Enthymesisches Fragment mit Aussicht

Matthias Falke
JIN XING UND DER DOGE
Books on Demand, 2010, Paperback, 80 Seiten, ISBN 978 3 8391 8457 8

VORBEMERKUNG
Ein Falke-Werk im Books-on-Demand-Verlag. Davon gibt es eine ganze Menge inzwischen. Es gibt Ähnlichkeiten. Was nicht schlecht sein muß.

WORUM GEHT ES?
Der Klappentext sagt: »Jin Xing ist Solotänzer am Stadttheater der Kolonialen Hauptstadt Sessiti. Als Cyborq wird er immer wieder angefeindet, aber er hat sich nie wirklich damit auseinandergesetzt. Dann geschieht ein schreckliches Attentat, dem er mit knapper Not entkommt. Er flieht und muss untertauchen. Dabei wird ihm klar: Nichts wird mehr wie vorher sein. Er muss sich seiner Herkunft stellen.«
Der Klappentext ist insofern irreführend, als er den Eindruck erweckt, Jin Xing sei die direkt oder indirekt erzählende Hauptfigur dieses Fragments aus dem Enthymesis-Universum. Das ist nicht der Fall. Vielmehr wird die Geschichte in entsprechenden Bruchstücken – die sich nur wenig überlappen – aus der Sicht unterschiedlichster Figuren, z. B. auch des Dogen von Sessiti oder des Qauri-Fischers Leepo und einigen anderen Personen erzählt

WIE IST DER STIL?
Typisch Falke. Einerseits recht kühl, distanziert, unaufgeregt, voll durchaus (wort-) gewaltiger Bilder, manchmal abstoßend, weil Wörter gebildet und erfunden werden, die sichtlich gebildet und erfunden sind. Andererseits klar strukturiert, mit einem nicht gleich erkennbaren Ziel vor Augen – der Leser soll ja nicht gleich alles erraten –, aber erkennbar mit einem Ziel vor Augen.

WAS GEFIEL NICHT?
Noch kenne ich das ganze Falkesche Enthymesis-Universum nicht – die Bücher liegen allerdings vor, die Zeit zum Lesen ist beantragt. Das vorliegende Buch wirkt wie ein Fragment, wie ein Verbindungsstück vielleicht zwischen anderen Büchern, die ich eben noch nicht kenne. Es hat ein bisschen was von einer durchaus gekonnten, aber eben »nur« einer Fingerübung. Ein Stück nach dem Motto: »Ach, ich hab den Xing noch nicht durch ein Theater fliegen lassen …« Das Stück wirkt nicht direkt und erkennbar von Belang.

WAS GEFIEL?
Es las sich gut. Wie oben gesagt: »Typisch Falke.« Bei diesem Buch jedenfalls ist das ein Qualitätsmerkmal.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Nein.

ZU EMPFEHLEN?
Ja. Für Enthymesis-Fans auf jeden Fall, für solche, die es werden wollen, auch. Für alle anderen: vielleicht mit Einschränkungen. Die Lektüre tut nicht weh.

NOCH WAS?
Ja.
Die Bilder von Michael Mittelbach, alle in Farbe (und auf 200 g/qm-Fotobrillant-Papier gedruckt), sind schön. Und sehenswert.
Das Layout ist »Word für Anfänger und Desinteressierte«, wie gehabt. D. h., ohne Kenntnisse von layouterischen Feinheiten und wie gehabt ohne automatische Silbentrennung. Schade. Aber durch Zufall diesmal nicht ganz so wild.

Wenn man übrigens im Web nach »Jin Xing« surft, fällt einem auf, wo Falke seine Anregung zum Namen und zur Figur herhaben könnte:

Und unter https://www.whatsonxiamen.com/news18146.html findet sich die Geschichte eines ehemals männlichen Soldaten, der heute als Frau in chinesischen Theatern spielt. Jin Xing ist in Falkes Werken auch nicht eindeutig männlich oder weiblich. Insofern liegt die Vermutung wohl nahe, dass der oder die real existierende Jin Xing ein Vorbild gewesen sein könnte.