, was noch an Spannung kommen kann. Gleiches gilt natürlich eigentlich auch für die Tagebuch-Kapitel. Das Kapitel mit der Geschichte des Konrad Müller – oder wie immer er jetzt auch wirklich hieß – war nicht ganz unwichtig, aber zu langatmig; das hätte man in einem Absatz irgendwo einbauen können. (Andererseits ist es konsequente Präsentation, es nicht anders zu tun als bei den anderen Figuren …).

Interessanterweise ist mir die (vermeintliche) Erkenntnis, jetzt habe der Autor zu viel vorweg verraten, an einer ganzen Reihe Stellen gekommen; ebenso interessanterweise hat das nicht einen Ticken weniger Lesespaß bedeutet, was die danach folgenden Seiten und Kapitel anging. Das Buch näherte sich einem einigermaßen nachvollziehbaren Ende, das aber dennoch mit Überraschungen gespickt ist. Inkun gelingt es weitgehend mühelos, eine saubere Spannungskurve aufzubauen, sie mit den unterschiedlichsten Stilmitteln zu halten – der üblichen Handlung, Chats im laufenden Text, das Tagebuch, Briefe … –, und zu einem ebenso sauberen (wenn auch überraschenden) Ende zu führen. Am Ende fühlte ich mich gut unterhalten, ohne Zweifel.

Der sprachliche Stil war nicht immer meine Sache, aber der hat eher auch etwas mit der Ausgestaltung der Figuren zu tun. Henrik ist als Mittzwanziger ein faules, dummes Arschloch, mit dem ich nicht ein Bier trinken würde, und wenn er mir dafür einen Fuffi auf den Tisch legen würde. Sein bester Freund – und KoF-Mitstreiter – Tobi ist ein vorlauter, überdrehter und pseudohyperlustiger Teenager, dem darüber hinaus neben vorzeitigem Erbrechen (vor allem an ungünstigen Orten) und verbaler Hyperventilation nur noch keinerlei Gespür für den richtigen Zeitpunkt zu eigen ist. (Ich zum Beispiel würde ihm auf der Stelle das Maul verbieten, hätte ich ein Treffen mit einer wichtigen Person und er würde mit seinem spätpubertär albernen Sermon dazwischen quatschen; nicht so Henrik … Und hier zeigen sich auch so einige Ungereimtheiten in den Personenbeschreibungen.)

Was hat nicht gefallen?

Seitens des Autors sehe ich trotz allem Defizite in der Charakterisierung der Figuren. Zu Henrik, der Hauptfigur, und seinem besten Freund Tobi schrieb ich schon zuvor. Aber auch die anderen wichtigen Figuren sind nicht durchgängig, nicht astrein, sondern haben – um im letzten Bild zu bleiben – unangenehme Astlöcher, die nicht häufig, aber wenn, dann deutlich auffallen.
Ansonsten könnte man, wie eingangs bemerkt, kritisieren, dass der Autor sein Werk nicht selbst »rund« gemacht hat (und wo es »unrund« ist, sehen wir im Folgenden noch), aber ich bin selbst Verleger, und ich denke, es ist seine Arbeit erst dann, wenn er überhaupt einen Verlag gefunden hat, der das Werk verlegen möchte.

Seitens des Verlages, des Lektorats, des Korrektorats, des Druckvorlagenherstellers usw. usf. haben mir viele Dinge nicht gefallen. Die meisten finden sich en detail weiter unten unter »Zitat gefällig?« – mit entsprechenden Kommentaren.
An grundsätzlichen Dingen gibt es gleichermaßen zu kritisieren:

  • Von wem das Titelbild stammt, ist nicht bekannt. Die Buchumschlaggestaltung laut (unnötig opulentem) Impressum (man muss nicht das ganze Urheberrecht im Impressum zitieren) oblag Gabriele Benz. Sie hat ein Fantasy-Motiv mit Drachen, Paladin und düsterer Landschaft entworfen, in den Vordergrund ein ganz leicht verschwommenes Notebookdisplay (mit Tastatur und zwei Händen) gestellt, auf dem sich das Hintergrundmotiv ausschnittweise farbig wiederholt. Nicht unansehnlich. – Völlig indiskutabel hingegen die Titelei: Der Autorenname sitzt ganz oben rechts in der Ecke. Danach kann man eine Leerzeile argumentieren. Dann folgt dreizeilig »Der Tod | aus einer | anderen Welt«, in drei verschiedenen Schriftgrößen, in »falschen« (d. h. unechten) Kapitälchen und mit einer dritten Zeile, die nach links aus der Zentrierung gerückt ist, weil sie anderenfalls den Helm des Paladins »überschrieben« hätte. – Sollte Gabriele Benz für die Titelei nicht verantwortlich sein (sondern dies ein stümpernder »Setzer« zu verantworten haben), bitte ich um Entschuldigung; ansonsten ist die Titelei eine Zumutung, die sofort und ohne Umweg über Los einen nicht wieder gutzumachenden Schaden hinterlässt.
  • Die verwendete Schrift ist nicht wirklich schlecht. Es handelt sich um eine Antiqua, wenn mich nicht alles täuscht, vermutlich um eine Book Antiqua, vielleicht auch um eine Garamond (ich habe, während ich die Rezension schreibe, keine Vergleichsmöglichkeit, weil keinen Zugriff auf meine Server daheim …). Nein, eher eine Book … Aber wie auch immer, selbst wenn die Schrift Heinz heißt – sie ist eindeutig zu klein, die Zeilenlänge ist einen Ticken zu lang, und vor allem die zugehörige Kursiva, die im Buch reichlich für Dialoge in den KoF-Chats und das Tagebuch verwandt wird, ist in der verwendeten Größe einfach schwer leserlich. – Es gibt viele Schriften auf der Welt. Die guten Schriften kosten Geld, mitunter nicht wenig, aber die Investition lohnt sich. Sie lohnt sich immer, vorausgesetzt, derjenige, der die Schriften auswählt, hat ein Gespür dafür.
  • Sehr spät, aber irgendwann ist es mir doch aufgefallen: Die Druckvorlagen wurden offensichtlich mit Word (oder OpenOffice, das kommt auf’s Gleiche raus) layoutet. Immerhin hat der Layouter hier gewusst, dass es sinnvoll ist, wenigstens die automatische Silbentrennung einzuschalten. Übersehen hat er allerdings, dass er dem ganzen Textwust auch noch den Haken rausnehmen sollte, wenn es um »Absätze zusammenhalten« (u. ä. andere Funktionen) ging, stattdessen Hand anzulegen, um Hurenkinder und Schusterjungen zu vermeiden. – Dem Layouter ist hoch anzurechnen, dass es durch die automatischen Silbentrennungen keine »Löcher« im Textblock gibt. Ebenso, dass Hurenkinder und Schusterjungen nicht auftreten. Aber die flatternde Endzeilenposition auf den Seiten, die wirklich übel flattern – vor allem dann, wenn auf nebeneinander liegenden Seiten unterschiedliche Seitenlängen auftreten, was häufig vorkommt –, wenn man das Buch einfach durchblättert, hätte er mit ein wenig ordentlicher Handarbeit vermeiden können. – Egal, ob man Word, OpenOffice oder irgendein anderes Textverarbeitungsprogramm nutzt, um Druckvorlagen zu machen: Man sollte es beherrschen. Perfekt beherrschen. Mit der Betonung auf »perfekt«. –
    (Letzte Bemerkung dazu: Mit STRG+H kann man in Word [und ich glaube, auch in OpenOffice] einen Suchen/Ersetzen-Dialog aufrufen, mit dem man doppelt oder dreifach aufeinanderfolgende Leerzeichen so lange austauscht, bis an ihrer Stelle nur noch das eine dahin gehörende Leerzeichen steht. Warum? Das hilft Löcher im Textblock zu vermeiden, die aufgrund ihrer Unregelmäßigkeit noch deutlicher auffallen, als solche aufgrund fehlender Silbentrennung.)
  • Eine Kleinigkeit, die Zeichensetzung. Eine Kleinigkeit, weil sie wie eine solche zu beherrschen ist, wenn man weiß, worum es geht. Weiß man es nicht, hilft Software. Weiß man es nicht, ist aber zu geizig, Software einzusetzen, kommt eine homöopathische Zufallszeichensetzung vor allem in Bezug auf Kommata wie in diesem Buch heraus. Sie ist so homöopathisch und so zufällig, dass sie nur noch ärgerlich ist. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Zeichensetzung der Kommata dann, wenn sie überhaupt mal stattfindet, oft genug einfach nur falsch ist. – Wer immer im Noel-Verlag dafür zuständig war (und ist): Stümper, stümperhafter, fauler!
  • Wir haben nun alle lange genug Gelegenheit gehabt, uns mit der neuen deutschen Rechtschreibung auseinanderzusetzen, und auch ich als einer derjenigen, die mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen sind, mag sie nicht wirklich. Aber ich habe als Verleger irgendwann eine Entscheidung treffen müssen (und um diese Entscheidung konsequent durchzusetzen, benutze ich eine Software namens »Duden Korrektor«, die sehr hervorragend und mit den Zusatzangeboten der diversen Wörterbücher meinerseits ganz sicher nicht mehr außer Acht gelassen wird), und ich habe sie getroffen. – Der Noel-Verlag hat da so seine Probleme, die sich insbesondere bei der Frage zeigt, ob etwas zusammen geschrieben, zusammengeschrieben oder zusammen-geschrieben wird. Einige lustige Beispiele finden sich weiter unten unter den Zitaten. Erkennbar aber ist: Hier hat der Verlag auf ganzer Linie verloren.
  • Noch ein grundsätzlicher Punkt ist eher eine Geschmacksfrage: die Anführungszeichen. Die deutschen Anführungszeichen „ und “ (mithin 99 und 66) sind deutsch und schön, aber in meinen Augen in Büchern aller Art nicht so schön wie die revers-französischen » und « (die »richtigen« französischen sind « und » und dann noch jeweils mit einem Leerzeichen danach oder davor …). Wie auch immer, der konzentrierte Umgang mit den so unwichtig erscheinenden Anführungszeichen vermeidet es, dass manche wörtliche Rede auf einmal mit englischen oder amerikanischen Anführungszeichen beginnt, weil die (in Word, OpenOffice etc.) vorgenommene Absatzsprachformatierung (die auch gerne übersehen wird) eben nicht auf »Deutsch (Deutschland)« eingestellt ist.
  • Ein allerletzter Punkt zu den allgemeinen Dingen, die mir nicht gefallen haben, ist eine Layoutfrage einerseits, eine Lektorats- oder Korrektoratsfrage andererseits. – Auch in Word kann man Absätze einrücken. Man rückt alle Absätze ein, außer dem allerersten nach einer Leerzeile. Ein guter Wert sind 0,4 cm; bei der hier kleinen Schrift hätten 0,35 cm auch gereicht, denke ich. – Wenn ich einen Text habe, hat der eine Struktur, die sich aus einem Inhalt ergibt. So fasst man i. d. R. alles in einem Absatz zusammen, was gerade von einer Figur getan oder gesagt wird. Wechselt die Figur: Absatz. Dann: die Figur. Nächste Figur: Absatz. Die nächste Figur. Und so weiter, und so fort. Es fickt (ich betone: fickt!) den Leser, wenn innerhalb der wörtlichen Rede einer Figur unvermittelt und ohne erkennbaren Grund eine Absatzschaltung gesetzt wird, auch – oder gerade – dann, wenn der erste Satz der wörtlichen Rede mit einem »sagte XYZ.« abgesetzt wird. Das ist – Schlamperei zu Lasten des Kunden: »Ich liefere Ihnen hier Ihre neue Fünfundneunzig-Quadratmeter-Schaufensterscheibe; die sechshundert Fliegenschisse darauf verschweige ich Ihnen natürlich.«

Genug davon. Ich erinnere an dieser Stelle daran, dass mir der Roman gefallen hat.

Was hat gefallen?

Sic. Der Roman. Nein, der Plot. Der Stil mit leichten Einschränkungen. Insgesamt ist das Werk nicht 100%ig rund, aber zu einem sehr hohen Prozentsatz, auf jeden Fall oberhalb von 95 %. Der Autor hat ein gutes Stück Arbeit geleistet. Es gibt ein paar Kritikpunkte, die ich schon erwähnte – Figurencharakterisierung –, und die ich noch erwähnen werde – siehe unten –, aber wenn ich behaupten wollte, der Roman hätte mir nicht gefallen, würde ich zu Lasten meiner holzigen Nase mit zartem Sprössling am vorderen Ende lügen.

Zitat gefällig?

Jede Menge, und hier finden sich vor allem die zu kritisierenden Textstellen. Es ist nicht so, als gäbe es keine zitatwürdigen positiven Textstellen, aber das sind dann meist auch die, die ich spoilern müsste, also lasse ich sie gleich weg.
Hier also nun die Misthaufen des rezensierenden Ameisenfickers:

  • »Der vollkommen fensterlose Raum durchmaß vielleicht zwanzig Quadratmeter, …« Gleich in der dritten Zeile auf Seite 7 im Prolog dieser Bock: Ein Durchmesser wird nicht mit einem Flächenmaß angegeben, sondern mit einem Längenmaß.
  • »Komplettiert wurde die Gruppe durch Donnergott, der im wahren Leben Tobi Krüger hieß und Henriks einziger Freund war.« (Seite 14, Mitte) Diese Information stand schon nahezu inhaltsgleich auf Seite 12 oben: »Tobi war der einzige Freund, den Henrik hatte, auch wenn er ein bisschen durchgeknallt war.«
  • »Panikartig versuchten die Trolle, die zum Teil am lebendigen Leibe verbrannten, zu entkommen.« (Seite 17) – Zum einen: Man verbrennt lebendigen Leibes, nicht am lebendigen Leib. Zum zweiten: Welcher Teil der Trolle versuchte, zu entkommen? Der, der verbrannte – oder der andere? Zum anderen: Wie kann man überhaupt zum Teil lebendigen Leibes verbrennen? Was ist mit dem Rest geschehen? Wie kam der nach Hause? Taxi, U-Bahn, Lufthansa?
  • »Regiert wurde das Land von Fürsten, die in Burgen oder Festungen in der Nähe von Siedlungen erbaut wurden.« (Seite 24) Mein nächstes Hobby: Fürsten erbauen – ich bin nur noch nicht sicher, ob ich sie nicht lieber irgendwo in freier Wildnis erbauen möchte, so ganz fern von jeglicher störender Zivilisation. Vielleicht tut ihnen das ja gut. <kleinen Finger zum Mundwinkel heb>
  • »Er fand auch den Til Schweiger Film zum Brüllen komisch …« (Seite 28) Es stellt sich hier, wie so oft, die Frage, wen er zum Brüllen komisch fand: Til, Schweiger oder den Film. Oder nicht doch den Til-Schweiger-Film? (Ein Verlag ohne ein Grundkontingent an Bindestrichen wenigstens in der Portokasse ist schon ein armer Verlag, oder?)
  • »…, nassen Haaren und hochgeschlagenem Kragen seiner Cord Jacke.« (Seite 28) Hallo? Es heißt wenigstens Cord-Jacke oder noch besser Cordjacke.
  • »›Immer langsam, Herr Wanker. Kann ich Ihnen helfen?‹ Die junge Krankenschwester beugte sich über ihn. Sie war vielleicht zwanzig Jahre alt, hatte eine blonde Kurzhaarfrisur und war ausnehmend hübsch. Ihr üppiger Busen wogte beunruhigend nahe vor Henriks geschundenem Gesicht hin und her. …« (Seite 36) Paul, Mann, das Bild ist so was von abgegriffen, dass die Tusse Fingerabdrücke auf ihren Titten hat!
  • »›Ist ja gut, Frankie. Henrik meints ja nicht so. Er findet deine Geschichte auch Hammer-Affengeil. Nicht Kumpel, ist doch so?‹« (Seite 60) Die Kommafehler und so ganz außen vor (da gehört eines vor den Kumpel): Es heißt hammer-affengeil oder besser noch hammeraffengeil (denn Letzteres akzeptiert sogar der Duden Korrektor).
  • »Er hasste diese dumme, vorlaute Zicke, die ihn von Anfang an gepiesakt und bei jedem kleinen Fehler beim Chef denunziert hatte.« (Seite 63) Man piesackt. Man piesakt nicht. Nein, man piesackt. (Und vielleicht komme ich Klugscheißer noch dazu, in der Wikipedia zu verifizieren, woher ich glaube, dass das kommt. Es hat jedenfalls etwas mit einem Sack zu tun. Deshalb piesacken.)
  • Thema »zusammen schreiben«, »zusammen-schreiben« oder »zusammenschreiben«: Da wird dann auf Seite 65 ein Ort namens Blackmount Castle in der Schreibweise »Blackmount Castle« eingeführt, durchaus richtig, völlig korrekt, denn es handelt sich um einen englischsprachigen Begriff, und bei den Pemmikanfressern ist diese Schreibweise so üblich. Aber schon auf Seite 66 (oben) und danach durchgängig wird daraus ein Blackmount-Castle (mit Bindestrich), und so widerfährt es anderen solchen Begriffen auch. – So viel Unkenntnis fremder Sprachen und deren Eigenheiten ist peinlich. Wenn ich mit Englisch z. B. nicht umgehen kann, dann lasse ich es übersetzen.
  • Noch so ein Bindestrichding: »Am Tisch der Barbaren-Gilde entstand Unruhe.« (Seite 67) Richtig ist die Barbarengilde. Sieht auch besser aus.
  • »Deadlysorc entfachte einen Feuerregen, der zwei Gegner schreiend niederstreckte.« (Seite 70) Ich finde das Bild sehr hübsch, einen Feuerregen zu sehen, der zwei Gegner anschreit, um sie niederzustrecken. Hätten seine Flammen nicht eigentlich gereicht?
  • »Alle aufgebrezelt bis zum Geht nicht mehr.« (Seite 90) Das »Geht nicht mehr« in Kursiva. Und falsch. Wenn, dann geht es bis zum »Geht-nicht-mehr«, aber nirgendwo anders hin. Neudeutsche Bindestrichfaulheit ist bei PISA-unwilligen Kids in Ordnung (oder eigentlich auch nicht, aber egal); nur in einem Verlag ist so was peinlich. Für den Verlag. Geht aber meist auf Kosten des Autors.
  • »Er lief auf zwei dünnen Klauen mit jeweils drei Zehen und beschleunigte auf der vor ihnen liegenden Grasebene in einem atemberaubenden Tempo.« (Seite 103) Tempo ist Geschwindigkeit, das sind zwei Worte für die gleiche Sache. Man beschleunigt nicht nicht mit einem Tempo oder einer Geschwindigkeit, sondern mit einer Beschleunigung. (Hätte er »zu einem atemberaubenden Tempo« beschleunigt, hätte es gepasst.)
  • Wie viel einfache Buchstaben ausmachen können: Den folgenden Satz auf Seite 124 sagt Tobi zu seinem Kumpel Henrik: »›Was hat man dir denn in den Kakao getan, Kumpel?‹« Dann: »Henrik sah ihn« (Tobi) »an wie einen Pitbull, dem man den Knochen wegnehmen will.« Hätte da gestanden, dass Henrik seinen Kumpel Tobi wie ein – nicht einen – Pitbull ansah, dann würde der Satz den richtigen Sinn ergeben.
  • »Das Kloster lag mitten in einem Sumpfgebiet und sie mussten aufpassen, nicht in Treibsand zu geraten.« (Seite 126) Dazu sage ich jetzt nichts, ihr Sumpfnasen; fragt einfach mal euren Treibsanddealer, wo der seinen Treibsand her hat. (Ich habe im Nachhinein beschlossen, das zu meinem Topflop in diesem Buch zu küren!)
  • Ein peinlicher Fauxpas, der in Boregards Tagebuch unterlaufen ist. Unter dem Eintrag des 22. Juli 1988 schreibt er unter anderem: »Heute hat ihr Sohn seinen zweiten Geburtstag.« (Seite 170) Mit diesem Sohn ist der Hauptdarsteller Henrik gemeint, mit »ihr« seine Mutter. – Schon auf Seite 171 schreibt der Tagebuchführer dann unter dem Eintrag des 26. November 1989: »Der Junge« – und wiederum ist Henrik gemeint – »ist vor vier Tagen drei Jahre alt geworden.« Also am 22. November 1989. – Ich habe überlegt, ob das ein Grund dafür gewesen sein könnte, dass die Figur Henriks nicht drauf gekommen ist, wer die Leute in dem Tagebuch wirklich waren; aber das wäre ein schriftstellerischer Kniff gewesen, den ich jemandem, der einen solchen Fehler macht, nicht unterstellen möchte. Einer der ganz wenigen Minuspunkte, der an den Autor geht; aber das entschuldigt das Pennen des Verlages mit all seinem Mitarbeitervolk nicht im Mindesten.
  • »›Oh Gott, bitte mach keinen Scheiß, Brüderchen! Henrik hats doch nicht so gemeint, nicht war, Alter? Wir wollen Frank doch helfen, hä?‹« (Seite 177) Inzwischen ist die Schreibweise »nicht war« statt »nicht wahr« so gang und gäbe, dass es offensichtlich niemand mehr merkt, aber es ist nicht wahr, was Tobi hinterfragen möchte, die typische – auch im Englischen bestens bekannte – verneinende Bejahung. Es ist nicht wahr – mit h. Es war nicht – ohne h. Aber was war und was nicht war, darum geht es hier nicht. Es geht darum, was wahr ist und wahr war. Waaaah!
  • »Mit dem Tod der Avatare sind auch die dazugehörigen Spieler verstorben und zwar auf die gleiche Weise, also durch Blitzschlag beziehungsweise einen Schwerthieb.« (Seite 185) Hier bezieht sich Hard2drive, der Avatar Henriks, auf den Tod zweier Angehöriger seiner Gilde. Wiseman und dessen Realperson, um den es dabei geht, ist jedoch nicht durch einen Blitz-, sondern durch einen Herzschlag gestorben. – Logikfehler. Hätte auffallen können. (Ist mir ja auch aufgefallen.)
  • »Ein ›Brain-Computer-Interface‹, oder zu Deutsch: Eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, ist eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer.« (Seite 199) Das stammt aus einem Brief eines US-amerikanischen IT-Wissenschaftlers an Peter Winzig, den Schöpfer von »Kingdom of Fantasy«. Wäre dieser IT-Wissenschaftler John Dimitrios nicht nur eine Romanfigur (und im Rahmen des Plots eh gestorben), dann hätte ich ihm gesagt: »Mach doch den Deckel hoch, bevor du Kluges scheißt!«
  • »Und was passierte umgekehrt, wenn urplötzlich Orks oder Trolle in Berlin am Potsdamer-Platz auftauchten? …« (Seite 213) Nichts würde passieren. Die Orks oder Trolle wären nicht da oder würden sich nicht auskennen, denn der Potsdamer Platz hat keinen Bindestrich.
  • »Er« (Henrik) »zog sich gerade den Film ›Young Guns‹ rein – einen Western mit Emilio Estevez als Billy the Kid in der Hauptrolle. Er kicherte vergnügt, als ein fetter Kopfgeldjäger, der gerade dabei war, auf dem Scheißhaus sein Geschäft zu erledigen, Charlie Sheen mit einem Gewehr wegpustete.« (Seite 229) Nun, Pech für Sheen, dass fette Kopfgeldjäger von (sic!) einem Scheißhaus aus auf ihn schießen dürfen; das »von« (sic!) hätte ihm gehört. (Nachtrag: Ich kenne den Film nicht, bin mir auch nach einer Prüfung der IMDb nicht sicher, ob das ein Fehler ist, weil nicht Sheen von dem Kopfgeldjäger erschossen wurde, sondern der Kopfgeldjäger von Sheen, was der Szene mehr Sinn geben würde. Egal. Bemerkenswert ist sie allemal, denke ich, egal, wie sie sich zugetragen hat. Und das Buch rettet sie auch nicht – so oder so.)
  • »Wir haben ja auch alles. Fernseher von Löwe mit Dolby-Surround Anlage; schönes Auto – Audi A6.« (Seite 257) Seufz. Der Fernsehhersteller heißt Loewe. Die Dolby-Surround Anlage heißt Dolby-Surround-Anlage. Und der A6 ist kein schönes Auto, sondern eine Fischbüchse mit Lenkung (aber Letzteres ist keinem der an diesem Buch Beteiligten anzulasten).
  • Auf Seite 263 unten erwähnt Tobi in seiner eigenen Geschichte Dinge, die darauf schließen lassen, dass er schon zu früheren Zeitpunkten Informationen über Zusammenhänge hatte, die der ganzen Gilde im KoF wie auch den Spielern in der Realwelt hätten helfen können: »Livingdead alias Giovanni, den Besitzer vom ›Molocco‹ und Franks Chef und Wiseman alias Karl Lehmann, den alten Rentner aus der Nachbarschaft, kannte ich sogar persönlich – vom Sehen zumindest.« Das erzählt er in seiner Geschichte zu einem Zeitpunkt, zu dem die Identitäten der Spieler der betreffenden Avatare noch nicht aufgedeckt waren; in der davor im Buch beschriebenen, jedoch zeitlich danach spielenden Handlung wusste er dies nicht. – Logikfehler. Am Ende des Buches eigentlich nicht mehr tragisch, aber auffällig und deshalb ärgerlich.
  • »Hard2drive: It`s showtime!« (Seite 286) Man verwendet Apostrophzeichen in deutschen Texten, ihr Schwachmaten: ein ’ – und keine französischen Accents, auch wenn sie auf eurer Tastatur abgebildet sind!

Zu empfehlen?

Ja. Für jeden, der nicht so veranlagt ist, wie ich als Rezensent: uneingeschränkt. Das ist eine hübsche Geschichte, die Realwelt, Science Fiction und Fantasy zu etwas mischt, das ich nicht – wie verlagsseitig geschehen – als Fantastik bezeichnen würde, sondern einfach so labelfrei handhaben würde. In diesem Buch finden sich auch reine WoW-Spielefreaks wieder, wenn sie sich von ihrem PC lösen können, um so ein Buch zu lesen.
(Ich würde mir wünschen, dass das Buch so viel Erfolg hat, dass es dem Autor Abel Inkun – mit dem ich selber Kontakt habe und der auch schon bei mir veröffentlichte – gelingen wird, dieses Werk beizeiten noch mal in einer »getunten« Version auf den Markt zu bringen. Mit weniger Fehlern, mit weniger Unstimmigkeiten, mit etwas angepassteren, runder gestalteten Figuren und ohne all das, was ich hier zu kritisieren hatte. Mit einem Buch, das zu wenigstens 99,5 % rund läuft.)
[Und wenn der Verlag clever ist, nimmt er diese Rezension als kostenloses Lektorat. Ich erwarte kein Belegexemplar, danke.]

Was noch?

Nö. Kauft das Buch. Es ist gut.