Überleben, auch ohne Training

Alexandra Oliva
SURVIVE. Du bist allein
(One Last, 2016)
Fischer Scherz @ S. Fischer, Frankfurt, 2016, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Klappenbroschur, 412 Seiten, ISBN 978 3 651 02473 1

VORBEMERKUNG
Eigentlich wissen die einschlägigen Verlage, die mir Rezensionsexemplare schicken, dass ich SF haben möchte, und ich erhalte aus den guten alten MAGIRA-Zeiten auch immer noch Fantasyliteratur. Bei diesem Buch von Alexandra Oliva ist nicht auszuschließen, dass ich es ausdrücklich angefordert habe, weil mich die Beschreibung lockte. Es ist laut Auszeichnung ein Thriller – mit einem winzigen SF-Element, zugegebenermaßen, das aber das Buch nicht wirklich zu einem SF-Buch macht, denn das SF-Element ist nur Mittel zum Zweck.

WORUM GEHT ES?
Es gibt zwei Klappentexte. Der eine sagt: »Eine junge Frau allein in der Wildnis. Eigentlich sollte es nur ein Abenteuer werden. Doch aus diesem Albtraum wird niemand mehr erwachen.« Das ist nett gesagt, so aber nicht richtig. Aber keine Bange.
Der andere Klappentext ist ausführlicher: »In der wilden Gebirgsregion machen sie sich bereit: Zwölf Frauen und Männer wollen die Survival-Herausforderung bestehen. Nur einer kann gewinnen – wenn alle anderen aufgeben. Es ist alles nur eine Fernsehshow, doch dann geschieht, was keiner planen konnte: etwas TÖDLICHES.« Auch nett – und auch nicht ganz richtig.

Der Roman hat zwei Handlungsstränge, die durch die beiden Klappentexte einigermaßen gut repräsentiert sind.
Das ist zum einen der Strang der jungen Frau, die allein in der Wildnis unterwegs ist – eine Erzählung aus der Ich-Erzähler-Sicht. Man findet schnell heraus, dass die Frau zu den zwölf Menschen aus der Fernsehshow gehört, und man findet ebenso schnell heraus, dass das, was sie erlebt und beschreibt, zu einem späten Zeitpunkt der Handlung stattfindet. Sie befindet sich auf einer Solo-Challenge, sie sucht nach Zeichen für den nächsten Clue, sie ist allein. Sie war krank und wurde wieder gesund. Und sie ist allein. Bis sie auf den dreizehnjährigen Brennan trifft, den sie völlig falsch einschätzt.
Der andere Handlungsstrang hat ein wenig Ähnlichkeit mit Bonusmaterial auf einer DVD oder BluRay, mit dem Kommentar des Regisseurs, des Produzenten, von wem auch immer. Man erfährt nicht nur, was die Teilnehmer der Survivalshow erleben, sondern eben auch, was davon in welcher Form in einer TV-Ausstrahlung landen wird, was die Zuschauer niemals zu sehen bekommen, wie letztlich alle Beteiligten durch die Macher der Show manipuliert werden. Der Erzähler dieser Schilderungen ist noch distanzierter als der sogenannte »allwissende Erzähler«, und das gibt dem zweiten Handlungsstrang einen besonderen Reiz.
Ab und zu gibt es noch kurze Ausschnitte von Posts aus einem sozialen Forum; für die Handlung sind sie nicht wirklich von Bedeutung, sieht man von einigen Posts gegen Ende des Buches ab, in denen es um die Suche nach einer Frau geht.

Der besondere Reiz des Buches liegt einerseits im Kontrast der beiden Handlungsstränge, andererseits darin, dass man rätselhafte Fragen des einen Strangs – der Ich-Erzählerin – glaubt, mithilfe des anderen Strangs – des Kommentars – lösen zu können. Über die allerlängste Zeit des Romans wird der Leser im Unklaren gelassen, dass das nicht funktionieren wird. Oder doch?
Man glaubt die ganze Zeit zu wissen, wer die Ich-Erzählerin des einen Handlungsstranges ist. Aber immer wieder kommen Zweifel auf – und erst ganz zum Schluss ist eine wirkliche Identifikation möglich. Aber nur möglich – es bleibt ungewiss, ob sie wirklich diejenige ist, die man die ganze Zeit vermutete.
Das »Tödliche«, das die ganze Show – und sehr viel mehr – letztlich aus dem Ruder laufen lässt, scheint einem Leser von Anfang an eindeutig zu sein: Die Teilnehmer der Show bringen sich gegenseitig um. Aber das ist nicht richtig – die Ursache ist viel einfacher, wenn auch weitreichender. (Und mag man hier auch annehmen, sie sei an den Haaren herbeigezogen … ich kann versichern, das ist nicht der Fall.)

Bis zum allerletzten Satz kommt die Autorin dem Leser nicht einen einzigen Schritt entgegen. Nicht nur, dass man nicht hundertprozentig sicher sein kann, wer die Ich-Erzählerin ist – auch ihr Schicksal bleibt ungewiss. Es gibt gute Anzeichen für ein Happy End, aber ich für meinen Teil verstehe unter einem Happy End etwas anderes, etwas Eindeutigeres, Klareres, Unzweifelhafteres. Die Autorin überlässt es auch ganz am Ende der Handlung, zu entscheiden, was für ein Ende da beschrieben ist.

WAS GEFIEL?
Olivas Stil ist gut, flüssig, spannend, den Handlungssträngen angepasst. Was heißen soll:
Die Ich-Erzählerin wirkt glaubhaft. Sie gibt Einblicke in die Gedankenwelt einer allein herumirrenden Person, die glaubt, in einer Survivalshow eine Solo-Challenge zu absolvieren, und die auf manche Dinge ein wenig … sagen wir: irritiert reagiert.
Der Handlungsstrang des Kommentars gefällt, weil er auf eine ganz eigentümliche Weise einen Überblick über die alle Teilnehmer der Show betreffenden Handlung gibt. Die Betonung liegt hier eindeutig auf »Überblick«.
Insgesamt gefiel mir vor allem, wie gut es der Autorin gelungen ist, den Leser nicht nur durchgängig »bei der Stange zu halten«, sondern auch durchgängig im Unklaren zu lassen, was nun wirklich vor sich geht. Natürlich – es gab viele Möglichkeiten, viele Ansatzpunkte, viele Details, viele Dinge, die Erkenntnisse zuzulassen schienen. Aber Beweise? Fehlanzeige.

WAS GEFIEL NICHT?
Eigentlich nichts.

ZU EMPFEHLEN?
Ja, sehr. Das winzige SF-Element kann man als Leser für sich selbst ausmalen, ausbauen, mehr daraus machen. Es ändert nichts am Buch, an seiner Handlung und seiner Wirkung – aber es ist eben denkbar. Ansonsten ist das Buch vor allem eines: spannend, ein echter Thriller, und die Art und Weise, wie Oliva dem Leser die Handlung und die Figuren näher bringt, ist außergewöhnlich.

NOCH WAS?
Ich würde mir wünschen, wenn dieser Stoff wirklich verfilmt würde. Es würde mich interessieren, wie das Ganze auf der Leinwand wirken würde – vorausgesetzt, die Filmemacher würden sich so eng wie möglich an der Vorlage orientieren.