Mehrfach fantastisch

Andreas Eschbach
TEUFELSGOLD
Bastei Lübbe, Köln, 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 511 Seiten, ISBN 978 3 7857 2568 9

VORBEMERKUNG

Gemeinhin bezeichnet man den Text auf der Rückseite eines Buches, der Auskunft über Inhalt, Pressestimmen und manchmal auch puren Unsinn geben soll, als »Klappentext«, obwohl es sich eher um einen »(Buch-) Rückseitentext« handelt. Einen echten »Klappentext« findet man in der Regel heutzutage in Hardcovers mit Schutzumschlag – so auch in diesem Fall.

WORUM GEHT ES?

Der echte Klappentext des eschbachschen »Teufelsgold« ist – ganz im Gegensatz zum »Buchrückseitentext«, der einmal mehr eher reißerisch aufgerissenen Schwachfug präsentiert – zur Beantwortung dieser Frage so ausgesprochen hilfreich, dass ich – fauler Mensch, der ich bin – ihn einmal mehr konsultieren möchte, um aufzuklären, worum es in dem Buch geht. Ergo:

Als Hendrik Busske, Angestellter einer Investmentfirma, in Zürich vor einem Regenschauer in ein Antiquariat flüchtet, stößt er dort auf ein ungewöhnliches Buch, das ihn sofort fasziniert.
Darin wird erzählt, wie im Jahre 1295 im Fränkischen ein Alchemist auftaucht, der allem Anschein nach den Stein der Weisen bei sich trägt – der allerdings ganz anders beschrieben wird als sonst üblich. Könnte in dieser Geschichte ein Körnchen Wahrheit stecken? Hendrik gibt der Versuchung nach, das Buch zu stehlen, eine Tat, die vielfältige Auswirkungen auf sein Schicksal hat. Fortan beschäftigt er sich näher mit Alchemie und gerät dabei in Kreise, die ihm vorher gänzlich unbekannt waren. Er trifft auf einen Schlossbesitzer, der sich selbst als Alchemist versucht und zu seinem Förderer wird – seine Motive aber sind undurchschaubar. Irgendetwas verbirgt er. Und was ist das wahre Geheimnis des Steins der Weisen?
Dass er unedle Metalle in Gold verwandeln kann, ist nur ein Aspekt des Mythos. Angeblich ist er der Schlüssel zu einer anderen Daseinsform, zu einer vollkommenen Welt.
Oder … ist er ein Werkzeug des Teufels?
Als Jahre später Straßenarbeiter im ehemaligen Zonenrandgebiet zufällig auf ein Artefakt aus dem 13. Jahrhundert stoßen
– das in dem von Hendrik eingangs gestohlenen Buch beschrieben wird –, beginnt eine ungewöhnliche Jagd nach einem ungewöhnlichen Mythos. Und Hendrik und sein Bruder sind nicht die Einzigen, die sich an ihr beteiligen …

Busske macht nach der Lektüre des Buches zunächst Karriere mit einer eigenen Geschäftsidee, die Alchemie und Reichtum miteinander verband. Er wurde dadurch bekannt, und dadurch und durch Lektüren weiterer Bücher und Geschichten kamen die Kontakte mit eingebildeten und echten Alchemisten zustande.
Aber wie es so ist: Nichts ist von Dauer, und so geht die Geschäftsidee den Bach runter. Um in Sachen »Stein der Weisen« weiterzukommen, muss Hendrik Entscheidungen treffen, die auch zum Ende seiner Ehe führen.
Und am Ende muss er noch eine ganz andere Entscheidung treffen und trifft sie auch.

Mehr sei zur Handlung hier nicht verraten.

WAS GEFIEL?

Eschbach zu loben hat etwas von dem Vorgang, Eulen nach Athen zu tragen. Vermute ich mal (so viel von Eschbach habe ich noch nicht gelesen; »Teufelsgold« war, glaube ich, mein zweiter Roman). Durchaus erwartungsgemäß – man hört und liest ja so einiges an Kritiken – entpuppte sich das Buch als gut geschrieben, spannend, bisweilen richtiggehend packend, nur an ganz wenigen Stellen vorhersehbar und an entscheidenden Stellen echt und in vollem Umfang überraschend. Das war guter Stoff, den ich mit großer Freude konsumiert habe.

WAS GEFIEL NICHT?

Das Problem des Buches; ich gebe aber gleich zu, dass dieses Problem mir selbst nicht tragisch erscheint.
Das Problem ist, dass das Buch als SF-Roman in meinen Lesestapel geriet – für den Deutschen Science-Fiction-Preis (DSFP); auf dem Schutzumschlag steht freilich wieder nur »Thriller« – aber auch das ist nicht falsch, wenn auch wenig Orientierung vermittelnd. »Teufelsgold« hat ganz sicher einen fantastischen Inhalt, aber er lässt sich nicht wirklich einordnen. Er hat viel von einem historischen Roman. Er hat viele Kleinigkeiten, die man auch der Fantasy zuordnen könnte. Er hat definitiv fantastische Elemente.
Aber »Teufelsgold« ist in meinen Augen kein SF-Roman. Jedenfalls dann nicht, wenn ich ihn im Rahmen meiner DSFP-Komiteearbeit für den DSFP 2017 einstufen soll – Brandhorsts »Omni« ist hier eindeutiger.
Ein Problem ist das, wie gesagt, für mich nicht. »Teufelsgold« wird von mir für den DSFP 2017 vermutlich die zweit- oder dritthöchste Bewertung erhalten – nicht nur, aber auch unter dem Gesichtspunkt seiner fantastischen Elemente eben. In einem Jahr, in dem kein »Omni« oder auch kein »Bahnhof Plön« erschienen wäre, hätte Eschbach mit »Teufelsgold« möglicherweise abgeräumt. Nur 2016 haut es halt nicht hin.

ZU EMPFEHLEN?

Aber selbstverständlich. Trotz der oben scheinbar angedeuteten Genremischung ist »Teufelsgold« vor allem ein Thriller, und das ist seine Hauptaufgabe: spannend, packend zu sein, einen Thrill zu vermitteln. Und das schafft das Buch ganz locker.