Wenn nicht nur Menschen gehen

Während um mich herum immer mehr Menschen sterben, mit deren Präsenz ich aufgewachsen und auch älter geworden bin – zuletzt Götz George und Bud Spencer –, gibt es auch Institutionen aus meinem Leben, die an irgendeinem Tag verschwinden. Während Menschen oft genug überraschend sterben – und auch wenn sie lange krank waren, kam der genaue Zeitpunkt doch immer unerwartet –, kann man bei Einrichtungen davon ausgehen, dass der Termin angekündigt wird. Und so war es auch bei der »Zwiebel« in der Düsseldorfer Altstadt:

Wann ich überhaupt das erste Mal in der Altstadt war, weiß ich nicht mehr. Sicher ist, dass ich nicht der Allerjüngste war, und definitiv sicher ist, dass ich während des Abiturs regelmäßig dort war. Und spätestens in diesem Jahr – 1978 war das – entwickelte sich die »Zwiebel« endgültig zu dem, was ich als Stammkneipe bezeichnen würde.
Freund Heinz und ich gingen nach dem Unterricht am Bonneshof-Gymnasium in die Altstadt, nach den Prüfungen, immer wieder – und immer in die »Zwiebel«. Wir saßen an den im Frühling und Sommer geöffneten Fenstern, sahen den Passanten zu und hübschen Mädchen hinterher, tranken Kaffee und Altbier, lästerten, machten uns Gedanken über die Schule, die Zukunft, alles Mögliche.

Ich war oft in der »Zwiebel«, nie wirklich allein, oft mit Freunden, auch mit Freundinnen. Mit den Kölnern.
Der Kaffee hatte irgendwie einen besonderen Geschmack, obwohl ich mir nie Gedanken gemacht habe, ob die da vielleicht Zwiebelpulver … Das Alt war Alt, wie es sich gehörte – es war immer gut, nur manchmal zu viel, nie zu wenig. Ich erinnere mich an diverse Billardspiele hinten drin, aber meist hockten wir an den Fenstern, die man nach oben schieben konnte. Es war einfach cool dort.
Die Atmosphäre kann ich nicht mehr beschreiben. Es ist einfach zu lange her – und ich überlege noch, wie schade ich das finden soll.

Aber ich erinnere mich an manche Tage, manche Abende. Nicht nur die Morgen mit Heinz, da waren wir oft schon gleich um zehn Uhr dort, wenn die »Zwiebel« – wie andere Düsseldorfer Kneipen auch – gerade öffnete. Eine Saskia … – nicht die, mit der ich verheiratet bin –, es war unser letztes Treffen, sie war enttäuscht, weil sie sich offenbar eine Fernbeziehung vorgestellt hatte, obwohl sie nicht nur nichts gesagt hatte, sondern mir am Rosenmontag im gleichen Jahr – das war wohl 1998 – sogar einen ausdrücklichen Korb gegeben hatte.
Und viele verschwommene Erinnerungen …
Und die Saskia, mit der ich nun verheiratet bin – und ihre Mutter, meine Schwiegermutter. Der war die Musik zu laut, weshalb wir nicht lange blieben. Und ich glaube, das war mein letzter Besuch in der »Zwiebel« – und das ist möglicherweise zehn Jahre her. Und damals gab es den letzten Schriftzug noch nicht – jedenfalls erinnere ich mich nicht.

Am 30. Mai nun hat die »Zwiebel« für immer dichtgemacht. Die genauen Gründe kenne ich nicht. Es spielte sicherlich das Alter von Klaus, dem Wirt, eine Rolle. Und sicher ist das Geschäft in der Altstadt auch nicht einfacher geworden, auch nicht oder schon gar nicht für einen Traditionsladen, wie die »Zwiebel« einer war.
Immer, wenn ich bei meinem Bruder weile – und das durchaus mehrmals im Jahr der Fall sein –, erzählt der mir von Veränderungen in Düsseldorf, die mir zeigen, wie fremd mir die Stadt geworden ist. Und nun ist mein Lieblingsplatz in der Altstadt Vergangenheit. Natürlich gibt es noch die »Kneipe«, die »Wolke« – obwohl ich mir da nicht so sicher bin –, den »Eulenspiegel« und noch mehr. Aber die »Zwiebel« war mir das Liebste.

In der Rheinischen Post ist ein sehr schöner Artikel über den letzten Abend und die »Zwiebel« an sich erschienen, ein Text, den ich hier nur verlinken darf; ich habe ihn mir für private Zwecke herauskopiert. Vielleicht mag ich in zehn Jahren noch einmal nachlesen …

Ach ja, und die Fotos sind von Yelp entliehen; ich hoffe, sie bleiben dort lange erhalten. Aber auch von denen habe ich mir eine Datei heruntergeladen. Sicherheitshalber.


Edit 29.07.2016: Und siehe da – das vierte Foto ist bereits aus dem Netz verschwunden, weshalb es nicht mehr mit Yelp verlinkt ist. Schade. (Und da heißt es immer, das Internet vergisst nichts.)